DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 12,1-17,27):
Unser Stammvater Awraham war für seine Eigenschaft bekannt, Entfernte näher zu bringen. "Awraham konvertiert die Männer, und Sara konvertiert die Frauen". Über jeden Ort, wo sie hinkamen, heißt es: "..wo Awram angerufen hatte den Namen des Ewigen" (Gen. 13,4). An einem einzigen Ort allerdings strebt er nach Trennung, und Entfernung der Nahen: "Da sprach Awram zu Lot... Trenne dich doch von mir!" (13,8-9). Darüberhinaus reicht es ihm nicht, Lot die Trennung anzubieten, er teilt ihm unverwunden mit, dass er sich in die entgegengesetzte Richtung absetzen werde. "Wenn zur Linken, so will ich mich rechts halten, wenn zur Rechten, so will ich mich links halten" (ebda.). Wir sehen und staunen: Ist denn das der richtige Weg? Familientrennung wegen eines Hirtenstreites? Entsprechend gibt es eine
Meinungsverschiedenheit bei den talmudischen Weisen zu dieser Trennung,
manche erklären sie zum Lobe, manche als Fehler:
Wir werden uns nicht zwischen diesen Größen einmischen, sondern nur versuchen, den tieferen Sinn von Awrahams Entscheidung zu verstehen. Die Beziehung von Awraham und Lot war von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, die in den Versen angedeutet sind. Am Anfang des Weges war es Lot, der sich Awraham anschließen wollte. "Und Awram ging, wie der Ewige zu ihm geredet hatte, und Lot ging mit ihm" (Gen. 12,4). Bei der nächsten Stufe zog Awram Lot zu sich: "Und Awram nahm seine Frau Sarai und Lot, seines Bruders Sohn" (12,5), und nicht nur das, vielmehr hielten sie ihren Besitz auf gemeinschaftliche Weise: "..und all ihr Eigentum, das sie sich angeeignet" (ebda.). Im Laufe der Zeit wuchs die Solidarität Lots mit seinem Onkel. Bei der Rückkehr aus Ägypten heißt es: "Und Awram zog hinauf von Ägypten, er und seine Frau und alles was ihm zugehörte, und Lot mit ihm gen Süden" (13,1). Das "mit ihm" (imo) ist eigentlich überflüssig und soll uns lehren, dass dieser Auszug anders war als jener aus Charan, wo geschrieben steht: "und Lot ging mit ihm (ito)" (12,4), doch jetzt verband sich Awraham stärker mit Lot (Neziw). Die Fülle, die ihnen zufiel, führte dann allerdings zur stufenweisen Entfernung voneinander. Der Besitz ist nicht mehr gemeinschaftlich wie zu Anfang, und die Solidarität Lots, die im Begriff "mit ihm" (imo) zum Ausdruck kam, wird schwächer, wie es das Wort "et" (wie ito) ausdrückt. "Und auch dem Lot, der mit (et) Awram ging, wurden Schafe und Rinder und Zelte" (13,5). Die Entfernung Lots, nachdem er sich schon angenähert hatte, beunruhigte Awraham. "Schlimmer ist als jene, wer [die Tora] studiert und sich von ihr zurückgezogen hat" (Pessachim 49b). Er versteht, dass im Hintergrund dieser Distanzierung kein kleinlicher Streit über Weidegründe steht, und auch keine halachische Meinungsverschiedenheit über die Frage der Beraubung von Nichtjuden, sondern ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen ihnen beiden, dessen Überbrückung absolut zweifelhaft erscheint. Awraham beschließt aber nicht sofort, zu Lot auf Distanz zu gehen. Er stellt ihn auf die Probe, indem er ihm die freundschaftliche Trennung anbietet. Nur die begeisterte Zustimmung Lots beweist, was der MahaRaL (der "hohe Rabbi Löw" aus Prag) schrieb: "Und es wurde Zank... und es trennte sich jeder von seinem Bruder (13,7/11) - deutet auf einen wesentlichen Unterschied, wie es im Midrasch heißt: