DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TAWO
Nr. 685
20. Elul 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 26,1-29,8):
Erstlingsfrüchte, Land von Milch und Honig, Torasteine am Jordan, Fluch und Segen von den Bergen Ewal und Gerisim, ausführliche Warnung zur Einhaltung der Gebote, Lohn und Strafe, Erinnerung an Wunder und Bund mit G~tt.
 

Ab Sonntag: Beginn der täglichen "Slichot" vor dem Morgengebet bis Erew Jom Kippur 


Am Schabbes-Tisch...

Die Kunst des Schweigens

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Eine von drei Erklärungen im Talmudtraktat Brachot für das Wort hasket in unserem Wochenabschnitt (Dt. 27,9): "Merk' auf und höre Israel, diesen Tag wirst du zum Volke dem Ewigen deinem G~tte" lautet: "Merk' auf (hasket) und höre Israel - has schweige, und nachher katet zerstoße; dies nach Raba, denn Raba sagte: Zuerst lerne man die Tora, und nachher erörtere man sie" (Brachot 63b). Rabbiner A.J.Kuk erklärte in seinem Werk Ejn Aja (Kommentar zu den Agadot im Talmud) zur Stelle, dass trotz des menschlichen Willens bei der ersten Begegnung mit jeder Sache zu lösen, zu kritisieren und zu opponieren, wenn man sie noch nicht versteht und schon gar nicht mit ihr übereinstimmt - dann soll sich der Mensch in Geduld fassen und langen Atem zeigen, sich das Zuhören angewöhnen und die Sache wirklich kennen lernen. Das erreicht er durch langes und tief schürfendes Lernen, selbst wenn es ihm Leid bereitet, bis er wirklich an die Wurzel der Dinge gelangt, denn dort findet sich die Bedeutung und sogar eine Notwendigkeit, kritisch zu beurteilen, mit ehrlicher Kritik, einer Kritik, die zum Ziel hat, ein herrlicheres und genaueres Gebäude zu bauen. Zu Anfang darum has! schweige, hör zu, lerne, vertiefe, verstehe die Sache wirklich mit allem, was dazu gehört, und erst dann katet, zerstoße, zerstöre, widerlege, opponiere, kritisiere, denn wenn nicht so, wie soll der Mensch denn etwas untersuchen, das er nicht kennt?

So schrieb Rabbiner Kuk dort: "Die Betrachtungen in jeder Angelegenheit müssen nicht nur als Ergebnis der verstandesmäßigen Anschauung der individuellen Sache alleine entstehen, mit der man sich beschäftigt, sondern müssen aus einer Horizonterweiterung und umfassendem Wissen zu allen Themen resultieren, die sich darauf beziehen. Darum besteht keine Hoffnung auf positive Ergebnisse und neue Erkenntnisse, außer, wenn dem das alles einschließende Wissen voran geht, und jedes Thema und alle Dinge, die dazu gehören. Diese Sache betrifft vor allem die Gegnerschaft zu Ansichten und die Kritik, die nur dann nützt, wenn dadurch groß werde die Lehre und herrlich (siehe Jeschajahu 42,21), Weisheit zu mehren und glanzvoller zu machen, nur wenn sie auf vollkommenem, umfassendem, vertiefendem und in jeder Hinsicht wohlgeordnetem Wissen beruht, wie es dem Fachmann und dem Bewanderten gut ansteht. Darum muss sich der Mensch angewöhnen, geduldig viel anzuhören, Wissen anzusammeln, ohne dem unterdessen seine eigene Ansicht oder Anschauung hinzu zu fügen, die auch, wenn sie einigen Details oder Abschnitten entgegen steht, nicht schnell den Streit beginnen sollte. Has, schweige, hör zu, geh den Dingen auf den Grund, durchforsche alle ihre Aspekte, und wenn dir dann das gesamte Wissen zur Verfügung steht, gehörst du bereits zu den kräftigen Vollführern (nach Psalm 103,20) im Streite der Tora - katet, zerbreche, was dir zu widerlegen und einzureißen richtig erscheint, aber sei nicht vorschnell mit Zerstörung und Kritik, wenn du noch nicht so sehr bewandert und kein Fachmann in diesen Dingen bist, denn daraus entstehen viele fachliche und moralische Missgeschicke... und wenn du diese Bedingung erfüllst, wird selbst dein Zerstören der Welt Segen bringen, und dies ist die Art und Weise der Tora, der eine baut und der andere reißt ein, nur dass er dazu geeignet und würdig sei". 

