DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Ex. 30,11 - 34,35):
Die Anfertigung des goldenen Kalbes wirft schwerwiegende Fragen gegen Aharon Hakohen (den Priester, Moschehs Bruder) auf. Wie konnte er sich an so einer schweren Sünde beteiligen? Die meisten Kommentatoren beantworten diese Frage in etwa der gleichen Richtung. Sicher wollte Aharon Hakohen keine Kalbsfigur zum Götzendienst machen. Wäre er wirklich an der Sünde des "Volkes" beteiligt gewesen, hätte er seine Priesteraufgabe nicht weiter wahrnehmen können, nämlich den Kindern Israel Sühne zu erwirken. Vielleicht wäre er sogar wie die übrigen Beteiligten an dieser Sache getötet worden. Darum bringen die Kommentatoren zwei Hauptargumente zu Aharons Rechtfertigung: Erstens wollte Aharon keinen Götzen an G~ttes Stelle machen, sondern dem Volk eine Art Ersatz für unseren Lehrer Moscheh schaffen. Er wollte auch nicht, dass man dem Kalb opfere, vielmehr bestimmte er: "Ein Fest dem Ewigen ist morgen!" (Ex. 32,5). Zweitens versuchte er eine Verzögerungstaktik - die Bitte um den Schmuck der Frauen, er arbeitete alleine am Kalb, langsames Gravieren, Verschieben auf morgen usw. - um das Volk hin zu halten, bis Moscheh zurück kam. In der Praxis aber ging Aharons Rechnung nicht auf. Die Anfertigung ging zügig vonstatten, das Volk meisterte schnell alle Hindernisse und Moscheh erschien erst um die Mittagszeit am nächsten Tage. Die Erwartung, etwas Minimales, Götzenunähnliches zu schaffen, erfüllte sich nicht. Es entstand ein sehr eindrucksvolles Abbild, das von einem Teil des Volkes als Verkörperung G~ttes aufgefasst wurde, der dem Kalb opferte anstatt G~tt. Darauf bezog Moscheh seine Kritik: "Was hat dir dieses Volk getan, dass du über dasselbe gebracht eine große Schuld?" (Ex. 32,21). Wir aber, die wir aus der Geschichte eine Lehre für die Generationen ziehen wollen, dürfen die Dinge nicht nur unter dem Aspekt des Resultates messen, sondern vor allem im Hinblick auf das Für und Wider. Und diese Beurteilung eröffnet vor uns der Talmud im Traktat Sanhedrin (6b). Das Thema wird dort mit einer prinzipiellen Frage in Geldangelegenheiten eingeleitet: Auf welche Weise sollten Streitigkeiten gelöst werden, die bis vor das Bet Din (Rabbinergericht) gelangen? Durch ein Urteil, oder lieber durch einen Vergleich? Über diese Frage stritten die Weisen: Rabbi Eli'eser, Sohn Rabbi Josse des Galiläers, sagte: Man darf keinen Vergleich vorschlagen; wer einen Vergleich vorschlägt, ist ein Sünder und wer den Vergleichenden preist, ist ein Lästerer. Hierüber heißt es: wer raubt und preist, lästert den Herrn (Psalm 10,3); vielmehr muss das Recht den Berg durchbohren, denn es heißt: denn das Gericht ist G~ttes (Dt. 1,17)... Rabbi Jehoschua ben Korcha sagte, es sei Gebot, einen Vergleich anzustreben, denn es heißt: mit Wahrheit, Recht und Frieden richtet in euren Toren (Sech. 8,16); wo Recht, ist ja kein Frieden, und wo Frieden, ist ja kein Recht! Wo sind Recht und Frieden beisammen? Beim Vergleiche". Und so bestand Moscheh auf einer eindeutigen Rechtsentscheidung ("muss das Recht den Berg durchbohren"), aber "Aharon liebt den Frieden und jagt dem Frieden nach" (Mischna "Sprüche der Väter" 1,13), er stiftet Frieden zwischen den Menschen, wie es heißt: "Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Falsch ward nicht gefunden auf seinen Lippen, in Frieden und in Redlichkeit wandelte er mit mir, und Viele brachte er von Sünde zurück" (Maleachi 2,6). Im weiteren Verlauf der obigen Talmudstelle (S.7a) wird eine gegenteilige Lehrmeinung vorgebracht, jedoch nicht ausdrücklich erwähnt, gegen welche Lehre sie sich wendet. Im Einzelnen heißt es dort: "Rabbi Tanchum ben Chanilai sagte, dieser Schriftvers beziehe sich auf das Ereignis mit dem [goldenen] Kalbe, denn es heißt: da sah Aharon und baute vor ihm einen Altar (Ex. 32,5). - Was sah er?... Er sah Chur vor sich hingeschlachtet liegen; da sagte er: Wenn ich ihnen jetzt nicht gehorche, so verfahren sie mit mir, wie sie mit Chur verfahren haben, sodann würde durch mich in Erfüllung gehen [der Schriftvers]: wenn im Heiligtume des Herrn Priester und Prophet ermordet wird (Eicha 2,20), und für sie würde es keine