Trenne dich doch von mir - so wie das Maultier (Pirda, gleicher Wortstamm wie Trennung, Preda) keine Nachkommen erzeugt, so ist es jenem Mann unmöglich, seine Nachkommen mit den Nachkommen Awrahams zu vermischen; denn wie sie sich jetzt getrennt haben, deutet darauf, dass sie sich nicht miteinander verbinden können" (Gwurot Haschem, 47.Kap.). Diese prinzipielle Trennung von Lot und Awraham kommt in der Folge im Verhalten Lots zum Ausdruck. "Und Lot brach auf gen Osten (13,11 - er entfernte sich von Ihm, der vor der Welt schon da war; Raschi/Midrasch), und damit schloss er sich nicht nur den Leuten von Sdom an, "und die Männer von Sdom waren sehr böse und sündhaft gegen den Ewigen" (13,13), sondern in bestimmter Hinsicht auch der Generation vor der Sintflut "als sie gen Osten her zogen" (11,2; und zog damit das temporäre Leben Sdoms, von dem es heißt: "es war wie ein Garten des Ewigen, wie Ägypten" 13,10, dem ewigen Garten G~ttes vor, über den es heißt: "Und es pflanzte der Ewige, G~tt, einen Garten in Eden, nach Osten hin" 2,8). Später kommt dieser krasse Unterschied in den Geboten der Tora zum Ausdruck: "Es soll kein Ammoniter und Moabiter [die Nachkommen Lots] in die Gemeinde des Ewigen kommen... bis auf ewig" (Dt. 23,4). Darüberhinaus steht im Sohar, dass Awraham den guten Trieb vorstellt, und Lot den bösen Trieb (der Wortstamm L-O-T bedeutet Fluch, im Gegensatz zu Awraham, von dem es heißt: "..und es werden sich segnen mit dir alle Geschlechter des Erdbodens", Gen. 12,3). Doch gerade die Beschreibung der Trennung verdeutlicht, wie kompliziert die Beziehung zwischen unserem Stammvater Awraham mit seinem Verwandten Lot wirklich war. Der Ausdruck "Bruder" kehrt in seinen verschiedenen Beugungen immer wieder. "Nicht doch sei Gezänk zwischen dir und mir...denn Verbrüderte sind wir... und es trennte sich jeder von seinem Bruder" (Gen. 13,8/11). Und einige Zeit später: "Als Awram hörte, dass sein Bruder gefangen war" (Gen. 14,14), da gefährdete er sein Leben, um ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Nach der Wahl von Lot, "sich von Ihm zu entfernen, der vor der Welt schon da war, und sagte, ich will weder Awram noch seinen G~tt" (s.o.), sagt die Tora "und es trennte sich jeder von seinem Bruder". Der Wunsch nach Trennung resultierte also nicht aus Zorn oder Hass, sondern aufgrund logischer Überlegung zum Besten beider Seiten. Dieses Verhältnis der Brüderlichkeit entsprang der Identifizierung des guten Kerns, der trotz allem in Lot verborgen war. Diese Sache offenbarte sich im Laufe der späteren Generationen, als das davidische Königtum von Ruth, der Moabiterin und Na'ama der Ammoniterin hervorging, im Lichte der Erklärung der talmudischen Weisen, die die absolute Abweisung der Nachkommen Lots relativierten, und als Halacha festlegten: "Ammoniter, aber nicht Ammoniterin, Moabiter, aber nicht Moabiterin" (Jewamot 69a). Und obwohl wir den Schritt
unseres Vorvaters Awraham ausgezeichnet verstehen und trotz seiner zahlreichen
Aspekte nachvollziehen können, unter Einbeziehung der Ansicht Rabbi
Nechemjas im Midrasch, der Awraham für seine Trennung von Lot lobt,
von seinen Sünden und seinen Trieben, so kennen wir doch auch die
Ansicht von Rabbi Juda, der Awraham kritisiert: "Allen hängt er an,
und seinem Bruder Lot hängt er nicht an?!". Und da es hier um einen
Nichtjuden geht - was sollen wir erst sagen, wenn von einem Juden die Rede
ist?
