DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Ex. 13,17
- 17,16):
Montag TuBeSchwat!
Die Bindung des Auszuges des Volkes Israel aus Ägypten an Pharao, wie es zu Beginn unseres Wochenabschnittes heißt: "Und es geschah, als Pharao das Volk ziehen ließ" (Ex. 13,17), löst Verwunderung aus. War es denn wirklich Pharao, der uns aus Ägypten fort schickte? Vielmehr führte G~tt uns aus Ägypten, wie an vielen Stellen geschrieben steht: "Und es geschah an eben demselben Tage, dass der Ewige hinaus führte die Kinder Israel aus Ägypten nach ihren Scharen" (Ex. 12,51). Wir müssen also untersuchen, warum die Schrift unseren Auszug aus Ägypten als von Pharao veranlasst darstellte, wie der Torakommentar Or Hachajim hakadosch zur Stelle fragte: "Warum wurde die Sache auf Pharao bezogen und nicht auf den Herrn aller Taten - dass er uns aus Ägypten führte?" Genau das, erklärte der Or Hachajim hakadosch, ist der Grund, warum G~tt das Volk Israel mit dem Willen und der Zustimmung Pharaos aus Ägypten brachte, und nicht gegen seinen Willen unter Zwang. Wäre Pharao nämlich dazu gezwungen gewesen, hätte er genau gewusst, dass die Sache nicht von ihm, sondern von G~ttes Willen abhing und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, den Israeliten nach zu laufen. Da G~tt aber den Gedanken hegte, Pharao und sein ganzes Heer im Schilfmeer zu versenken und mit dieser Rache die Erlösung Israels nicht nur durch ihren Auszug aus Ägypten, sondern auch durch die Vernichtung ihrer Feinde zu vervollkommnen, musste G~tt Pharao mit dessen eigenen Mitteln der List schlagen ("wohlan, lasst uns dasselbe überlisten", Ex. 1,10). So veranlasste G~tt ihn zu dem Gedanken, dass er es war, der das Volk Israel fort schickte, folglich war die Sache nur von ihm abhängig und deswegen kam er auch auf die Idee, Israel zu verfolgen - und damit konnte G~tt seine Rache und Erlösung vervollständigen. Oder wie es der Or Hachajim hakadosch ausdrückte: "Der Grund dafür, warum G~tt Israel nicht gegen den Willen Pharaos heraus führte, sondern ihn solange bedrängte, bis er zustimmte und das Volk schickte, wie ihnen gesagt wurde: Machet euch auf, ziehet fort (Ex. 12,31) - von hier rühren seine Gedanken, sie zu verfolgen... denn wenn G~tt sie gegen seinen Willen heraus geführt hätte, und obwohl er sie nicht fort schicken wollte, hätte er sie nicht verfolgen können, vielmehr trog ihn die Ansicht, es hinge von ihm ab, und von daher glaubte er, er könne es sich anders überlegen und sie zurück holen...". Daraus lernen wir ein sehr wichtiges Prinzip der göttlichen Oberlenkung der Welt. Häufig scheint es uns, als ob die Lenkung der Welt und der Weltgeschichte sowie das Vorantreiben der Ereignisse in den Händen der politischen Führer, insbesondere denen der Supermächte liegt. Manchmal scheint es sogar, als ob sie ihre irrigen Gedanken in die Tat umsetzen können, was große Schäden verursacht. In Wirklichkeit liegen die Dinge jedoch anders. Mögen sie auch noch so bedeutend sein, die wichtigsten Staatsoberhäupter sind nichts anderes als Werkzeuge in den Händen des Herrn der Welt, mit denen er die Welt lenkt und sie ihrer Erlösung näher bringt. Ganz genau wie Pharao, der hundertprozentig sicher war, dass er die Israeliten aus Ägypten fort schickt und ihn daher nichts an deren Verfolgung hindere, sie nach Ägypten zurück zu bringen; denn es hing ja nur von ihm ab. Doch damit erlag er einem "optischen Irrtum": Es gab nämlich eine kurze Zeit, als die Israeliten das Schilfmeer vor sich und die Ägypter im Rücken hatten, als es so aussah, als ob sie verzweifelten, wie in ihren Worten an Moscheh zum Ausdruck kam: "Wohl aus Mangel an Gräbern in Ägypten hast du uns weg geholt, um in der Wüste zu sterben? Was hast du uns da getan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Ist es nicht das, was wir zu dir in Ägypten geredet also: Lasse von uns, und wir wollen Ägypten dienen? Denn besser war es für uns, Ägypten zu dienen, als in der Wüste zu sterben" (Ex. 14,11-12). Und Gleiches gilt heute,
wenn auf unser Volk internationaler Druck ausgeübt wird und es so
aussieht, als ob wir alles verlieren, was uns lieb und teuer ist; so wissen
wir doch mit Sicherheit, dass nicht die diversen "Pharaonen" die Weltgeschichte
bestimmen, sondern der Herr der Welt, der sich durch sie offenbart. Darum
dürfen wir nicht aufgeben, aber auch nicht mit verschränkten
Armen dasitzen und nichts tun, sondern eine aktive Erwartungshaltung zeigen,
die in Gedanken und in Taten zum Ausdruck kommt, um den Willen G~ttes zur
Offenbarung zu bringen, der sich in den Abläufen der Weltgeschichte
verbirgt, bis zur vollständigen Ausschöpfung unserer Erlösung
einerseits durch unsere Befreiung vom Einfluss der "Pharaonen", andererseits
durch ihren Niedergang und die Rache G~ttes an ihnen wie am Schilfmeer.
