DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 25,10-30,1):
Sonntag, 17. Tammus
- Fasttag
Wahrheit und Friede Im Gegensatz zu Pinchas, dem Manne der Wahrheit und des Eifers, der durch den Bund des Friedens von G~tt gemildert wurde, zeigt Aharon nur die Eigenschaft des Friedens, ohne die Eigenschaft des Eifers. Selbst auf die Bitte des Volkes, "mache uns Götter" (Ex. 32,1), reagiert Aharon in charakteristischer Friedfertigkeit und ereifert sich nicht. Nach dem Midrasch sieht es so aus, als ob Aharon zugunsten des Friedens auf die Wahrheit verzichtet: "Zwei Leute hatten Streit miteinander. Ging Aharon, setzte sich zu dem einen und sagte ihm: 'Mein Sohn, sieh was dein Nächster sagt, während sein Herz bricht und er seine Kleider zerreißt: Wehe mir, wie komme ich ihm nur wieder unter die Augen und zeige mich vor meinem Freunde, ich schäme mich so vor ihm, dass ich mich so schlecht ihm gegenüber verhalten habe'. So saß er bei ihm, bis er die Streitsucht aus seinem Herzen entfernt hatte. Dann ging Aharon zu dem anderen, setzte sich zu ihm und sagte: 'Mein Sohn, sieh was dein Nächster sagt, während sein Herz bricht und er seine Kleider zerreißt: Wehe mir, wie komme ich ihm nur wieder unter die Augen und zeige mich vor meinem Freunde, ich schäme mich so vor ihm, dass ich mich so schlecht ihm gegenüber verhalten habe'. So saß er bei ihm, bis er die Streitsucht aus seinem Herzen entfernt hatte. Als sich jene beiden wieder einmal begegneten, fielen sie einander um den Hals und küssten sich" (Awot deRabbi Nathan, 12,3). Diese wunderbare Friedensstiftung lässt sicher niemanden unbewegt, doch kann man sich schwerlich die Frage verkneifen: Was soll aus der Wahrheit werden? Man darf zwar zwecks Friedensstiftung von der Wahrheit abweichen, doch Aharon ignoriert sämtliche Tatsachen, äußert stattdessen anscheinend frei erfundene Dinge, und im Namen des Friedens bleibt die Wahrheit auf der Strecke... Schmeichelei und Ermahnung Im Buch der Sprüche leitet uns König Schlomo an: "Wer zum Schuldigen spricht: Du bist gerecht! den verfluchen Völker, verwünschen Nationen. Aber denen, die recht entscheiden, geht es wohl, und auf sie kommt der Segen des Guten" (24,24-25). Schlomo verurteilt strengstens, wer dem Bösewicht schmeichelt, die um ihn herum scharwenzeln und Lobeshymnen auf ihn singen. Die Schmeichelei ist so schäbig, dass "Wer zum Schuldigen spricht: Du bist gerecht!" den Ekel aller Völker erregt. Der Redliche hingegen, der Mensch der Wahrheit, der dem Bösewicht ins Gesicht sagt, wie abstoßend seine Taten sind, erhält den "Segen des Guten". Allem Anschein nach steht doch eine Persönlichkeit wie Pinchas nicht gerade im Einklang mit Schlomos Versen, da er dem Bösewicht sagt, er sei ein Bösewicht, während Aharon den anderen Weg geht und dem Bösewicht sagt, wie schön seine Taten seien. Rabbiner Jakov Emden (Rabbiner in Altona vor ca. 250 Jahren, Sohn des "Chacham Zwi") legte die tiefere Bedeutung dieser Geschichte offen. Nach seinen Worten enthält der Ausspruch gegenüber dem Bösewicht "Du bist gerecht!" zwei Bestrebungen. Der Eine spricht so, weil er der Macht der Bosheit nicht gewachsen ist, und über ihn heißt es: "den verfluchen Völker, verwünschen Nationen". Der Andere sagt es, weil er den Bösewicht erziehen und ihn von seinem Wege abbringen will. Er weiß ganz genau, dass er einen Bösewicht vor sich hat, er will gar nichts vertuschen oder beschönigen. Doch in der Bestrebung, sein Ziel zu erreichen, sagt er: "Ich weiß, dass du in deinen eigenen Augen ein Bösewicht bist, als solchen sehen dich alle an, auch du selber glaubst schon nicht mehr an deine eigenen Kräfte, diesen Zustand zu ändern, ich aber sage dir klipp und klar: Du bist gerecht! - Ich lasse mich nicht von deinen Taten täuschen, ich weiß sehr wohl, wie du dich deiner Natur entfremdet