DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Ex. 35,1
- 38,20):
In schöner Regelmäßigkeit erhält die Öffentlichkeit Angebote zur Lösung all ihrer privaten Probleme durch Handlungen, die dem Menschen weder peinliche Selbstkritik noch eine Änderung seiner Lebensweise abverlangen. Es reichen äußerliche Aktivitäten wie: Prüfung der Mesusot, Änderung des jüdischen Namens oder Ähnliches. Gerade neulich trat eine bedeutende Jerusalemer Jeschiwa von vielen Plakatwänden herab mit dem Angebot an die Öffentlichkeit, eine "Bereinigung aller Sünden" durchzuführen, wie z.B. Zorn, Übertretungen der ehelichen Reinheitsgesetze, falsche Schwüre, Eitelkeit, Missachtung der Eltern, Todesschuld, Schabbatentweihung - alles in allem "über fünfzig Entsühnungen", die wegen ihrer Schwere eigentlich zu "26.000 Fasttagen" verpflichteten. Hier setzt nun das Angebot an, das man schwerlich ausschlagen kann, alle die genannten Sünden durch eine Versammlung von Männern und Frauen zu "Umkehr und Flehen" im Saale der Jeschiwa und durch einen einzigen Fasttag zu bereinigen, "und den Rest (der durch das Vorgenannte noch nicht entsühnt wurde) durch eine Pruta (kleine Münze) ablösen". Begleitet wird dieser Vorschlag von einem noch verlockenderen Angebot: "Und wer nicht bei der Veranstaltung teilnehmen kann, übermittle seinen Namen und den seiner Mutter per Telefon". Einem Außenstehenden mögen die Worte des Propheten Jirmijahu in den Sinn kommen: "Sie heilten die Wunde der Tochter meines Volks leichthin, sprechend: Friede, Friede! und doch ist kein Frieden" (8,11). Geringere Sünden als die genannten werden nicht ohne reumütige Umkehr vergeben, und was ist "Umkehr"? Nach der Definition von Maimonides: "Was ist vollkommene Umkehr? Vollkommene Umkehr ist, wenn die Gelegenheit, bei der sich jemand versündigt hat, sich wieder bietet, es läge nun in der Macht des Menschen, die Sünde wieder zu begehen, er hält sich aber von ihr zurück und führt sie um der Umkehr willen nicht aus; weder Furcht noch mangelnde Kraft ist Motiv für die Unterlassung. Ein Beispiel: Hatte jemand eine Frau, die ihm religionsgesetzlich verboten war, begattet; nach einiger Zeit ist er wieder mit ihr zusammen, er liebt sie genau wie früher, ist noch im Besitz seiner Körperkräfte, auch befindet er sich in derselben Umgebung wie damals, hält er sich nun zurück und sündigt nicht, so ist er ein vollkommener Ba'al Teschuwa. Das ist, was Schlomo sagt: Gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugend" (Kohelet 12,1; Gesetze von der Umkehr, Anf. 2.Kap.). Und Maimonides fährt fort (Hal.2-3): "Was ist nun Teschuwa? Sie besteht darin, dass der Sünder seine Sünde lässt, sie aus seinem Denken und Sinnen entfernt und beschließt, sie nie wieder zu begehen; denn so heißt es: Es verlasse der Schlechte seinen Weg... (Jes. 55,7)... Jeder, der ein Sündenbekenntnis in Worten ablegt und nicht entschlossen ist, das Unrecht zu lassen, gleicht einem, der ein Tauchbad nimmt und das tote Kriechtier noch in der Hand hat. Das Tauchbad kann ja erst nützen, wenn er das Tier vorher fortgeworfen hat; so heißt es auch: Wer bekennt und unterlässt (die Sünde), wird Erbarmen finden (Sprüche 28,13)". Entsprechend steht es jedem gut zu Gesichte, der anderen eine Entsühnung von allen ihren Missetaten anbietet, vorher zu verkünden, dass die ganze Entsühnung nur dann funktioniert, wenn der Betreffende vorher seine Lebensweise ändert und sich zusammenreißt, und dann werden Gebete aus tiefstem Herzen, begleitet von guten Taten, seiner Seele Heilung bringen. Nach der Geschichte vom goldenen
Kalb lastete auf dem jüdischen Volk eine große, nach Bereinigung
rufende Sünde. Wir dürften also (den Plakaten zufolge) erwarten,
dass unser Lehrer Moscheh das Volk zusammen trommelt, einen Fasttag verhängt,
einige Bußgebete sprechen läßt, und wenn das nicht reicht,
zur Zahlung einer minimalen Spende aufruft, und Friede sei auf Israel.
