DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Dt. 21,10-25,19):
Das Toragebot, sich gerade beim Auszug in den Krieg vor "bösen Dingen" in acht zu nehmen, wie es heißt: "Wenn du ausziehst ins Lager gegen deine Feinde, so hüte dich vor jeglichem bösen Dinge" (Dt. 23,10) erweckt unsere Verwunderung. Muss man sich denn nicht immer vor bösen Dingen hüten? Und warum ermahnt uns die Tora gerade im Zusammenhang mit dem Krieg? Dazu erklärte Rabbi Moscheh ben Nachman ("Nachmanides"), die Kriegszeit sei eine außergewöhnliche Zeit. Der psychische Druck, der enorme Druck auf die Kämpfer, die Beschäftigung mit Tötung und Blutvergießen, die Erlaubnis, im Bedarfsfall sonst verbotene Speisen zu essen und weitere gesetzliche Lockerungen während des Kampfes können den Menschen zum Sprengen seines Lebensrahmens und der gesellschaftlichen Übereinkünfte bringen, nach denen er sonst sein alltägliches Leben führt. Wie Nachmanides zur Stelle bemerkt: "Und was mir zu diesem Gebot richtig erscheint: Dass die Schrift gerade für den Zeitpunkt warnt, wenn die Sünde anzutreffen ist. Bekanntlich ist es üblich, dass beim Heereszug alles Abscheuliche gegessen wird, geraubt und gestohlen wird und man sich nicht vor Ehebruch und sonstigen Ausschweifungen schämt. Der Aufrechte unter den Menschen umgibt seine Natur mit Grausamkeit und Wut beim Auszug gegen den Feind, und darum warnte ihn die Schrift so hüte dich vor jeglichem bösen Dinge". In diesem Sinne erklärte Rabbi Moscheh ben Maimon ("Maimonides") im "Führer der Unschlüssigen (III,41) die besonderen Gesetze, die in unserem Wochenabschnitt genannt werden, wie die Absonderung des Ausflussbehafteten aus dem Lager usw. mit dem Ziel, im Lager eine besondere Atmosphäre der Heiligkeit als Gegengewicht zu den moralischen Verderbnissen in dieser Zeit zu erzeugen, wie er dort schreibt: "Denn zu den Zwecken des Gesetzes gehört, wie ich dir gesagt habe, die Reinlichkeit und die Achtsamkeit, sich vor Schmutz und Befleckung zu hüten, und dass der Mensch nicht dem Tiere gleiche. In dem Gebote dieser Handlungen liegt auch die Absicht, in den Herzen der Krieger den Glauben zu festigen, dass die göttliche Präsenz (Schechina) in ihrer Mitte wohnt, wie die Tora als Ursache dafür angibt: denn der Ewige dein G~tt wandelt inmitten deines Lagers (Dt. 23,15). Die Schrift zieht auch noch einen anderen Gegenstand heran und sagt: damit er nicht irgend eine Blöße an dir sehe und sich von dir abkehre (ebda.), nämlich um vor den Vermischungen zu warnen und abzuschrecken, die bekanntlich bei den Kriegsleuten in einem Heerlager vorkommen, wenn sie sich lange Zeit fern von ihren Familien aufhalten. Darum hat uns G~tt Handlungen befohlen, die uns daran erinnern sollen, dass die Schechina in unserer Mitte weile, damit wir von diesen Taten bewahrt bleiben, und so sagt er: und es sollen deine Lagerstätten heilig sein damit er nicht irgend eine Blöße an dir sehe. Und dies geht so weit, dass die heilige Schrift sogar befiehlt, dass derjenige, dem ein Samenfluss abgegangen war, bis zum Sonnenuntergang aus dem Lager hinaus gewiesen werde und dann erst wieder in das Lager eintreten dürfe, damit jeder Mensch die Empfindung habe, dass das Lager einem Heiligtum des Herrn gleiche, und dass es nicht sei wie das Heerlager anderer Völker, wo nichts als Verderbtheit, strafbare Handlungen, Beschädigung und Beraubung anderer üblich ist. Wir aber wollen, dass die Menschen zum Dienste G~ttes und zu geordneten Verhältnissen angeleitet werden". Das war die Absicht der talmudischen Weisen, die vom Raschikommentar zum Vers zitiert werden: "so hüte dich vor jeglichem bösen Dinge - weil der Ankläger (ssatan) zur Stunde der Gefahr anklagt", d.h. zur Stunde moralischer Gefährdung im Krieg ist die Abweichung (ssetija, gleicher Wortstamm) eher anzutreffen, und darum muss man sich mehr hüten. So erklärte auch Rabbiner A.J.Kuk die Worte König Davids im Buch der Psalmen "Auch wenn ich gehe im Tale des Todesschattens, fürcht' ich kein Leid, denn du bist mit mir" (23,4): "Wir betrachten die allerersten Generationen, die von der Tora aufgeführt werden, die Propheten und die Schriften, jene Generationen, die sich mit der Kriegführung beschäftigten, - und genau jene sind die Großen, auf die wir uns in Freundschaftlichkeit und Größe der Heiligkeit beziehen. Verstehen wir doch, dass die Grundlage der seelische Funken bildet... Der Krieg ihrer Existenz, der Existenz der Nation, der Krieg G~ttes war innere Erkenntnis. Stark waren sie in ihrem Geiste, und sie wussten in der Tiefe der Finsternis das Gute zu wählen und dem Bösen auszuweichen, auch wenn ich gehe im Tale des Todesschattens, fürcht' ich kein Leid" (Orot, Hamilchama, §2). Mögen wir auch in unseren
Tagen wissen, diese höchste Stufe des Lebens in unserer Mitte zu offenbaren,
um dadurch unsere Feinde in allen unseren Kriegen sowohl militärisch
als auch moralisch zu besiegen.
