DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 18,1-22,24):
Unser Stammvater Awraham war besonders für seine Gastfreundschaft bekannt. Wir wollen uns nun an seinen Rocksaum hängen und von seinem Verhalten Gebote und Taten erlernen. Der Wochenabschnitt beginnt damit, dass "er an der Türe seines Zeltes saß um die Glutzeit des Tages" (Gen. 18,1), "um zu sehen, ob Leute von da oder von dort kämen, und sie in sein Haus zu bringen" (Raschikommentar). Awraham wartet nicht nur auf einen leidenden Menschen, dem er zufällig begegnet, sondern sucht aktiv Leute, sich ihrer anzunehmen. Er ähnelt damit einem Fahrer, der sich absichtlich in Abweichung von seinem geplanten Wege auf die rechte Spur begibt, wo er mögliche Anhalter am Straßenrand vermutet, damit er sie in sein Auto einladen und ans Ziel ihrer Wünsche bringen kann. So wie Awraham, der derzeit am dritten Tag nach seiner Beschneidung noch Schmerzen leidet, kann sich auch ein Fahrer ein wenig bemühen, Gäste in seinem Fahrzeug aufzunehmen, auch wenn es ihm schwerfällt. Awraham erhebt seine Augen "und schaute, und siehe, drei Männer stehend bei ihm; als er sie sah, lief er ihnen entgegen" (V.2). Er sieht einen doppelten Anblick. Er sieht sie nicht nur da stehen, sondern versteht auch ihre Einstellung, nämlich dass sie ihm nicht zur Last fallen wollten. Von hier lernen wir ein weiteres Prinzip der Gastfreundschaft: Einer zu sein, "wer sich des Armen annimmt" (Psalm 41,2), seine Bedürfnisse zu erkennen und zu verstehen, auch wenn er nach außen hin das Gegenteil demonstriert. Als er die Gäste ausgemacht hat, reagiert er schnell und flink: "..lief er ihnen entgegen von der Türe seines Zeltes" (Gen. 18,2). Die Geschwindigkeit zeugt von gutem Willen, hoher Motivation und aktiver Solidarität; nicht wie jemand, der sich verpflichtet fühlt. Die erste Begegnung Awrahams mit seinen Gästen löst allerdings erstmal Verwunderung aus: "und beugte sich zur Erde und sprach: Herr" (V.2-3). Wer tut hier wem einen Gefallen? Er seinen Gästen, oder seine Gäste ihm? Wer sollte wem Ehre erweisen? Es liegt in der Natur der Dinge, dass der Gast dem Gastgeber zu Dank verpflichtet ist, doch Awraham, der das "Ebenbild G~ttes" in jedem Menschen sieht, ehrt seine Gäste. "Wer wird geehrt? Der die Menschen ehrt" (Mischna "Sprüche der Väter" 4,1). Andere Kommentatoren beziehen das Wort "Herr" (adonai) nicht auf die Gäste, die drei Engel, sondern verstehen es als den heiligen Namen G~ttes, an den er sich inmitten prophetischer Offenbarung wendet. Awraham bittet G~tt, etwas zu warten und die prophetische Verbindung nach der Bewirtung der Gäste wieder aufzunehmen. Nur Wenigen ist jemals direkte prophetische Vision vergönnt, und selbst die Propheten erzielten sie nicht zu jeder Zeit. Awraham aber, nachdem ihm so ein seltenes Verdienst zuteil wurde - die Prophetie - verzichtet darauf zugunsten seiner Gäste, und achtet nicht einmal auf die Ehre G~ttes, den er zu warten bittet... Daraus folgerten die talmudischen Weisen, "die Gastfreundschaft ist bedeutender als der Empfang der Göttlichkeit" (Schabbat 127a). Diese Feststellung hat keineswegs nur ideellen Charakter, sondern vor allem gesetzlichen. In den Schabbat-, Feiertags- und Kaschrutgesetzen gibt es viele Verbote, die aber wenn nötig "zum Nutzen der Gäste" aufgehoben werden. Entsprechend gibt es einen interessanten Gesetzentscheid der "Mischna