Wie wichtig sind doch immer noch die Worte von Rabbiner A.J.Kuk, die während
des ersten Weltkriegs nieder geschrieben wurden, für unsere heutige
Zeit: "Der die Errettungen erwachsen lässt, gelobt sei er, sät
Gerechtigkeit durch all die verschiedenen Handlungen, die gegen ihn erwogen
werden, denn er, gelobt sei er, ist der Herr der Kriege, und die vielen
Äxte und Sägen, die vielleicht glauben mögen, dass ihre
Hand es ausführt, werden sich zu Herzen nehmen, beim Erscheinen des
Lichtes der Errettung, dass sie nur Werkzeuge sind, geschwungen vom damit
Hauendem und dem sie Schwingenden [Anspielung auf Jeschajahu 10,15], dessen
Gedanken tief sind, und kein Ende seiner treuen Gnadenwerke, auch wenn
sie mit dem Tuch der Rache bekleidet und mit Eifer gegürtet sind"
(Igrot III, Nr.739). Mit G~ttes Hilfe wie in jenen Tagen zu dieser
Zeit.
Was ist nur mit uns los, fragt sich der Durchschnitts-Israeli angesichts der "Lage". Bestenfalls verzieht er das Gesicht, als ob er sagen wollte: "Probleme, Probleme...". In weniger glorreicher Stimmung wird sich sein Mund zu einem Wortschwall öffnen und ein reißender Strom von Kritik und Beschwerden hervor sprudeln. "Die besetzten Gebiete", wird er sagen, "wieviele Zores haben uns diese Gebiete gebracht. Anschläge, Terror... und das ist bloß das kleinere Übel", fügt er mit einem Seufzer hinzu. "Die Korruption - sieh dich nur um, die Raffgier macht uns fertig, die da oben - eine einzige Räuberbande". Nach einer kurzen Denkpause geht es weiter: "Und nicht nur die da oben, auch auf der Straße wird man nicht in Ruhe gelassen. Alte Leute werden überfallen, Frauen belästigt... Wenn meine Kinder nach draußen spielen gehen, komme ich um vor Sorge. In den Discos, G~tt verschone uns, und auf den Straßen betrunkene Fahrer. Früher wussten wir die Kinder in der Schule an einem sicheren und geschützten Ort, und wir brauchten uns nicht zu sorgen. Heute kommen in der Mittagspause nicht nur Stullen aus den Ranzen...". Ab und zu unterbricht er seine Rede, holt tief Luft, und dann lässt er eine Frage ab, auf die er keine Antwort erwartet: "Was ist bloß in uns gefahren?". Wenn es uns zu gut geht Die Mischna leitet uns an, wie wir mit Schwierigkeiten fertig werden: "Wegen jeder Plage - von der die Gemeinde verschont bleiben möge - lärme man" (Ta'anit 3,8). Als Regel gilt, wenn wir von Plagen und Schwierigkeiten heimgesucht werden, beten wir zu G~tt, fasten und blasen Schofar - doch gibt es eine Ausnahme: "außer wegen des übermäßigen Regens" (ebda.). Ein Übermaß an Regensegen wird ebenfalls zu einem nicht geringen Problem, und trotzdem fasten und beten wir nicht um sein Ende. Den Grund dafür lernen wir von "Choni dem Kreiszeichner". Nachdem sein Schwur erhört worden war, dass er nicht aus seinem Kreis trete, bis genug Regen fiel und die Dürre ein Ende hatte, kam das Volk zu ihm mit der Bitte, wegen der großen Überschwemmung für ein Ende der Regenfälle zu beten: "Sodann sprachen sie zu ihm: Meister, wie du gebetet hast, dass er nieder falle, so bete auch, dass er aufhöre. Er erwiderte ihnen: Es ist mir überliefert, dass man wegen der übermäßigen Güte nicht flehe" (Ta'anit 23a). Die Mischna lehrt uns ein wichtiges Prinzip für unser Leben - man betet nicht für ein Aufhören der Güte. Wenn G~tt uns mit großem Überfluss bedenkt, wird von uns erwartet, die nötigen Geräte zu dessen Aufnahme zu produzieren. Starker Regen wird nur deshalb zur Plage, weil sich der Mensch nicht ausreichend darauf vorbereitet hat, z.B. nicht genügend Zisternen zur Aufnahme dieses Segens baute. Wenn der Überfluss zum Problem wird, besteht die Lösung nicht in seiner Abbestellung, sondern in der erhöhten Anstrengung des Menschen, ihn aufrnehmen zu können. Der Mensch sollte in der Menge des Guten das ihm entgegen gebrachte Vertrauen sehen, das Gute verkraften zu können, und von nun an muss er sich anstrengen, die nächste Stufe zu erklimmen, wo sein Umgang mit der Fülle beweist, dass er des großen Geschenks würdig ist, mit dem er bedacht wurde. Choni der Kreiszeichner selber