Gutmachung mehr geben. Lieber mögen sie daher das Kalb anbeten, und möglicherweise erlangen sie eine Gutmachung durch Buße". Dazu erklärt der Raschikommentar: "Aharon schloss einen Vergleich zwischen seinen eigenen Abwägungen und lehrte sich die Erlaubnis, ihnen das Kalb zu machen". Die Rischonim (die großen rabbinischen Autoritäten vor etwa 700-1000 Jahren) waren geteilter Meinung zu den Äußerungen von Rabbi Tanchum, welcher Ansicht er widerspricht. Der Tossafot-Kommentar erklärt, Rabbi Tanchum empfehle den Vergleich. Nach dieser Auslegung bezieht sich Rabbi Tanchum auf den von Rabbi Jehoschua zitierten Vers "Lehre der Wahrheit war in seinem Munde... und Viele brachte er von Sünde zurück". Und während Rabbi Jehoschua die Schlichtung nur bei Geldstreitigkeiten gelten lässt, erklärt Rabbi Tanchum sie auch bei spirituellen Angelegenheiten für zulässig, und man dürfe demnach an einer verbotenen Handlung mit dem Ziel mitwirken, den Schaden einzudämmen. In diesem Falle lobt der Vers Aharon, trotz Moschehs Kritik an ihm. Im Gegensatz dazu, nach Raschi, bezieht sich Rabbi Tanchum auf den Vers "wer raubt und preist, lästert den Herrn", den Rabbi Eli'eser zitierte. Seiner Ansicht nach übt er Kritik an Aharon, oder wie es der Me'iri ausdrückte: "Der Vergleich ist zwar bei Geldstreitigkeiten vorzuziehen, nicht aber bei Verboten, und der Richter spreche nicht: Lasst uns ihm dies zu essen erlauben, damit er nicht jenes esse, und dergleichen mehr". Anscheinend besteht hier
die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Zuständen zu unterscheiden.
Wo es um ein absolutes Verbot geht, darf man sich nicht an einer Sünde
beteiligen, auch nicht mit dem Ziel, den Schaden zu mindern (Rabbiner Hirsch).
Wenn es aber um Dinge geht, die nicht gänzlich verboten sind, sondern
nur ungehörig, sollte man diesen Weg erwägen - sich der Öffentlichkeit
anschließen, um sie Schritt für Schritt auf den rechten Weg
zu bringen. Allerdings muss man diesen Weg unter dem Aspekt der Ergebnisse
prüfen (Neziw).
Sollte man Kinder an öffentlichen Gebetsveranstaltungen z.B. für Regen oder wegen anderer Probleme beteiligen? Eigentlich dürfte die Antwort nicht schwer fallen: Warum nicht?! Warum sollte man sie nicht zum Mitgefühl für die Allgemeinheit erziehen? Warum sollte man sie nicht an öffentlichen Angelegenheiten beteiligen? Warum sollte man sie nicht daran gewöhnen, sich in schweren Stunden an G~tt zu wenden? Warum sollte man sie nicht dazu erziehen, im Herrn der Welt die Adresse zu sehen? Gibt es zu diesem Thema überhaupt einen Spielraum für eine andere Sichtweise? Die Frage lautet, ob man Kinder mit den bestehenden Problemen konfrontieren sollte. Das Gebet muss aus der Tiefe des Herzens kommen, es hat nur einen Wert, wenn man wirklich ein Bedürfnis zu beten fühlt. Damit das Gebet nicht zur Last wird, muss der Betende einen schweren Mangel spüren, den er G~tt bittet zu beseitigen. Es hat keinen Sinn, Kinder beten zu lassen, wenn sie keine Ahnung haben, worum es geht. Darum muss man den Kindern vor dem Gebet die Größe des Problems erklären, die uns dazu treibt, ein öffentliches Gebet zu veranstalten, um die verschlossenen Tore des Himmels zu öffnen. An dieser Stelle setzt unsere Überlegung an: Einerseits ist es sicher gut, Kinder zum Gebet zu erziehen. Andererseits ist es fraglich, ob man ihre positive Ansicht von der Welt und vom Leben trüben sollte, von der Welt, die G~tt schuf. In den Augen eines kleinen Kindes sprudelt die Welt G~ttes voller Wasser: die Wasserhähne im Hause, Bad und Dusche, das Füllen des Planschbeckens... manchmal fällt sogar Regen. Sollte man ihnen Furcht einflößen, ihnen von der bitteren Wirklichkeit erzählen? Und was ist mit anderen Sorgen - sollten wir die Kinder auch daran beteiligen? Im allgemeinen hält die Halacha die Kinder von allen vorgeschriebenen Ausdrücken von Schmerz und Kummer fern; ein Kind hält keine Trauer. Auch bezüglich der Trauer um die Tempelzerstörung, eine "Trauer der Vielen", gibt es kein einheitliches Bild bei den halachischen Autoritäten, ob Kinder diese Trauer halten, selbst teilweise. Und nicht nur, was den Schmerz über vergangene Katastrophen angeht, sondern auch bezüglich