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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHEMOT
Nr. 648
20. Tewet 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 1,1 - 6,1):
Vermehrung und Ausbreitung der Kinder Israels über ganz Ägypten; neuer Pharao "vergißt" Josef und unterdrückt die Israeliten; Tötung der neugeborenen Söhne; Moschehs Geburt; adoptiert von Pharaos Tochter; Moscheh tötet den ägyptischen Schläger; flieht nach Midian und heiratet Jitros Tochter; G~tt schickt ihn zurück, um die Kinder Israels zu befreien; Beschneidung seines Sohnes auf dem Wege; Begegnung mit seinem Bruder Aharon; Audienz beim Pharao; Verschärfung der Sklaverei; Protest der Israeliten gegen Moscheh und Aharon.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Der kleine Bruder

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Die Beziehungen zwischen Brüdern, über das ganze Buch Genesis/Bereschit hinweg, tragen einen Krisencharakter bis hin zur Tragödie. Wieder und wieder erleben wir das Ritual, dass der kleine Bruder erwählt wird und den Erstgeborenen beiseite drängt. Der Erstgeborene, bis auf die Knochen beschämt ob seiner Zurückweisung, will sich an seinem jüngeren Bruder rächen, und es folgt ein unbarmherziger Bruderkrieg.

Manchmal endet der Streit in Mord und Totschlag, so wie der Mord an Hewel ("Abel"), dem auserwählten Sohn, durch die Hand seines großen Bruders Kain. Manchmal kommt es zu einer ausdrücklichen Morddrohung, so wie bei Eßaw - "es werden herankommen die Tage der Trauer um meinen Vater, dann will ich erschlagen Jakov meinen Bruder" (Gen. 27,41). Manchmal eskalieren die Dinge nur bis zu einer versteckten Morddrohung wie bei Jischma'el, der mit seinem Halbbruder Jizchak gefährliche Spiele treibt, um ihn zu töten. Den schwersten Fall finden wir beim Streit zwischen Josef und seinen Brüdern, dort scheint es, als ob der kleine Bruder seine großen Brüder aus der Familie treiben will, die mit einem Überlebenskampf reagieren, der zu dem Ausspruch führt: "Und nun kommt und lasst uns ihn erschlagen... und wir wollen sehen, was aus seinen Träumen wird" (Gen. 37,20).

Nicht immer standen Brüder in solch tragischen Beziehungen. Von den drei Söhnen Noachs war Jefet zwar der älteste, Schem hingegen der auserwählte Bruder. "G~tt breite Jefet aus und wohne in den Zelten Schems" (Gen. 9,27). Wir wissen von keiner einzigen Klage Jefets gegen die Bevorzugung seines jüngeren Bruders. Auch Menasche, der Erstgeborene, der zugunsten seines kleinen Bruders Efrajim übergangen wurde, liess keine Bitterkeit darüber aufkommen. Die vielleicht schwerste Prüfung erlebte unsere Stammmutter Rachel, die sich mit der Tatsache abfinden musste, dass auch ihre große Schwester Lea mit Jakov, ihrem Mann, verheiratet wurde; und nicht nur das, Lea war es zudem vergönnt, vor ihr eine ganze Reihe Söhne zur Welt zu bringen, und dann wurde sie nach und nach zur bedeutendsten von Jakovs Ehefrauen. Das war keine leichte Prüfung für Rachel, und es heißt sogar: "Da beneidete Rachel ihre Schwester"(Gen. 30,1); doch trotz all dieser seelischen Belastung hütete sich Rachel vor einer Verletzung ihrer Schwester; nach den talmudischen Weisen übergab sie ihr sogar die mit Jakov verabredeten Geheimzeichen, damit die Brautvertauschung nicht vorzeitig unter Leas Bloßstellung bekannt wurde.

Auch der Wochenabschnitt Schemot hat das Potential für eine Tragödie. Aharon, der älteste Sohn Amrams, der schon lange als Prophet fungierte, wurde zur Räumung der Führungsposition zugunsten seines kleinen Bruders genötigt. Aharon hätte wirklich allen Grund gehabt, auf seinen Bruder Moscheh eifersüchtig zu sein. Auch wenn er seine Gefühle bezwang und seinen Neid nicht vor aller Öffentlichkeit zur Schau stellte, so blieb er doch der große Bruder. Prophet war er schon seit langem. Bereits seit Jahrzehnten begleitete er das Volk in Ägypten durch all seine Leiden, während Moscheh das Prinzenleben im Palaste Pharaos genoss oder sich weit weg in Midian aufhielt. Doch nicht die geringste Eifersucht rührte sich in seinem Innern. 

