DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Gen. 1,1-6,8):
Würde uns jemand nach dem ersten Vers nach der Sünde des ersten Menschen fragen, nach dessen Vertreibung aus dem Garten Eden, dem Beginn der Besserung der Menschheit und ihrer Rückkehr zu ihrem Ursprung, zu ihrem Schöpfer, könnten wir antworten: "Und auch dem Schet wurde ein Sohn geboren, und er nannte seinen Namen Enosch. Damals fing man an, den Namen des Ewigen anzurufen" (Gen. 4,26). D.h., nun endlich, ab der Generation von Enosch, dem Enkel des ersten Menschen, fing man an, G~tt zu suchen und seinen Namen anzurufen, oder wie es der Sforno-Kommentar (zur Stelle) ausdrückt: "Damals begannen die Gerechten der Generation, in der Öffentlichkeit über den Namen G~ttes zu reden". Doch welche Überraschung, gerade aus diesem Vers lernten die talmudischen Weisen genau das Gegenteil, wie es der Raschikommentar erwähnt: "Damals fing man an (der Ausdruck für Entweihung), die Menschen und die Götzen mit dem Namen des Heiligen, gelobt sei er, zu benennen, sie zu Abgöttern zu machen und sie Götter zu nennen". Das bedeutet, genau dann fing man an, sich von G~tt zu entfernen, Götzen zu dienen, wobei "anfangen", huchal, auf Chulin, Profanes, und Chilul, Entweihung deutet. Wie lassen sich diese scheinbar widersprüchlichen Kommentare miteinander vereinbaren? Man kann sagen, dass häufig gerade der Anfang, der in einer guten Absicht und ehrlichem Willen zum Ausdruck kommt, G~tt zu begegnen, oder wie man heute gerne sagt, "Umkehr tun", gerade dieser Anfang kann etwas Profanes oder eine große Leere in der Verbindung zu G~tt erzeugen. Sicher muss der Beginn der Begegnung mit G~tt von Herzen kommen, mit Wille und Absicht, denn "G~tt sieht auf das Herz" (Sanhedrin 106b), doch eine gefühlsmäßige Begeisterung, die nicht in geordnete Gedankenbahnen mündet sondern sich mit dem Nachmachen Anderer begnügt, die ihnen voran gingen, ohne wirklichen Kontakt mit den Toragelehrten, mit einem lebendigen Lehrhaus und einem geordneten und zielgerichteten Lehrplan - kann sehr gefährlich werden. Die große Frage lautet, ob dem Anfang eine methodische Fortsetzung folgt, strukturiert und aufgebaut durch Torastudium, Klärung der Glaubensansichten und Denkrichtungen, Besserung der Charaktereigenschaften und Erfüllung der Gebote. Denn wenn nicht, wird der Anfang allein schnell ins Profane führen, weil er so viele Leerräume enthält, wobei am Ende der Schaden größer ist als der Nutzen. Wer könnte es besser darstellen als Maimonides (am Anfang der Gesetze vom Götzendienst), der den Irrtum von Enosch beschreibt: "In den Tagen von Enosch begingen die Menschen einen großen Irrtum, und der Rat der weisen Leute jener Generation degenerierte; und Enosch selber war einer der Fehlgeleiteten. Folgendes war ihr Irrtum: Sie sagten, wo doch der G~tt diese Sterne und diese Himmelskreise geschaffen hat, um die Welt zu lenken, und sie in die Höhen stellte, und ihnen Ehre