Moscheh handelte jedoch ganz anders: Er versammelte zwar das ganze Volk,
begnügte sich aber nicht mit einigen Äußerlichkeiten, sondern
verlangte von den Israeliten handfeste Taten zur Aufstellung des Wüstenheiligtums.
So schildert der Midrasch zur Parscha die Angelegenheit: "Und Moscheh
versammelte - das ist es, was die Schrift sagte: Wer doch wäre
wie der Weise, und wer doch wüsste das Mittelmaß in den Dingen
(Kohelet 8,1), glücklich sind die Gerechten, die zu vermitteln wissen
zwischen Israel und ihrem Vater im Himmel. Darum sagte unser Lehrer Moscheh,
Friede sei mit ihm: Und versammelte, dann komme und sie sollen
mir ein Heiligtum machen (Ex. 25,8), das entsühne die Tat
um das goldene Kalb, bei dem gesagt wurde: Auf, mache uns einen
Gott (Ex. 32,1). Und komme die Versammlung unseres Lehrers Moscheh,
wie es heißt: Und Moscheh versammelte die ganze Gemeinde
der Kinder Israels, und entsühne die Versammlung Aharons, wie
geschrieben steht: da versammelte sich das Volk um Aharon.
Es komme das Gold der Weihegabe und entsühne die Gabe des Goldes für
das Kalb, und dazu sagte König David, Friede mit ihm: Erweise Gutes,
Ewiger, den Guten, und den Redlichen in ihrem Herzen (Psalm 125,4)".
Nicht von ungefähr endet der Midrasch mit den Worten König Davids,
die uns lehren, dass gerade gute Taten für die Erweisung G~ttes Güte
bürgen ("den Guten") und Redlichkeit ("den Redlichen in ihrem Herzen").
Aus dieser positiven Formulierung lässt sich auf das Gegenteil folgern,
dass nämlich jedem Versuch, die Vergehen des Menschen mit Äußerlichkeiten
entsühnen zu wollen, ohne Rechenschaft vor sich selbst und nachhaltiger
Änderung des Verhaltens, nicht die Gnade des Himmels zuteil werden
wird, wie der Prophet sagte: "Es verlasse der Frevler seinen Weg und der
Mann der Untat seine Gedanken, und kehre zurück zum Ewigen, und er
wird sich sein erbarmen" (Jes. 55,7). Und wer sich nicht so verhält,
über den sagte er: "Wenn ihr kommt zu erscheinen vor meinem Angesichte,
wer verlangt solches von eurer Hand, zu zertreten meine Höfe? ...und
indem ihr eure Hände ausbreitet, verberge ich meine Blicke vor euch,
auch wenn ihr Gebete häufet, höre ich nicht... Waschet euch,
säubert euch, schaffet fort eure bösen Taten aus meinen Augen,
lasset ab zu freveln. Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, befriedigt,
dem Gewalt geschehen, sprechet Recht der Waise, führet den Streit
der Witwe" (1, 12-17).
