DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHOFTIM
Nr. 683
6. Elul 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 16,18-21,9):
Regierung: Richter, König, Priester, Propheten; Warnung vor Götzendienst, Erkennen und Bestrafen desselben - Zeugen; Wiederholung Totschlägergesetze, -städte; Betrug durch Verschieben von Landmarkierungen; intrigierende Zeugen; Gesetze der Kriegführung; Gebot der Vernichtung der Kana'aniter; die Leiche im Feld/Mörder unbekannt.
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Mörder ohne Absicht

Rav Se'ev Karov 
Leiter der Jeschiwa in Karnej Schomron

Diese Überschrift klingt ein wenig seltsam und scheint sogar einen inneren Widerspruch zu enthalten... Wie kann es angehen, dass jemand etwas "ohne Absicht" tut und dennoch "Mörder" genannt wird? Ist ein Mörder denn nicht jemand, der einen Menschen absichtlich umbringt?

Da lehrt uns also die Tora, dass auch jemand, der nicht töten wollte, der noch nicht einmal irgend jemanden schädigen wollte, doch die Tötung eines Menschen verursachte, ein "Mörder" genannt wird. "Jeder, der die Seele eines Menschen von Israel tötet, übertritt ein Verbot, wie es heißt: Du sollst nicht morden" (Maimonides "Mischne Tora", Gesetze vom Mörder und dem Hüten der Seele, 1,1; nach Ex. 20,13, Dt. 5,17). Die Tora lehrt, wie sehr bedeutend ein Menschenleben ist und wie weit die Verantwortung des Menschen reicht, selbst unabsichtlich kein Menschenleben zu nehmen. "Jeder, der ohne Absicht tötete, wird von seinem Ort an eine der Zufluchtstädte verbannt" (MT, ebda., 5,1). Der "Mörder ohne Absicht" erhält nicht nur den Titel "Mörder", er muss auch seinen Wohnort verlassen und ins Exil in eine der Zufluchtstädte gehen. Er muss in eine Stadt umziehen, die den eindeutigen Titel "Zufluchtstadt" trägt. Warum berücksichtigt die Tora nicht die Tatsache, dass er ohne Absicht tötete? Warum berücksichtigt die Tora nicht die Gewissensbisse dieses Totschlägers?

Wenn wir uns einmal die Urteile der Gerichte in unserem Lande ansehen, stellen wir sogleich fest, dass die Strafen für Totschläger sehr milde bis lächerlich leicht ausfallen. Wer bei einem Verkehrsunfall ohne Absicht den Tod eines Anderen verursachte (allerdings nicht in dem Fall, wenn der Unfall unvermeidbar war), oder wenn sich beim Prüfen der Waffe ein Schuss löste und jemanden traf, diese und ähnliche Fälle erhalten "unter Berücksichtigung der Umstände" einige Monate Sozialdienst oder Geldstrafen. In ganz seltenen Fällen hört man von einem Jahr Freiheitsentzug für einen Totschläger. So eine Strafe wird nur bei grober Fahrlässigkeit verhängt.

Diese Einstellung rührt anscheinend von christlichen Einflüssen auf die Rechtsprechung her. Nach dieser Weltanschauung ist die Welt "eine Nummer zu groß" für den Menschen, er kann sich wirklich nicht mit ihr auseinander setzen und seine Triebe und menschlichen Schwächen beherrschen. Der Mensch ist in dieser Welt ein bemitleidenswertes Geschöpf, und nur Vergebung und Nachgeben können ihn aus dem Sumpf retten, der "diesseitige Welt" genannt wird. Das Christentum ist eine nachgiebige Religion, weil sie vom Menschen keinen Erfolg bei der Reinigung der Welt und der Überwindung des Bösen in ihr erwartet. 

Die Weltanschauung der Tora ist in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil. Der Mensch kann die negativen Seiten seines Lebens überwinden. G~tt machte den Menschen grade, und es liegt an ihm, kleinliche Berechnungen abzuweisen. In allen Zeitaltern zeigten viele Juden, dass der Mensch sich überwinden und gerade und rein sein kann. Darum kann man vom Menschen Verantwortlichkeit für sein Leben verlangen, und auch für Dinge, die er ohne Absicht verursacht. Das Vergießen menschlichen Blutes ist ein schweres Vergehen am Schöpfer der Welt, "denn im Bilde G~ttes hat er den Menschen gemacht" (Gen. 9,6). Der Mensch ist die höchste Offenbarung des Schöpfers der Welt. Der Mensch hat die Aufgabe, für die Ehre G~ttes in der Welt und die Heiligung seines Namens zu sorgen. Diese Aufgabe liegt im Verantwortungsbereich des Menschen, und er kann es auch schaffen.

