DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Num. 16,1-18,32):
Die Wochenabschnitte der Tora lehren uns Gebote und erzählen uns Geschichten. Die Gebote gelten auf ewig und wurden für alle Generationen niedergeschrieben, doch zu den Geschichten lässt sich fragen, ob sie wirklich nur eine einmalige Begebenheit schildern, oder ob auch sie eine Botschaft für alle Generationen tragen? Schon zu der Geschichte von der Schöpfung der Welt erwähnte der Raschikommentar die Erklärung von Rabbi Jizchak, wonach die Schöpfungsgeschichte aufgezeichnet wurde, um den Nationen der Welt eine Antwort zu geben, wenn sie unser Anrecht auf das Land Israel in Frage stellen. Und über das 1.Buch Moscheh insgesamt sagten die talmudischen Weisen: "Die Taten der Väter - Zeichen für die Nachkommen", d.h., die Geschichten der Vorväter wurden aufgeschrieben, um in der Zukunft unser Leben zu leiten. Auch über das zweite Buch Moscheh, Schemot, "das Buch des Exils und der Erlösung daraus", sagte der Prophet Micha: "Wie in den Tagen deines Auszuges aus dem Lande Ägypten werde ich es Wunder sehen lassen" (7,15) und lehrt uns damit, dass sich alles, was unseren Vorfahren bei der Erlösung aus Ägypten widerfuhr, bei der zukünftigen Erlösung wiederholen werde. Demnach enthalten auch die Geschichten des Buches Schemot Lehren für weitere Generationen. An dieser Stelle wollen wir einmal prüfen, ob auch die Geschichten unserer Vorfahren während der Wüstenwanderung (4.Buch Moscheh, Bemidbar) für unser heutiges Leben relevant sind. Schon beim "Bund der Opferteile" (Gen. 15.Kap.) zeichnete G~tt den Ablauf der Erlösung des jüdischen Volkes vor: "..ein Fremdling wird dein Same sein in einem Lande, das nicht das ihre, und sie werden sie knechten und sie bedrücken vierhundert Jahre. Aber auch strafen werde ich das Volk, dem sie dienen... und das vierte Geschlecht soll hierher [dem Lande Israel] zurückkehren" (Gen. 15,13-16). Dieser Reiseplan aus dem Exil nach dem Lande Israel wiederholt sich vor Moscheh beim brennenden Busch, als G~tt den Ablauf der Erlösung vor ihm ausbreitet: "Und ich bin herabgekommen es zu retten aus der Hand Ägyptens und es hinauf zu führen aus diesem Lande in ein gutes und geräumiges Land, fließend von Milch und Honig, in den Wohnplatz des Kana'aniters und des Chittiters und des Emoriters und des Chiwiters und des Jebusiters" (Ex. 3,8). Wir entnehmen also den Geschichten aus der Wüste, dass die Völker der Welt den Ablauf der Erlösung nicht durcheinander bringen und auch nicht aufhalten können, nur wir selber; wenn schon Störungen oder Verzögerungen auf dem Wege der Erlösung zu befürchten sind, dann werden diese nur auf Unterlassungen beim jüdischen Volk selber zurückgehen, so wie wir den Geschichten der Wüstenwanderung entnehmen können. Betrachten wir nun nebeneinander die Versuche der Erlösungsbehinderung in den Wüstengeschichten: einerseits durch die Völker, andererseits durch die Juden. Eine Woche nach dem Auszug reute es Pharao und er sprach: "Was haben wir da getan, dass wir Israel entlassen aus unserem Dienste?" (Ex. 14,5). Und er versuchte mit seiner ganzen Armee, die Israeliten nach Ägypten zurückzubringen, was bekanntlich mit dem Untergang im Schilfmeer endete. Ein Stück weiter auf dem Wege des jüdischen Volkes kamen die Amalekiter, um gegen Israel in Refidim zu kämpfen, ohne jeglichen Grund und ohne dass ihnen die Israeliten irgendetwas getan hätten. Am Ende wurden sie durch das Schwert geschlagen. Das alles geschah am Anfang des Weges, doch auch am Ende der Reise, kurz vor dem Eintritt in das Land Israel, versuchten Sichon, König der Emoriter, und Og, König des Baschan, gegen Israel zu kämpfen, und auch sie wurden vernichtend geschlagen. Dem ist noch der Versuch von Balak und Bil'am hinzuzufügen, das jüdische Volk zu verfluchen und aus dem Land zu vertreiben, was misslang und gar nicht erst zur Ausführung kam. Alle diesbezüglichen Versuche der Völker schlugen fehl. Demgegenüber sehen wir beim Volk Israel selber, auch wenn es den Plan der Erlösung nicht scheitern lassen kann, die Fähigkeit, den Ablauf zu sabotieren