DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Lev. 1,1
- 5,26):
Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) lehrte uns, dass "die Freude dem Menschen natürlich ist". "Der Mensch liebt seiner Natur nach das Leben und seine Freude", und er muss sich vor Ursachen hüten, die diese Freude vereiteln ("Ejn Aja" Schabbat, 1.Kap., §30). Damit lehrt er uns zweierlei: Die Freude gehört nicht nur zur Natur des Menschen, es ist sogar eine gute Natur, die es zu wahren gilt. Woher weiss er das? Die Antwort ist sehr einfach: Gute Eigenschaften sind ein Gebot der Tora, wie es bei Maimonides heißt: "Wir sind verpflichtet, immer das Mittelmaß einzuhalten, d.h. die guten und geraden Wege zu gehen; denn so heißt es: ...du sollst in seinen Wegen wandeln (Dt. 28,9; Sittenlehren 1,5). Und eine der guten Eigenschaften ist die Freude, wie es dort weiter heißt: "Man soll nicht ausgelassen und übermütig sein, aber auch nicht traurig und schwermütig, vielmehr froh, voll Ruhe und Freundlichkeit" (1,4). Wir können daraus entnehmen, dass man sich wie bei jeder Eigenschaft auch bei der Freude vor trunkener Übertreibung hüten muss, weil dadurch die innere Harmonie zerstört wird. So schrieb Rabbiner Kuk: "Denn die innere Ausgeglichenheit der Gerechten ist immer verbunden mit der Vollkommenheit ihrer Weise und der Reinheit ihres Herzens", im Gegensatz zu der "Fähigkeit des Menschen, innere Leere durch den Sturm äußerlichen Lebens anzufüllen, mit Gelächter der Ausgelassenen und Gelage der Beleibten" ("Ejn Aja" ebda., §38). Aus diesem Grunde, erklärte Rabbiner Kuk, opferten sich die Angehörigen des Bet [Lehrhauses von] Schammai auf, damit es im jüdischen Volke nicht einen Jubel "wie den Jubel der Völker" gebe (Hoschea 9,1), und in dieser Sache lautet die Halacha wie sie [und nicht, wie in den meisten Fällen, nach Bet Hillel]. Dabei besteht ein Unterschied zwischen "Vergnügen" und "Freude". Normalerweise "kann nicht das ganze Volk aus Frommen und heiligen Menschen bestehen", bis dass alle ihre Taten in Heiligkeit erfolgen. Darum wollten es die Weisen den Massen des jüdischen Volkes nicht zu schwer machen, bis dass sie sich kein Vergnügen von Speis und Trank usw. außer als Gebot und in Heiligkeit gönnen könnten (ebda., §76). Doch was die Freude betrifft, liegen die Dinge anders. Die Weisen wollten nicht, dass "sich die Israeliten wie die Völker an den Werktagen wie an den Feiertagen mit Wein und Bier, Gelächter, Spielen und Ausschweifungen erfreuen", "sich nicht wie die Völker in Massen und in der Öffentlichkeit an Belustigungen erfreuen" (§77). Hillel war zwar der Ansicht, dass "man das Prinzip der Freude der Massen als eines der Bedürfnisse des Lebens anerkennen sollte, die so unentbehrlich sind, dass man sie nicht nur auf erhabene Zwecke und Bestimmungen begrenzen und einschränken darf" (§78), doch Schammai wollte nicht, dass "das verdorbene Leben der Straße" entscheide, und "dass es vollkommen unmöglich ist, in der Nation ein Leben der Freude in Reinheit und in heiligem Bewusstsein einzuführen". Man darf sich nicht dem Leben unterwerfen und nicht die Wahrheit der Tora nach der "Straße" ausrichten. "G~ttbehüte, dass das Leben in seiner Verdorbenheit außerhalb des Lehrhauses auf die Kraft der Genauigkeit der Halachot Einfluss nehme" (§79). "Hillel, der Mann der Gnade, sah das Leben in seiner Ganzheit von seiner guten Seite. Auch die menschliche Seele", und darum, nach seiner Ansicht, "werde einem aufrechten Menschen... die erweiterte Freude nicht schaden. Er wird sich freuen und jubilieren, singen und tanzen, und wie Rav bei dessen Freude herzensfroh sein". Schammai aber berücksichtigte, dass "in der Seele des Menschen auch der böse Trieb wohnt, die Kraft, die hervor bricht, alles Heilige zu verschlingen". Wenn wir dem Menschen "die erweiterte Freude [erlauben]..., heißt es doch 'Lachen und Leichtsinn führen den Menschen zur Unzucht' (Mischna "Sprüche der Väter" 3,13), die Freude wird