Diese Sache stimmt nicht nur in Bezug auf das Torastudium, sondern auch beim Studium von allen Wissenschaften und überhaupt bei der Begegnung mit jedem Ding im Leben. Leider sind wir gewohnt, jede Sache und jedes Thema und jeden Menschen unserer Kritik zu unterziehen, auch wenn wir die Angelegenheit oder die Person überhaupt nicht kennen. Darum müssen wir uns etwas Bescheidenheit angewöhnen, wissen, wann auszuhalten und mit Geduld die Wahrheit um jede Sache kennen zu lernen, bevor wir unsere Kritik anbringen. ...Schweigen ist Gold!
 
 
 
Kinder, Kinder...

Des Widerspenstigen Zähmung

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Letzte Woche lasen wir in der Tora vom ben ssorer umoreh, dem "unbändigen und widerspenstigen Sohn". Die Gesetze dazu, die aus den entsprechenden Versen im 5. Buch Moscheh (21,18-21), der Mischna und der Gemara im achten Abschnitt des Traktates Sanhedrin resultieren, sind so außerordentlich detailliert, was die Beschaffenheit dieses Sohnes und seiner Taten und auch dessen Eltern angeht, bis dass es sogar an einer Stelle im Talmud heißt: "[Der Fall vom] unbändigen und widerspenstigen Sohn ist nie geschehen und wird nie geschehen; er ist nur deshalb nieder geschrieben worden, damit man für die Schriftforschung eine Belohnung erhalte" (Sanhed. 71a). Nichtsdestoweniger wollen wir uns anhand der folgenden Geschichte das Gesetz vom ben ssorer umoreh einmal vorzustellen versuchen, und ein jeder ziehe daraus die Lehren, die recht erscheinen in seinen Augen.

"Ist einer von ihnen [den Eltern] einhändig, lahm, stumm, blind oder taub, so gilt er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn, denn es heißt: sein Vater und seine Mutter sollen ihn ergreifen, keine Einhändigen; sie sollen ihn hinaus führen, keine Lahmen; sie sollen sprechen, keine Stummen; dieser, unser Sohn, keine Blinden; er hört nicht auf unsere Stimme, keine Tauben" (Sanhedrin 8.Kap., Mischna).

* * *
"Lasst mich in Ruhe, ich hasse euch alle!" schrie er und blickte mit Funken sprühenden Augen nach links und nach rechts, doch sie ließen nicht ab. Sie waren solche Blicke gewohnt und gleichgültig gegenüber seinem Hass. Der Mann rechts von ihm signalisierte etwas der Frau zu seiner Linken, worauf beide ihren Zugriff festigten und mit beiden Händen entschlossen und schweigend zugriffen. Zwei Monate waren seit seiner Bar-Mitzwa vergangen, ganze zwei Monate. Schon damals begannen sie die Gedanken zu quälen, "man muss dieser Sache endlich ein Ende setzen". Er verhielt sich so ja nicht erst seit gestern, sondern schon als kleiner Junge, doch damals bestand noch die Hoffnung, wenn er erstmal Bar-Mitzwa ist, wird sich das schon geben. Zwei Monate nach jenem Ereignis, das wie tausend Alarmglocken läutete, reifte in ihnen die Entscheidung. 

Die beiden gingen mit schnellen Schritten voran, doch gegenüber ihrer demonstrativen Selbstsicherheit bezüglich der Richtigkeit ihrer Entscheidung machten die nagenden Zweifel ihre Herzen schneller schlagen. Vor ihrem geistigen Auge tauchte wieder die Nacht nach der Bar-Mitzwafeier auf, und alles, was sich danach abspielte. "Hörst du, fünftausend Golddenare! Und wem hat er sie gestohlen, dein Sohn? Mir... aus der Innentasche meines Anzugs, das Geld, das für die Bewirtung bei der Feier gedacht war. Er schämt sich überhaupt nicht, ich sage dir, er ist nicht zu retten. Jetzt ist er noch klein, ich wage gar nicht daran zu denken, was später aus ihm werden kann".