und das Tempo zu drosseln. Das deutlichste Beispiel dafür bietet die Sünde der Kundschafter - hätten die Israeliten nicht das gelobte Land verabscheut und keine üble Nachrede darüber hervorgebracht, wären sie in kürzester Zeit eingewandert; weil sie aber nicht wollten, verzögerten sie die Erlösung um vierzig Jahre, und als zusätzliche Strafe erreichte keiner der Auswanderer aus Ägypten das Land Israel. Die Geschichten der Wüstenwanderung lehren uns, dass die wirkliche Bedrohung des Ablaufs der Erlösung Israels nicht aus den Bedrohungen der Völker erwächst, sondern aus unseren eigenen törichten Unterlassungen, so wie die Verabscheung des Landes durch die Kundschafter, die zu den Oberhäuptern der Kinder Israels zählten und das Volk hinter sich brachten. Dieses Trauerspiel wirklicher Bedrohung wiederholte sich zur Zeit vor und während des zweiten Tempels, als weder Haman noch Antijochus die Vernichtung unseres Volkes bewirken konnten, sondern der grundlose Hass, der im eigenen Lager vorherrschte, brachte den Verlust der Unabhängigkeit, die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung der Juden in die Zerstreuung. So kehrt diese Erscheinung
auch in unserer Zeit wieder. In unserer Generation erhielten wir zwei große
Geschenke vom Herrn der Welt: In 5708 erhielten wir den Staat Israel, und
in 5727 die Tiefe des Landes, und auch hierbei hatten die Versuche der
Völker keinen Erfolg, nämlich die Kriege der Araber gegen uns;
der Unabhängigkeitskrieg, der Sechstagekrieg und der Jomkippurkrieg
endeten mit ihrer vernichtenden Niederlage, und auch heute besteht die
Gefahr für die Zukunft des Landes Israel nicht von den Völkern
der Welt, die versuchen, aber nicht können, sondern von den unaufhörlichen
Bemühungen Gemütsschwacher und Ungeduldiger unter uns, unser
Anrecht auf unser Land zu unterminieren. Darum beten wir: "Denn nicht ablassen
wird der Ewige von seinem Volk, und seinen Erbbesitz verlässt er nicht"
(Psalm 94,14).
Im Traktat Gittin (S.55b) hält der Talmud Kamza und Bar Kamza mitverantwortlich für die Zerstörung Jerusalems, wie dort erzählt wird: "Einst veranstaltete ein Mann, dessen Freund Kamza und dessen Feind Bar Kamza war, ein Festmahl und beauftragte seinen Diener, Kamza zu laden; dieser aber ging und lud den Bar Kamza ein. Als jener kam und diesen sitzen sah, sprach er zu ihm: Du bist ja mein Feind, was willst du hier?! Auf, geh hinaus. Dieser erwiderte: Da ich nun einmal gekommen bin, so lass mich; ich will dir ersetzen, was ich essen und trinken werde. Jener erwiderte: Nein. ... Hierauf nahm er ihn bei der Hand, hieß ihn aufstehen und führte ihn hinaus". Es fragt sich, wieso der Talmud auch Kamza mit in die Verantwortung einbezieht, wie es heißt: "Wegen Kamza und Bar Kamza ist Jerusalem zerstört worden" (ebda.), war er doch an der ganzen Geschichte, die den Untergang herbeiführte, überhaupt nicht beteiligt. Diese Frage stellte der MaHaRaL ("hohe Rabbi Löw") aus Prag: "Man muss einmal überlegen, was Kamza eigentlich getan hatte und worin sein Verbrechen und sein Vergehen bestand, wie man sagte: 'Wegen Kamza wurde Jerusalem zerstört'?" (Nezach Israel 5.Kap.). Manche lernten daraus - wenn dein Freund ein Fest veranstaltet und dich nicht einlud, geh auch ohne Einladung hin, und wenn sich Kamza so verhalten hätte, wäre der Tempel nicht zerstört worden. Der MaHaRaL erklärt die Mitschuld Kamzas folgendermaßen: Jerusalem wurde wegen Zwietracht und grundlosem Hass zerstört, die sich in der israelitischen Gesellschaft ausgebreitet hatten, ein einzelner Mensch aber kann keine Zwietracht veranstalten, außer wenn er sich auf Freunde und Bekannte stützen kann. Der besagte Gastgeber wagte seine Hassausbrüche gegen Bar Kamza nur deshalb, weil er sich auf seinen Freund Kamza zu stützen können glaubte, so dass auch Kamza zum Beteiligten an der Zerstörung Jerusalems wurde. Dieses Prinzip, dass der Erfolg eines Streites von der Unterstützung der Anhänger abhängt, kannte auch Korach. Korach hatte ein persönliches Interesse am Streit, nämlich die politische Führung in seine Hand zu bekommen, obwohl er ihr