erbat am Ende von G~tt das Aufhören der Regenfälle, doch richtete er in seinem Gebet einen anklagenden Zeigefinger auf das Volk Israel, das selber nicht genug Kraft aufbrachte, die Güte anzunehmen: "Da brachten sie ihm einen Farren zum Dankopfer, und er stützte auf ihn beide Hände, indem er sprach: Herr der Welt, dein Volk Israel, das du aus Ägypten geführt hast, kann weder die übermäßige Güte noch die übermäßige Strafe ertragen; du zürntest ihnen, und sie konnten es nicht ertragen, du spendest ihnen übermäßige Güte, und sie können es nicht ertragen. Möge es doch dein Wille sein, dass der Regen aufhöre und die Welt sich erhole!" (ebda.). Ein interessanter Aspekt der Regel, nicht für das Aufhören der Fülle zu beten, besteht darin, dass sie nur für die im Lande Israel Anwesenden gilt, doch in der Zerstreuung darf man darum flehen: "Rabbi Jehuda sagte im Namen von Rav: In der Diaspora lärme man dieserhalb wohl" (Ta'anit 22b). Das bedeutet, das Vermögen, ein Übermaß des Guten zu absorbieren, ist auf das Land Israel beschränkt und wird zur Zeit der Erlösung seinen Höhepunkt erreichen. Reichtum, der zu Schaden wird Wer sich die Probleme genauer betrachtet, die uns heimsuchen, wird leicht deren Charakter als "Probleme des Überflusses" fest stellen. Nach dem Sechstagekrieg erlangten wir durch die Gnade G~ttes altneue Streifen unseres Landes, ein reichhaltiges Geschenk. Weil wir nicht verstanden, in unseren Reihen die nötige Bereitschaft zu schaffen, dieses Geschenk aufzunehmen und seinen Wert zu erkennen, wurde es in unseren Augen zu einem Stolperstein. Viele möchten das Rad der Geschichte zurück drehen und das Geschenk retournieren, doch wie die Mischna uns lehrte, flehe man nicht im Lande Israel wegen der übermäßigen Güte, vielmehr schaffe man die nötigen Voraussetzungen zu ihrer Aufnahme. So verhält es sich bei allen unseren Problemen. Die Korruption entsteht durch dünne moralische Strukturen, die sich enormer materieller Fülle gegenüber sehen. Verkehrsunfälle resultieren aus der geballten Kraft, über die jeder verfügt, der hinter einem Lenkrad sitzt und ohne die nötigen charakterlichen Voraussetzungen dieses Geschenk in ein Mordinstrument verwandelt. Der technische Fortschritt brachte ein Wachstum der Freizeit mit sich, die ihren Besitzern ohne die nötige Vorbereitung zur Last wird. Die talmudischen Weisen sagten: "Verzehnte, damit du reich wirst" (Schabbat 119a); jemandem, der die Fülle, die ihm von G~tt zuteil wird, richtig zu behandeln versteht, der an diesem Geschenk andere beteiligt und Güte und Mildtätigkeit entwickelt, dem wird der Reichtum nicht zum Bösen gereichen, vielmehr wird ihm weitere, grenzenlose Fülle vom Himmel gewährt. Tu be'Schwat Rabbiner A.J.Kuk schrieb, dass die Segnung unseres Landes als "ein Land, das von Milch und Honig fließt", d.h. ein Land der Fülle, auch die Fähigkeit des Volkes Israel einschließt, diese Fülle zu meistern, ohne dabei spirituell Schaden zu nehmen. Gerade das jüdische Volk, das den Menschen die Botschaft der Moral und des Geistes bringt, braucht das Wohlbehagen, und die Weiten, mit denen unser Land gesegnet wurde, sind dazu bestimmt, unser Wohlbehagen zu fördern, nicht zu beschränken: "Ein erhabenes und heiliges Volk ist eines Lebens des Wohlbehagens würdig, nicht nur vom Brot allein, sondern an allem Segen G~ttes. Ein Leben des Vergnügens, das darauf gerichtet ist, die Bestimmung der Erhebung der Seele zu erreichen, erhebt das Volk. Darum kommt als Zeichen für den erhabenen Zustand Israels, den wir letzten Endes erreichen werden, das Versprechen, dass ihr Land gesegnet sein wird, ein Land fließend von Milch und Honig" (Ejn Aja zu Ma'asser Scheni 5,13). Tu be'Schwat ist der Tag,
an dem wir die Fülle der Früchte zur Hand nehmen, mit denen unser
Land gesegnet wurde, und wir beten zu G~tt, dass er uns Einsicht und Verstand
gebe, uns auf die bestmögliche Weise vorzubereiten, auf dass uns die
Fülle zum Segen und nicht zum Fluche gereiche.
Kommentare von
Rabbiner
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