Während wir Erwachsene aus den bekannten Gründen zur Synagoge kommen, z.B. wegen des Wunsches nach G~ttesnähe, wegen des Toragebotes des Gebetes, oder einfach aus Gewohnheit, zieht es einen Teil der Jüngeren aus einem anderen Grunde zur Synagoge, aus einem süßen Grunde in Gestalt von Fruchtbonbons. An einem normalen Schabbat warten die Bonbons in der Tasche eines netten Herrn, meist späteren Semesters, der schon in so manchem Bethaus den Titel "Bonsche-Onkel" erwarb. Der von seiner Hand gereichte Bonbon schmeckt süß und wird von Dankbarkeit begleitet ("Hast du auch schön 'Danke' gesagt?"). Doch lässt sich dieser Geschmack überhaupt nicht mit dem himmlischen Geschmack eines Bonbons vergleichen, den man bei einer Bar-Mitzwa-Feier erhascht. An einem Bar-Mitzwa-Schabbat knistert die Luft vor angespannter Erwartung. Alle Kinder stehen um das Torapult herum, bereiten sich auf den kritischen Moment vor, wenn der Bar-Mitzwa-Junge die letzten Worte der Haftara-Nachbracha intoniert, die Gemeinde in einen Freudengesang ausbricht - und aus allen Richtungen einem kleine Bonbons um die Ohren fliegen, die von krabbelnden Kindern in Windeseile aufgesammelt werden. Wieviel Glückseligkeit birgt jeder so erworbene Bonbon, wie wunderbar, noch weiter zu suchen und im hintersten Winkel noch einen versteckten Gummibären aufzuspüren und ihn mit kleiner Hand zu greifen, nachdem die größeren Kinder schon die Suche aufgegeben hatten... Welche Lust verspürt das Kind an seinem ersten Eigentum, das es im Schweiße seines Angesichts erworben hat, und es schmeckt dann auch nicht wie irgend ein x-beliebiger Bonbon, vielmehr erfüllt sich daran "Wenn du deiner Hände Arbeit genießest, Heil dir, und dir ist wohl" (Psalm 128,2). Wenn der "Bonsche-Onkel" seine Hand auch noch so weit öffnet und dem Kind eine ganze Handvoll anbietet, gilt seine Großzügigkeit in den Augen des Kindes doch wenig im Vergleich zu einem einzelnen Bonbon, den es aus eigener Kraft erwarb. Darüberhinaus haben die "Bar-Mitzwa-Bonbons" den Vorteil, dass man sich bei niemandem dafür bedanken muss. Noch nie wurde eines der einsammelnden Kinder gefragt: "Hast du der Tante auch schön Danke gesagt?"... Manchmal ist dem Kind das Glück nicht hold. Trotz größter Anstrengung gelang es ihm nicht, eines Bonbons habhaftig zu werden. Die heiße Schlacht um die kleinen Süßigkeiten tobte mit großer Erbitterung, aber die Hände anderer Kinder waren einfach flinker. Nicht ein einziger Bonbon ging ihm ins Netz. Niedergeschlagen trottet das Kind an seinen Platz zurück, Tränen in den Augen, als plötzlich und ganz unerwartet ein weiterer Bonbonhagel niedergeht, und diesmal zum Greifen nahe. In Windeseile wird eine ansehnliche Menge angehäuft, und die Tränen machen einem freudestrahlenden Gesichte platz. Am Ende des Gebetes wird dieses Kind fröhlich und guten Mutes die Synagoge mit einer ansehnlichen Beute verlassen. Draußen wartet seine Schwester. Nach einem herzlichen "Gut Schabbes" wirft sie einen Blick auf seinen Schatz und fragt: "Kann ich vielleicht einen Bonbon abhaben?". "Nein!", sagt das Kind, das um seinen Besitz fürchtet. "Warum nicht?" "Weil es meins ist, ich habe sie eingesammelt! Ich selber!". Wenn seine Schwester nun nicht mit einem milden Charakter gesegnet wäre, wenn sie kein Mitleid mit ihm hätte, würde sie ihm schon ihre Meinung sagen: "Du hast sie selber eingesammelt? Richtig, hast du selber. Aber ich habe sie geworfen. Am Anfang