DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 4,21-7,89):
Montag (+Di.):
Wochenfest
[Zur Haftara] Eigentlich hatte Schimschon ("Samson") doch Delila sein Geheimnis verraten: "Und es geschah, da sie ihn mit ihren Reden alle Tage bedrängte, und ihn quälte, und seine Seele unmutig wurde zum Sterben, da gab er ihr sein ganzes Herz kund" (Richter 16,16-17). Ein weiterer Blick in die Schrift offenbart jedoch, dass das wirklich wichtige Geheimnis nicht zum Vorschein kam, und vielleicht war sich Schimschon selber gar nicht über dessen Existenz bewusst. Schimschon gab zu: "Ein Schermesser ist nicht über mein Haupt gegangen, denn ein Nasir G~ttes bin ich von Mutterleib an; wenn ich geschoren werde, so weicht meine Kraft von mir, und ich werde schwach und ich werde wie alle Menschen" (V.17). Schimschon lebte in dem Gefühl, sein Nasiräertum [Enthaltsamkeit von Weintrauben und deren Produkten, kein Haarschnitt] wäre eine besondere Zugabe über seiner normalen Lebenskraft, die jedem Menschen vergönnt ist. Er stellte sich vor, durch Fortnahme des Nasiräertums von seinem Rang abzustürzen, "schwach werden", wie er es darstellte, ein ganz normaler Mensch zu sein. Eine Betrachtung der Geschehnisse, die der Offenbarung seines Geheimnisses folgten, lässt keinen Zweifel daran, dass er mit dieser Vorstellung falsch lag: "Und sie schläferte ihn ein auf ihren Knien, und rief einen Mann, und ließ die sieben Locken seines Hauptes abscheren, und fing an ihn zu bezwingen, und seine Kraft wich von ihm" (V.19). Nach dem Verlust seines Nasiräertums verhält er sich nicht wie ein normaler Mensch. Noch vor seiner Überwältigung durch die Philister bezwingt ihn Delila; ein anderer Mann in so einer Situation hätte sich sicher vor den Attacken einer Frau verteidigen können, doch Schimschon kommt nicht gegen sie an. Ohne sein Nasiräertum ist er vollkommen schlapp, weniger wert als der letzte Mann, sogar schwächer als seine Frau Delila. Hier offenbart sich das ganze Geheimnis: Schimschons Nasiräertum ist keine zusätzliche Stufe über der normalen Lebenskraft, vielmehr bilden beide Stufen eine feste Einheit, und ohne sein Nasiräertum hat er keine Existenz wie sonst alle anderen Menschen. Schimschon dient als Symbolfigur für das Volk Israel. Das jüdische Volk besteht aus zwei Stufen, die Stufe des regulären Menschenlebens, und darüber die Stufe seines besonderen Lebens als Volk G~ttes. Dem äußeren Anschein nach werden die Juden bei Fehlen des besonderen Charakters zu einem Volk wie alle anderen, in Wirklichkeit aber sind beide Stufen fest miteinander verbunden. Wenn sich das jüdische Volk nun von seiner besonderen Bestimmung entfremdet, ist sofort seine ganze Existenz in Frage gestellt. Darin liegt das Geheimnis
der wundersamen Verbindung von Pessach und Schawu'ot durch das Omerzählen;
der Verbindung von existenzieller Freiheit, die durch die Befreiung
aus Ägypten erworben wurde, und dem besonderen Inhalt unseres
Volkes, der sich bei der Übergabe der Tora offenbarte. Und das ist
das Geheimnis der wunderbaren Verbindung in unseren Tagen zwischen dem
Unabhängigkeitstag (Jom HaAtzma'ut) und dem Jerusalem-Feiertag (Jom
Jeruschalajim). Ersterer symbolisiert die Freude über unsere praktische
Existenz, die physische Selbständigkeit, deren wahrer Wert mit der
Befreiung Jerusalems ans Tageslicht gelangt, mit unserer Rückkehr
in jene Gegenden, die uns an die wahre Bestimmung unseres Staates erinnern.
Bei einer Wiedersehensfeier mit alten Freunden, bei der jeder seine Jugenderinnerungen hervor kramte, erzählte die französiche Psychoanalytikerin und Kinderärztin Françoise Dolto (5669-5748), die für ihre Forschungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse bei Kindern berühmt war, über sich selber, vor allem über ihre Kindheit und ihre Jugendzeit. Die Dinge wurden notiert und in einem kleinen Büchlein heraus gegeben ("Enfances"). In der Zusammenfassung heißt es wie folgt: Es scheint, dass es dennoch
etwas Merkwürdiges bei mir gibt, denn die Menschen beschuldigen mich
- ohne sich dessen bewusst zu sein - dass ich nicht ganz normal bin, und
zwar fehle mir jede Bosheit. Eine Lücke in der Vorstellungskraft,
die keine Bosheit ermöglicht, es fehlt mir selbst die zur Selbstverteidigung
notwendige Aggressivität. Ich bin nicht zu bewusster Aggressivität
fähig. Es kann natürlich vorkommen, dass Menschen sich durch
mich verletzt fühlen, aber mir ist niemals aufgefallen, dass ich absichtlich
böse zu sein versuchte.
