DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 6,9-11,32):
Frage: G~ttseidank bin ich ein religiöser Mensch, lerne Tora, erfülle die Gebote, bemühe mich, meine Eigenschaften zu verbessern und Umkehr zu tun. Leider gibt es aber im jüdischen Volk auch Bösewichte, doch was kann ich denn dafür...? Antwort: Demnach sind Sie ziemlich altmodisch in Ihrer Religiosität, so ungefähr 4000 Jahre zurück... Sie erinnern mich an Noach, ungefähr so religiös sind Sie. Noach war ein gerechter, untadliger Mann, der mit G~tt wandelte (siehe Gen. 6,9). "Gerecht", d.h. er tat das Gute und nicht das Böse. "Untadlig" - gute Eigenschaften, gute Absichten und innere Reinheit. "wandelte mit G~tt" - in großer Anhänglichkeit an G~tt und Verlangen nach G~tt. Darum liebte ihn der Herr der Welt so sehr und rettete ihn (Sichronot im Mussafgebet von Rosch Haschana). Er interessierte sich nur nicht besonders für seine Mitmenschen (Sohar chadasch). 120 Jahre lang baute er an der Arche, die Leute fragten ihn und interessierten sich, und trotzdem verblieben sie bei ihren Ansichten; Noach war ein "Gerechter im Pelz", wie es Rabbi Menachem Mendel aus Kotzk ausdrückte. Wenn es kalt ist, trägt er einen Pelz, der nur ihn wärmt, anstatt ein Feuer anzuzünden, das alle wärmt. Danach erschien unser Vorvater Awraham, das Ideal des Volkes. Im Jahre 2000 oder 2018 wurde ihm versprochen: "und ich werde dich zu einem großen Volke machen" (Gen. 12,2). Jetzt sind wir ein Volk, und wir dienen G~tt als Volk, und jeder Einzelne übt seine Religion aus in seiner Eigenschaft als Bestandteil dieses Volkes. Wir gehen immer gemeinsam. Einzeln sind wir schwach und leer, gemeinsam mit der Nation erheben wir uns in die höchste Höhe ihrer Stammväter. Das ist das Geheimnis des Verses "unter meinen Stammverwandten wohne ich" (Kö.II 4,13), wie es im Sohar erklärt wird: Ich möchte nicht oben alleine eingetragen sein, sondern meinen Kopf zwischen die Großen stecken und nicht aus ihrer Gemeinschaft austreten. So muss sich der Mensch in der Gemeinschaft der Großen einbegriffen sehen und sich nicht isolieren, damit man nicht auf ihn acht gebe und ihn nicht an seine Sünden erinnere (Sohar I 69b, 170b Targum). Wenn du allein für dich gehst und nicht in der Allgemeinheit Israels, wirst du nach deinen Sünden gerichtet, und dein Ende wird böse und bitter sein, aber in der Nation inbegriffen bist du geschützt vom gewaltigen Schirm der ihrer Größen. Du trennst dich von der Allgemeinheit, weil es dir nicht genehm ist, mit den Sündern zusammen zu sein, und denkst, das sei zu deinem Vorteil, doch in Wirklichkeit bist du der Verlierer. So schrieb Rabbi Menachem Mendel aus Witebsk, der Vorsteher der Schüler des "Ba'al Schem Tovs", die nach dem Lande Israel einwanderten: "Um vor den Verboten zu ermahnen kam ich... und jetzt lästert nicht... nicht über Leute lästern, die die Tora verließen. Darin besteht die Strenge des Verbotes... Und es ist mir sonnenklar... dass das der Grund für den Niedergang und die Erniedrigung ist, und so oder so werden sie Söhne genannt, und jener trennt sich ab von der Allgemeinheit, um für sich zu sein. Und an allen [göttlichen] Einflüssen auf die Allgemeinheit Israels hat er keinen Anteil. Das ist der Spruch unter meinen Stammverwandten wohne ich, wie er vom Sohar erklärt wird" ("Pri Ha'aretz", 8. Schreiben). Lästere nicht über die Sünder, glaube nicht, dass du sie ausstößt, du stößt dich damit nur selber aus und verlierst die ganze Fülle der jüdischen Allgemeinheit. Denn