Grenzen durchbrechen und in Trauer enden... und den Glanz der Eigenschaften von Heiligkeit und Sittsamkeit mindern". "Schammai kannte sehr wohl auch die schlechten Seiten der Seelen... zeigte die nachteiligen Seiten auf, die zu unserer Schande auch von den Israeliten angenommen wurden, und dass man sich bei ihnen vor jedem schlechten Einfluss und dem Durchbrechen von Grenzen [zwischen Gut und Böse] besonders hüten muss". Hillel hörte diese Dinge, "fand nicht die Kraft zu erwidern", "an diesem Tage saß Hillel gebeugt vor Schammai, wie irgend ein Schüler (Schabbat 17a)", d.h. "er beugte seine Eigenschaft der Verträglichkeit und der Güte zugunsten der klaren Wahrheit der Gegebenheiten" (§80). Am Ende "ordneten es Schammai und Hillel an, und man erkannte es nicht an; darauf kamen ihre Schüler und ordneten es an, und man erkannte es an" (Schabbat 17a). In ihrer Generation gab es in der Nation noch Charakterstärke und Heldenmut, und darum blieb es unbegreiflich, warum diese Beschränkungen nötig waren. Doch Hillel und Schammai sahen es voraus. "Aber ihr Vorschlag war von Nutzen, denn später, in den Tagen ihrer Schüler, als die Generationen nachließen und sich auch der Griff der Regierung lockerte, bis dass sich die Augen öffneten und man erkannte, dass die Pracht Israels nicht in ausgelassener materieller Lebensfreude wie bei den Völkern bestand. Und andererseits offenbarten sich in hervorstechender Weise die Seiten des Mangels, den die grobe Freude dem Fundament israelitischer Moralität verursachte" (§81). Der Mensch glaube jedoch nicht, er verpasse deswegen vielleicht etwas, denn die äußerliche Freude ist überhaupt keine echte Freude, sondern eine trügerische Freude. Wahre Freude bleibt immer eine innerliche Angelegenheit. Dazu schrieb Rabbiner Kuk weiter: "Es strebt das Herz des geraden Menschen nicht nach dem Erhaschen des Erfolges, dessen Freude nur eine äußerliche ist. Dem von außen betrachenden Auge scheint es, es herrsche Freude in dem Herzen, das in weitläufigen Palästen wohnt und tosende, ausgelassene Feste mehrt - in Wirklichkeit aber ist das Herz leer". "Das innerliche Wissen nahe der Seele, dass sein Leben öde und nichtig ist, dass aus seinen Mühen nichts heraus kommt, dass er nichts Gutes vollbringt und mit seinem Leben und seinem Erfolg nichts nutzt, nicht sich selber und nicht der Welt - diese Gedanken rauben die wahre, beständige Freude jenen, die sich den äußerlichen Erfolgen hingeben" ("Ejn Aja" Schabbat, 2.Kap., §1). Bezüglich der zarten Freude, die "nicht für die Lebensfreude des einfachen Volkes ist, sollte man nicht dem Irrtum verfallen, so eine Anschauung verschließe die Tür vor der Ausweitung der Genüsse des Lebens". Im Gegenteil, "wer seine Zielbestrebungen nur auf die materiellen Dinge ausrichtet, kann sich nicht zur Heiligkeit der Gedanken aufschwingen und sich einer zarten Lebensfreude erfreuen, und beim Erreichen der Grenzen ihrer Möglichkeiten legt das Alter seine schwere Hand auf jene, und sie finden sich wieder in einem Zustand des Schreckens, und ihr Geist wird wirr" (§29). So verhält es sich bei der Masse des Volkes, "die sich zwangsläufig einen Weg durchs Leben wählt, das doch voll ist von Gegensätzen und Widersprüchen, es lärmt und stürmt und die Seele ist voller Bewegungen und Gefühlswallungen, Freude und Trauer, Wut und Wille". Leider "geraten sie deswegen von einem Misserfolg zum nächsten" (§200). Auf jeden Fall, im rechten Maße "ist die Freude angemessen und muss immer in der Natur des Menschen zu finden sein" (§95). Das ist die stille Freude, wie wir am Anfang sahen. "Zwei Arten gibt es beim Vergnügen und beim Glück, die eine Art wird in der Seele milde verspürt, füllt sie mit Gelassenheit und guter Hoffnung, doch wird sie nicht von Lärm, brausender Lebensfreude und dem Gefühl von tiefem und aufregendem Vergnügen begleitet. Und es gibt eine Art des Vergnügens, das die Seele mit Macht überflutet und sie mit Stärke und jubelnder, lärmender