Das ist so eine Art Behinderung. Ich bin behindert bei aggressiven Unterstellungen, und ich bin immer bereit, die Standpunkte oder die Beweggründe der anderen Seite zu verstehen, die nicht mit meinen übereinstimmen. Ich bin immer zu Zusammenarbeit bereit, ohne zu konkurrieren. Meine Aggressivität beschränkt sich auf meinen Willen, ein gestecktes Ziel zu erreichen, doch finde ich mich eher im Zustand der passiven Verteidigung - besonders wie eine Ausgeforschte gegenüber jemandem, der - ich weiß nicht warum - mir gegenüber negative Gefühle ausdrückt. Vielleicht steckt da ein bisschen die Angst dahinter, niemanden bei einer Streitfrage anzugreifen. Ich glaube aber, das ist einfach eine Zeit- und Kraftverschwendung, sich selbst durch einen Gegenangriff zu verteidigen oder sogar sich angesichts ungerechtfertigter Angriffe zu rechtfertigen. Angriffen ausweichen - ja, aber nicht selber angreifen; nur seinen eigenen Standpunkt hartnäckig vertreten. In den meisten Fällen, glaube ich, greifen mich Leute an, die mich für ihr Unglück verantwortlich halten. Das macht mich traurig, aber ich fühle mich nicht verantwortlich. So war ich schon als kleines Mädchen. Anscheinend verfüge ich über große innere Kraft. Diese Kraft verleiht mir anscheinend eine stille, felsenfeste und hartnäckige Dynamik - eine starke Naturkraft. Ich bin der Ansicht, dass alle Kinder so sind. Vielleicht aus diesem Grund fühle ich in ihrer Gegenwart keine Fremdheit. Kinder sind immer mit der Erfüllung irgend eines Verlangens beschäftigt, jedes fühlt sich zu irgend einer Idee hingezogen. Darum haben sie keine Zeit, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern. Ich gebe zu, bei mir ist etwas von der Kindlichkeit hängen geblieben, von der analogen und der phantasievollen Denkweise der Kinder - daneben glaube ich schon, dass ich mich doch um die Bedürfnisse meiner Mitmenschen kümmere, wie es sich für einen Erwachsenen gehört, sogar wie eine alte Frau, denn schließlich bin ich in diesem Alter. Die Alten sehen gerne glückliche Kinder und Jugendliche voller Hoffnung. Das macht sie selber jung! * * * HALACHA Für das Wochenfest (Chag HaSchawu'ot) gibt es fast keine besonderen Gesetze. Der "Kizur Schulchan Aruch" widmet ihm nicht einmal ein eigenes Kapitel. Am Ende der Gesetze für das Omerzählen, in Hal. 11, heißt es, dass man mit dem Beginn des Abendgebetes der ersten Feiertagsnacht bis Sternenaufgang warte und nicht früher anfange, damit die sieben Wochen des Omerzählens "vollkommen" seien, wie der entsprechende Toravers verlangt. Im Schulchan Aruch (Orach Chajim) finden wir einen einzigen Paragraphen (494), der sich im Wesentlichen mit der Gebetsanordnung befasst. Dort werden am Ende allerdings zwei Bräuche erwähnt, nämlich die Synagoge mit Zweigen und Blättern zu schmücken, was an die Übergabe der Tora am Sinai unter ähnlichen Umständen erinnern soll. Der zweite Brauch betrifft den Verzehr von milchigen Speisen an Schawu'ot. Durch das verständliche Interesse eines bestimmten Teiles der Lebensmittelbranche kann man manchmal den Eindruck erhalten, dass Schawu'ot weniger mit Tora als mit Käsekuchen und dergleichen zu tun hat. Man sollte das aber nicht übertreiben. Zur Schabbat- und Feiertagsfreude gehören fleischige Mahlzeiten (außer, wer kein Fleisch mag oder nicht verträgt). In §494 heißt es darum weiter: "Man esse zuerst eine milchige Speise und danach eine fleischige Speise". Dazwischen sollte man seinen Mund von den milchigen Speiseresten reinigen und natürlich ein Durcheinander milchigen und fleischigen Geschirrs vermeiden. Tip: Tisch für die fleischige Hauptmahlzeit decken, nach Kiddusch und Hamozi alles mit einer Einweg-Plastiktischdecke zudecken, einen milchigen Pudding o.ä. mit Plastiklöffel essen, alle Abfälle in der Plastikdecke sammeln und wegwerfen, Mund spülen und mit der Hauptmahlzeit beginnen. - Als Grund für diesen Brauch wird dort ein Vergleich mit Pessach heran gezogen: wie der Knochen und das Ei auf der Sederschüssel das Pessach- und das Festopfer symbolisieren, so steht die kombinierte milchige und fleischige Mahlzeit an Schawu'ot für das Festopfer und die zwei Brote (im Tempel), und von den beiden Broten unseres Kidusch esse man eines mit den milchigen, das andere mit den fleischigen Speisen. Nach einer anderen Erklärung erinnern wir damit an die Notlösung, als es nach der Übergabe der Tora mit allen ihren Kaschrut-Gesetzen eine Weile dauerte, bis koscher geschlachtetes Fleisch und geeignetes Geschirr bereit standen und man sich bis dahin mit milchigen Speisen behelfen musste (ebda., Mischna Brura). Chag ssame'ach und guten
Appetit!
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von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
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MACHON ORA - für Frauen
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