[Jedes siebte Jahr ist ein Schmita-Jahr im Lande Israel. Wie der Schabbat als Ruhetag in der Woche, ist das Siebtjahr ein Ruhejahr des Landes, d.h. es darf keine Landwirtschaft betrieben werden. Was wächst ist frei für alle und besitzt "Keduschat Schwi'it", Heiligkeit des Siebtjahres, die besondere Behandlung erfordert. Durch rabbanitische Verordnung sind außerdem alle Bodenfrüchte verboten. Es gibt allerdings eine Anzahl mehr oder weniger umstrittene halachische Möglichkeiten, diese Beschränkungen zu überwinden. Wer sich dieses Jahr in Israel aufhält, sollte sich mit den entsprechenden Gesetzen vertraut machen]. 1. Vor einem Gemüseladen in Jerusalem prangt ein breites Schild der Kaschrut-Aufsicht eines charedischen Bet Din ("Badaz"). Mit großen Buchstaben verkündet es, dieser Laden stehe unter der Aufsicht des Badaz und sämtliche Ware sei "ohne Verdacht auf Orla und Schwi'it", d.h. frei von Verboten der Orla (Obst aus den ersten drei Jahren des Baumes) und Schmita/Schwi'it (Siebtjahr; in diesem Zusammenhang versteht sich von selbst, dass das hier angebotene Obst und Gemüse des Siebtjahres von Arabern produziert wurde). Erstaunlich: Siebtjahr ohne Verdacht auf Siebtjahr, Schmita-Jahr ohne Schmita! Wie geht das? Ein Laden dieser Kategorie heißt im Jargon der Kaschrut-Aufseher "Schmita-Laden". Mit anderen Worten: Ein "Schmita-Laden" verkauft ausschließlich Ware, die nichts mit Schmita zu tun hat! Die Sprache ist nicht nur eine Sammlung von vereinbarten Zeichen, die eine Kommunikation der Menschen untereinander ermöglicht, sondern spiegelt auch eine bestimmte Wertordnung und Weltanschauung wider. Entsprechend gestaltet die Sprache die Auffassung der Umwelt von Kindern und Jugendlichen. Der Gebrauch des Begriffes "Schmita-Laden" für ein Geschäft, das fremde Erzeugnisse verkauft, ohne "Verdacht auf Schmita", erzeugt einen bedenklichen Eindruck vom Wesen des Siebtjahres. Wie werden die Kinder das aufnehmen? Und welche Bedeutung hat überhaupt ein Siebtjahr "ohne Verdacht auf Siebtjahr"? Wer seine Kinder mit den positiven und konstruktiven Aspekten des Schmita-Jahres vertraut machen will, sollte ihnen eine Begegnung mit wirklichen Schmita-Produkten ermöglichen, d.h. mit Obst und Gemüse, das Keduschat-Schwi'it trägt. Das Schmita-Jahr strahlt Heiligkeit aus, nicht nur Beschränkungen und Verbote. Es ist richtig, unsere Kinder mit dieser Heiligkeit zu konfrontieren. Von Nachmanides ist die Ansicht überliefert, es bestehe sogar das Gebot, Früchte des Siebtjahres zu essen. "Und es sei [die Frucht] des Landes im Brachjahr für euch zum Essen" (Lev. 25,6) - von hier, dass der Verzehr der Frucht des Brachjahres an sich eine gewisse Bedeutung hat. Vor kurzem kam mir zu Ohren, dass eine bestimmte Erziehungsinstitution auf die Möglichkeit verzichtete, Gemüse mit Siebtjahr-Heiligkeit zum Gebrauch in der Kantine abzunehmen, weil die Behandlung dieses Gemüses kompliziert sei. Vor der Heiligkeit der Früchte lässt man plötzlich die Hände sinken! Hat doch unsere Gemeinschaft die Auseinandersetzung mit Problemen auf ihre Fahnen geschrieben. Mit großem Stolz nehmen wir schwere und komplizierte Herausforderungen an, sei es auf dem Gebiet der sozialen Verbundenheit mit der nichtreligiösen Öffentlichkeit, sei es beim Militärdienst, beim Aufbau des Staates, bei der Besiedlung des Landes - doch angesichts der erhabenen Herausforderung des Essens von Früchten mit