bevorstehender Unglücke: "An Fasttagen, die man wegen einer Bedrängnis abhält, fasten nicht Schwangere, nährende Mütter und Kleinkinder" (Maimonides, Fastengesetze 1,8). Warum werden die Kinder von jeder solchen Begegnung fern gehalten? Weil wir ihnen eine optimistische Einstellung zum Leben aneignen wollen. Die Verinnerlichung einer optimistischen Lebenseinstellung während der Kindheit ist für das Überleben in den stürmischen Wogen des Lebens unbedingt nötig. Nur jemand, in dessen Seele eine positive Ansicht der Welt verwurzelt ist, wird sein Leben mit Energie auf guten Wegen führen. Darum wird die Beteiligung von Kindern an Gefühlen von Trauer, Leid und Kummer über die Probleme des Einzelnen oder der Allgemeinheit zurück gestellt, bis sie groß und erwachsen genug sind, denn dann können sie die Probleme auf eine ausgewogene Weise betrachten, ohne das seelische Gleichgewicht zu verlieren. Dazu könnte man anmerken: "Es genügt die Not zu ihrer Zeit" (Brachot 9b). Die Seele des Kindes ist zart, und jedes Erlebnis hinterlässt auf ihr seine Spuren. Je stärker und stürmischer das Erlebnis, um so tiefer die Spuren. Darum müssen wir die Erlebnisse sorgfältig kontrollieren, denen wir unsere Kinder aussetzen. Wir müssen ihre Erlebnisse filtern. Es gibt allerdings Ausnahmen. Von einer erzählt der Midrasch (Esther raba 8): Nachdem Esther Mordechai bat: "Geh, versammle alle Juden, die sich in Schuschan befinden, und fastet um mich, weder esset noch trinket drei Tage" (Esther 4,16) - "Was tat Mordechai? Er versammelte die Kinder, versagte ihnen Brot und Wasser, kleidete sie in Säcke und setzte sie in den Staub, und sie schrien und weinten und befassten sich mit der Tora". In einer anderen Version (Jalkut Schimoni) steht, dass "Mordechai mit ihnen klagte und weinte bei Tag und bei Nacht". Das war allerdings ein Sonderfall - ein echter Ausnahmezustand, wegen der drohenden Vernichtung des ganzen Volkes Israel. Es ging nicht um ein gewöhnliches Problem, sondern um den Versuch, das ganze Volk zu beseitigen, mit Frauen und Kindern, an einem Tag. Darum wurden pädagogische Überlegungen beiseite gelassen, und alle, auch die Kinder, bemühten sich um die Abwendung des bösen Schicksals. Einer der Rabbiner in der Slowakei zur Zeit der Schoa, Rabbiner Jizchak Weiss (Responsen "Ssiach Jizchak") erzählte, dass im Jahr 5702 die Rabbiner der Slowakei einen allgemeinen Fasttag wegen der Verfolgungen der Nazis anordneten, und auch die Kinder sollten fasten. Er machte darauf aufmerksam, dass trotz der talmudischen Weisung, Kinder nicht am Fasten wegen Bedrängnis der Allgemeinheit zu beteiligen, keiner der großen Rabbiner Kritik an der Beteiligung der Kinder übte. Das beweist, dass sie alle zustimmten. Aber warum, Kinder sollen doch nicht fasten? Antwortete Rabbiner Weiss, den angeführten Midrasch zitierend, dass es auch Mordechai so hielt. D.h., wenn die ganze Allgemeinheit in Lebensgefahr schwebt, fasten alle, auch die Kinder. Zurück zum Gebet der
Kinder für Regen. Das Gebet ähnelt nicht dem Fasten. Das Fasten
stellt einen drastischen Schritt dar, der einer schweren Notlage Ausdruck
verleiht, und das kann die Kinder verängstigen. Darum beteiligt man
sie nicht am Fasten. Das gilt aber nicht fürs Gebet. Das Aufsagen
von Psalmen, in der Synagoge oder an der Westmauer ("Klagemauer") in Jerusalem,
sollte die Seele der Kinder eigentlich nicht erschüttern und ihnen
Pessismismus einflößen. Die Versammlung von Kindern zum Flehen
um Regen vor dem Herrn der Welt nützt den Kindern auch auf dem Gebiet
der Erziehung. Sie werden so zu der Erkenntnis erzogen, dass G~tt die Welt
lenkt, und zu gesellschaftlicher Beteiligung und Mitverantwortung. Vor
etwa fünf Jahren riefen die früheren israelischen Oberrabbiner
Schapiro und Elijahu zu einem Gebet zusammen mit Schulkindern an der Westmauer,
ein dringender Aufruf an Eltern und Kinder. "Kommt in Scharen zum Gebet
mit den Kindern Israels vor den Schöpfer der Welt für die Einheit
des jüdischen Volkes und ein Flehen für die vollkommene und baldige
Erlösung". Möge G~tt alle unsere Gebete erhören.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
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