zuteil werden ließ, und sie vor ihm als Diener dienen - sind sie des Lobes und der Preisung würdig, und ihnen Ehre zu erweisen. Und das ist der Wille des G~ttes, gelobt sei er, jenen groß zu machen und zu ehren, wer ihn groß macht und ihn ehrt, so wie der König seine Bediensteten und die vor ihm stehen ehrt; und das ist die Ehre des Königs selber. Als sie sich nun diese Gedanken zueigen gemacht hatten, begannen sie, den Sternen Tempel zu bauen, ihnen Opfer darzubringen, und sie mit Worten zu loben und zu preisen, und sich vor ihnen zu verbeugen - um den Willen des Schöpfers zu erreichen, in ihrer bösen Ansicht. Das war der Kern des Götzendienstes... Im Laufe der Zeit erstanden den Menschen Lügenpropheten, die behaupteten, G~tt habe ihnen befohlen und ihnen gesagt: Dienet jenem Stern, oder allen Sternen, und opfert ihm, auch Trankopfer, auf diese oder jene Weise, baut ihm einen Tempel und macht sein Abbild, um sich vor ihm nieder zu werfen - alle Leute, Frauen, Kinder und gemeines Volk. Und er verkündet ihnen die Form, die er sich selber ausgedacht hat, und sagt: Das ist die Form des Sternes, die mir in einer Prophetie mitgeteilt wurde. Auf diese Weise begannen sie, Abbilder in ihren Tempeln und unter Bäumen und auf Bergspitzen und Hügeln zu machen, und versammeln sich dort und verbeugen sich vor ihnen; und sie sagen dem ganzen Volk, jenes Abbild bringe Gutes und Böses, und man sollte ihm dienen und es fürchten. Und die Götzenpriester sagen ihnen, mit diesem oder jenem Dienst mehrt ihr euch und werdet Erfolg haben; tuet so und so, und unterlasset dieses und jenes. Und es erstanden andere Verführer, die sagten, der Stern selber oder der Himmelskreis selber oder der Engel sprach mit ihnen und sagte ihnen, dienet mir so und so, und erklärte ihnen die Weise seines Dienstes, tuet dieses und unterlasset jenes. Diese Sache breitete sich aus über die ganze Welt, den Abbildern auf unterschiedliche Weisen zu dienen, und ihnen zu opfern und sich vor ihnen nieder zu werfen. Und wie die Zeit verging, verschwand der ehrwürdige und furchtbare Name vor aller Existenz und ihrem Gedächtnis, und sie erkannten ihn nicht mehr... nur noch Vereinzelte auf der Welt, wie Chanoch und Metuschelach und Noach und Schem und Ewer. Und auf diese Weise ging es immer weiter, bis endlich die Säule der Welt geboren wurde, nämlich unser Vorvater Awraham, Friede mit ihm" (siehe dort weitere Einzelheiten). In einer Zeit wie der unsrigen,
in der es g~ttseidank viele Anfänge bei unseren Brüdern und Schwestern
gibt, den Namen des Ewigen anzurufen, wollen wir uns bemühen, ihnen
eine Brücke zu sein und die Fortführung ihres spirituellen Aufbaus
auf eine geordnete Basis zu stellen, auf ein tiefes und wahrhaftiges Fundament,
und sie durch Empfehlung wohlgeordneter Lehrstätten (wie z.B. Machon
Meir) in die Obhut echter Toragelehrter zu bringen. Kraft dessen wird es
uns allen vergönnt sein, zusammen den Namen G~ttes anzurufen.