Die schwere Strafe für den Totschläger ist das Ergebnis der Erkenntnis von der Wichtigkeit des Lebens und der Pflicht des Menschen, für seine Taten die Verantwortung zu tragen und mehrere Schritte im voraus ihre Auswirkungen zu bedenken. Es mag wohl sein, dass sich der "Mörder ohne Absicht" Gewissensbisse wegen seiner Tat macht, doch die kommen zu spät und reichen nicht aus.

Zur Zufluchtstadt muss auch der Lehrer des Mörders kommen, was uns lehrt, dass das Problem bei der Erziehung liegt. Es geht dabei nicht um einen zufälligen Fehlschlag. So ein Fehler offenbart sich zu einer Zeit, wenn der Mensch den Wert des Lebens nicht angemessen beurteilt und keine Verantwortung für seine Taten zeigt - ganz klar ein erzieherisches Problem, das mit der Erziehung des Menschen beginnt. Darum wird auch sein Rabbi ins Exil geschickt, und gemeinsam gehen sie ein neues Erziehungsprogramm durch.

Zur Zeit des Verfassens dieser Zeilen wurden in den vergangenen acht Monaten über 270 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet, und weitere tausend schwer verletzt. Zwar spricht man viel, und zu recht, von einer Erziehung zu Vorsicht und Verantwortung - doch ein Teil dieser Erziehung besteht in der Bestrafung. Aus einer lächerlich milden Bestrafung lässt sich folgern, dass Menschenleben wohl nicht so furchtbar wichtig sind, oder dass ein Mensch für seine absichtslosen Taten nicht verantwortlich ist, oder beides zusammen. 

Die Bestrafung muss radikal geändert werden, nicht nur, um eine Abschreckung zu bieten, sondern um der Wahrheit willen, denn so ist es recht. Wenn jemand mit schweren Geldstrafen und Sozialarbeit belegt werden würde, der in einem Jahr zwei schwere Verkehrsvergehen wie Überschreitung der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit oder verbotenes Überholen begangen hat, selbst ohne einen Unfall zu verursachen, wenn man für die unbeabsichtigte Verursachung eines Unfalls mit Verletzten ein Jahr Freiheitsstrafe und für einen tödlichen Unfall mindestens drei Jahre bekäme, wäre sofort der Wert eines Menschenlebens für alle klar, und welche Verantwortung auf dem Menschen lastet. 

"..und er soll in eine von diesen Städten flüchten und leben bleiben" (Dt. 4,42) - "Wenn sich einem Menschen von Israel so ein furchtbarer Fall ereignete, dass er einen Menschen ohne Absicht tötete, und seine Seele ihm sehr bitter ist bis dass er keinen Platz für sich auf der Welt findet, sagt ihm der Heilige, gelobt sei er: "so werde ich dir einen Ort einrichten, wohin er fliehen soll" (Ex. 21,13), in die Zufluchtstädte. Dort wird er Rettung und Ruhe finden. Wenn aber die Bitterkeit den Menschen nicht vollständig vereinnahmte und er immer noch ein kleines Plätzchen für sich findet - dann nehmen ihn die Zufluchtstädte nicht auf, und er hat dort keinen Platz" (Chiduschej HaRim, der Rabbi von Gur, lebte vor etwa 150 Jahren).
 
 
 
Kinder, Kinder...

Die Ehrung der Eltern (III)

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

[Fortsetzung von voriger Woche] Ehre und Gleichberechtigung

Die Welt vernachlässigte die Sitte von der Ehrung der Eltern und Lehrer u.a. wegen der heute verbreiteten Auffassung von Gleichberechtigung. Es wird kein Unterschied gemacht zwischen Klein und Groß, zwischen Eltern und ihren Kindern, alle sind gleich. Nach all den Jahren, in denen die Respektspersonen ihre Stellung zur Herrschaft über die Schwächeren ausnutzten, hatte die Welt genug von den Standesunterschieden und machte sich daran, sie zu nivellieren. Die Gleichberechtigung brachte großen Segen mit sich, und daneben versteckten Fluch - das Gefühl der Gleichberechtigung kann den Menschen zum Glauben verleiten, zwischen ihm und einem Größeren bestünde wirklich kein Unterschied, und darum lässt er sich von Niemandem eines Besseren belehren oder den Weg weisen. Eltern, die im Wert ihren Kindern gleichen, sollen sich nicht anmaßen, letztere erziehen zu wollen; ein Vater, der seinem Sohn gleichwertig ist, sage ihm nicht, was er zu tun oder zu lassen habe. 