Brura" (Autor: der sog. Chafez Chajim, Rabbi Israel Meir Hakohen aus Radin, Erläuterungen zum "Schulchan Aruch"; O.C. §271,1[1]). Nachdem es dort heißt, wenn man am Freitagabend vom Gebet nach Hause kommt, aber noch nicht hungrig ist, könne man mit dem Kiddusch warten, bis man Appetit hat, geht es weiter: "Wenn aber dadurch der Hausfrieden betroffen wird, oder wenn sich in seinem Haus Bedienstete oder sonstige Gäste befinden, speziell Arme - warte er unter keinen Umständen, denn weil sie von ihm abhängen, darf er sie nicht warten lassen, nur weil er das Gebot auf bevorzugte Weise erfüllen will". Und in seinem Buch "Ahawat Chessed" führt der Chafez Chajim einen Meinungsstreit an, inwieweit das Gebot der Gastfreundschaft das Gebot des Torastudiums verdrängt. Awraham wendet sich seinen Gästen zu: "Es werde nur ein wenig Wasser geholt, dass ihr eure Füße waschet, und ruhet aus unter dem Baume" (V.4). Awraham entdeckt mit großem Gespür alle Bedürfnisse seiner Gäste: Nicht nur die minimalen Dinge, wie Nahrung und Schlaf, sondern auch "Luxus" wie Waschen und leichte Ruhe im Schatten des Baumes. Die talmudischen Weisen berichten von einem weiteren Zweck des Fußbads. Awraham dachte, seine Gäste seien sicher Arabier, die sich vor dem Staub ihrer Füße verbeugen, und wollte diesen Götzendienst unterbinden, bevor sie sein Zelt betraten. Auch heute kann man manchmal Gäste beherbergen, die einem nicht bekannt sind, teilweise in moralischer Hinsicht zweifelhafte Typen, oder Leute, die die Gebote nicht einhalten. Einerseits beherbergt sie Awraham in seinem Haus, andererseits "wäscht er ihnen vorher die Füße", damit sie nicht in sein Haus bringen, was er nicht in seinem Haus haben will. Das Wasser dazu lässt Awraham von einem Dienstboten bringen, "Es werde nur ein wenig Wasser geholt", von wem auch immer. Den Hauptbestandteil der Mahlzeit, das Brot, bringt er jedoch höchstpersönlich: "und ich will ein Stück Brot holen, und labet euer Herz" (V.5). Von hier lernten die Weisen, wie für jedes andere Gebot auch: "Persönlich ist es g~ttgefälliger als durch einen Beauftragten" (Kiduschin 41a). "Und Awraham eilte ins Zelt zu Sara, und sprach: Eile, drei Maß Kernmehl knete und mache Kuchen" (V.6). Manchmal ist der Gast hungrig, und man sollte sich beeilen, ihm etwas vorzusetzen, damit er seinen Hunger stille. Dann erfüllt Awraham auch selbst, was er von anderen verlangt: "Und zu den Rindern lief Awraham, und nahm ein junges Rind, zart und gut... und eilte es zuzubereiten" (V.7). Allerdings macht Awraham nicht alles selber. Die weitere Zubereitung des Fleisches überlässt er seinem Sohn Jischma'el - "und gab es dem Knaben" (ebda.). Das soll jenen zum Erfüllen der Gebote erziehen. Gastfreundschaft ist keine persönliche "Macke" von Awraham. Die ganze Familie wird an der Aktion beteiligt, und die Kinder werden diese Atmosphäre mitnehmen, wo immer sie in Zukunft hingelangen werden. Gegen Ende des Tages ziehen
die Gäste ihres Weges, "und Awraham ging mit ihnen, sie zu geleiten"
(V.16). Dazu schrieb Maimonides (Trauergesetze 14,2): "Der Lohn des Begleitens
ist am größten, und das ist das Gesetz, das unser Vorvater Awraham
erließ und sein Brauch der Mildtätigkeit - beköstigt Reisende
und tränkt sie, und begleitet sie. Und 'bedeutender ist die Gastfreundschaftt
als der Empfang der Göttlichkeit'... und ihre Begleitung mehr als
die Gastfreundschaft...".
