DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJIGASCH
Nr. 646
6. Tewet 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 44,18 - 47,27):
Konfrontation Jehuda-Josef; Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen; beauftragt sie, Jakov und die ganze Familie nach Ägypten zu holen und dort zu siedeln; göttliches Versprechen an Jakov, ihn dort zu einem großen Volk zu machen; Wiedersehen mit Josef; Begegnung mit Pharao; Ansiedlung im Lande Goschen; Josefs Bodenreform; führt allgemeine Einkommensteuer von 20% ein.

Mittwoch, 10. Tewet - Fasttag!



 
 
Am Schabbes-Tisch...

Er las das Schma-Gebet

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Viele Jahre lang träumten Josef und Jakov von der zukünftigen Begegnung. Jeder von ihnen machte sich so seine eigenen Vorstellungen davon zu bestimmten Zeitpunkten in seinem Leben. Und was den Moment angeht, an dem sie von der bevorstehenden Begegnung erfuhren, kann man wohl annehmen, dass ihre Phantasie "Überstunden machte" mit Gedanken und Vorstellungen über die zu erwartenden Geschehnisse. Endlich ist es soweit, der große Moment ist gekommen. Jehuda kommt im Lande Goschen an und verkündet, dass Jakov bereits unterwegs ist. Josef zögert nicht. Mit eigenen Händen spannt er die Pferde vor seine Kutsche, steigt ein und fährt geschwind zu seinem Vater Israel nach Goschen. Auch Jakov, der die Wipfel der Bäume des Landes Goschen am Horizont sieht, bereitet sich auf die emotionell geladene Begegnung vor. Und da treffen sie aufeinander. Doch was sich dann abspielt, weicht vollständig von allen Erwartungen ab. "..und als dieser ihm zu Gesichte kam, fiel er ihm um den Hals, und weinte an seinem Hals lange" (Gen. 46,29) - alles in der Einzahl. Einer kommt dem anderen zu Gesichte, einer fällt dem anderen um den Hals, einer weint an seinem Hals. Und was macht der andere? Blieb er etwa gleichgültig?!

Der Raschikommentar spürt diese Merkwürdigkeit und weist auf diese seltsame Tatsache hin. "Aber Jakov fiel nicht um Josefs Hals und küsste ihn nicht". Doch seine Antwort ruft noch größere Verwunderung hervor: "unsere Lehrer sagen, er las gerade das Schma". Dazu kann man nur fragen: Konnte er denn keinen anderen Zeitpunkt für das Schma-Gebet finden als ausgerechnet diesen bewegenden Augenblick?! Man könnte einigermaßen realistisch annehmen, dass der Zeitpunkt der Begegnung geradewegs mit dem für das Schma-Gebet zusammenfiel (dieser Zeitpunkt wird nämlich so definiert: "wenn man einen Bekannten auf vier Ellen Entfernung erkennt"). Auch ließe sich annehmen, dass die Tatsache an sich, die in der Morgendämmerung flimmernde Gestalt seines Sohnes erkennen zu können, ihn an die nun einsetzende Pflicht des Schma-Gebetes erinnerte. Das ist alles gut und schön - aber warum sagte dann nicht auch Josef das Schma-Gebet genau zur gleichen Zeit?!

Wenn man zu dieser Frage eine halachische Antwort geben will, lässt sich das machen. So eine Antwort gibt der MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw" aus Prag) zur Stelle: "Man kann antworten, dass Josef beim Schma-Gebet war, und wir lernten... in der Mitte des Abschnittes darf man aus Furcht unterbrechen, um zu grüssen, und hier liegt die Ehrfurcht vor seinem Vater vor, und darum unterbrach er sein Schma-Gebet. Jakov aber unterbrach nicht und sagte das Schma-Gebet".

In diesem Lichte kann man verstehen, warum Raschi gerade das Schma-Gebet erwähnte und nicht die Schmone-Esre, denn dieses Gebet hätten beide nicht unterbrechen dürfen, "selbst wenn der König ihn grüßt, darf er ihm nicht antworten, und selbst wenn sich eine Schlange um seine Ferse ringelt, unterbreche er nicht".

Das Herz jedoch mag so eine Antwort nicht annehmen, die ganz und gar aus der Halacha hervorgeht und mehr wie ein "Betriebsunfall" aussieht, der den "Filmablauf" dieser ergreifenden Begegnung von Vater und Sohn stört. 