hast, wie du vor dir selber davon läufst, aber ich glaube an dich; du bist gerecht!". Das ist die Absicht des Verses "Aber denen, die recht entscheiden", d.h., die dem Bösewicht sagen, "du bist gerecht!" aufgrund des Vertrauens, das sie ihm entgegen bringen, um ihn auf den rechten Weg zu lenken - "geht es wohl, und auf sie kommt der Segen des Guten". Schließt Rabbiner Emden: "Es gibt wohl unter allen Eigenschaften keine mindere und schlechtere als diese [die Schmeichelei], in den Händen des mahnenden Priesters aber ist sie eine allerhöchste Eigenschaft, um viele von ihren Sünden abzubringen, und darauf kommt der Segen des Guten, das Gegenteil des Fluches der Völker". Der nächste Vers passt ganz wunderbar: "Auf die Lippen küsst man den, welcher treffende Antwort gibt" (Sprüche 24,26). Die Tossafisten (Talmudkommentatoren aus der Periode der Rischonim) erklärten diesen Vers folgendermaßen: "Wenn jemand eine treffende Antwort gibt, dann formen die Umstehenden ihre Lippen wie zum Kuss geschlossen, indem sie schweigen und nicht wissen, was zu erwidern" (Gittin 9a). Der Bösewicht hat sich schon an alle "Erzieher" gewöhnt, die mit anschuldigendem Finger auf ihn zeigen und verkünden: "Bösewicht"! Er kennt schon auswendig all die ermahnenden Ansprachen, er kennt die Klageschrift von Grund auf. Seine Ohren sind schon verstopft und nicht mehr geneigt, eine weitere Rede im Stile "Ich klage an!" zu empfangen. Wenn sich der Erzieher nun bei ihm einfindet und seinen Mund öffnet, bringt der Bösewicht schon seine Lippen für den Gegenangriff in Stellung, seine Richter zu richten und ihnen zu sagen: "Nimm fort den Balken zwischen deinen Augen" (Baba batra 15b). Und siehe da, eine Überraschung, der Erzieher eröffnet seine Rede mit "Ich vertraue...", womit es ihm gelingt, hinter die raue und boshafte Fassade zu gelangen und in aller Redlichkeit zu sagen: "Ich glaube an dich! Ich weiß genau, was sich hinter der Maske verbirgt. Du bist ein Gerechter!". Damit hatte der Bösewicht nicht gerechnet, solche Rede ist ihm unbekannt, niemals lernte er, sich davor in acht zu nehmen. Die Sprache des Vertrauens ist ihm fremd, keinmal wurde ihm solches Vertrauen zuteil. Vor lauter Verwunderung bleiben seine Lippen verschlossen. "Ich ein Gerechter?!" denkt er bei sich, vollkommen sprachlos. Zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm offenbar, dass in seinem Innern ein verborgener Gerechter steckt, dem er lange Jahre die kalte Schulter zeigte und der doch immer noch existiert. Wer sagt, "Du bist gerecht!", weicht nicht von der Wahrheit ab, sondern berührt eine verschwundene Wahrheit, eine tiefere Wahrheit. So erklärte Rabbiner Emden Aharons Methode bei der Versöhnung von Streitenden. Sicher sah es so aus, als ob großer Hass zwischen ihnen herrschte, doch Aharon durchschaute ihn und erkannte in ihm das Ergebnis großer Freundschaft, die enttäuscht wurde, die innere Erwartung einer Verbindung, die sich als grundlos erwies. Im tiefsten Herzen hätte jeder von beiden gewollt, dass sich die Dinge änderten, hätte seine Kleider zerrissen und gesagt: "Wehe, dass ich mich so schlecht ihm gegenüber verhalten habe". Aharon verlieh dieser inneren Wahrheit Ausdruck, und im nachhinein zeigte sie sich offen, als sich jene beiden wieder einmal begegneten, einander um den Hals fielen und sich küssten. Wir leben in einer Generation,
bei der es auf den ersten Blick unmöglich ist, nicht in ein anklagendes
"böse bist du!" auszubrechen. Wer so verfährt, kann beruhigt
sein, denn er sprach die Wahrheit, verdrehte nichts und schmeichelte niemandem;
er zählt zu den Eiferern des göttlichen Eifers. Wer aber zu retten
sucht wird tiefer blicken und wissen, die verdeckte Wahrheit zu sehen,
den Lichtpunkt zu offenbaren und sich mit Vertrauen an die Generation zu
wenden: "Du bist gerecht!".
