DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Ex. 10,1
- 13,16):
Die Wochenabschnitte, die wir Schabbat für Schabbat lesen, sind nicht nur dazu bestimmt, unsere Geschichte zu erzählen und wie es uns erging seit wir zum Volk wurden. Vielmehr sollen sie uns die Fundamente des jüdischen Glaubens und der Tora lehren. Darum müssen wir uns jeden Wochenabschnitt eingehend betrachten und die jeweilige Lehre heraus filtern, das jeweilige Toraprinzip erkennen und es verinnerlichen. Die letzten beiden Wochenabschnitte erwähnen die Plagen, die die Ägypter befielen, und oberflächlich betrachtet dienten sie ihrer Bestrafung und zur Rächung der Leiden, die sie uns zufügten. Auf den zweiten Blick erkennen wir allerdings, "dass die Plagen nicht nur Strafe waren, sondern vor allem Offenbarungen. Die Plagen straften und belehrten, die Anordnung der Plagen war eine Reihe von Lehren für Pharao und die Ägypter von Dingen, die sie bisher nicht wussten, und den Kindern Israel dienten die Plagen zur bildlichen Darstellung der Fundamente des Glaubens, die ihnen von Generation zu Generation überliefert worden waren" ("Min HaBe'er", Rabbiner Bar Scha'ul, S.53). In diesem Sinne erklärte auch Rabbiner Moscheh Ben Nachman ("Nachmanides") am Ende des Wochenabschnittes Bo, warum wir bei so vielen Geboten an den Auszug aus Ägypten erinnern sollen, z.B. beim Kidusch an Schabbat und Jomtov "secher lejeziat mizrajim" ("zum Andenken an den Auszug aus Ägypten"), auch in den Gebeten an Schabbat und Feiertagen, so steht es in der Mesusa am Türpfosten und im täglichen Schma-Gebet jeden Morgen und jeden Abend. Denn seit der Götzendienst in den Tagen Enoschs in die Welt kam, verschwammen die Ansichten in Glaubensfragen. Manche verneinen die G~ttheit rundheraus und behaupten, die Welt habe schon immer existiert, manche verneinen das Wissen G~ttes von den Einzelheiten und sagen: "Wie soll G~tt wissen, und Kunde sein beim Höchsten?" (Psalm 73,11); andere geben das Wissen G~ttes von den Einzelheiten zu, bestreiten aber die göttliche Vorsehung mit den Worten: "verlassen hat der Ewige das Land" (Jecheskel 8,12+9,9). Wenn G~tt aber nun eine Gemeinde oder ein Individuum auswählt und an ihnen ein Wunderzeichen im Widerspruch zum normalen Lauf der Welt wirkt, wird all jenen die Unsinnigkeit aller ihrer Ansichten klar, denn das übernatürliche Wunderzeichen zeigt, dass die Welt einen G~tt hat, der sie neu erschuf, allwissend, allmächtig und alles lenkend. Besonders, wenn dem Wunderzeichen dessen Ankündigung durch einen Propheten voraus ging, denn das beweist die Existenz der Prophetie, dass G~tt mit dem Menschen spricht und seinen Dienern den Propheten Geheimnisse offenbart"; dadurch, so Nachmanides, "wird die gesamte Tora bestätigt, und es ergibt sich, dass die Zeichen und Wunder treue Zeugen für den Glauben an den Schöpfer und an die Tora insgesamt sind". Die zehn Plagen teilte Rabbi Jehuda in drei Gruppen, die er jeweils mit