Siebtjahr-Heiligkeit machen wir schlapp. Wie kann das angehen?! Die Liebe zum Lande Israel und die Zuneigung zu seinen heiligen Früchten verpflichten uns nicht nur zum Verbrauch von Siebtjahrs-Früchten, wenn wir sie gelegentlich vorgesetzt bekommen, sondern auch dazu, sie aktiv zu suchen und sie zu einem Bestandteil unseres Speiseplans zu machen, die Halachot (Religionsgesetze) von der Siebtjahrs-Heiligkeit zu lernen, sie einzuüben, anzuwenden und zu vertiefen, bis eine feste Tradition des vorschriftsmäßigen Verzehrs von Früchten mit Siebtjahrs-Heiligkeit in unseren Kantinen und Privatküchen entsteht. Wir sind doch ins Land Israel (in den Worten unseres großen Lehrers Rabbiner Zwi Jehuda Kuk: "nach Hause") zurückgekehrt, nicht um Produkte "ohne Verdacht auf Schwi'it" zu verbrauchen, sondern um Erzeugnisse nach dem höchsten Standard der Schmita-Gesetze zu erwerben, die Heiligkeit ausstrahlen und zu entsprechendem Verhalten verpflichten. 2. Erzählte mir ein
Jerusalemer Jude, dessen Sohn im "Cheder" (charedischer Vorschul-Kindergarten)
lernt, dass der "Melamed" (Kinderlehrer) von jedem Schüler
einen kleinen Geldbetrag erbat, um vor dem Beginn des Schmita-Jahres ein
kleines Grundstück zu erwerben, damit die Schüler dann dieses
Grundstück im Schmita-Jahr ruhen lassen und der Allgemeinheit zugänglich
machen können. Der Vater fragte mich, was ich davon halte. Ich antwortete
ihm, das grenze an Hohn und Spott - ein Stück Boden erwerben, damit
er ruhe?! Wie kommt bei den Kindern die Ruhe von der Landarbeit im Schmita-Jahr
zum Ausdruck, wenn sie diesen Boden niemals bearbeitet haben, ihn nicht
pflügten und nicht ein einziges Mal in ihrem Leben säten? Und
überhaupt, gelten denn die mit der Landwirtschaft verbundenen Religionsgesetze
etwa nur im Siebtjahr? Natürlich nicht! Sie beginnen im ersten Jahr
- mit dem Gebot der Besiedlung des Landes. Es ist ein Gebot, den Boden
des Landes Israel zu bearbeiten, zu säen und zu pflanzen, die Wüste
zum Blühen zu bringen und Kornfelder anzulegen. So erklärt es
der Midrasch zum Vers "Und wenn ihr in das Land kommt und irgend einen
Baum essbarer Frucht pflanzt.." (Lev. 19,23). Das ist der Anfang. Man sät
und pflanzt sechs Jahre lang, und dann ruht man im siebten Jahr. Wer also
zu den landwirtschaftlichen Geboten in ihrer Gänze erziehen will,
beginne nicht mit dem Ruhen des Bodens, sondern mit Säen und Pflanzen.
Am Ende des Siebtjahrs schlage er seinen Schülern den Erwerb einer
Parzelle im Lande Israel vor, wo sie einen Baum pflanzen, an dessen Früchten
sie dann die landwirtschaftlichen Gebote erfüllen können, und
im Siebtjahr ruhen sie dann von der Baumarbeit und geben dessen Früchte
frei für die Allgemeinheit. Die Erziehung muss komplett sein: Erziehung
zum Säen und Pflanzen, und Erziehung zum Siebtjahr. Zu unserem Leidwesen
gibt es ein Lager im Volke Israel, das der Tora nahe steht und den Wert
des Schmita-Jahres anerkennt, aber keine besonderen Mühen ins Säen
und Pflanzen investiert, und dagegen ein anderes Lager, fern von der Tora,
das sich mit Landwirtschaft befasst, aber den Wert des Schmita-Jahres nicht
anerkennt. Nur wenige Einzelne halten beide Werte in Ehren. Unsere
Erziehungspolitik muss beide Werte umfassen.
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Neu! Wir freuen uns,
zusätzlich zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines
spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|