jene Tora-Untreuen sind nicht weniger "Kinder G~ttes" als du. Denk daran! Alles, was du hast, kommt vom Volke Israel. Darum gib alles, was du hast, an das Volk Israel zurück. Glaube ja nicht, dass du aus Ägypten wegen deiner Verdienste ausgezogen bist. Nein! Wir waren in den 49 Stufen der Unreinheit versunken (Sohar). Fast ging der Glauben verloren, den uns Awraham, Jizchak und Jakov gelehrt hatten. Warum also erlöste uns G~tt? "Wegen G~ttes Liebe zu uns und in Einhaltung seines Schwures gegenüber unserem Stammvater Awraham" (Maimonides, "Gesetze vom Götzendienst", Ende 1.Kap.). Nicht wegen G~ttes Liebe dir persönlich gegenüber - vielmehr bedeutet G~ttes Liebe gegenüber der Gemeinschaft Israels die Fortführung unseres Vorvaters Awraham. Lästere nicht über die "Bösewichte"! Überhaupt ist das kein besonders gelungener Begriff. In der Praxis gibt es keine Bösewichte, außer einigen seltenen Ausnahmen. Es gibt Leute, die als "in Gefangenschaft geratenes Kleinkind" gelten (Maimonides, Mamrim 3,3), oder "Verwirrte", wie sich unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk auszudrücken pflegte. Wir sind auch mit daran schuld, dass es Nichtreligiöse gibt, denn das Verhalten von vielen Religiösen - Streitigkeiten, Meinungsstreite, üble Nachrede, Intrigen, Rachenahme u.a. - verlockt nun wirklich nicht dazu, sich ihnen anzuschließen. Bevor du also andere zur Umkehr bewegen willst, tue selber Umkehr. Am Ende wirkt das auch auf andere. Besonders muss man von der Sünde des Hassens ablassen, sowohl vom Hass auf andere Gruppen unserer Gesellschaft wie auch vom Hass auf andere Teile deiner eigenen Gruppierung. Ja, das Gebot der Tora "liebe deinen Nächsten wie dich selbst" wurde nicht im Hinblick auf gute und nette Leute gegeben. Für die braucht man gar keine Aufforderung dazu, das kommt ganz von selbst. Vielmehr betrifft das Gebot ferne Menschen, ärgerliche, andersartige und meiner Meinung nach schädliche Menschen. Darin ist das Verbot der üblen Nachrede inbegriffen. Rabbiner Zwi Jehuda Kuk opferte sich auf für die Erziehung zur Vermeidung übler Nachrede. Er machte den Schülern niemals Vorschriften für ihre Lernordnung in der Jeschiwa, mit einer Ausnahme: Die halbe Stunde vor dem Mincha-Gebet wird aus dem Buch "Chafez-Chajim" und "Schmirat Halaschon" gelernt. Als er einmal bemerkte, dass diese Hauptpflicht vernachlässigt wurde, strich er alle seine Vorlesungen, zog sich auf sein Zimmer zurück und begann zu fasten. Das geschah zu Beginn meiner Studien an der "Zentralen Welt-Jeschiwa". Aus irgend einem Grunde kam ich zur Zeit des Mittagessens an und setzte mich als blutiger Anfänger an einen Tisch mit drei langjährigen Schülern. Einer fing an, dem anderen etwas zu erzählen, der ihn allerdings mit einem breiten Lächeln zum Schweigen aufforderte: "Ich will keine üble Nachrede hören". Der erste versuchte es noch einmal, und erhielt die gleiche Antwort mit freundlicher Miene: "Bitte zwinge mich nicht zum Anhören übler Nachrede". So ging es noch ein paarmal. Das war meine erste Lektion, und der standfeste Schüler war niemand anderes als der große Rabbiner Dov Begon, Leiter von Machon Meir. Sicher hatte er das von Rabbiner Zwi Jehuda Kuk gelernt, der niemals üble Nachrede anhören wollte und jeden, der schlecht über das Volk Israel redete, zu schweigen drängte. Alle Behauptungen, gestützt auf unterschiedliche Quellen, wonach es erlaubt sei, bestimmte Juden zu hassen, sie "Bösewichte" zu nennen oder mit anderen Schimpfnamen zu belegen, wies