DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT ZAW
Nr. 660
15. Adar II 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Lev. 6,1 - 8,36):
Ausführungsvorschriften für das Ganzopfer, Mehlopfer, Sühnopfer, Schuldopfer, freiwillige Opfer; Amtseinsetzung Aharons und seiner Söhne als Priester (Kohanim) und Heiligung der Dienstgeräte, dazugehörige Opfer.

Schuschan Purim



 
Megillat Esther

In jeglicher Familie, in jeglichem Lande

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Die Estherrolle ("Megillat Esther") berührt viele Themen, nationale Themen (was Israel betrifft), internationale, imperiale Themen (was Persien betrifft), städtische Themen (unbefestigte und befestigte Städte), wie auch Themen des Privatlebens ihrer Akteure - Achaschwerosch und Haman, Esther und Mordechai. Wir wollen uns allerdings einem zwischen den Zeilen der Megilla verborgenen Themenkreis zuwenden, und zwar dem Eheleben.

Die Estherrolle ist eine Geschichte von zerstörten Ehen. Die Ehe von Achaschwerosch geht gewaltsam zu Bruch, als Achaschwerosch seine Frau Waschti auf den Rat von Memuchan hinrichten lässt. Das Elternhaus von Esther wurde zerstört, da ihr Vater und ihre Mutter in jungen Jahren verstarben. Auch die Ehe von Mordechai zerbrach. Nach den talmudischen Weisen war Esther seine rechtmäßige Ehefrau, bis sie von Achaschwerosch geraubt wurde. Und auch die Ehe von Haman wurde zerstört, nämlich an dem Tage, als er sich am Galgen hängend wiederfand. Nur ein Haus wurde erbaut: das Haus Israels.

Überraschend zeichnet sich eine ganz bestimmte Ehe durch großen Zusammenhalt aus: die Ehe von Haman. Wer die Beziehungen der Eheleute Seresch und Haman genau betrachtet, wird eine gute Verbindung vorfinden. Haman beteiligt sie an seinen Erlebnissen, den guten wie den schlechten. Er braucht ihr anscheinend nichts zu verheimlichen. Geht es aufwärts mit ihm, lädt er sie und seine Freunde ein ("und ließ kommen seine Freunde und Seresch, seine Frau"; 5,10), um ihnen zu erzählen "von der Fülle seines Reichtums und der Menge seiner Söhne, und wie sehr ihn der König groß gemacht und wie er ihn erhoben..." (5,11). Sie ist die Erste, die ihm einen aus seiner Sicht guten Rat erteilt ("Da sprach zu ihm Seresch, seine Frau, und all seine Freunde...", 5,14), und als sich seine Lage verschlechtert, fühlt er sich ihrer sicher genug, um ihr auch darüber zu berichten - und danach den anderen - nämlich über die traurige Begebenheit, die er durchzustehen hatte. "Und Haman erzählte Seresch, seiner Frau, und all seinen Freunden alles, was ihm begegnet war", 6,13). Sie teilt sein Leid, ohne ihn aber sich etwas vormachen zu lassen, will ihm aber auch nicht als Erste die schlechten Dinge sagen. "Da sprachen zu ihm seine Weisen und seine Frau Seresch". Während plötzlich "seine Freunde" zu "seinen Weisen" wurden, bleibt Seresch wie sie war, nämlich "seine Frau", wie immer. Haman ist zwar "Haman der Bösewicht", doch auch bei Bösewichten lässt sich etwas Positives finden. Nicht umsonst sagten die talmudischen Weisen: "Kindeskinder Hamans lehrten Tora in Bnej Berak" (Gittin 57b). Auch uns ist es erlaubt, ein bisschen von ihnen zu lernen.

Das übelste Eheleben finden wir bei Achaschwerosch. Für ihn ist die Frau nichts anderes als ein Gegenstand: "Ex und hopp". Er kommuniziert mit ihr nicht auf normale Weise. Er spricht nicht mit Waschti. (Übrigens wird sie kein einziges Mal "seine Frau" genannt, nur "die Königin"; ein Hinweis auf ein rein praktisches Verhältnis, ohne eine persönliche Beziehung). Er sendet ihr einen Befehl, sie verweigert, und die Gelehrten fällen ihr Urteil zum Tode, ohne dass er sich mit ihr über den Hintergrund der Krise zwischen ihnen unterhält. An dieser Geschichte werden die Worte der talmudischen Weisen erkennbar, wonach Achaschwerosch nicht aus einem Herrschergeschlecht stammte, und deshalb verhielt er sich in seinem eigenen Königshause "wie ein Sklave, der König wird" (Sprüche 30,22). Waschti, die aus dem babylonischen Königshause stammte und über eigenständigen Respekt verfügte, weigerte sich, vor ihm zu kapitulieren, und wurde ermordet (auch wenn diese Tat auf irgend einer "legalen" Autorität konstruiert wurde). Auch Esther bedroht er mit dem Tode, bis sie sich fürchtet, aus eigener Initiative vor ihm zu erscheinen. Ihre Unterhaltungen zeugen nicht gerade von einer normalen Ehebeziehung, sondern von einem Verhältnis des Herrn zu seinem Untergebenen: "Und Esther redete ferner vor dem Könige, und fiel nieder zu seinen Füßen, und weinte und flehte vor ihm" (8,3). Doch Esther, auch aus einem Königsgeschlechte, zahlt es ihm mit gleicher Münze heim: "Esther hatte nicht angesagt ihre Herkunft und ihr Volk" (3,20). Auch sie, genau wie Waschti, ihre Vorgängerin, erscheint kein einziges Mal unter der Bezeichnung "seine Frau", sondern immer als "Königin", selbst in dem Moment, als seine romantische Eifersucht hervor bricht und er Haman anschreit: "Auch noch der Königin Gewalt anzutun bei mir im Hause?!" (7,8) - anstatt "meiner Frau" oder Ähnlichem.

