DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Num. 19,1-22,1):
Zu dem Vers in unserem Wochenabschnitt "Das ist die Tora, wenn ein Mensch im Zelte stirbt: Jeder, der ins Zelt geht, und alles, was im Zelte ist, soll sieben Tage unrein sein" (Num. 19,14), der ein formales Gesetz von den Gesetzen der Unreinheit des Menschen und von Geräten bezeichnet, das "Bezeltungsunreinheit" genannt wird, erklärte Resch Lakisch im Talmud: "Woher, dass Worte der Tora nur dem erhalten bleiben, der sich für sie töten lässt? Es heißt: das ist die Tora: wenn ein Mensch im Zelte stirbt" (Brachot 63b). Es fragt sich, was Resch Lakisch (gebräuchlicher Kurzname für "Rabbi Schimon ben Lakisch") damit meinte, wir müssten uns für Worte der Tora "töten lassen", denn wenn man das wörtlich nimmt - wie soll dieser "Tod" denn in unserem täglichen Leben zum Ausdruck kommen?! Dazu gibt es verschiedene Antworten, eine davon stammt von Rabbiner A.J.Kuk (Ejn Aja Brachot II, S.295): "Der [menschliche] Zusammenschluss ist nötig zur Besiedlung der Welt, und das Ziel der Führung dieses Zusammenschlusses ist es, dass die Menschen, die Bewohner des Landes, ein ausgeglichenes und geordnetes Leben leben. Damit aber die Allgemeinheit zu diesem ausgeglichenen Leben gelange, müssen einige einzelne Menschen auf der Wacht für die Allgemeinheit stehen, freiwillige Mehrarbeit auf sich nehmen, die über das Maß des Durchschnitts hinausgeht, so wie die Soldaten, die manchmal keinen Schlaf an ihre Augen kommen lassen und viel mehr Stunden bereit auf Wacht stehen als die normale Beschäftigung für ein durchschnittliches Leben, und sie tragen willig dieses Joch, wenn sie Verstand haben, und freuen sich an ihrer Arbeit, da sie wissen, dass nur durch ihren Beitrag, ihr Leben in einem Zustand zu führen, der über das durchschnittliche Maß des Leidens hinausgeht, die Mitglieder ihrer Nation ein normales Leben führen können... Wenn die Leute des Heeres wünschen sollten, ihr Leben innerhalb der Grenzen des Durchschnitts zu führen, wäre der Staat verloren und würde kein normales Leben bieten können, denn Raub und Überfall würden sich mehren, und den Händen seiner Bedränger gelänge es, ihn zu schlagen und vom Erdboden verschwinden zu lassen". Erklärung: Jede Gesellschaft, jede menschliche Gruppierung strebt nach durchschnittlichem, normalem Leben in allen Lebensbereichen - Wirtschaft, Gesellschaft, Verteidigung, Bildung usw. Doch um einen normalen Zustand zu erreichen, braucht jeder Staat Leute, die zu einem "extremen Leben" bereit sind, mehr als der Durchschnitt zu investieren, was die Mühen angeht, den Zeitaufwand usw., damit die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ein normales Leben führen kann. In jeder Gemeinde gibt es Komitees mit Leuten, die schwerer zu arbeiten bereit sind als der Durchschnittsbürger, sei es auf dem Gebiete der Sicherheit, der Erziehung, der Eingliederung von Neueinwanderern usw. Falls es g~ttbehüte keine solchen "Extremisten" in einer Gesellschaft gäbe, würde es ihr nicht nur nicht gelingen, sich weiter zu entwickeln, sondern selbst ein normales, durchschnittliches Leben wäre ihr versagt, und langsam aber sicher würde sie zerfallen. Und nicht nur das; nicht nur, dass unsere "Extremisten" sich über ihre Lage nicht beschweren und nicht daran verzweifeln, sie freuen sich auch noch über ihre Arbeit und ihre Aufgabe und sehen diese als eine große Auszeichnung, die ihnen zuteil wurde. Das ist der "Tod", den die talmudischen Weisen beschrieben. D.h., diese Leute setzen sich für ihre Aufgabe ein ohne Rücksicht auf persönlichen Komfort, Privatsphäre und persönliche Bedürfnisse. Wehe der Gesellschaft, in
der es niemanden gibt, der für die Verwirklichung ihrer Werte und
Ideale Verantwortung übernehmen will. Die heutige israelische Gesellschaft
braucht viele solche "Extremisten" auf zahlreichen Gebieten, in den Lehrhäusern,
in den Siedlungen, in der Erziehung, in der Armee, in der Politik, in der
Wirtschaft, in den Medien, in der Versorgung großer Familien usw.