Die Ehre erzeugt das Gefühl eines Gefälles zwischen dem Ehrbaren und dem Ehrenden. Dieses Gefälle ermöglicht dem Verehrer, etwas vom Ehrbaren zu erhalten, ihm zuzuhören und von seinen Taten zu lernen. Ganz allgemein vermittelt die Respektsperson den Eindruck, es gebe ein Fortkommen, ein erstrebenswertes Ziel. "Stets sage der Mensch: Wann reichen meine Taten an die Taten meiner Väter...". Ein Kind, das sich in allem seinen Eltern gleich fühlt, kann nicht die Eigenschaft der Demut ihnen gegenüber erwerben und verliert dadurch die Fähigkeit, von unten nach oben aufzublicken in dem Verlangen, etwas zu lernen. Das Gefühl der respektfreien Gleichberechtigung bringt Trotz und Frechheit mit sich, die ein Gefühl des Hochmuts bestärken, als ob sich der Mensch auf einem hohen Rang befände und niemanden brauche, ihm den rechten Weg zu weisen.

Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern ist eine wunderbare Sache, doch kann sie auch zu einem Verwischen der Unterschiede und der Kluft zwischen ihnen führen. Umarmung und Nähe erzeugen ein Gefühl der Gleichheit und der Vergleichbarkeit. Neben dieser Liebe muss man auch ein Gefühl der Ehrfurcht und des Respektes vor den Eltern bewahren, das dem Kind Verlässlichkeit signalisiert und Vertrauen auf die Älteren, begleitet von dem Wissen um die Existenz von Vorzügen bei ihnen, die es noch nicht besitzt. Deshalb ist das Kind angehalten, ihnen gegenüber eine gewisse Bescheidenheit zu zeigen. Wird dem Kind Respekt abverlangt, entwickelt es positive Charaktereigenschaften von Selbstsicherheit und Bescheidenheit und gewöhnt sich an die Erkenntnis, dass es Größere gibt. Schließlich eröffnet es sich eine beginnende Erkenntnis von der Existenz des Herrn der Welt, der sich weit über und jenseits seiner Begriffswelt befindet.

Ehre als Fortsetzung der Geburt

Eines der Probleme bei der Ehrung der Eltern liegt in dem Gefühl der überall herrschenden Zufälligkeit verborgen. 'Zufällig wurde ich gerade diesen Eltern geboren, doch ebenso gut hätte ich auch anderen Eltern geboren werden können. Gleich nach der Geburt beginnt mein eigenständiges Leben, und es besteht kein zwangsläufiger Grund, warum ich die ganze Zeit jemanden ehren soll, der mich doch nur per Zufall in die Welt brachte'.
In Wirklichkeit liegt der Fall anders. Alles wird von einer lenkenden Hand gesteuert, die entscheidet, wer bei wem zur Welt kommt. Wir erben unsere physischen Eigenschaften von unseren Eltern, ebenso wie einen nicht unerheblichen Teil unserer seelischen Strukturen. Es besteht eine ganz unabhängige Verbindung zwischen uns und unseren Eltern, wobei nicht nur von rein technischen Handlungen wie der Geburt die Rede ist, die ein Kind auf den Weg ins Leben schicken, ohne Rücksicht auf seine Erzeuger.

Rabbiner A.J.Kuk öffnete vor uns einen Spalt zur Welt des Verborgenen - so wie jeder seine physische Existenz seinen Eltern verdankt, ermöglicht die ihnen entgegengebrachte Ehre im Laufe des Lebens, von ihnen weiterhin zusätzliches Leben zu schöpfen, allerdings nicht im physischen, sondern im spirituell-seelischen Sinne: "So wie der Einfluss des Lebens zu Anfang von Vater und Mutter kommt, so mehrt die Ehrung von Vater und Mutter die seelische Verbindung an ihrem Ursprung hin zu den Sprösslingen des Mutterschoßes seitens ihres seelischen Wertes, mehrt das Leben. Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest (Ex. 20,12), und dieses lange Leben dient natürlich einer Welt, die ganz und gar gut und lang ist". 

Die physische Verbindung von Eltern und Kindern endet mit der Geburt. Von da an gilt ein wesentlich tieferer Aspekt des Lebens, der seelische Aspekt. Darum ist der Vater verpflichtet, seinen Sohn Tora zu lehren, und je mehr das Kind seinen Eltern Respekt erweist, wird es mehr und mehr Leben von ihnen erhalten, seelisches Leben.   n
 
 

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