In einer der vorigen Ausgaben (Nr. 636, Schabbat Chol Hamo'ed Sukkot) sprachen wir über chassidische Geschichten. Ich schrieb, dass meiner bescheidenen Meinung nach die meisten Geschichten über wunderbare Gerechte die Hauptperson in ihrem vollkommenem Zustand beschreiben und den viel wichtigeren Teil ihres Lebensweges verheimlichen, den Abschnitt des Wachsens und der Auseinandersetzungen, wo der Betreffende seine Hartnäckigkeit bewies, die ihn auf seine hohe Stufe beförderte. Eine Schilderung dieses Weges würde uns sicher zum Erwerb passender Mittel für unser eigenes Leben ermuntern. Nach der Veröffentlichung meines Artikels wiesen mich teure Freunde auf einen Brief von Rabbiner Jizchak Hutner hin, dem Verfasser des Werkes "Pachad Jizchak", der sich mit unserem Thema befasst. Der Brief erscheint hier fast in voller Länge, und die Dinge sprechen für sich selbst: Mein lieber Herzensfreund, Frieden und Segen! Dein Brief gelang in meine Hände, und deine Worte gelangten in mein Herz. Es gibt bei uns ein großes Übel, wenn wir uns nämlich mit den Aspekten der Vollkommenheit unserer großen Weisen beschäftigen, behandeln wir den Endpunkt ihres noblen Ranges. Wir erzählen von ihrem perfekten Verhalten, während wir die inneren Kämpfe in ihren Seelen auslassen. In unseren Gesprächen über die Größen entsteht der Eindruck, als ob sie in jener Vollkommenheit und mit all ihren guten Eigenschaften der Hand ihres Schöpfers entsprangen. Man erzählt von, staunt über und preist die Reinheit der Rede des "Chafez Chajim", wer aber weiß von all den Kriegen, Kämpfen, Hindernissen, Fehl- und Rückschlägen, die der Chafez Chajim in seinem Kampf mit dem bösen Trieb erlitt? - und das ist nur ein Beispiel von tausenden. Einem Verständigen wie dir reicht ein einzelnes Beispiel, um das Prinzip zu erfassen. Die Konsequenz: Ein geistig beweglicher, interessierter und idealistischer Jugendlicher findet bei sich selbst Hemmungen, Versagen und Absinken, und darum hält er sich im "Lehrhause G~ttes" für fehl am Platze. In der Einbildung dieses Jugendlichen bedeutet das Studium in der Jeschiwa nämlich ein seelenruhiges Spazieren auf den geistigen Weiden an den plätschernden Wassern der Tora in Genuss seines guten Triebes, ganz so, wie die Frommen den Glanz der göttlichen Präsenz genießen, mit Kronen auf ihren Häuptern bei ihrer Festsitzung im Garten Eden, und sich andererseits nicht vom Stürmen des bösen Triebes erzürnen lassen, wie es heißt: "Unter Toten ist mein Lager" (Psalm 88,6). Wisse aber, mein Freund, dass die Wurzel deiner Seele nicht beim Ausruhen auf den Lorbeeren des guten Triebes zu finden ist, sondern ausgerechnet bei seinem Kampfe, und dein teurer und offenherziger Brief bezeugt wie hundert Zeugen, dass du wirklich ein verlässlicher Kämpfer mit den Truppen deines guten Triebes bist. Es ist ganz normal, dass man eine Schlacht verliert, Hauptsache, man gewinnt den Krieg. Wenn man einmal verliert - und das kann dir immer wieder passieren - bedeutet das nicht, dass man nun dem Unglück verfällt. Vielmehr verspreche ich dir, selbst wenn du auf allen Gebieten einmal versagst, wirst du aus dem Krieg mit reicher Beute hervorgehen. Der weise König Schlomo sagte: "Der Gerechte fällt siebenmal und erhebt sich" (Sprüche 24,16), die Dummen glauben, hier soll zusätzlich gelehrt werden, obwohl der Gerechte siebenmal fällt, so erhebt er sich dennoch. Die Verständigen wissen jedoch ganz genau, dass die Absicht des Verses auf das Wesen der Erhebung des Gerechten abzielt, die ihm aus dem siebenmaligen Fallen