den Anfangsbuchstaben bezeichnete: dezach, adasch und beachaw (siehe Pessach-Hagada). Einer der Gründe für diese Einteilung besagt, dass bei jeweils der ersten Plage jeder Gruppe ein Vers erscheint, in dessen Mitte das Wort "wisse" steht, und in jedem dieser Verse findet Rabbiner Bar Scha'ul tiefe Erkenntnisse über eines der Grundprinzipien des Glaubens. Wir erwähnten die vom Glauben abweichenden Ansichten, über die Nachmanides schrieb, die sich in drei Kategorien einteilen lassen. In die erste fallen jene, die die Existenz G~ttes bestreiten, in die zweite jene, die zwar seine Existenz anerkennen, aber abstreiten, dass er das Weltgeschehen lenke. Die dritte bilden jene, die seine Existenz und Oberlenkung anerkennen, aber behaupten, es gebe noch eine Gottheit neben ihm. Zur ersten Kategorie erklärt Rabbiner Bar Scha'ul anhand der ersten Plage, des Blutes, dort heißt es "dass ich der Ewige bin" (Ex. 7,17) und das lehrt über den Glauben an sich an die Existenz G~ttes; "hier haben wir den reinen Begriff des Glaubens an G~tt vor uns, ohne jede Einmischung nebulöser Vielgötterei". Bei der Plage der "wilden Brut" zu Beginn der zweiten Kategorie heißt es: "..dass ich, der Ewige, bin in der Mitte des Landes" (Ex. 8,18), d.h., obwohl meine Präsenz im Himmel weilt, werden meine Anordnungen auf der Erde verwirklicht - in der niederen Welt, er ist also Herrscher und Lenker auf der Erde". Zu Beginn der dritten Serie, bei der Plage des Hagels, heißt es: "damit du erkennst, dass keiner ist wie ich auf der ganzen Erde" (Ex. 9,14), d.h. der Glaube an die Einzigkeit G~ttes und die Aufsichnahme der Himmelsherrschaft, wie im "Sefer HaChinuch" formuliert: "Uns wurde geboten zu glauben dass G~tt alle Existenz bewirkt, Herr aller Dinge, Einziger ohne irgend einen Beteiligten, wie es heißt: 'Höre Israel, G~tt unser G~tt, ist G~tt der einzig Eine' (Dt. 6,4), d.h. G~tt, der unser G~tt ist, ist einzig". Wollen wir lernen, diese
Prinzipien des Glaubens zu betrachten und uns an ihnen zu stärken
bis das göttliche Versprechen eintritt: "Und der Ewige wird König
sein über die ganze Erde; an selbigem Tage wird der Ewige einzig sein
und sein Name einzig" (Secharja 14,9).
Frage: Es scheint doch Verordnungen der talmudischen Weisen zu geben, die nicht mehr relevant sind, weil ihr Grund wegfiel. Zum Beispiel wurde das Händewaschen nach der Mahlzeit (majim achronim) angeordnet, als man Salz aus dem Gebiet von Sdom verwendete, das bei Berührung mit den Augen blind machen konnte. Doch dieses Salz gibt es schon lange nicht mehr, warum sollten wir also weiterhin dieser Verordnung folgen? Antwort: Tatsächlich
gibt es Verordnungen der Weisen, deren Anwendbarkeit vom weiteren Bestehen
ihres Grundes abhängt. Bezüglich majim achronim schrieb bereits
der Tossafot-Kommentar: "Aber wir, bei denen sich kein Salz aus Sdom anfindet,
waschen gewöhnlich nicht die Hände nach der Mahlzeit"1.
Und so lautet auch das Gesetz im Schulchan Aruch2.
