DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT HA'ASINU
Nr. 688
12. Tischri 5769

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52):
Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf Moschehs Tod.

Dienstag: Beginn des Laubhüttenfestes
(Sukkot)


Am Schabbes-Tisch...

Grenzen der Völker

Rav Jakov Halevi Filber 
Rabbiner an der "Merkas-Harav" Jeschiwa, Jerusalem

Bei seinem Abschied vom Volke Israel breitete unser Lehrer Moscheh einen historischen Überblick auf die Führung des Volkes Israels aus, wobei er besonderen Raum der Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Lande Israel zumaß: "Da der Höchste den Völkern Besitz gab, da er abteilte die Menschensöhne, stellte er fest Grenzen der Stämme nach Anzahl der Kinder Israel" (Dt. 32,8). Dazu heißt es im Midrasch: "da er abteilte die Menschensöhne - zu Zeit der Spaltung erklärte er das Gebiet einer jeden Nation, damit sie sich nicht vermischen. stellte er fest Grenzen der Stämme - bestimmte er Gebiete der Nationen, damit sie nicht ins Land Israel eintreten". Über die Eigenschaft des Landes Israels als Land des jüdischen Volkes schrieb Raschi bereits zu Beginn seines Torakommentars: "Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gelobt sei er. Er hat sie erschaffen und dem gegeben, der gerecht in seinen Augen (Jirmijahu 27,5); nach seinem Willen hat er sie jenen gegeben und nach seinem Willen sie ihnen genommen und uns gegeben". Entsprechend ist die Zugehörigkeit des Landes zum jüdischen Volk bereits im göttlichen Versprechen verankert: "Deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben" (Gen. 12,7), ein Versprechen, das die Tora mehrfach wiederholt. Und siehe da, obwohl G~tt mit ihm einen Bund über das Land mit den Worten geschlossen hatte: "An demselben Tage machte der Ewige mit Awram einen Bund, also: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land" (Gen. 15,18), nutzte unser Vorvater Awraham dieses Versprechen nicht mit Gewalt, sondern versuchte, das Land käuflich zu erwerben, ohne den zeitweiligen Besitzern einen Schaden zuzufügen. Hierbei handelte Awraham im Gegensatz zu den Hirten Lots, wie Raschi erklärte: "weil die Hirten von Lot Frevler waren und ihr Vieh auf den Feldern anderer weiden ließen und die Hirten Awrams sie wegen des Raubes zurecht wiesen; jene aber sagten, das Land ist Awram gegeben worden; und da er keinen Erben hat, so wird Lot ihn beerben, darum ist es kein Raub; die Schrift sagt aber, der Kana'aniter und der Perisiter wohnten damals im Lande, und Awraham hatte es noch nicht erworben" (zu Gen. 13,7). Ebenso bediente er sich bei der Bestattung Saras nicht selbst mit Gewalt, und sogar gratis wollte er die Machpela-Höhle nicht annehmen, sondern "für den vollen Preis gebe er sie mir" (Gen. 23,9). Auch Jehoschua, dem die Einnahme des Landes oblag, obwohl er von Moscheh hörte: "Siehe, der Ewige, dein G~tt, gibt dir das Land preis; zieh hinauf, nimm es in Besitz, wie der Ewige, der G~tt deiner Väter, es dir verheißen hat, fürchte nichts und zage nicht!" (Dt. 1,21) nutzte trotzdem nicht seine Kraft und das göttliche Versprechen zum Sieg, sondern schickte den Bewohnern Kana'ans drei Schreiben: "Wer fortziehen will, ziehe fort, wer Frieden schließen will, schließe Frieden, wer Krieg führen will, führe ihn", und weiter: "die Girgaschiter zogen freiwillig fort, die Givoniter schlossen Frieden, 31 Könige führten Krieg und fielen" (Talmud jeruschalmi, Schwi'it 6.Kap., Hal.1). Es gibt nicht noch so ein Volk auf der Erde, das sich trotz seiner Besitzansprüche an das Land mit so viel Rücksichtnahme auf die fremden Bewohner verhält, doch gleichzeitig dürfen wir auch keine Schwäche oder Nachgiebigkeit zeigen in der Sache, dass dieses Land dem Volk Israel gehört.