usf., und all das auf der Grundlage eines Lebens voller wahrhaftiger und
vollkommener Tora; nur so werden wir ein normales, ausgewogenes Leben auf
allen praktischen und spirituellen Gebieten erreichen.
In Strenge Die Notwendigkeit der Konfrontation liegt in der Natur der praktischen Erziehung, sowohl bei der Erziehung der Kinder im Hause als auch bei ihrer Erziehung in der Schule. Wir kennen kaum eine Erziehungsform, die nicht ab und zu von Ermahnungen begleitet wird, und wir begegnen kaum einer Erziehung, die nicht irgendwelche Methoden des Zwanges oder der Nötigung verwendet. Bestimmte Charaktereigenschaften, die bei uns meist unbeliebt sind, nehmen einen zentralen Raum auf dem Gebiet der Erziehung ein - wie Zorn, Pedanterie und Ereifern. Es scheint, als ob Haderwasser über das Feld der Erziehung strömt und es tränkt, nicht eben stille Gewässer. Manchmal scheint die Erziehung gar nicht ohne Konfrontationen auskommen zu können, und dennoch spüren wir, dass dieser Weg nicht zu unserem Besten gereicht, weder für die Eltern noch für die Kinder. Vielleicht lässt sich was anders machen? Lässt sich die Erziehung auf milde Weise bewerkstelligen, ohne Zank und Streit? Wo liegt die Wurzel all jener Reibereien, die die Erziehung unserer Kinder begleiten? Sicher lässt sich nicht abstreiten, dass unser Erziehungswesen einen deutlichen Wandel durchläuft und nicht mehr der unerbittlichen Paukerei ähnelt, die früher an der Tagesordnung war. Brachte uns dieser Wandel einen Segen? In Beantwortung dieser Fragen verweist uns Rabbiner A.J.Kuk an die Geschichte mit dem Felsen, die in unserem Wochenabschnitt erwähnt wird. Nach seinen Worten begann alles dort, und von dort können wir auch einen Hinweis auf die Lösung des Problems entnehmen: "Alle Zornigkeit in der Welt, die aus der Anleitung in Fragen der Moral, des Glaubens, der Wissenschaften und der praktischen Taten entspringt, und alle zwangsläufigen Mängel, die fehlende Geduld und Übereifer in der Welt verursachen... die Wurzel all dieser ist die Sünde am Haderwasser (Num. 20,13) und der Zorn Moschehs. Der Ausspruch 'Höret doch, ihr Widerspenstigen' (20,10) führte zum Schlagen des Felsens, anstelle von Wille, Versöhnlichkeit und Rede. Und im Inhalt der Erscheinung von Anleitungen in Glaubensfragen und genauen Toraauslegungen mischte sich zu diesem Zweck die Macht der Pedanterie, bis dass der 'Vater und sein Sohn, der Rabbi und sein Schüler, die beisammen sitzen und sich mit der Tora beschäftigen, zu Feinden werden' (Kiduschin 30b)", (Acht Sammlungen, III,9). Rabbiner Kuk wollte damit keinesfalls unserem Lehrer Moscheh eine "Schuld" daran zuweisen, dass sich die Welt der Erziehung durch Zorn und Ungeduld auszeichnet. Noch zu Beginn des Auszugs aus Ägypten war ihm das Schlagen des Felsens geboten worden, nur dass nach dem Ablauf von vierzig Jahren Wüstenerziehung kurz vor dem Eintritt ins Land Israel, dem sogenannten "Land der Lust" (Maleachi 3,12), dem Land des göttlichen Willens, für Moscheh sich die Gelegenheit eröffnete, eine Revolution in den Beziehungen von Erziehern/zu Erziehenden zu vollziehen, und mithilfe seiner großen Demut der Welt der Erziehung das Siegel der Geduld, der Versöhnlichkeit und des Dialoges aufzudrücken. Weil diese Gelegenheit ungenutzt verstrich, verblieben wir in einer Welt der Erziehung mit Strenge, und wenn sich auch nach vielen Jahren aufs Neue die große Liebe zwischen Eltern und Kindern und Lehrern und