nicht würdig war, wie es im Traktat Sota heißt: "Korach richtete seine Augen auf das, was nicht ihm gebührte; das, was er begehrte, wurde ihm nicht gewährt, und auch das, was er hatte, wurde ihm genommen" (9b). Auf den ersten Blick bestand Korachs Sünde doch wohl darin, dass er Moscheh angegriffen hatte, doch Moscheh war anderer Meinung: Er sah Korachs Sünde ausgerechnet in dessen Missachtung der Tora, die durch seine Tat zum Ausdruck kam, wie es im Midrasch heißt: "Sagte Moscheh vor G~tt: Herr der Welt, was man über mich und meinen Bruder lästerte, schwieg ich, aber zur Verachtung der Tora schweige ich nicht" (Bemidbar raba 16,28). Wenn jemand, der für diesen Posten nicht geeignet ist, unseren Lehrer Moscheh ablösen und selbst der Repräsentant der Tora vor der Welt sein will, gibt es keine größere Verunglimpfung der Tora als diese. Zu recht fragte Raschi: "Korach aber, der klug war - was hatte ihn zu dieser Torheit veranlasst?", und antwortete: "Sein Blick hatte ihn irregeführt" (zu Num. 16,7). Der schlimmste Feind des Menschen sind seine eigenen "großen Augen", und diese trieben Korach von Anfang an ins Verderben. Wir finden ihn in Ägypten, während seine Brüder unter der Last der Knechtschaft stöhnen, wie er sich einen Job als Beamter in Pharaos Haushalt sucht und auch erhält, und in seiner Habgier trägt er Sorge, dass sich die Schlüssel zu Pharaos Schatzkammern in seiner Hand befinden (siehe Bemidbar raba 18,15). Sein Eifer bei der Ansammlung von Vermögen lässt auch beim Auszug aus Ägypten nicht nach. Während Moscheh mit der Suche nach Josefs Gebeinen beschäftigt ist, sucht Korach eher nach den Schätzen, die Josef in Ägypten vergraben hatte, und findet sie auch (Sanhedrin 110a), und mit diesem Geld finanziert er den Streit, die Israeliten auf seine Seite zu ziehen (siehe Targum Jonatan zu Num. 16,19). Auch nach seiner Entscheidung, der geistige Führer des Volkes Israel und G~ttes Repräsentant auf Erden zu sein, wusste Korach, dass er als Einzelgänger keine Chance hatte, vom Volk gewählt zu werden, weder von seiner Persönlichkeit her und erst recht nicht von seinem Bestreben, Moscheh abzulösen, und darum organisierte er sich eine Gefolgschaft, wie es heißt: "Korach nahm..." (Num. 16,1), und im Raschikommentar dazu: "Er überredete die Häupter der Sanhedrin unter ihnen mir seinen Worten". Und im Midrasch (Jelamdenu): "Er überredete alle Größen Israels, seine Gefolgsleute zu sein". Nach Sicherung der Unterstützung durch die Größen des jüdischen Volkes war ihm bewusst, dass er mit seinem "Deal" nicht durchkomme ohne die Unterstützung von streiterprobten Politikern. So nahm er noch Datan und Awiram in seine Partei auf, über die die talmudischen Weisen sagten: "Alles, was du jenen Bösewichten anhängen kannst, hänge ihnen an" (Jalkut Schimoni Ex.167). Sie standen in Opposition zu Moscheh noch in den Tagen, als er [als ägyptischer Prinz] zu seinen Brüdern hinaus ging, und sie widersetzten sich ihm während der ganzen Wüstenwanderung, wie es im Midrasch heißt: "Sie waren es, die vom Man ("Manna") übrig ließen [weil sie nicht glaubten, es werde genug geben], sie waren es, die sagten: 'Lasst uns ein Oberhaupt wählen und nach Ägypten zurückkehren', sie waren es, die am Schilfmeer Verbitterung säten" (Schemot raba 1,19). Nur dass diese bunte Koalition Korach nicht unterstützte, weil sie ihn für den geeigneten Mann hielten, sondern weil jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte. Jeder der 250 Leute wollte Hohepriester werden, und Datan und Awiram unterstützten Korach nur deshalb, weil sie Moscheh schaden wollten. Darum nannten ihn die talmudischen
Weisen den "Streit von Korach und seiner ganzen Rotte" (Mischna "Sprüche
der Väter" 5,17) - uns zu lehren, dass der Streit innerhalb seiner
Rotte ausgefochten wurde.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
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Aviner: www.havabooks.co.il
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Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
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