Es stimmt schon, dass wir wegen unserer Sünden aus unserem Lande exiliert und von unserem Erdboden entfernt wurden; im Verlaufe von hunderten von Jahren waren wir abgetrennt von aktivem Leben im Lande Israel. Doch gab es niemals eine Nation, die so wie die israelitische mit diesem Lande verbunden war, sowohl als es eine Öde war, als auch zur Zeit, als Fremde darüber zu herrschen versuchten. Immer erhob sie Jeruschalajim zur Höhe ihrer Freude. Die Araber, die auf lügenhafte Weise Anspruch auf das Land der Israeliten erheben, eroberten es erstmals überhaupt im Jahre 629 und machten Jerusalem nicht einmal zur Hauptstadt, sondern Ramle, wobei deren Zentralregierung niemals im Lande Israel saß: die Hauptstadt der Omajaden (661-750) war Damaskus; der Abbasiden (750-969) in Bagdad; der Fatimiden (961-1098) in Kairo. So gab es während der gesamten muslemischen Periode bis heute keinen spezifisch arabischen Staat im Lande Israel. Die arabische Nation entwickelte das Land auch nicht besonders, wie Nachmanides bei seinem Besuch im Jahre 1267 bezeugte: "Was soll ich euch zur Sache des Landes sagen - wo groß ist die Verlassenheit und die Öde". Eine Erklärung für diese Erscheinung finden wir in seinem Torakommentar zu Lev. 26,15: "...und auch was er dazu sagte: eure Feinde entsetzen sich darüber (Vers 32) ist eine gute Nachricht und bestätigt uns in allen unseren Exilen, dass unser Land unsere Feinde nicht annimmt, und das ist uns ein großer Beweis und ein Versprechen, da sich in allen bewohnten Gebieten kein Land findet, das gut und weitläufig und seit alters her besiedelt war und jetzt so verwüstet ist wie dieses, denn seit wir es verließen, nahm es keine Nation und Sprache an, und obwohl sie sich um die Besiedlung bemühen, nützt es nichts". Leider hat das Bewusstsein um die Zugehörigkeit des Landes Israel zum Volke Israel in verschiedenen Kreisen der israelischen Gesellschaft in letzter Zeit stark abgenommen, und wir müssen darum jede Anstrengung unternehmen, unsere historische Erinnerung aufzufrischen, die wir so sehr während aller unserer Exile hüteten.
 
 
 
Kinder, Kinder...
 

Hak'hel
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Eindrücke von der "Volksversammlung" (hak'hel) zur Zeit des zweiten Tempels - von einem Jugendlichen erzählt:

Das Siebtjahr ist gerade vorbei, das "Schabbatjahr G~ttes". Zwölf Monate lang ruhte unsere landwirtschaftliche Siedlung. Wir kümmerten uns um die Pflanzungen nur soweit, wie es für ihren Erhalt unbedingt notwendig war. Vater widmete seine ganze freie Zeit geistiger Arbeit - dem Torastudium, der Horizonterweiterung, und wie er zu sagen pflegt: Während des Schmittajahres muss man die "Batterien aufladen" für die kommenden sechs Arbeitsjahre. 

Bei den Gebeten an Rosch Haschana lag eine gehobene Stimmung in der Luft, denn die Mehrheit unserer Gemeinde besteht aus Landwirten, und auch sie verbrachten während des vergangenen Jahres viele Stunden mit Torastudium. Das konnte man bei den Gebeten an den hohen Feiertagen deutlich heraus spüren. Gleich nach Rosch Haschana machte Vater einen Rundgang durch die Pflanzungen, um die dringendsten Arbeiten zu planen. Zu meiner Überraschung beließ er es jedoch dabei und ging nicht zu deren Ausführung über. "Eile mit Weile - lasst uns das Schmittajahr noch ein wenig bis zur Volksversammlung verlängern", wiederholte er täglich. Einmal bemerkte er dazu, dies sei die eigentliche Prüfung des Landwirtes am Ende des Schmittajahres - stürzt er sich sofort auf die Arbeit oder gelingt es ihm, sich noch ein paar Wochen zur Vorbereitung auf die Volksversammlung zurück zu halten?

