DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT MASS'EH
Nr. 678
1. Aw 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Num. 33,1-36,13):
Liste aller Reisestationen während der Wüstenwanderung, Gebot der Austreibung der Kana'aniter, die 6 Levitenstädte, Gesetz von der Zuflucht des Totschlägers, Bodenerbrecht für Frauen; Ende des 4. Buches Moscheh.
 
 
Am Schabbes-Tisch...
 

Aufbrechen und lagern
 
 

Rav Jakov Ari'el
Stadtrabbiner von 
Ramat Gan und ehem. Kandidat zum israelischen Oberrabbinat

"Das sind die Reisestätten der Kinder Israel, die ausgezogen aus dem Lande Ägypten... Und Moscheh verzeichnete ihre Züge nach ihren Reisestätten auf Befehl des Ewigen; und das sind ihre Reisestätten bei ihren Zügen" (Num. 33,1-2). Einmal kommen die Reisestätten vor den Zügen, und einmal die Züge vor den Reisestätten. Was soll das bedeuten?

Der eine zieht aus um zu reisen, und der andere reist um auszuziehen. Der auszieht um zu reisen hat die Reise zum Ziel. Er hat einen genauen Plan, wo er ankommen will, und zu diesem Zwecke verlässt er seinen derzeitigen Ort. Er hat keinen anderen Grund zum Verlassen seines Ortes als diesen. Demgegenüber hat jener, der reist, um auszuziehen, keine genauen Vorstellungen darüber, wo er ankommen will. Sein Hauptbeweggrund zur Reise besteht in dem Willen, seinen derzeitigen Ort zu verlassen. Aus triftigen Gründen kann er nicht länger an seinem Ort verweilen. Das Ziel der Reise ist ihm nicht so wichtig gegenüber seinem Willen, bloß weg zu kommen.

Beim Auszug aus Ägypten gab es zwei Sorten Leute. Da gab es jene, die es einfach nicht mehr in Ägypten aushielten. Das Land Israel war nicht ihr Hauptziel. Andererseits gab es jene, die als erklärtes Ziel vor Augen hatten: "Und ich werde euch in das Land bringen, welches zu geben dem Awraham, dem Jizchak und Jakov ich meine Hand aufgehoben habe; und das werde ich euch geben, als Besitz, Ich, der Ewige" (Ex. 6,8). Ihre Umsiedlung nach Ägypten war nur zeitweiliger Natur, nämlich um dem Hunger zu entgehen. Jetzt aber war die Stunde der Rückkehr gekommen, und darum waren sie bestrebt, Ägypten zu verlassen (siehe Kli jakar zum Beginn der Parscha). 

Schicksal und Bestimmung

Rabbiner A.J.Kuk drückte einen ähnlichen Gedanken aus im Hinblick auf die zwei Persönlichkeiten in der Prophezeiung Jeschajahus über die Rückkehr nach Zion: "Wer sind jene, die einer Wolke gleich fliegen, und wie Tauben zu ihren Schlägen?" (60,8). Die Wolke ist eine leblose Sache. Sie enthält keinen Lebenshauch. Sie treibt im Winde. Die Taube dagegen ist ein Lebewesen, und ihr natürlicher Instinkt führt sie zu ihrem Nest zurück. Entsprechend gibt es Juden, die von einem Sturmwind zum Lande Israel verweht wurden, und es gibt Juden, die ihrem natürlichen Streben in ihr Heim, zum Lande Israel folgen.

Rabbiner Soloveitschik nannte diese beiden Wege "Bund des Schicksals" und "Bund der Bestimmung". Diese beiden Begriffe lassen sich auf zwei Entwicklungen in der jüngeren jüdischen Geschichte anwenden. Rabbiner Zwi Kalischer, einer der ersten Vertreter der zionistischen Idee, erweckte die Herzen zur Rückkehr nach Zion, um den Tempeldienst zu erneuern. Er brachte die Idee auf, wieder das Pessach zu opfern. Zu diesem Zwecke plante er den Erwerb von Ländereien und die Ansiedlung von Juden im Lande Israel. Hier kommt der Aspekt des "ihre Züge nach ihren Reisestätten" zum Vorschein. Auch als ihm schon klar wurde, dass die Zeit für seine Idee noch nicht reif war, ließ er sich nicht abschrecken und fuhr fort mit der Unterstützung jüdischer Besiedlung im Lande. Das ersehnte Ziel behielt er weiterhin im Auge - Jerusalem.