er mit allem Nachdruck mit der Begründung von der Hand: Und der Vers aus der Tora: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist etwa nicht stärker als all jene?! Die jüdische Nächstenliebe bedeutet eine über alle Generationen gültige Wahrheit, aber besonders in dieser Generation, wenn wir uns nach der Zerstreuung wieder als ein Volk im Lande Israel sammeln. Wir erinnern uns wieder daran, dass wir ein Volk sind. Unsere Kraft stammt aus dem Volke und für das Volk. So schrieb Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto, dass ein Frommer nicht fromm für sich selbst ist, sondern für die Allgemeinheit Israels (Messilat Jescharim, 13.Kap.). Als der Rabbi von Gur das Land besuchte, fragte er Rabbiner A.J.Kuk: Bei uns Chassidim isst man die Essensreste vom Rabbi (was ausdrücken soll, wie der einzelne Chassid in seinem Rabbi aufgeht). Und bei euch? Sagte dieser: Wir sind die Reste der Gemeinschaft Israels (siehe Orot Hatechija, 24.Kap.). Wir gehen auf im Volke Israel. Die Seele der Nation ist unser Rabbi, sie ist die Quelle unseres Lebens. Und das Volk Israel ist unser Leben. Ferner schrieb Rabbiner Kuk, dass selbst der größte Gerechte nicht an die Knöchel der Gemeinschaft Israels reicht (Orot Israel, 9,5). Gib acht, was du im Schabbatgebet sagst: "Durch den Mund der Geraden wirst du gepriesen, durch die Worte der Gerechten wirst du gelobt, durch die Zunge der Frommen wirst du verherrlicht, und in der Mitte Heiliger wirst du geheiligt". 4 Stufen: Gerade, Gerechte, Fromme, Heilige - doch über all jenen: "die Scharen der Myriaden deines Volkes Israel". Als der Herr der Welt unserem Lehrer Moscheh mitteilte, er wolle das Volk Israel vernichten, und in Erfüllung seines Schwurs gegenüber dem Stammvater Awraham nun Moscheh zu einem großen Volk machen werde - da weigerte sich dieser und wollte zusammen mit dem Volk Israel bleiben, trotz all seiner Mängel. Lästere darum niemals über einen Menschen, besonders, wenn dieser Mensch vielleicht auf anderen Gebieten besser ist als du. Vor allem aber beachte, dass du und jener Jude beide zur Allgemeinheit Israels gehören, von der du dein ganzes Wesen beziehst. Was du bist, verdankst du nicht dir selbst, sondern der Allgemeinheit Israels. Was wäre wohl mit dir heute, wärst du einfach so in den Raum hinein geboren worden und nicht in die Gemeinschaft Israels. Sicher hättest du nicht die Stufe Noachs erreicht. Von der Allgemeinheit Israels erhieltest du Tora und Seele. Darum gehen wir in allen Dingen zusammen, beten die Schmone-Esre in der Mehrzahl und sagen das Sündenbekenntnis in der Einzahl. Jetzt kehren wir wieder zu unserem Zustand der Gemeinsamkeit zurück, und damit zur jüdischen Nächstenliebe. Den Höhepunkt dieser Nächstenliebe finden wir in der Armee, und zwar in doppelter Hinsicht. 1. Kameradschaft der Kämpfer; ohne diese lässt sich keine Armee betreiben, jeder muss bereit sein, für den anderen sein Leben zu riskieren. 2. Liebe zur Allgemeinheit Israels, und die Bereitschaft, zur Verteidigung von Volk und Land sein Leben einzusetzen. Welches Glück, dass uns so eine unendliche Festung der Liebe zuteil wurde. Die göttliche Präsenz
ruht also auf der Allgemeinheit Israels, auf unseren Brüdern, dem
ganzen Hause Israel.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Neu! Wir freuen uns,
zusätzlich zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines
spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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