"Volksversammlung"?! Das erste Mal, dass ich davon höre! Vaters Bemerkung war mir unverständlich. Meine Neugier wuchs nur noch mehr, als er nach dem Ausgang von Jom Kippur überraschend verkündete, die ganze Familie werde zum Hak'hel nach Jerusalem hinauf ziehen, sogar mein kleiner dreijähriger Bruder! Soweit ich mich erinnere, nahm mich niemand mit zu einem Wallfahrtsfest, als ich so klein war. Was ist diesmal los? Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg nach Jerusalem. Unterwegs trafen wir auf viele Gleichgesinnte, die in der Nähe von Jerusalem zu einer wahren Flutwelle anschwollen, die sich auf mehrere Kilometer erstreckte. Als wir die Hügel um Jerusalem erreichten, hielt der ganze Zug inne und stimmte einen Gesang an: "Es standen unsere Füße in deinen Toren, Jeruschalajim!..." (Psalm 122,2). Alt und jung liefen Tränen über das Gesicht. Mein Vater trieb uns zur Eile an, da es schon der Vorabend des Laubhüttenfestes (Sukkot) war, und so erreichten wir bald das Haus meines Onkels in der Unterstadt, nahe den Mauern des Tempelberges.

Am Morgen des ersten Sukkotfeiertages stiegen mein Cousin und ich zum Gebet auf den Tempelberg, und um dort den Feststrauß (Lulaw, Etrog, Myrten- und Bachweidenzweige) zu erheben. Auf dem Weg fiel mir ein hoher Stapel von Holzlatten und Pfählen auf. Mein Cousin erklärte mir, dass daraus in Kürze das Podium für die Volksversammlung gebaut werden würde, die am Feiertagsausgang stattfinden sollte (nach einer Ansicht gleich in der folgenden Nacht, nach einer anderen Ansicht erst nach Sonnenaufgang). "Wollen wir versuchen, unter den Ersten zu sein und Plätze nahe dem Podium zu belegen", flüsterte mein Cousin mir ins Ohr und zwinkerte mir zu. Man kann sich auf ihn verlassen, keiner ist flinker im ganzen Orient.

In freudiger Erwartung ging ich schließlich in der Sukka meines Onkels schlafen, die er in seinem Hof aufgestellt hatte. Meine süßen Träume wurden jedoch jäh von gewaltigen Posaunentönen unterbrochen. Auf jedem Dach und jeder Mauer standen Kohanim (Priester) und ließen Trompeten erschallen. Ich zitterte vor Angst - war etwa ein Krieg ausgebrochen, und die Kohanim blasen Lärm gegen den Feind? Die Hausgenossen beruhigten mich, keine Angst! Auf diese Weise werden die Bewohner Jerusalems zur Eröffnung der Volksversammlung gerufen. Da kam mir wieder der große Instrumente-Verleih ins Gedächtnis, an dem wir vor dem Fest vorbei kamen, und die große Schlange von Kohanim, die dort anstanden. Böswillige Zungen behaupten, vor dem Fest steigen die Preise des Verleihs auf bis zu einen Golddinar pro Einheit. Preistreiberei! Dabei dachte ich mir: Nicht so schlimm, die Bürger Jerusalems sollen ruhig mal was davon haben, einmal in sieben Jahren!, dass sie so nahe beim Königspalast wohnen.

Schnell sprang ich auf und wir liefen durch die Straßen Jerusalems, die nur so von Menschen wimmelten, passierten die Tore des Tempelberges, überquerten den großen Platz und betraten den "Hof der Frauen" (drei Höfe gibt es vor dem Tempel: den Frauenhof, den Hof der Israeliten und den Hof der Kohanim, wo der Altar steht). Das Podium, dessen Teile wir gestern sahen, stand in der Mitte des Hofes. In der ersten Reihe saßen der König, der Hohepriester und sein Stellvertreter. Die Massen umringten das Podium: Männer, Frauen, Kinder, wie es in der Tora heißt: "Versammle das Volk, die Männer, und die Frauen, und die Kinder" (Dt. 31,12).