erwächst. "..und sah alles, was er gemacht, und siehe, es war sehr gut" (Gen. 1,31) - gut ist der gute Trieb, sehr ist der böse Trieb. Mein Bester, ich drücke dich an mein Herz und flüstere dir ins Ohr: Wenn dein Brief von deinen Mitzwot und guten Taten erzählt hätte, würde ich sagen, ich habe einen guten Brief erhalten. Wo nun dein Brief aber von Schwächen, Versagen und Schwierigkeiten erzählt, sage ich, ich habe einen sehr guten Brief erhalten. Dein Geist befindet sich in Aufruhr, weil du einer von den Großen werden willst. Tu mir einen Gefallen, stelle dir nicht die Größe der ganz großen Weisen in deiner Einbildung vor, als wären sie und ihr guter Trieb eins. Vielmehr stell dir ihre Größe als einen stürmischen inneren Krieg gegen alle niederen und primitiven Neigungen vor. Wenn du in deinem Innern den Sturm des Triebes spürst, wisse, dass du damit viel mehr den Großen ähnelst als in dem von dir angestrebten Zustand innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Gerade dort, wo dir die meisten Schwächen begegnen, bietet sich dir die beste Gelegenheit zur Auszeichnung in den Augen G~ttes. Du willst mir sicher nicht vormachen, du entwickeltest dich nur zum Guten, wo du wirklich nur 'so-und-so' bist, und noch so und noch siebenmal so. Und was soll ich mit diesen siebenmal anfangen. Für mich bedeutet die grundlegende Arbeit, dass du im vergangenen Winter ein beachtliches Wissen über die Geldschädigungen erworben hast. Du hast das behandelte Traktat mehrfach durchgearbeitet. Du wirst das nicht abstreiten, das ist die entscheidende Tatsache. In dieser Tatsache liegt das Geheimnis des Sieges im Kampf gegen deine Triebe verborgen. Du hattest geschrieben: "Niemals werde ich den Willen zum Erfolg und stetigem Aufstieg, der in mir war, vergessen - schade drum, ich bin leider ein hoffnungsloser Fall". Ich weiß nicht wie du dich erdreistest und eine lebendige Wirklichkeit ableugnest, konntest du denn nicht einen Aufstieg nach dem anderen verbuchen, seitdem du das Lehrhaus betratest?! Ich kenne dich gut genug um zu wissen, dass du keine solche Dreistigkeit besitzt. Vielmehr liegen die Dinge folgendermaßen: Wenn du findest, dass dich dein böser Trieb überwältigt, so glaubst du schon ganz dumm und naiv, alle Hoffnung sei verloren. Das ist einfach lächerlich. Ich teile deine Leiden, doch diese Leiden an sich sind ein Nährboden für Größe. Ich habe mir dein Gesicht angeschaut, wie du im Studium der Halacha vertieft warst und wie du bei den Vorlesungen zuhörtest. Ich sah dein Gesicht am siebten Tag von Pessach. Bei all diesen Gelegenheiten sah ich dir im Gesicht geschrieben: "und am Ende kommt die Ehrung" (Nedarim 62a). Der Pfad der Ehre führt nicht über ebnes Land, der Pfad der Ehre windet sich "wie eine Schlange auf dem Wege, eine Otter auf dem Pfade" (Gen. 49,17). Fühlst du das Gift der "Schlange" in dir? Sie wird dich in die Ferse stechen, und du wirst ihren Kopf zermalmen (siehe Gen. 3,15). Ich hielt es für richtig, dir diese Dinge schriftlich vorzulegen, damit sie dir in jedem Bedarfsfalle zur Verfügung stehen. Darum versteht sich von selbst, dass ich mich nur auf die allgemeine Richtung beziehe. Bestimmte Einzelpunkte sollten wir lieber unter vier Augen besprechen. Du gehörst doch ins Lehrhaus! In Anteilnahme an deinen
Leiden, im Vertrauen auf deinen Sieg und in Gebet für deinen Erfolg,
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Neu! Wir freuen uns,
zusätzlich zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines
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