In Wirklichkeit befürchtete Moscheh durchaus eine Eifersucht von seiten Aharons. Als er zu G~tt sprach: "Bitte sende, durch wen du sonst senden magst!" (Ex. 4,13), spielte er auf seinen Bruder Aharon an, den älteren, den begabteren, den erfahreneren und den für diese Mission würdigeren. Doch G~tt beruhigte ihn: "Ist da nicht Aharon, dein Bruder, der Levite, ich weiß, dass er reden kann, und siehe, er wird ausziehen dir entgegen, und dich sehen und sich freuen in seinem Herzen" (V.14). Nicht nur, dass Aharon ganz offensichtlich zur Zusammenarbeit bereit ist, indem er dir öffentlich entgegen geht, er freut sich darüber sogar in seinem Herzen, im Verborgenen. Und da wir doch die Windungen und die Triebe der menschlichen Seele kennen, fragen wir uns - woher nahm Aharon die Kraft dafür? Dazu gibt es mehrere Antworten:

Die erste liegt in Aharons mildem Charakter begründet: "der den Frieden liebte und dem Frieden nachjagte" (Mischna "Sprüche der Väter" 1,12). Wer den Frieden liebt wird nicht um jeden Preis auf sein Recht und seine Wahrheit pochen. Er ist bereit, jeder der Kampfparteien versöhnliche Worte der anderen Seite zu übermitteln, um Frieden zu stiften, auch wenn diese gar nicht so geäußert worden waren. Er bittet jede Seite, ihr vermeintliches Recht nicht bis zum letzten i-Tüpfelchen einzufordern, damit der Frieden zwischen den beiden Parteien einziehen kann. Und Aharon gab nicht nur anderen gute Ratschläge, sondern befolgte sie auch selber. Er schloss nicht nur Frieden, sondern liebte den Frieden in Wahrheit.

Die zweite Antwort finden wir im Charakter von Moscheh. Wenn der erwählte Bruder so sensibel ist für die Gefühle des anderen, der sein Erstgeburtsrecht verlor, bis hin zum Verzicht auf diesen ehrenvollen Posten, dann wird er damit eine passende Reaktion bei seinem Bruder auslösen. "Wie Wasser Angesicht dem Angesicht, so (zeigt) das Herz einem dem anderen" (Sprüche 27,19).

Die dritte Antwort beruht auf der Größe der Stunde. Kein unbedeutender Tag, sondern ein Tag der Erlösung. Wenn es um die Erlösung des jüdischen Volkes geht, rückt das "Ego" beiseite. Wenn die Grube voller Wasser ist, voll idealistischer Tatkraft, hat sie keinen Raum für alle möglichen "Schlangen und Skorpione" [Anspielung auf die Grube, in die Josef von seinen Brüdern geworfen wurde]. So wie der Streit der Brüder das Volk nach Ägypten beförderte, bringt der Frieden unter den Brüdern die Botschaft der Erlösung.

Folgen wir den talmudischen Weisen, indem wir aus dem Buch der Psalmen zitieren: 
"Ja, nahe denen, die ihn fürchten, ist sein Heil, dass Herrlichkeit wohne in unserem Lande. Gunst [Aharon] und Wahrheit [Moscheh] begegnen, Recht [Moscheh] und Frieden [Aharon] küssen sich. Wahrheit sprosst aus der Erde, und Recht schaut von Himmel hernieder. Gewiss gibt der Ewige das Gute, und unser Land gibt seinen Ertrag" (Psalm 85,10-13).
Hine ma tov uma na'im, schewet achim gam jachad - siehe, wie schön und lieblich ist's, wenn Brüder zusammen wohnen" (Psalm 133,1).
 