Neben mir gewahrte ich einen der großen Toraweisen, hoch in den Achtzigern, gestützt von zweien seiner Schüler. Zu meiner Rechten stand eine Gruppe von Dajanim, Rabbiner des hohen Rabbinatsgerichtes in Jerusalem. Wirklich phantastisch! Eine Mischung der größten Toragelehrten und dem einfachen Volk, von Erwachsenen und Jugendlichen! Die Allgemeinheit Israels.

Jemand rief: "Ruhe!", und es wurde still. Ich sah, wie eine Torarolle von Hand zu Hand gereicht wurde, jedoch kannte ich nicht die Leute, die mit der Weitergabe beehrt wurden, bis sie vom Hohepriester dem König übergeben wurde. Der König setzte sich, öffnete die Torarolle, sagte die Segenssprüche und begann aus dem 5. Buch Moscheh vorzulesen. Der Greis zu meiner Seite flüsterte mir ins Ohr: "Dieser König verhält sich nicht wie König Agrippas... ich erinnere noch, vor vielen Jahren, in meiner Jugend, nahm ich an einem Hak'hel teil, als Agrippas herrschte. Agrippas wollte der Tora Ehre erweisen, und darum las er stehend daraus vor und nicht im Sitzen wie dieser König...".

Es fiel mir schwer, den Worten des Königs zu folgen, doch nahm ich einige ausgewählte Abschnitte aus dem Chumasch Dewarim wahr: Abschnitte vom Schma Israel, vom König, Segnungen und Flüche. Nach dem Zusammenrollen der Tora sagte der König acht besondere Segenssprüche, z.B. den Segen, dass der Tempel an seinem Ort stehe und die göttliche Präsenz auf ihm ruhe; den Segen über die Israeliten, dass ihr Königtum bestehe; das Gebet "errette G~tt dein Volk Israel, denn dein Volk Israel bedarf der Errettung. Gelobt seist du, Ewiger, der Gebet erhört". Wollen wir es hoffen.

Die Ergriffenheit der Anwesenden war deutlich zu spüren. Manchen liefen Tränen über das Gesicht, und manche strahlten vor Freude und Glück. Ich schloss meine Augen und begann zu träumen. Auf den Schwingen der Phantasie gelangte ich zurück zum Berge Sinai. Ich stand am Fuße des Berges zusammen mit dem ganzen Volk Israel... Lärm, Blitze, Rauch, die zehn Gebote erschallen... He, Junge, was stehst du da und träumst!? Der Traum nimmt ein jähes Ende, ich finde mich wieder bei der Volksversammlung und denke an die Lesung aus der Tora. Aber welche Ähnlichkeit, welche beeindruckende Ähnlichkeit der Versammlung am Berge Sinai und der Versammlung im Tempel! Die Bedeutung verstand ich, nachdem der alte Weise seinen Schülern erklärt hatte, sie müssten bei der Lesung durch den König genau zuhören, in Furcht und Hochachtung, in Freude erzittern, wie am Tage, als wir die Tora am Sinai erhielten, denn die Volksversammlung wurde nur zu dem Zweck geboten, um den wahren Glauben zu stärken, und jeder Einzelne müsse sich so sehen, als würde ihm in diesem Moment die Tora geboten, und als ob er sie direkt von G~tt hörte.

Die Veranstaltung endete, die Versammlung löste sich auf, doch dieses Erlebnis werde ich nicht so schnell vergessen. Ich hoffe, es gibt mir seelische Kraft für die nächsten sieben Jahre, bis zur nächsten Volksversammlung... Ich entschloss mich, meine Eindrücke schriftlich fest zu halten, um ab und zu darin zu blättern und mich an die geistige Erhebung zu erinnern, die mich erfasste, und an den Traum, den ich träumte. Vielleicht werden diese Aufzeichnungen auch künftigen Generationen Nutzen bringen.
 
 

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