Schweiß und Tränen Vor kurzem endeten die olympischen Spiele, die dieses Mal in China ausgetragen wurden. Wiederum konkurrierten Sportler in den unterschiedlichsten Disziplinen, wiederum gelang es Menschen, den vorigen Rekord um soundso viele Tausendstel Sekunden zu unterbieten, wiederum mischte sich das Glück der Sieger mit den Tränen der Verlierer. Wiederum bestätigte sich die Bescheidenheit der israelischen Sportler, indem sie nicht der Ehre um einen Platz auf dem Siegertreppchen nachrannten... Milliarden Menschen wandten ihre Blicke gen China, und mit diesen Zeilen möchte ich mich jenen Massen anschließen und so weit wie möglich durch die Brille der Tora nach China schauen. Fangen wir mit der rosa Brille an. Zweifelsohne lässt sich viel von jenen Sportlern lernen. Sie können uns einiges über das eiserne Festhalten am gesteckten Ziel erzählen, sie können als lebendiges Beispiel für grenzenlose Anstrengung dienen. Die Olympiade bezeichnet den Endpunkt einer Sisyphus-Arbeit von tagtäglicher harter und aufreibender Mühe. Dort kommt man nicht hin durch Selbstmitleid, sicher nicht durch Mittelmäßigkeit und Nachgiebigkeit. Tag für Tag müssen die Sportler ihre Trägheit aufs Neue besiegen, immer wieder frühmorgens zum Training aufstehen und beweisen, dass der Mensch fähig ist, das für unmöglich Gehaltene zu schaffen. Sie müssen sich anstrengen, in Geduld fassen und vor allem niemals aufgeben. Bei der Olympiade wird sehr deutlich, dass für halbe Sachen kein Platz ist, dass es keine Abkürzungen gibt, alles muss mit größter Genauigkeit und höchster Konzentration ablaufen, jeder Sekundenbruchteil ist von schicksalshafter Bedeutung! Diese Eigenschaften, würden wir sie nur von den Sportlern übernehmen, bedeuteten eine unerschöpfliche Schatzgrube für den Dienst an G~tt. Eine Anstrengung von dieser Größenordnung zum Erreichen moralisch wertvoller Ziele würde die Welt zum Guten wenden, solche Exaktheit beim Dienst an G~tt und der Besserung der Charaktereigenschaften würde gewaltige Geistesgrößen erwachsen lassen. Eine Denkweise, nach der es keine Fesseln für die Kraft des Willens gibt und kein Hindernis den Weg des Menschen zu seiner Bestimmung blockieren kann, der sein Potential voll ausschöpft, ist eine fundamentale Denkweise in unserer Beziehung zum Herrn der Welt. "Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt" (Mischna "Sprüche der Väter", 4,1), und mir scheint, von jenen Menschen lässt sich nicht wenig lernen. Erscheinungsformen der Körperkultur Die griechische Weltmacht erstand auf den Ruinen des Perserreiches, das ihr voran ging. Beide huldigten der Körperkultur, allerdings auf extrem unterschiedliche Weisen. Die Perser machten den menschlichen Körper zu einem Behältnis aller weltlicher Genüsse. Der Mensch wurde zu einem Sklaven der Weingelage und der Vergnügungen, und seine Eigenschaft als "Ebenbild G~ttes" zu einer gut geölten Begierdenmaschine. Der Hellenismus mit seinen Olympiaden heiligte eine andere Art Körperkultur. Der Mensch lässt sich nicht von seinen Begierden beherrschen, er frisst sich schon nicht mehr pausenlos voll und wird fetter und fetter. Im Gegenteil, mit Macht besiegt er die Faulheit und die Begierden und zwingt seinen Körper zu ständiger Anstrengung. Zweifellos handelt es sich dabei im Verhältnis zur persischen Kultur der Völlerei um einen bedeutenden Fortschritt, doch das wahre Ziel vermochte auch die griechische Kultur nicht zu erreichen. Immer noch stehen der Körper und seine Fähigkeiten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Bedeutung eines Menschen wird von der Frage abgeleitet, wer schneller läuft und höher springt, und der Maßstab für den menschlichen Erfolg liegt in der Masse seiner Muskeln. Die