"Und nach Verlauf einer Zeit, da brachte Kain von der Frucht des Bodens ein Geschenk dem Ewigen. Und Hewel ("Abel") brachte, auch er, von den Erstlingen seiner Schafe, und zwar von den fetten; da wandte sich der Ewige zu Hewel und zu seinem Geschenke. Aber zu Kain und zu seinem Geschenke wandte er sich nicht, und es verdross den Kain sehr, und es sank sein Antlitz... Und es sprach Kain zu Hewel, seinem Bruder. Und es geschah, als sie auf dem Felde waren, da machte sich Kain an seinen Bruder Hewel und erschlug ihn" (Gen. 4,3-8). Die Enttäuschung Kains Auf den ersten Blick scheint Kains Enttäuschung überaus gerechtfertigt, warum wandte sich G~tt dem Opfer seines Bruders zu und wies sein eigenes Opfer zurück? Doch wie schon der Raschikommentar bemerkte, brachte Hewel "von den Erstlingen seiner Schafe, und zwar von den fetten", er bemühte sich, G~tt nur von der höchsten Qualität zu bringen, wohingegen Kain nur "von der Frucht des Bodens" darbrachte, vom Abfall. Und dennoch geht aus den Versen hervor, dass es gerade Kain war, der von den beiden Brüdern die Initiative zum Opferdienst ergriff. Er war der Erste, während Hewel es ihm nachmachte - "Und Hewel brachte, auch er,...". Sicher hätte Kain von den besten seiner Früchte bringen sollen, aber trotzdem verwundert es, dass er so vollkommen abgewiesen wurde, obwohl er der Erste bei diesem Dienst an G~tt war. Sogar von der Tatsache an sich, dass Kain so sehr über die Abweisung durch den Herrn der Welt enttäuscht war, lässt sich doch offensichtlich etwas über einen Menschen heraus lernen, dem es sehr an der Nähe zu G~tt lag. Er nahm diese Abweisung nicht auf die leichte Schulter, vielmehr schmerzte sie ihn tödlich (für seinen Bruder...). Warum wies G~tt einen Menschen ab, der seine Nähe suchte? Kains Begehren Das Geheimnis der Abweisung Kains liegt nach der Erklärung von Rabbiner A.J.Kuk im Geheimnis seiner verborgenen Sehnsüchte. Ja, Kain war der aktivere der beiden Brüder bei der Darbringung der Opfer, doch müssen wir sein wahres Ziel ergründen. Ein Opfer ("Korban") bezweckt genau das, was es besagt, nämlich das Annähern ("lekarew", gleicher Wortstamm). Wer G~tt ein Opfer bringt, wünscht G~tt nahe zu sein. Zur Erzeugung der G~ttesnähe gibt es zwei mögliche Wege. Durch höchste Anstrengung, indem wir den Anteil des Höchsten in uns offenbaren, um uns G~tt anzunähern, "das Teil G~ttes von droben" (Ijow 31,2). Dieser Weg stellt besonders hohe Anforderungen und verlangt vom Menschen einen drastischen Wandel. Er verlangt von ihm das Aufschwingen in die Höhen - "gleiche ihm: wie er gnädig und barmherzig ist, sei auch du gnädig und barmherzig" (Schabbat 133b). Und es gibt einen anderen Weg zur Erzeugung dieser Nähe, und zwar durch die Forderung an G~tt, dass er es sei, der sich dem Menschen nähere. Nehmen wir einmal an, G~tt wäre bereit, den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist, mit allen seinen Fehlern und Sünden, dann entstünde zwischen dem Menschen und G~tt eine Annäherung, ohne dass der Mensch gefordert wäre, irgend etwas zu ändern. Genau das war die Hoffnung Kains. Er wollte G~ttesnähe erzeugen, aber eine solche, die keine Änderung von ihm verlangte. Für seinen Dienst an G~tt erwartete er den Koscher-Stempel für alle seine Sünden. Ein Mensch, der einen Augenblick nach der Darbringung eines Opfers, gleich nach der Aktivität der Annäherung fähig ist, seinen Bruder zu ermorden, hat nicht die geringste Änderung durch das Opfern erfahren. Hätte zu seinem Dienst an G~tt auch die Forderung nach moralischer Weiterentwicklung gehört, zu persönlicher Veränderung - wäre er nicht fähig gewesen, seine Hand gegen Hewel zu erheben, doch offenbart der Mord, dass es nicht eine Änderung war, die