Die große Tragödie spielt sich im gemeinsamen Hause von Mordechai und Esther ab. Die Beziehung der beiden ist eine komplizierte. Er war nicht wenige Jahre älter als sie, "und er erzog die Hadassa... und als ihr Vater und ihre Mutter gestorben waren, nahm sie Mordechai sich zur Tochter (bat)" (2,7). Die Weisen deuteten dies: bajit (wörtl.: Haus; Ehefrau). Ihm gegenüber zeigt Esther Gehorsam. "Esther hatte nicht ausgesagt ihre Herkunft und ihr Volk, so wie es Mordechai ihr geboten, und das Geheiß Mordechais tat Esther so wie als sie in seiner Pflege war" (2,20). Dieser Gehorsam entsprang allerdings keiner Drohung, sondern basierte auf Ehrfurcht. Im weiteren Verlauf treten zwischen ihnen Meinungsverschiedenheiten auf, z.B. in Bezug auf den Gang zu Achaschwerosch, und Esther schreckt nicht davor zurück, auf ihrer eigenen Meinung zu bestehen. Hier haben wir ein Paar vor uns, das einen Dialog führt. Hier gibt es keine gewaltsame Beugung einerseits, und keine freche Verweigerung andererseits. Es wird in aller Ernsthaftigkeit verhandelt, wenn auch hart und angespannt. Am Ende kommt es zu einer gemeinschaftlichen Entscheidung, die ausgerechnet von Esther herbei geführt wird. Wie traurig, dass gerade diese gesunde Beziehung, die sich in dieser Diskussion zeigte, als Folge der gemeinschaftlichen Entscheidung unwiederbringlich zerstört wird. Als Esther aus freien Stücken zu Achaschwerosch geht, wird sie dadurch ihrem Ehemann Mordechai verboten, und darum sagt sie: "ich bin so oder so verloren" (4,16) - "wie ich für mein väterliches Haus verloren bin, so bin ich auch für dich verloren" (Megilla 15a).

Esthers Opfer war jedoch nicht vergebens. Ihr Privatleben opferte sie für das nationale Leben, für die Rettung des Volkes vor den Edikten Hamans, und für den Aufbau des zweiten Tempels.
Die Geschichte der Ehe, verborgen in den verzweigten Abläufen der Estherrolle, kommt am Ende zum Vorschein, wo sich alle Kreise schließen: Nation und Familie, Gemeinschaft und Stadt. "Und es bleiben diese Tage im Angedenken, und werden gefeiert in jeglichem Zeitalter, jeglicher Familie, jeglicher Landschaft und jeglicher Stadt" (9,28), und in Beziehung zu allen: "und diese Tage der Purim vergehen nicht unter den Jehudim, und ihr Gedächtnis endet nicht bei ihren Nachkommen" (ebda.).
 
 
 
HaRav Aviner

Nerven aus Stahl

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

In seinem letzten Lebensjahr sprach unser heiliger Lehrmeister, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk, an jedem Schabbatausgang über dasselbe Thema: Moscheh Rabenu. Sicher kann man über Moscheh tausend Jahre lang rund um die Uhr reden und doch nur einen winzigen Bruchteil seiner Größe erfassen, die bis in den Himmel reicht. Doch wählte Rabbiner Kuk eine ganz bestimmte Episode aus seinem Leben: das goldene Kalb.