ganze Macht seines Willens wende der Mensch auf die Stärkung seines Körpers, und die Frage der moralischen Werte des Menschen bleibt ohne Bedeutung. Die Olympiade begründete die Idee, nach der nicht nur der Wert des Menschen, sondern auch der Wert eines Volkes an den körperlichen Fähigkeiten gemessen wird. Ein Volk erlangt Anerkennung und Wertschätzung entsprechend der Anzahl seiner sportlichen Erfolge, ohne dass seinen moralischen Erfolgen irgend welche Bedeutung beigemessen würde. Das chinesische Volk wird für beispielhafte Organisation und eine Unzahl von Medaillen belohnt, ohne dass sein niedriges moralisches Niveau die festliche Atmosphäre trüben könnte. "Wir sind wieder wer" sagte einst ein jüdischer Sportler nach dem Sieg einer israelischen Mannschaft beim Europapokal und verewigte damit die ganz-und-gar unjüdische Botschaft, wonach die Zugehörigkeit zur Völkerfamilie von Erfolgen beim Basketball abhängt. So eine massive Konzentration auf die Körperkultur geht zwangsläufig zu Lasten der Berücksichtigung der göttlich-spirituellen Seite des Menschen. Wer auf dem Weg zur goldenen Medaille seine Nächte zu Tagen macht lebt in dem klaren Bewusstsein, dass die Entwicklung seines Körpers seine ganze Welt ausfüllt, und der Gewinn, der ihm zuteil wird, die Erfüllung seiner Träume bedeutet. All dies zeugt von seiner Anerkennung dieser Werteordnung. Der Jugend gehört die Welt Eine Welt, in der der muskelbepackte Körper im Mittelpunkt steht, vermittelt eine weitere - verdeckte - Botschaft: die Welt gehört der Jugend. Das Alter, in dem sich nach den talmudischen Weisen die Tore zur Welt des Verborgenen öffnen, vierzig Jahre, ist das Alter, in dem die letzten Sportler abtreten. Die Welt gehört dem Jungen und Starken, dem Flexiblen und dem Muskelmenschen und ist nicht in der Lage, die Älteren zu würdigen. Sie dienen maximal als Kommentatoren und können sich in ihren Erinnerungen sonnen, doch die wirkliche Welt, wo die Rekorde gebrochen und die Preise verliehen werden, endet in den späten dreißiger Jahren des Menschen. Eine Welt, die den starken Körper verehrt, schiebt das Leben vieler Menschen beseite, die nicht mehr jung und schön sind, und macht bedeutende Persönlichkeiten zu Zuschauern. Darüberhinaus hält die Olympiade den Sieg des Menschen über seine Trägheit nicht für ein höchstes Ziel. Das Ziel besteht im Sieg des Sportlers über seine Konkurrenten. Der Konkurrenzkampf steht im Mittelpunkt mit dem ersten Platz als Bestimmung. Die Welt des Körpers lässt sich genau berechnen, eignet sich sehr zu Konkurrenz, und am Ende konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf den Sieger, den Ersten. Der Anstrengung auf dem Weg der Vorbereitung wird kein wirklicher Wert zugerechnet, alles wird an den Resultaten gemessen. Von Olympiade zu Olympiade
fühlt sich das jüdische Volk von seiner Mannschaft im Stich gelassen,
die es wiederum nicht zum Erklingenlassen der Hatikwa gebracht hat und
keinen Nationalstolz erwachsen ließ. Vielleicht ist es besser so.
Vielleicht haben wir als Volk die Vision von einer Olympiade anderer Art,
vielleicht sollten wir der Völkerfamilie eine andere Wertordnung vorlegen,
die nicht vom "schneller, höher, stärker" abhängt, sondern
von "moralischer, prinzipientreuer, göttlicher". Vielleicht ist es
unsere wirkliche Aufgabe, die Bedeutung des Lebens auf diesem Erdenrund
zu klären, eine Bedeutung, die nicht mit dem Alter von vierzig Jahren
endet. Bei dieser Olympiade wird mit G~ttes Hilfe unsere Nationalhymne
erklingen, wie könnte es anders sein...
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
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Wir freuen uns, zusätzlich
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