Eine fundamentalere Antwort lässt sich im Lichte eines Prinzips geben, das aus einer anderen Halacha hervorgeht, die Rabbiner Moscheh Isserles in seinen Anmerkungen zum Schulchan Aruch erwähnt: "..und es ist dem Menschen verboten, seine Kleinkinder in der Synagoge abzuküssen, um in seinem Herzen zu verankern, dass es keine Liebe gibt wie die Liebe zu G~tt" (O.C. 98,1). Unser Vorvater Jakov, der ganz von dem Prinzip durchsetzt ist, dass es "keine Liebe wie die Liebe zu G~tt" gibt, entscheidet gerade in dem Moment, in dem er seinen wie seine Seele geliebten Sohn wiedertrifft, die Liebe zu G~tt auf sich zu nehmen, bevor er seine Liebe seinem Sohn zuwendet. Josef jedoch hatte dies nicht nötig. Die Liebe zum Vater steht nicht im Gegensatz zur Liebe zu G~tt, sondern weist in die gleiche Richtung. Wird doch die Ehrung des irdischen Vaters von der Ehrung G~ttes abgeleitet, da er das Bindeglied zwischen dem Sohn und dem himmlischen Vater darstellt. Die Liebe zum Vater gleicht der Liebe zu G~tt. Die Liebe zum Sohn hingegen ist eine rein menschliche Angelegenheit. Darum hielt es Josef nicht für richtig, in jenem Moment das Schma-Gebet zu sagen, wohingegen Jakov dies durchaus für nötig erachtete.

Rabbiner A.J.Kuk lehnte diese Deutung sowohl auf ideeller als auch halachischer Ebene ab. In seinen Responsen (Orach Mischpat §22) weitet er das Verbot des Abküssens seiner Kleinkinder in der Synagoge aus: "denn außer dem Fall, keine andere Liebe als die zu G~tt zu zeigen, steht es auch im Gegensatz zur Furcht und dem Respekt vor dem Rabbiner", und daraus folgert er: "dass er auch andere nicht vor seinem Rabbiner küssen darf, und ebenso nicht in der Synagoge". In diesem Fall besteht also kein Raum für eine Unterscheidung zwischen Jakov und Josef. Darüberhinaus schreibt Rabbiner Kuk in seinem Kommentar zur "Bindung Jizchaks" zum Vers des Gebotes "strecke deine Hand nicht nach dem Knaben aus" (Gen. 22,12): "Glaube nicht, dass hier irgendein tätlicher Gegensatz besteht zwischen deiner reinen Vaterliebe zu deinem teuren Sohn und der Liebe zu G~tt, die mit ihrer Macht die Abgründe deiner tiefen Seele überschwemmt, bis dass wenigstens irgendein Schritt in praktischer Ausführung richtig wäre, irgendeine Sache, die auf eine Minderung dieser Liebe hindeutet. Nein! Tue ihm nicht das Geringste! (ebda.), denn die Barmherzigkeit des Vaters und seine Liebe in reiner Seele ist eine Flamme heiligen Feuers, die direkt von der reinen Liebe zu G~tt herrührt".

Darum wollen wir der zweiten Antwort des MaHaRaL zu dieser Frage folgen. Die Eigenschaft unseres Vorvaters Awraham ist die Liebe zu G~tt "mit deinem ganzen Herzen" (Schma-Gebet) - mit allen Kräften deiner Seele. Die Eigenschaft Jizchaks ist die Liebe zu G~tt "mit deiner ganzen Seele" (ebda.) - bis hin zur Opferbereitschaft der Seele bei der Bindung. Und die Eigenschaft Jakovs ist die Liebe zu G~tt "mit deinem ganzen Vermögen" (ebda.) - d.h. "mit jedem Maß, das er dir zumisst, danke ihm sehr, sehr viel". Entsprechend resultiert Jakovs Verhalten aus seiner persönlichen Eigenschaft und seinem besonderem Wege im Dienst an G~tt. Gerade im freudigsten Augenblick seines Lebens gibt er seinen Dankesgefühlen G~tt gegenüber Vorrang vor dem Erlebnis der Begegnung, und als ihm Josef um den Hals fällt - "sagen unsere Lehrer, las er gerade das Schma". 
 
 
 
HaRav Aviner

Der Lehrerstreik

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

[Seit etwa 2 Monaten streiken in Israel die Lehrer] 
Es ist ein Gebot, am Lehrerstreik teilzunehmen. Selbstverständlich wäre es ideal, wenn die Beteiligten am Arbeitskonflikt, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nicht zum Mittel des Streikes griffen, sondern durch gemeinschaftlichen Dialog oder Anrufung der Schlichtung oder des Rabbinatsgerichtes zu einer Einigung kämen. Auch darf man nicht übereilt zum Mittel des Streikes greifen.