Kain durch sein Opfer zu bewirken erhoffte, sondern Akzeptierung durch G~tt, sei er ein Gerechter oder ein Bösewicht, ehrlich oder verbrecherisch. Darum wandte sich G~tt nicht seinem Opfer zu. Auch entstammte die Enttäuschung Kains nicht dem Schmerz über die Abwesenheit von Heiligkeit der G~ttesnähe. Der Schmerz rührte vom Verständnis der Bedeutung der Tatsache her, dass G~tt sich von seiner Gabe abgewandt hatte. Kain verstand sehr gut, dass G~tt nicht nachgiebig ist. G~tt ist nicht bereit, dem Menschen nachzugeben und ihn sich in seinen Sünden wälzen zu lassen. G~tt ist gnadenvoll und nachsichtig und bereit zu verzeihen - demjenigen gegenüber, der sich ändern und annähern will. G~tt sagte ausdrücklich zu Kain: "Warum verdrießt es dich und warum sinkt dein Antlitz? Ist dem nicht so? Du bringest schöne Gabe, oder bringest sie nicht - vor der Türe lagert die Sünde" (Gen. 4,6-7). Du solltest dich nicht über die Tatsache ärgern, dass ich dich nicht umhüllt vom Schmutz der Sünde akzeptiere, denn damit zeige ich, dass du dich wirklich ändern kannst (siehe "Orot, Israel veTchiato" §15). Aus dem einfachen Wortsinn der Verse wird nicht klar wie Kain wusste, dass sein Opfer nicht angenommen wurde. Der Raschikommentar beschreibt, wie ein Feuer vom Himmel fiel und Hewels Opfer verzehrte. Rabbiner Kuk sah eine besondere Bedeutung darin, dass dieses Feuer nicht ausdrücklich beschrieben wurde. Denn auch ohne den Anblick des Feuers wusste Kain in seinem Inneren ganz genau, dass G~tt ihn niemals so wie er war akzeptieren würde. Das göttliche Feuer war zur Entscheidung zwischen den beiden Opfern gar nicht nötig, denn in seinem Herzen weiß der Bösewicht, dass sein Opfer nicht g~ttgefällig ist - "..so zieht die böse Kainheit immer weitere Kreise, die doch in den Augen G~ttes als gut erscheinen will, dass G~tt sich ihr und ihrem Opfer zuwende, und in ihrem Innern weiß sie nur zu gut, dass sie G~tt zuwider ist, und ihr Antlitz sinkt, und sie ist sehr verbittert und ihr Zorn staut sich in ihr..." (Orot, ebda.). Christentum und Judentum Rabbiner Moscheh Charlap (Leiter Rabbiner Kuks Jeschiwa nach dessen Tod) definierte in seinem Kommentar zu den "Sprüchen der Väter" (1,7) den grundsätzlichen Unterschied zwischen Judentum und Christentum. Kurz gesagt, das Judentum verlangt vom Menschen, göttlicher zu werden und so G~tt anzuhangen, während das Christentum von G~tt erbat, menschlicher zu sein, und so erlöste es den Menschen von allen moralischen Forderungen - auch G~tt sei ein menschliches Wesen, auch er habe Schwächen. Darin liegt im Grunde auch der Unterschied im Verhältnis zum Menschen, der sündigt. Das Christentum begnügt sich mit der Beichte; von dem Moment an, wo der Mensch weiß, dass er auch nur ein Mensch ist, mit allen seinen Beschränkungen, so ist ihm auch schon vergeben, denn es wird nicht wirklich eine Erhebung von ihm erwartet. Die Tora begnügt sich nicht mit der Beichte, sie verlangt auch eine Verpflichtung für die Zukunft und Umkehr - erst in dem Moment, wenn der Mensch zeigt, dass er nach Höherem strebt, wird er wirklich seinem Schöpfer näher sein. Rabbiner Kuk verband diese
Dinge miteinander und zeigte, dass Kain der geistige Urvater der christlichen
Auffassung war. Er war es, der den Grundstein legte für die Idee,
wonach der Herr der Welt den verdorbenen Menschen so wie er ist zu akzeptieren
hat, und dass man vom Menschen keine Erhebung fordern könne; er war
der Erste, den seine inneren Gefühle über die Abwendung G~ttes
von seinen Vorstellungen zum Brudermord führten, so wie später
seine Schüler, die es ebenso hielten bei ihren Kreuzzügen.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
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