Theodor Herzl, der eine Generation später erschien, begann von einer ganz anderen Grundlage, nämlich von dem dringenden Wunsch beseelt, die Juden vor der Gefahr des Antisemitismus zu retten, die ihnen in der Zerstreuung droht. Der Auszug war sein Ziel, nicht die Ankunft im Lande Israel. Als nämlich der "Uganda-Plan" aufs Tapet gebracht wurde, war er einer der größten Befürworter, denn die Rettung der Juden kam für ihn vor allem anderen. Er glaubte, ein jüdischer Staat sei der einzige Weg zur Rettung der Juden und der Vermeidung von Antisemitismus. - Hier haben wir den Aspekt "ihre Reisestätten bei ihren Zügen" vor uns. 

Der national-existenzielle Zionismus befindet sich in einer tiefen Krise. Die Idee, der Staat, wenn er nur erstmal zustande kommt, werde die Brennpunkte der Gefahr für jeden Juden fortschaffen, enttäuschte. Der Staat bemüht sich zwar, mithilfe der g~ttseidank starken Armee seine Bürger zu schützen, aber eben nur durch physische Gewalt. Es stellte sich heraus, dass der Staat keine Garantie bietet. Im Gegenteil, gerade unsere Existenz mitten im Herzen des radikalen Islams gefährdet uns mehr als alles andere. Zum allgemeinen Frust löste der Staat nicht das Problem der Juden, im Gegenteil - es scheint sich zu verschlimmern...

Judentum als Bestimmung

Als Sündenbock dient der religiöse Zionismus. Seine Wurzeln reichen in die Zeit vor Herzl. Er bedeutet die Fortsetzung von Rabbiner Kalischer und dessen Lehrmeister sowie des jüdischen Erbes durch die Generationen. Er strebt die Rückkehr der göttlichen Präsenz in Zion an, glaubt an die Vision vom Ende der Zeitalter und an die Bestimmung des Tempelberges als universales spirituelles Zentrum und Drehpunkt des Weltfriedens. Diese Bestrebung an sich stellt für die Randgruppen des säkularen Zionismus ein Problem dar. Nach deren Ansicht wären wir ohne sie schon lange zu Ruhe und Erbbesitz gelangt. Und überhaupt schade ihrer Ansicht nach die werteorientierte Einstellung zum Lande Israel, die sich an den heiligen Schriften und dem jüdischen Erbe ausrichtet, der Normalisierung im Nahen Osten. Gerade die bestimmungs- und werteorientierte Einstellung bilde den Kern des Problems. Wären wir nur alle pragmatische Schicksalsgenossen, die sich an den Bedürfnissen orientierten und auf die Werte verzichteten, würden wir schon lange im Nahen Osten wie in Europa leben.

Von dieser Einbildung zehren die Vertreter des existenziellen Zionismus. Sie kamen zu dem Schluss, die Siedlungen seien an allem schuld, woran das Volk Israel leidet. So wurden die Sielungen zum "Sündopfer". Wenn wir es darbringen, wird uns der große "Irrtum" unserer Existenz an sich und insbesondere an diesem schweren Standort verziehen werden. Die Zügel werden wir lösen und die Fesseln abwerfen und Friede wird sein auf Israel, und ein jeder wird unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen glückselig und ohne Sorgen. - Darin besteht die Tiefe der Tragödie und die Wurzel der Krise. Jede Gruppierung bedeutet eine Bedrohung für die andere.

Rabbinat und Staatshoheit

Wer in der Gründung des Staates Israel den absoluten Höhepunkt zionistischer Bestrebungen sieht, ordnet ihn etwa ein wie einen himmlischen Willen, dem alle anderen Werte unter zu ordnen sind. Der Staat über alles. (Erinnert das nicht an faschistische Parolen?...). Jeder, der seine Werte aus einer anderen Quelle bezieht, schadet sozusagen dem Staat. Der Kontrast wird noch schärfer, wenn man den Staat als menschliche Oberhoheit definiert, deren Werte aus dem Bereich des über-Menschlichen stammen. Die (künstliche und über alle Proportionen aufgeblasene) Dichotomie zwischen Rabbanut und Ribonut, Rabbinat und Staatshoheit, ist nach dieser Einstellung unvermeidbar. Die wesentliche Frage lautet: Auf welche Quelle stützt sich die Autorität des Staates, auf die Notwendigkeit oder auf den Grundwert, auf das Schicksal oder auf die Bestimmung, auf den Menschen oder das Land? Wer definiert die Staatsgrenzen? Die ewigen Schriften, oder eine Regierung, die sich alle paar Jahre abwechselt und jedesmal aufs Neue den Flächenbedarf des Staates nach eigenem Gutdünken fest legt?