 
 
HaRav Engelmann

Züchtigkeit, Schweigsamkeit, Innerlichkeit

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Züchtigkeit (Zniut; auch Bescheidenheit, Keuschheit) - die Zeit ist reif, die Ehre dieser Eigenschaft einzufordern. Von erhabener Höhe edelster Eigenschaften sank die Züchtigkeit auf ein Niveau technisch-praktischer Definitionen. Man sollte meinen, die Züchtigkeit hänge bloß von bestimmten Maßen bei der Kleidung ab, als ob sie ihre enge Welt nur mit Kniestrümpfen teile, mit einer bestimmten Ärmellänge und Höhe des Rocksaums. Ich möchte hier um G~ttes Willen nicht an den Grenzen der Züchtigkeit rütteln, die uns unsere Weisen lehrten, aber die Beschränkung des Begriffes der Züchtigkeit ausschließlich auf den Kleiderschrank bedeutet das Verpassen einer ganzen reichhaltigen Welt, die höchstens in ein ungünstiges Licht gerückt wird. Je mehr wir mit dem Wesen der Züchtigkeit nach seiner tieferen und weiteren Bedeutung vertraut werden, wird uns das freudige Verständnis der gesetzlichen Begriffe leichter fallen, die ohne vertiefende Betrachtung dazu angetan sind, als freiheits- und Menschenrecht beschränkend aufgefasst zu werden, besonders das Recht der Frau, sich nicht vor sich selbst schämen zu müssen.

Schweigsamkeit - Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch die Eigenschaft der Schweigsamkeit von der Verschwiegenheit befreien... In einer von Gerede durchwirkten Welt, reich an Frequenzen und den verschiedensten Massenmedien, ruft das Recht auf Schweigen lediglich Assoziationen mit dubiosen Verhörmethoden hervor. Alle schwingen ihre Zunge ohne Unterlass, reden und reden, Reden ist Silber, Reden verpflichtet zu nichts. Die Massenmedien zerren alles an die Öffentlichkeit, immer mehr, und das Schweigen... wird als Schwäche ausgelegt, als Mangel an Klugheit, denn jeder, der etwas zu sagen hat, wird sich doch wohl nicht fürs Schweigen entscheiden.

Rachel - "Wegen der Züchtigkeit Rachels war es ihr beschieden, dass Scha'ul von ihr hervorging. und wegen der Züchtigkeit Scha'uls war es ihm beschieden, dass Esther von ihm hervorging" (Megilla 13b). Der Midrasch identifiziert Rachel als erstes Glied einer Kette von züchtigen Leuten. Man hätte erwarten können, dass der Midrasch ihre Züchtigkeit der Tatsache entnimmt, wie sie sich mit Hilfe ihres Sohnes Josef vor den Augen Eßaws des Bösewichts verbarg, doch sieht der Talmud ihre Züchtigkeit gerade in der Übergabe der Geheimzeichen, die Jakov mit ihr am Vorabend der Chuppa vereinbart hatte, an ihre Schwester Lea. Die Übergabe der Geheimzeichen bedeutete eine edle Tat, ein schwer zu ergründender Akt der Barmherzigkeit, doch warum wird er als "züchtig" bezeichnet?

Auch Scha'ul wird zu den Züchtigen gerechnet, und als deren Ausdruck hätte der Midrasch sein "sich Verbergen bei den Geräten" (Schmu'el I, 10,22) zitieren können, oder die Tatsache, dass er nicht eine Handbreit seiner Haut entblößte, doch wählt der Midrasch als Ursprung seiner Züchtigkeit eine andere Begebenheit: "Worin bestand die Züchtigkeit Scha'uls? Es heißt: Was aber Schmu'el in Betreff des Königtums gesagt hatte, das verriet er ihm nicht" (Schmu'el I, 10,16; Megilla 13b). Auch in Bezug auf Esther ignoriert der Midrasch den offensichtlichen Ausdruck ihrer Züchtigkeit: "..forderte sie nichts" (Esther 2,15), sondern bezieht sich auf den Vers: "Esther hatte nicht ausgesagt ihre Herkunft und ihr Volk (2,20). 