Wenn sich aber eine Seite gänzlich weigert, an einem Dialog teilzunehmen, oder die Schlichtung anzurufen, oder einen Schlichtungsentscheid zu akzeptieren, darf man zur Waffe des Streikes greifen, um die andere Seite zur Teilnahme an Verhandlungen oder Schlichtung oder zur Befolgung des Schlichtungsergebnisses zu zwingen. Dieses Prinzip gilt auch für die Lehrer, die behaupten, sie bekämen keine ausreichende Bezahlung, und ganz im Gegenteil wären höhere Lehrergehälter zum Besten der Schüler, denn wenn ein Lehrer nicht für angemessenen Lebensunterhalt sorgen kann, wird sich kaum jemand für diesen Beruf entscheiden. Und wirklich haben schon viele den Beruf gewechselt, und andere so viele Stunden übernommen, um ein ausreichendes Gehalt zu erzielen, dass der Leistungsdruck keine Zeit mehr für die nötige Aufmerksamkeit lässt, die jedem Schüler zusteht. 

Obwohl die Schüler auf kurze Sicht durch den Streik leiden, gewinnen sie jedoch auf lange Sicht, wenn man alle Umstände berücksichtigt, und wo es um das öffentliche Wohl geht, nimmt man einen kurzfristigen Verlust zugunsten eines zukünftigen Gewinns in Kauf. 

Das gilt sowohl in dem Fall, wenn die Schüler weltliche Studien versäumen, als auch für religiöse, heilige Studien - denn in beiden Fällen gelten die oben angeführten Argumente. 

Keinesfalls kann ein Lehrer geltend machen, er nehme nicht am Streik teil, da ja auch ohne ihn genügend andere Lehrer streikten, denn wenn ein Gebot zum Streiken besteht, gilt es für alle ohne Ausnahme. Wenn nämlich jeder so argumentierte, würde der Streik schnell zusammenbrechen. In so einem Fall gilt das Prinzip: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu (Schabbat 31a); wenn du streikst, willst du auch nicht, dass andere den Streik brechen. Oder in der philosophischen Sprache Kants: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, d.h. bei jeder moralischen Überlegung muss man sich vorstellen, welche Folgen es hätte, wenn alle sich so verhielten. Man muss sich selber als universales Vorbild sehen, dessen Verhalten als Maßstab für alle dient. 

Darum muss jeder Lehrer am Streik teilnehmen, sowohl diejenigen, die weltliche Fächer unterrichten, als auch diejenigen, die religiöse Fächer unterrichten.

Da allerdings die Schüler auf Unterricht angewiesen sind und das Herumtreiben nicht nur schadet, sondern auch gefährlich ist, andererseits die Lehrer wegen des Streikes viel freie Zeit haben, besteht eine moralische Pflicht, diese Zeit den Schülern zu ihrer Weiterentwicklung zu widmen, d.h. der Vermittlung von Lehrstoff, der nicht zum regulären Lehrplan gehört, und das Ganze in formloser Umgebung.

Manche werden dagegen einwenden: Vereitelung von Torastudium! Richtig, "man halte die Schulkinder nicht [vom Unterricht] zurück, selbst nicht zum Bau des Heiligtums" (Schabbat 119b), doch pädagogische Prioritäten führen häufig zu einer Vereitelung von Torastudium, z.B. Ferien, Jugendaktivitäten und der Kampf um das Land Israel. Auch in unserem Falle sagen wir: der Abbau von Tora ist ihr Aufbau. Die gegenwärtige Situation von Armut bei den Lehrern und überfüllten Klassen bedeutet den größeren Abbau von Tora, einen größeren gibt es gar nicht. Darum haben bereits große halachische Autoritäten den Lehrerstreik in bestimmten Situation erlaubt, wenn kein Ausweg bestand, wie z.B. Rabbiner Moscheh Feinstein sel., Rabbiner Schlomo Salman Auerbach sel., Rabbiner Chajim David Halevi sel., und unterschieden zu langem Leben, Rabbiner Ovadia Josef. 

Selbst wenn nun jemand behaupten möge, er als Lehrer habe keine Klagen, sein Gehalt ist hoch genug, und an seiner Schule gehe alles seinen friedlichen Gang - der hat vergessen, dass das jüdische Volk nicht nur aus reichen Leuten besteht, sondern auch aus armen. Ein gutes öffentliches Erziehungswesen ist eine Lebensnotwendigkeit der Nation, und keiner kann beiseite stehen und behaupten, es gehe ihn nichts an. Vielmehr muss auch er sich beim Kampf für ein gutes allgemeines Erziehungswesen mit einsetzen. Das zeugt nicht nur von guter Moral, sondern auch von Opferbereitschaft.

Möge der Streik zu einem guten Ergebnis für unsere Schüler und Schülerinnen führen und ihre Erziehung Stärkung erfahren!
 
 

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