Gelobt sei er, der uns belebt und erhält und uns diese Zeit der modernen Medizin hat erreichen lassen, die wahre, kaum zu glaubende Wunder vollbringt. Doch auch in früheren Zeiten gab es Ärzte, und auch wenn sie nicht gerade dem heutigen Standard entsprachen, so gebot die Tora dennoch: "und lasse ihn heilen" (Ex. 21,19), d.h. der Arzt ist verpflichtet, zu heilen, und der Kranke ist verpflichtet, sich heilen zu lassen. Bekanntlich verdrängt die Heilbehandlung bestimmte Gebote, wie es in der Halacha im Einzelnen festgelegt wurde. Ein strenges Festhalten an den Geboten ist hier fehl am Platze. Ein Kranker, der an Jom Kippur essen muss, aber dennoch fasten will, über den heißt es: "Jedoch das Blut eures Lebens werde ich fordern" (Gen. 9,5; Mischna Brura §618,5). "Jedes Gebot, zu dem ihm ein vertrauenswürdiger Arzt sagte, er dürfe es nicht erfüllen oder müsse es übertreten, folge er den ärztlichen Weisungen und setze sich nicht oberschlau darüber hinweg" (Responsen "Minchat Jizchak" II, §102,2). Der Mensch ist nämlich nicht Herr über seinen Körper, vielmehr untersteht er dem Herrn der Welt (Leor Hahalacha, Rabbiner S.J. Sewin). Bekanntlich muss ein Mensch, der seinen Nächsten schlägt und verletzt, für dessen Heilverfahren aufkommen, wie es heißt: "und lasse ihn heilen" (s.o., Baba kama 85b), doch Ba'al Haturim fügte hinzu: "Außer, wenn er die ärztlichen Weisungen missachtete", dann braucht er nämlich nicht zu bezahlen. Wer sich entgegen den ärztlichen Weisungen gefährdet, verstößt gegen das Toragebot: "und hütet sehr eure Seelen" (Dt. 4,15), und wer nicht auf die allgemeinen Gesundheitsregeln der Vorbeugung und Hygiene achtet, übertritt das positive Gebot "du sollst in seinen Wegen wandeln" (Dt. 28,9), wie Maimonides im Zusammenhang mit den guten Eigenschaften schrieb. Neben seinen zahlreichen medizinischen Schriften widmete er diesem Thema ein ganzes Kapitel seines Gesetzeswerkes (Hilchot De'ot 4.Kap.). Zuvor bemerkt er: "Wir sind verpflichtet, immer das Mittelmaß einzuhalten, d.h. die guten und geraden Wege zu gehen; denn so heißt es: Du sollst in Seinen Wegen wandeln" (1.Kap., Hal.5), und dann: "Da die volle Gesundheit des Körpers zu den Wegen, die zu G~tt führen gehört..." (4.Kap., Hal.1). Generell gilt die Medizin als ein wichtiges Gebot, sowohl für den Arzt, den Kranken zu behandeln, als auch für den Kranken, die Anweisungen des Arztes zu befolgen (siehe auch Maimonides "Acht Kapitel", 5.Kap.; Gesetze von der Umkehr, 9,1). Schrieb der "Chason Isch" (Rabbiner Awraham Jeschajahu Karelitz, einer der größten Toragelehrten der letzten Generationen): "Es gehört zur Pflicht des Menschen, sich um die eigene Heilung zu bemühen wie um die Heilung seines Nächsten. Darum bemühe dich bitte darum, deine natürlichen Willensneigungen zu überwinden und die ärztlichen Weisungen zu befolgen, was sie zum Zwecke der Heilung ausweisen" (1. Briefesammlung, Nr.138). Folgendes schrieb Rabbiner Jechi'el Michel Tukatschinski (Toragröße in Israel, Zeitgenosse