DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 1,1-4,20):
Freitag, 28. Ijar: Jom Jeruschalajim
"Jeder bei seinem Banner, bei den Zeichen ihres Stammhauses..." (Num. 2,2) - so befiehlt G~tt Moscheh, die Kinder Israel in der Wüste anzuordnen und am Lagerplatz eines jeden Stammes eine zugehörige Flagge aufzustellen. Das genaue Aussehen dieser Fahnen wurde allerdings nicht mitgeteilt. Scheint es uns doch eher ein nichtjüdischer Brauch zu sein, denn jeder Staat hat seine eigene Fahne. Doch trifft das Gegenteil zu. So heißt es im Midrasch (Bemidbar raba 2,7): "Wappen - jeder Fürst hatte seine eigenen Erkennungszeichen - Fahne, und auf jeder Fahne Farben wie die Farben der Edelsteine auf dem Brustschild Aharons. Davon lernte das Königtum das Erstellen einer Fahne, und jede Fahne in unterschiedlicher Farbe". Das Hissen einer farbigen Staatsflagge, die die besonderen Eigenschaften des Volkes und des Staates symbolisiert, hat also im Heiligen seinen Ursprung; wie am Berge Sinai die Dienstengel bei G~tt, welcher "hervorragend (dagul, von degel, Fahne) über Myriaden" (Hohelied 5,10), und wie der Brauch der Kinder Israel in der Wüste - und von ihnen übernahmen es die anderen Völker. Die doppelte Bedeutung der Fahne wollen wir versuchen, mithilfe der Erklärungen aus dem Kommentar "Sfat Emmet" zu unserem Wochenabschnitt zu ergründen. Die Fahne flattert in der Höhe und weht im Winde (ruach, auch "Geist"). Sie entfaltet sich nicht kraft des Tuches, aus dem sie gemacht ist, sondern durch den Wind, der über sie streicht. Der Mensch steht unten, richtet seine Blicke in die Höhe und betrachtet die Fahne, denn die Fahnen "symbolisieren erhabene Dinge die im Himmel". Der Blick zur Fahne enthält einen Ausdruck von Sehnsucht, dem Streben nach Höherem, zum Unendlichen. "..und bei unseres G~ttes Namen das Banner erheben" (Psalm 20,6). Der sehnsüchtige Blick Richtung Fahne hat etwas von innerem Anspruch an die Fahne über das begrenzte menschliche Fassungsvermögen hinaus. "Und das ist es, was im Vers (Hohelied 2,4) 'und sein Banner (diglo) über mir war die Liebe' ausgedrückt wird": "dilugo" (Überspringen), d.h. "dass die Kinder Israel einen hohen Ort erfassen und sich dort anschließen können, sogar ohne stufenweise Erhebung". Die Plazierung der Fahne in der Höhe symbolisiert das Streben des jüdischen Menschen zur höchsten Sphäre jenseits seiner individuellen Persönlichkeit mit ihren Beschränkungen. Andererseits symbolisiert die Fahne gerade auch die persönliche Einzigartigkeit des Menschen. Hatte doch jeder einzelne Stamm seine eigene Fahne: "Ein Tuch, und Farbe auf jedem einzelnen Tuche", sogar mit eigenem Wappen. Darum "verlangten die Israeliten nach Fahnen". Denn "jeder Jude hat sein spezielles Zeichen in der Tora". Und warum wollten die Israeliten eigene Fahnen? "So wie jeder einzelne Dienstengel ganz genau seine Mission, ihren Ursprung und den Ort seines Wirkens kennt, wollten die Kinder Israel jeder einzelne den genauen Ursprung seiner Seele kennen lernen". Jeder einzelne Jude spürt
die Spannung zwischen der Bestrebung, "er selbst" zu sein, und der Sehnsucht
nach einer höheren spirituellen Stufe. Der Abstand zwischen diesen
beiden Bestrebungen lässt sich nicht überbrücken. Die Bestrebung
an sich jedoch, auch wenn ihr Ziel nicht erreicht wird, hat die Kraft,
den Menschen zu erheben:
Das sind die Fahnen der Wüstenwanderung,
die uns den Weg weisen. Jene "Tücher" der Stämme bedeuten für
uns den Marschplan in dessem Lichte wir wandeln, sowohl um zu uns selbst
zu finden, zu unserer Identität und zu unserer Besonderheit als Einzelne
und als Volk, als auch um wenigstens in unseren großen Bestrebungen
mit der Heilung der Welt durch die Königsherrschaft G~ttes in Berührung
zu kommen.