Nach dem spirituellen Höhepunkt am Berge Sinai, als sich der Herr der Welt dem Volke Israel von Angesicht zu Angesicht offenbart hatte, fasste Moscheh die von G~tt geschriebenen Gebotstafeln, um sie dem Volk zu bringen - und wird aus dem Himmel vertrieben: "Geh, steig hinab; denn ausgeartet ist dein Volk" (Ex. 32,7). Dein Volk, das du aus Ägypten führtest, ist ausgeartet und zu nichts nutze. Die Verlobung ist geplatzt. Was das Versprechen an den Vorvater Awraham angeht, ihn zu einem großen Volk zu machen, wird sich an dir erfüllen. Mit diesem Volke Israel habe ich nichts mehr zu tun, "...und ich sie vernichte; und ich will dich machen zu einem großen Volke" (V.10). 

Wie reagiert Moscheh auf diese Mitteilung? Zuerst einmal gibt er die Schuld zu: "Ach, das Volk hat sich eine große Schuld zuschulden kommen lassen" (V.31) - nicht gerade wie ein Rechtsanwalt, der die Tatsachen vernebeln will. Gleichzeitig jedoch beginnt er eine Debatte mit dem Herrn der Welt und benutzt haarsträubende Ausdrücke: "Nun denn, dass du ihre Sünde vergebest!" - so soll es gut sein, "Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buche, das du geschrieben" (V.32). Von welchem Buch ist hier die Rede? Das ist sein Anteil an der kommenden Welt! - Ich verzichte auf alles, auf das ewige Leben, für das Volk Israel. An dieser Stelle, betonte unser Lehrmeister, offenbare sich die große Liebe von Moscheh Rabenu zum jüdischen Volk, bis hin zur Selbstaufopferung, und nicht nur Opferung seines Körpers, sondern auch seiner Seele.

Waren doch die Geschehnisse furchtbar genug. "Am Tage seiner Hochzeit und am Tage seiner Herzensfreude" wurde Moscheh aus den Höhen vertrieben, nicht nur wegen des Kalbes, sondern auch wegen der Tänze darum herum, wegen der Unzucht und des Blutvergießens (siehe Raschikommentar). Da kann man doch in die Luft gehen, doch Moscheh Rabenu opfert sich auf, und für das Volk Israel setzt er seinen Anteil an der kommenden Welt aufs Spiel. Rabbiner Kuk wiederholte es immer wieder und betonte, dafür brauche man "Nerven aus Stahl". 

An jedem Schabbatausgang erwähnte unser Lehrmeister die "Nerven aus Stahl" von Moscheh Rabenu. Man kann darin eine Art spirituelles Vermächtnis sehen. Es pflegte nicht von einem Testament zu reden, weder im Sinne von Geldangelegenheiten, der Organisation, des Status oder über die Erbschaft. Wohl aber ein geistiges Testament; anscheinend sah er Tage voraus, an denen man "Nerven aus Stahl" brauchen wird. 

Und diese Tage sind nun gekommen. Das Volk Israel erscheint nicht gerade so, wie wir es gerne hätten. Doch das ist unser Volk, und wir gehen mit ihm durch alle Zeiten. Mit diesem Volk, mit dieser Generation, mit diesem Staat, mit dieser Armee - wir gehen zusammen, immer zusammen. Ohne Spaltungen, ohne Arroganz und ohne "neue Anfänge", aber mit "Nerven aus Stahl" und viel Geduld.

Sicher mangelt es nicht an Juden, an denen wir schwere Kritik üben könnten - und sie an uns - und trotzdem machen wir gemeinsam weiter. Wir sind immer eins mit diesem Volk, mit der israelitischen Gemeinschaft, mit der Seele Israels. 

Überhaupt wissen wir doch, dass alle Missstände, die wir im öffentlichen Leben feststellen müssen, nicht im Geringsten die Seele berühren, die Innerlichkeit.

"Einst sprach einer der frühen Christen zu Rabbi Chanina: Nun seid ihr entschieden unrein, denn es heißt: ihrer Unreinigkeit an ihren Säumen (Eicha 1,9; Raschikommentar: "[er wollte damit ausdrücken:] und die Göttlichkeit befindet sich nicht unter euch in Unreinigkeit"). Dieser erwiderte: Komm und siehe, was von ihnen geschrieben steht: der unter ihnen ist, inmitten ihrer Unreinigkeiten (Lev. 16,16) - selbst wenn sie unrein sind, befindet sich die Göttlichkeit unter ihnen" (Joma 56b/57a).

"Komm und siehe!" - das ist eine Wendung aus dem Sohar, die zehn Mal im Talmud erscheint. Sieh ins Innere, in die Seele. Und mit dieser Sicht siehst du auch das Offenbare einfacher, alle Vorzüge des Volkes, das in Zion wohnt, das auf seinem Rücken einen ganzen Staat trägt, mit allen seinen Problemen. Dann verliebst du dich wieder in das Volk Israel, so wie der Herr der Welt, "der sein Volk Israel in Liebe erwählt" (Morgengebet), und "der sein Volk Israel liebt" (Abendgebet). Immer liebt er, immer erwählt er, immer freut er sich an seinem Volk. An seinem Volk, sein Volk! 
 

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