des "Chason Isch"): "Der Arzt ist lediglich ein Gesandter dessen, 'der alles Fleisch heilt', dem die Erlaubnis erteilt wurde, seine Mission zu erfüllen. Doch wenn der Arzt seinen Teil erfüllt und ihm [dem Patienten] die medizinischen Vorschriften und Regeln seiner Diät übergibt, muss der Kranke den Anordnungen des Arztes Folge leisten, nicht weniger und vielleicht sogar mehr als den Vorschriften des Schulchan Aruch bezüglich des Verbotenen und des Erlaubten, ebenso wie das Gebot der Tora 'und hütet sehr eure Seelen'" (Gescher Hachajim I,§1,2). Rabbiner Israel Salanter (eigentlich Israel Lipkin, Begründer der Mussar-Bewegung vor etwa 150 Jahren) achtete sehr auf strikte Befolgung aller Gebote. "Von daher stammte auch seine penible Vorsicht auf dem Gebiete der Gesundheit aufgrund der Pflicht 'und hütet sehr eure Seelen'. Diese Vorsicht ist zwar nicht im Range eines Gesetzes festgeschrieben, und nicht viele nehmen es damit sehr genau, aber Rabbi Israel wunderte sich sehr über diese Erscheinung und pflegte zu sagen: Der Kranke ist von allen Gebotspflichten befreit, außer einer: 'und hütet sehr eure Seelen', und da kommt der böse Trieb und verleitet zur Missachtung auch dieses Gebotes". "Ein bestimmter Professor in der Stadt Baden erzählte immer mit größter Verwunderung, dass es unter den -zigtausenden Kranken, die ihn während seines Berufslebens aufsuchten, nur einen einzigen gab, der alle seine Weisungen mit absoluter Ernsthaftigkeit betrachtete und sie bis auf das i-Tüpfelchen erfüllte, und das war Rabbiner Lipkin aus Russland". "Einmal kamen sie während seines Aufenthaltes in Halberstadt in sein Zimmer und fanden ihn vor einem aufgeschlagenen Buch auf deutsch stehen, während er mit pedantischer Genauigkeit Gymnastik betreibt, nach den Regeln und Bildern jenes Buches, so wie es ihm der Arzt vorgeschrieben hatte". "Rabbi Israel sah in dem
Gebot 'und hütet sehr eure Seelen' die gleiche Verbindlichkeit wie
bei jedem anderen Gebot, und die Anweisungen jenes Professors oder eines
anderen Arztes als wichtige religionsgesetzlich bindende Entscheidungen,
so wie die Entscheidungen des Schulchan Aruch um Verbotenes und Erlaubtes,
die man in allen Einzelheiten und mit größter Genauigkeit einhalten
muss. Einmal sah man ihn zur Zeit der Dämmerung den Himmel betrachtend
stehen, um genau den Sternenaufgang abzupassen. Es stellte sich heraus,
dass ihm die Ärzte drei Tage Ruhe von seinem Torastudium verordnet
hatten, und er erfüllte diese Anweisung natürlich genauestens.
Darum beobachtete er genau den Ausgang des dritten Tages, wie er später
erklärte, da es verboten ist, das Torastudium auch nur einen Moment
hinaus zu zögern, wie es das Gebot des Torastudiums vorschreibt, aber
genau so ist es verboten, es einen Moment zu früh zu beginnen, wegen
des 'Hütens der Seele'" (aus dem Buch über die Mussar-Bewegung
von Rabbiner Dov Katz, S.315-316).
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
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