Wer aber nur Besteck gebraucht und nicht mit dem Essen in Berührung kommt, braucht sich vor dem Tischgebet nicht die Hände zu waschen7. Trotzdem bestehen Rabbiner unserer Zeit auf der Einhaltung dieser Verordnung, weil es dafür noch einen weiteren, verborgenen Grund gibt, der aus dem Sohar stammt8. Das bedeutet, wenn die Weisen eine Verordnung oder ein Gesetz beschließen, offenbaren sie nicht immer alle ihre Gründe. Gegen jemanden, der sich nicht nach den verborgenen Gründen richten will, weil wie er behauptet, Gesetze aufgrund verborgener Lehren nicht bindend für ihn seien9, könnte man anführen "lo plug", oder einfach gesagt - aus Prinzip. Wenn die talmudischen Weisen eine Verordnung bestimmten, wollten sie nicht bis ins letzte Detail gehen, unter welchen Bedingungen sie nun genau gültig sei und wann nicht, sondern bestimmten einfache Regeln, um die Leute nicht mit komplizierten Abwägungen zu jedem Einzelfall zu verwirren. Da kann es natürlich passieren, dass die Verordnung auch einen Fall einbezieht, der thematisch nicht dazu gehört, doch das ist eine geringe Mühe im Vergleich zur Alternative, jeden Einzelfall genau untersuchen zu müssen: So brauchen wir nicht jedes Mal zu prüfen, ob die Zusammensetzung des Salzes geändert wurde, oder ob die Hände richtig sauber sind oder nicht, und überhaupt - welches Maß an Sauberkeit ist eigentlich vonnöten? So brauchen wir nicht nach jeder Mahlzeit zweifelnde Blicke auf unsere Finger zu richten. Darüber hinaus erklärte Maimonides, dass es sich mit den Geboten der Tora genau so verhält. Die Tora selber richtet sich an einen generellen Zustand und nicht an Ausnahmen, und sie lässt sich nicht zu jedem Einzelfall mit seinen besonderen Gegebenheiten zurecht biegen, denn wenn dem so wäre, "hättest du demnach verschiedene Zeiten festgesetzt"10, d.h. relative Gesetze und nicht absolute. Die Gebote lassen sich nicht wie die Heilkunde an unterschiedliche Menschen und Zeiten anpassen, sondern sind absolute und umfassende Gesetze, wie es heißt: "Versammlung! Eine Satzung für euch"11,12. Rabbiner Schemtov ben Schemtov schrieb in seinem Kommentar, so verhalte es sich bei den Naturgesetzen. Zum Beispiel bedeutet der Regen eine große Gnade für die Menschheit, doch manchmal kann zuviel Regen Schaden anrichten. Es geht nach dem allgemeinen Wert, nicht nach dem individuellen, doch nach dieser Rechnung kommt auch der Einzelne zu seinem Vorteil - nur manchmal eben nicht. 1Toss. Brachot 52b 2S.A. O.C. §181,10 3Bejza 5a 4Pr.Ch. JD §116,1 5Brachot53a, S.A. O.C. §181 Mischna Brura 1 6S.A. O.C. §181 M.B.3 7Responsen "Mor uKezia" 8S.A. O.C. §181 M.B.22 9S.A. O.C. §25 M.B.42 10Schabbat 35b 11Num. 15,15 12"Führer der Unschlüssigen" III,34 * * * Es wird der Tag kommen, an
dem die ganze Welt den Wert jeder kleinsten Einzelheit eines jeden Gebotes
anerkennen wird, alle werden das große Licht der Tora erblicken und
werden jeden Jungen und jedes Mädchen hoch schätzen, die auch
in Zeiten stand hielten, als die Gebote von der Mehrheit der Menschen gering
geschätzt wurden, die den primitiven Vergnügungen nach lief,
die heutzutage so hoch im Kurs stehen, in Zukunft aber als wertlos und
seicht angesehen werden. "An jenem Tag wird es kein Licht geben; gewichtig
und schwebend (Secharja 14,6). Was heißt gewichtig und schwebend?
Rabbi Elasar erklärt: Das ist das Licht, das auf dieser Welt gewichtig
ist, in der zukünftigen Welt aber schwebend sein wird etc." (Pessachim
50a). Sicher verstehen wir nicht alle Einzelheiten der Gebote unseres Schöpfers,
obwohl wir sicher allgemein fest stellen, wieviel Milde und Erhabenheit
darin enthalten sind. Zum Beispiel die Gesetze von der Sittlichkeit als
Etikette himmlischer Aristokratie und die Kaschrutgesetze als Regelungen
für die Heilighaltung des Körpers. Die Einzelheiten verstehen
wir jedoch nicht immer, sie befinden sich für uns wie im Dunkel der
Nacht. "Wer sich nachts mit der Tora befasst, dem entbietet der Heilige,
gepriesen sei er, seine Gnade am Tage" (Awoda sara 3b). Manche Dinge erscheinen
dem Schüler dunkel wie die Nacht, doch er vertraut auf G~tt, er glaubt
an G~tt, und am Ende wird ihm zuteil, die Dinge zu verstehen, wird ihm
die Lehre der Gnade, die göttliche Gnade zuteil, wie es heißt:
"Tags entbiete der Ewige seine Gnade, und in der Nacht ist sein Lied bei
mir..." (Psalm 42,9).
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