Geheimnis - Eine weitere Betrachtung dieses Midraschs offenbart uns den gemeinsamen Nenner all dieser Geschichten, die der Midrasch mit "Züchtigkeit" in Verbindung bringt, nämlich die Fähigkeit, ein Geheimnis zu bewahren, die Fähigkeit zu schweigen. Für viele von uns ist das Hüten eines Geheimnisses eine schwierige Aufgabe. Wir tun uns schwer, in unserem Innern eine beunruhigende Nachricht zu halten, und manchmal möchten wir durch die Offenbarung eines Geheimnisses den Status des "Eingeweihten" erlangen. Zur Wahrung eines Geheimnisses brauchen wir eine reichhaltige "Innenwelt", die ohne weiteres solche Dinge aufnehmen kann, ohne das Bedürfnis, sie zu offenbaren und sich hervorzutun. Der Schweiger ist nach dem Midrasch der Inbegriff des Züchtigen, ein Mensch, dessen Welt so reichhaltig ist, dass er sie verbergen kann.

Rachel legt also eine unfassbare Eigenschaft der Barmherzigkeit ihrer Schwester gegenüber durch die Übergabe der Geheimzeichen an den Tag, doch nicht weniger zählt die Art und Weise, wie sie während der ganzen Hochzeit als Schwester der Braut fungiert; sicher hört sie von den Gästen tröstende Worte nach dem Motto "bald bist auch du an der Reihe", und wer weiß wie sie, wie nahe sie der Sache schon war... Sie beobachtet Jakov, auf den sie sieben Jahre lang gewartet hat, wie er Lea unter seine Fittiche nimmt - und schweigt dazu! Sie weiß, dass sie mit einem Atemzug das ganze Manöver aufdecken und Jakov zu sich zurückbringen kann, doch findet sie in ihrer innerlichen Welt eine unerschöpfliche Weite, dieses Geheimnis zu bewahren und zu schweigen.

Scha'ul erlebt eine Umwälzung seines Lebens, als zukünftiger König - und sucht Eselinnen, trägt die sensationelle Botschaft in seinem Herzen und verrät sie nicht einmal seinem Begleiter, seinem Vetter. Genau so Königin Esther, die unter enormen Druck aus dem Hause Achaschwerosch steht, doch bleibt sie fest, gibt weder ihr Volk noch ihre Heimat bekannt - sie verdunkelt die Tatsache! Der Midrasch Esther raba fügt ein weiteres Glied in die Kette der Schweiger/Züchtigen - Benjamin, dessen Edelstein, sein Stammessymbol im Brustschild des Priesters "jaschfe" (Ex. 28,20) heißt, was im Midrasch als "jesch pe: er hat einen Mund - und schweigt" ausgelegt wird. Benjamin wusste, dass seine Brüder Josef verkauft hatten, doch ließ er nichts davon durchdringen.

Innerlichkeit - die Eigenschaft der Züchtigkeit, so wie auch die Schweigsamkeit, ist eine Eigenschaft der Innerlichkeit. Je reichhaltiger und weiter die innere Welt eines Menschen ist, umso kleiner wird sein Bedürfnis, jederzeit kleine Bestätigungen von der Außenwelt zu seinem Wert zu erhalten. Er hält sich im Hintergrund, er schweigt, und trotzdem lebt er in voller Intensität, voll geistiger Inhalte. Im Gegensatz dazu wird ein Mensch versuchen, je mehr Leere und Mangel er in seinem Innern fühlt, den leeren Raum durch Beziehungen von außen anzufüllen, durch endloses Gerede und dem ständigen Heischen nach Aufmerksamkeit in seiner Umgebung. Solange sich der Mensch selbst als minderwertig einschätzt, werden seine Ausdrücke von Intro- und Extrovertiertheit immer extremer. Vielleicht entscheidet er sich für ein vollständiges Verschwinden von der Bildfläche, aus Scham über seine Innenwelt, oder aber für extrem extrovertiertes Erscheinen, indem er fortwährend ausruft: Hoppla, jetzt komm ich!

Die Gesetze von der Züchtigkeit verlangen nicht danach, aufgrund einer Weltanschauung von Scham über den menschlichen Körper den Menschen in Kleidung zu verstecken, sondern beruhen auf dem Willen, eine Öffnung zu schaffen, eine Art Tor zu seiner inneren Welt, die nicht die ganze Zeit mit dem Maßstab von außen betrachtender Augen gemessen wird. Ein Tor zur Welt des Schweigens, dessen Wert größer ist als alles, was Worte ausdrücken können, ein Tor zu einer züchtigen und innerlichen Welt, mit der sich keine Offenlegung messen kann. 
 
 

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