Diese Schilderung wurde absichtlich unter Verzicht auf Genauigkeit scharf konturiert, um die Tiefe der Krise der israelischen Gesellschaft zu verdeutlichen. In Wirklichkeit glimmen unter der Asche immer noch Ansätze wertorientierter Beziehungen zum Lande und spiritueller Bestrebungen. Es gibt immer noch Überreste jener, die hier eine gerechtere und gleichberechtigte Gesellschaft schaffen wollten. Es gibt immer noch einige Wenige, die von einer kulturellen Renaissance im Lande reden. Jene gleichen allerdings glimmenden Kohlen. Leider bemächtigten sich extreme Randgruppen der Zentren des Einflusses, insbesondere der Massenmedien. Der religiöse Zionismus bewies, dass er sich trotz seiner bestimmungsorientierten Ideologie nicht vom "Bund des Schicksals" trennt. Er sagt nicht: "Zerteilt es [das Kind]!" (siehe Kö.I, 3,16ff.), und darum ist er "die wahre Mutter", die die Führung übernehmen muss.

Aufbrechen und lagern

Die weitere Existenz des Volkes Israel hängt von seinem Streben zu seiner Bestimmung ab. Das jüdische Volk ist keine Notvereinigung unter blindem Schicksal, ohne jede Chance und Bedeutung. Es bedeutet vielmehr einen "Bund der Bestimmung". Es verfügt über eine Vision, über Glauben und Motivation gegenüber jenen, die über das schwere gemeinsame Schicksal klagen, aber keinen Finger rühren, das jüdische Volk zu seiner Bestimmung zu führen, weder in kultureller, noch in gesellschaftlicher und moralischer Hinsicht, noch nicht einmal in politischer und verteidigungsstrategischer Hinsicht. Jene geben sich westlicher Subkultur hin (nicht der westlichen, an positiven Werten orientierten Kultur) und trennen uns von der Wiege unserer eigenen Kultur und unseren Lebensquellen. Ohne eigenes Verschulden fehlen ihnen die Wurzeln und darum haben sie auch keine Hoffnung für die Zukunft. Sie stecken in tiefer Verzweiflung. Darum bleiben ihnen nur zeitweilige Lösungen, an die sie sich klammern wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Die einzige Hoffnung für den Staat Israel bilden jene, die ihn vor dem Absinken schützen. Denn ohne Bestimmung gibt es kein Schicksal, "und ohne Offenbarung wird das Volk zügellos" (Sprüche 29,18). Wer den "verdorrten Gebeinen" neues Leben einhauchen kann, das ist nur die Öffentlichkeit, die die Bestimmung mit dem Schicksal zu verbinden versteht und sich von niemandem abtrennt.

Die schwierige Realität, mit der wir leben, und die sich auf absehbare Zeit noch verschärfen wird, verlangt nach großen seelischen Kräften und einem unerschütterlichen Geist, ohne die sich auch unsere Existenz gar nicht ermöglichen ließe. Diese große und entschlossene Öffentlichkeit voller Glauben und Hoffnung widerstand allen Krisen und Enttäuschungen, zerbrach nicht daran und wird auch weiterhin nicht zerbrechen, denn das ist überhaupt unmöglich. Im Gegenteil: "Doch wie sie dasselbe drückten, so mehrte es sich und so breitete es sich aus" (Ex. 1,12). Sie fällt und steht sogleich ermutigt wieder auf, denn sie schöpft ihre Kraft aus den Versen des Wochenabschnitts, den wir diesen Schabbat lesen werden: "Und ihr sollt austreiben (die Bewohner) des Landes und sollt darin wohnen; denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen" (Num. 33,53).
 
 

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