ihren Schülern offenbart, eine Liebe, die im Wandel der Zeiten manchmal aus dem Blickfeld verschwand, wird die auf Konfrontation gestützte Erziehung dennoch Narben hinterlassen: "Und wenn es auch vahev [Freundschaft] in Supha heißt, 'und man lese nicht supha, sondern sopha [am Ende]' (Kiduschin 30b, nach Num. 21,14) - aber der Eindruck der zeitweiligen Feindschaft verschwindet nicht vollkommen, ohne eine Spur zu hinterlassen" (ebda.). In Milde Jede Unvollkommenheit wird am Ende begradigt werden, erst recht doch die Erziehung, die uns so sehr am Herzen liegt. Auch wenn uns im Laufe von vielen Jahren beschieden war, die Erziehung in Begleitung schriller Töne des Zornes und der Pedanterie abzuhalten, wird am Ende der ersehnte Wechsel eintreten, und wir werden uns einer vollkommen anderen Erziehungswelt bewusst werden, einer Erziehung in Gnade und Milde. Dieser Wechsel wird sich parallel mit der Weiterentwicklung der Welt hin zu ihrer Erlösung vollziehen, ein Wechsel, den die Toragelehrten vorantreiben werden, die die Größe der Tora der Gnade kennen und der seinen Höhepunkt mit dem Erscheinen des Propheten Elijahu erreichen wird, der "das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern zurückführen wird" (Maleachi 3,24): "Die Tora der Gnade ist eine Lehre aus der Höhe, eine Lehre der Geheimnisse, die den Frommen von Elijahu in ihrem Grunde offenbart wird... Frieden in der Welt zu schaffen und Streit zu schlichten, anzunähern und nicht auseinander zu bringen. Und genau damit wird unser Lehrer Moscheh dereinst wieder seinen Mund öffnen, der wieder zum Felsen sprechen wird anstatt ihn wie in der Vergangenheit zu schlagen, und die Offenbarungen der Tora der Gnade in ihrer weitläufigen Deutung durch Toragelehrte in den letzten Generationen, sie sind es, die von Seiten Moschehs kommen..." (Acht Sammlungen, ebda.) Die Welt durchläuft einen irreversiblen Prozess von Zwang hin zu freiem Willen. Diktaturen verschwinden, und an ihre Stelle treten Herrschaftsformen, die den Willen des Volkes berücksichtigen. Die Schulen änderten ihre Richtung und ersetzten den Rohrstock durch die Sprache des Unterrichts. Dieser Wechsel hat wohl seinen Preis, und manchmal lassen sich gewisse pädagogische und moralische Schwächen erkennen, doch alles in allem ist dieser Prozess positiv zu bewerten - die Welt wechselt von Zwang und Nötigung zu Willen und Empfangsbereitschaft. Parallel zu dieser universalen Entwicklung, und als Herz der ganzen Sache, wachsen in Israel Toragelehrte heran, die wissen, wie man dem breiten Volke das Wort G~ttes in Freude und Liebe näher bringt, das sich am Feuer der Tora schon wärmen möchte, ohne aber sich daran zu verbrennen. Wieviel Vergnügen bereitet
doch eine Erziehung, in deren Mittelpunkt die Rede steht. Die Anleitung
unserer Kinder durch die Kraft des Wortes, mit der Süße der
Zuneigung, lässt Kinder heranwachsen, die sich mit dem Weg der Eltern
solidarisieren und nicht nur Lippenbekenntnisse ablegen, um die Eltern
zufrieden zu stellen, oder weil sie vor ihnen Angst haben und sich bei
erster Gelegenheit einen Fluchtweg aus der Zwangserziehung bahnen. Diese
Kinder lernen mit Interesse und Freude. Langsam aber sicher offenbart sich
dieses Geheimnis in der Welt, das Geheimnis der Erziehung durch Annäherung
und Überzeugung, das Geheimnis der Erziehung mit Liebe.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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