habe ich sie nur so in die Gegend geworfen und auf dich vertraut, dass du sie schon schnappen würdest. Später, wie die Bonbons schon alle waren, sah ich dich. Du warst ganz geknickt und schmerzgebeugt. Du warst nicht alleine, ringsherum die Kinder zeigten stolz ihre Schätze, und du... Du hast mir so leid getan, ich konnte deinen Schmerz nicht mit ansehen. Ich weiß noch, wie du letzen Schabbes keinen Erfolg hattest. Alle lachten dich aus, wegen der leeren Hände und der feuchten Wangen... Da habe ich noch einen Beutel Bonbons aufgemacht, meine eigenen, die ich eigentlich nicht werfen wollte, und zielte genau auf dich. Ich hatte zwar eine leise Befürchtung, dass du dahinter kommst, dass ich die Werferin war, nachdem alle anderen schon aufgehört hatten. Ich wollte dich nicht blamieren, aber du warst so sehr in die Jagd vertieft, dass du mich nicht bemerktest in deiner Freude. Da habe auch ich mich gefreut... Ich wusste, dass du auch ohne meine Bonbons vom Bonsche-Onkel welche bekommen hättest, aber das ist nicht das gleiche, das ist nicht dieser Geschmack...". Ich weiß nicht, wer mit dem Brauch des Bonsche-Werfens angefangen hat, doch eines weiß ich sicher: dieser Brauch ähnelt ganz außerordentlich der Lenkung G~ttes in der Welt. G~tt könnte uns doch ganz offen unseren Lebensunterhalt aushändigen, direkt alles Nötige aus seiner weiten Hand verteilen. So würde keinen Moment die Gefahr bestehen, dass wir seine Existenz ignorierten. In der Wüste Sinai lenkte G~tt uns auf diese Weise, da waren wir wie kleine Kinder, frei von jeder Verantwortung, "wie der Hirte das neugeborene Schaf trägt". Hätte er das auf lange Sicht weiter gemacht, stünden wir auf Dauer in seiner Schuld. Der Schöpfer jedoch traf eine andere Wahl, er wollte nicht, dass wir unsere Kraft wegen offener Geschenke verlieren, er wollte keine "Gefangenen", Gefangene der Dankbarkeit. Er entschied sich hinter dem himmlischen Vorhang zu verstecken und uns von dort mit verborgenen Geschenken zu versorgen. So scheint es uns, als hinge alles von uns ab, und wir sehen uns gezwungen, uns für alles Nötige anzustrengen und abzumühen. Wir offenbaren uns, bringen in der Welt unsere Begabungen zum Vorschein und erzielen damit die besondere Süße, die die Mühe unserer Nahrung zufügt. Doch hier lauert eine Falle. Der Herr der Welt verbarg sich auf so wundersame Weise, dass wir vergessen, hinter den Vorhang zu schauen. Es scheint uns, als ob wirklich "Meine Kraft und die Stärke meiner Hand mir all dies Vermögen geschafft hat" (Dt. 8,17). In Wahrheit versorgt er uns mit seiner Güte im Geheimen, misst jedem seine Geschenke genau zu, so dass sie dem Empfänger direkt in die Hand fallen, der trotzdem nicht erkennt, dass es sich um Geschenke handelt... Wir verbleiben mit einer
gar nicht leichten Aufgabe. Einerseits sollen wir die ganze Verantwortung
auf unsere Schultern nehmen, uns bemühen, uns anstrengen, keinen einzigen
Bonbon zu verfehlen, und uns andererseits mit Dankbarkeit gegenüber
der verborgenen Hand anfüllen, ohne die wir nicht die Kraft hätten,
den wunderbaren Segen einzusammeln. Wir müssen zu der Erkenntnis gelangen,
die den göttlichen Ursprung jedes "Bonbons" bestätigt.
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
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23.00-24.00,
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MACHON ORA - für Frauen
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