Folgendes schrieb die Psychiaterin J. L. Despert in ihrem Buch "Kinder der Scheidung": Nicht die Scheidung bestimmt die Anpassung des Kindes, sondern die emotionelle Atmosphäre, die im Hause vorherrscht. Unter hunderten unglücklicher Kinder, die bei Kinderpsychiatern landeten, sah ich verwirrte Kinder deren Eltern gar nicht an Scheidung dachten, aber ich sah nicht ein einziges Kind dessen Eltern glücklich verheiratet waren". Im Klartext bedeutet das, die Opfer des elterlichen Ehekrieges sind die Kinder, ob es nun ein "heißer" oder ein "kalter" Krieg ist. Natürlich gibt es Streit und Krisen zwischen Ehepartnern. Wir sind schließlich alle keine Engel, doch wenn daraus ein Dauerzustand wird anstatt ihn zur Besserung zu nutzen, steht das Kind, das doch so sehr der häuslichen Harmonie bedarf, unter dem Druck der Spannungen des Ehekrieges. Es ertrinkt im Meer der Streitereien mit Zeiten künstlicher Beruhigung und Explosionen über jede Kleinigkeit. Gegenüber der Liebe, die den geliebten Menschen mit allen Vorzügen schmückt, wie ein Salzbergwerk, wo selbst die normalste Ecke wegen der Kristalle wie ein Juwel funkelt - wie in Stendhals Buch über die Liebe - so verwandelt eine ständige Spannung alle Äußerungen des Ehepartners, seine normalen Bewegungen, sein Gang, sein Lachen, seine Stimme, seine Ausdrücke, Redewendungen und Beurteilungen - in etwas Nervendes und Provozierendes. Jede Tat provoziert eine negative Reaktion, das Ergebnis steht von vornherein fest, denn alles wird vom anderen abwertend ausgelegt. Der Partner befindet sich im Fadenkreuz, jeder seiner Schritte wird unter die Lupe genommen um jeden Fehler schonungslos breitzutreten. Jeder versucht die Einheit des Paares zu unterminieren. Dieser Zustand wird "emotionelle Scheidung" genannt, das Zerbrechen der Gefühlswelt, aber ohne offizielle gesetzliche Scheidungsformalitäten. Da nun das Miteinander, das lebendige Familienleben zerstört wurde, bleibt diesem monströsen Paar nichts anderes als das Verletzen des anderen, wobei sich beide gegenseitig so viel wie möglich Schmerz zufügen. Dieses perverse Bestreben hat absoluten Vorrang vor allem anderen, was natürlich nach außenhin rundweg abgestritten wird. Alle Mittel sind recht bei diesem Krieg, jedes Paar hat seine eigenen, und im Laufe der Jahre lernt man seinen Partner besser kennen, seine Achillesferse(n), was ihn am meisten stört und auf welche Wunde man am besten seinen Finger legt. Auch die Kinder werden häufig dabei eingesetzt oder als Geiseln benutzt. In allen Fällen bricht die zwischenmenschliche Kommunikation zusammen, begleitet von einer Unwilligkeit des Zuhörens. Sie wird zu einer leeren und ermüdenden Hülle des Lebens. Darüberhinaus wird die Ausdrucksweise zum Schwerpunkt, nicht der Inhalt des Gespräches. Manchmal beschränkt sich das Gespräch auf das lebensnotwendige Minimum, manchmal artet es in einen endlosen Wortschwall aus, doch immer besteht eine Dissonanz zwischen dem Inhalt und der Redeweise wie z.B. ein gleichgültiges Bemerken bedeutungsschwerer Sachverhalte. Noch schlimmer ist das Schweigen. Das abwegige Auslegen von Wort und Tat des Ehepartners führt immer mehr zur Einschränkung des Dialoges. Man spricht schon nicht mehr miteinander sondern kommuniziert mittels kleiner Zettelchen. Doch das ist ein gefälschtes Schweigen, denn es verdeckt Spannungen und gezwungenes Verhalten. Das ist ein kalter Krieg, der sich wie Frieden gibt. Dann gibt es die Möglichkeit des offenen Krieges, eine Ehehölle von Wutausbrüchen und stürmischen Streitereien. So wechseln sie hin und her zwischen kaltem und heißem Krieg. Dieser Krieg erfüllt
drei wesentliche Bedürfnisse:
Es gibt kein Vergeben und Vergessen. Wir werden kein neues Blatt aufschlagen... Das ist die Situation der emotionellen Scheidung unter fortwährender Bestrafung. Die Ehe wurde zur Falle. Und wie gesagt, die Zeche bezahlen die Kinder, die in diese Ehehölle geboren wurden und darin aufwachsen. Die Wirklichkeit des Versagens der Gemeinschaftlichkeit, Versagen des "Wir", Verschwinden der Liebe, das Auffassen des Ehepartners als frustrierende Präsenz machen die Ehe zu einem Gefängnis mit psychologisch krankhafter Funktionsweise. Es gilt aber zu bemerken, dass die Ehe ausserhalb des Hauses weiterhin ordnungsgemäß funktioniert. Der Mensch ist nicht von Kopf bis Fuß krank, sondern hat eine Schwachstelle in seiner Persönlichkeit. Es entsteht ein furchtbares Paradox indem in ihrem Berufs- und gesellschaftlichem Leben vollkommen ausgeglichene Leute die erbarmungswürdige und krankhafte Seite ihrer Persönlichkeit gerade für ihren Ehepartner und ihre Kinder bewahren. Wenn man also wissen will, ob Leute ihre Ehe auf gesunde und ausgeglichene Weise führen, sollte man ihre Kinder ansehen. Lassen wir uns nicht täuschen - wie auch die Eltern versuchen mögen, ihren kalten Krieg vor den Kindern zu verheimlichen, die Kinder haben doch ein viel deulicheres Gespür dafür als die Eltern glauben, sie fühlen die Spannung und erkennen die Spitzen in der Sprache. Es grenzt an Wahnsinn, wie man einen Menschen als Wissenschaftler ausbilden kann, als Toragelehrten, talentiert auf vielen Gebieten, doch in diesem lebenswichtigen Bereich, dem Leben selber, dem Leben der Kinder, handelt er in niederer, abscheulicher Weise. Man darf aber nicht aufgeben.
Aus diesem furchtbaren Labyrinth lässt sich ausbrechen. Auch ein erloschener
Vulkan kann eines Tages wieder wärmendes Feuer der Liebe spenden.
Das lässt sich allerdings nicht so nebenbei bewerkstelligen, vielmehr
muss man ab sofort entscheiden und es zur zentralen Aufgabe im Leben machen.
Dieses Werk der charakterlichen Anpassung beginnt gleich nach der Hochzeit,
die Anpassung der Persönlichkeiten, und sie hat das Potential, den
Menschen mehr als jede andere Beschäftigung mit Freude zu erfüllen.
Weitere Kommentare
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Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
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