Ausgelassenheit füllt" (§97). Darum "besteht die Möglichkeit von zwei Arten Irrtümern von extremer Gegensätzlichkeit". Der eine Irrtum besteht darin, die Freude entsprechend der wilden Natur des Menschen frei ausbrechen lassen zu wollen, worüber es heißt: "Und zur Freude, was schafft sie" (Kohelet 2,2). Der zweite Irrtum ist genau umgekehrt, "ihn gegen seine eigene Natur anzuleiten"; darum heißt es: "Ich pries die Freude" (ebda. 8,15; §98; siehe Schabbat 30b). Einerseits muss man sich vor "Freudengeschrei und kindlicher Freude" hüten, "denn das Leben und der Verstand werden sich gegen ihn wenden und ihm sagen: und zur Freude, was schafft sie. Das Kalkül, auf dem das kindische Gejauchze beruht, ist eine einzige Lüge und ein Nichts, ein aus der Ferne funkelndes Ding vom Anschein äußerlicher Lebensausgelassenheit; da wird die Klärung Wahrheit und Lüge ans Tageslicht bringen". Andererseits "ist die Freude eine der natürlichen Neigungen des Menschen. Ein an seiner Seele und seinem Körper gesunder Mensch ist immer fröhlich und froh, und das ist die natürliche Form einer gesunden Seele". "Darum sagte er: ich pries die Freude, d.h. die im Wesen des Menschen bekannte und natürliche Freude" (§98). Ebenso "sind die Freude und die Freundlichkeit beim Verlangen nach Tora dem Zustand der Seele sehr angemessen, und es ist demnach nur passend, dass die Beschäftigung mit der Tora immer ein Vergnügen der Seele und eine Freude des Herzens sei. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass wir den Menschen schon nicht mehr gemäß seiner wahren reinen Natur vorfinden", vielmehr "verbanden sich mit unserem Herzen Torheit und die Finsternis der Ausschweifung und alle äußerlichen Begierden des Auges". Darum beginnt der Weg des Torastudiums mit Schwierigkeiten, und man muss dabei bedenken, dass "der Mensch zur Mühe geboren" wurde (Ijow 5,7). Von hier gelangen wir zu einer wichtigen erzieherischen Anleitung: "Darum wären jene sehr töricht, die alle Stufen des Lernens auch den jugendlichen Schülern und den Anfängern auf dem Wege des Vergnügens präsentieren wollen". Die Freude kommt nicht gleich zu Anbeginn, "obwohl der Zustand der Freude äußerst schön, angenehm und lieblich ist, nämlich die Erfüllung des Willens und des Vergnügens mit Worten von Tora und Weisheit, doch sollte man g~ttbehüte nicht auf diesen Genuss versessen sein, der nur die Außenseite der Weisheit bildet". "Die Freude und das Vergügen... dieses Geschenk G~ttes wird nicht vergeben außer an jene, die sich bereits ordentlich abgemüht haben". "Und darin liegt die Pflicht des Anfängers... zu wissen, dass er ans Innere gelangen muss, zur Tiefe der Tora, und dafür muss er auf viele Herzensfreuden und natürliche Vergnügungen verzichten" (§101). "Der frischgebackene Schüler muss das Joch akzeptieren und seinen Wert anerkennen, denn noch ist ihm nicht die Eigenschaft zuteil geworden, bei der ihm das Wissen der Tora und das Verlangen nach ihr zu einem Vergnügen wurde, sondern erstmal eine Anstrengung" (§102). Auch "was den Rabbiner selber angeht - obwohl ihm die Eigenschaft der Freude bereits zusteht, die seine Seele erweitert... benötigt er auch die Eigenschaft der Ernsthaftigkeit" (§103). Es war uns nicht vergönnt,
Rabbiner Kuk persönlich kennen zu lernen, den "Vater Israels, Lehrmeister
der Generation und von Generationen", wie es sein Sohn, unser Lehrer Rabbiner
Zwi Jehuda Kuk ausdrückte (Lenetiwot Israel I, 65). Doch durften
wir letzterem begegnen, in heiligem Respekt, dem speziellen göttlichen
Gesandten für das Erscheinen des Lichtes der heiligen Tora in dieser
und weiterer Generationen der Wiedererstehung unseres Volkes in seinem
Lande in staatlicher und spiritueller Unabhängigkeit. Unser Lehrer
war immer freudig, in innerer, reiner und strahlender Freude, und gleichzeitig
voller Ernsthaftigkeit und enormer Festigkeit.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
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