"In meinen schlimmsten Träumen konnte ich mir nicht ausmalen, dass uns einmal so ein Sohn geboren wird", erwiderte die Frau. "Während der Schwangerschaft hatte ich die ganze Zeit Angst, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, oder ein entstelltes oder schwachsinniges. Ich wusste nicht, wieviel Bosheit in einem hübschen, gesunden und süssen Kind versteckt sein kann". Seit der Bar-Mitzwa wurde alles nur noch schlimmer. Noch in jener Nacht sah er aus dem Winkel seiner Augen seine große Schwester nur schwerlich ein Grinsen unterdrücken, als von seiner Strafe für den Diebstahl des Geldes die Rede war. Am nächsten Morgen wachte die Schwester kurzgeschoren auf. Ihr langes Haar lag abgeschnitten ihr zur Seite nach einer Nacht stiller Rache. Ihre Leidensschreie, die die Wände des Hauses erweichten, vermochten nicht die Wände seines Herzens zu durchdringen. Er setzte sich in die Küche, als ob nichts geschehen wäre, aß und trank, trank und aß, Fleisch und Wein, Wein und Fleisch. Die Verzweiflung seiner Schwester gab seiner Mahlzeit erst so recht die Würze. Seine Eltern, die mit Strafe und Ermahnung ihrer Tochter Genugtuung verschaffen wollten, ahnten nicht, dass auch an ihnen der Giftbecher nicht vorüber gehen sollte. Sieben Jahre schon schrieb sein Vater mit großer Mühe an einem Buch, sieben Jahre, in denen er sich fast keinen Schlaf gönnte und Nächte zu Tagen machte. Sieben Jahre reihte er Buchstaben an Buchstaben, bis daraus Worte und Sätze wurden. In einem einzigen Augenblick fiel dieses Werk dem Sohn in die verbrecherischen Hände, der dann diese Schöpfung entzündete. In kurzer Zeit waren sieben Jahre harter Arbeit verbrannt. Eine Woche später brachte er den Ehering seiner Mutter in seinen Besitz, den er kurzerhand verscherbelte und sich für den Erlös Zigaretten kaufte. Seine Worte schwärzten die Wände der Wohnung, und wer seinen Ausbrüchen nicht mit Wohlwollen begegnete, bekam seine Hände zu spüren.

Dreizehn Jahre und sechzig Tage bevölkert ein Kind die Wohnung wie ein Feuerball, der alles verzehrt, was ihm in die Quere kommt, und jetzt - sie zu seiner Linken, er zu seiner Rechten auf dem Weg zu den Stadtältesten und dem Gerichtsplatz. Es fällt ihnen schwer, besonders der Mutter. Am Ende stärken sie sich an den Worten der Tora: "Die Tora sagt daher, dass er lieber unbelastet sterbe als [mit Sünden] belastet... (Sanhedrin 72a), denn wenn sich die Eltern seiner erbarmen, wird er vom rechten Wege abkommen, Verbrechen begehen und vor Gericht todesschuldig werden. - So beschleunigten sie ihre Schritte und gelangten zum Bet Din (Rabbinergericht). 

Drei ernst dreinschauende Dajanim (Richter), in Roben gehüllt, blickten ihn an. "Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht nicht unserer Stimme, - ein Schlemmer und Säufer" (Dt. 21,20) ließen die Eltern einstimmig hören. Er wollte etwas ausrufen, wurde aber zum Schweigen gebracht. Die Stimme dröhnte in seinen Ohren so nahe, und dennoch furchtbar fern. Ein Zittern erfasste ihn bei den Worten "Dieser unser Sohn". Der Mann und die Frau begannen, vor dem Gericht alle seine Schandtaten aufzurollen, angefangen von der Tierquälerei an streunenden Katzen mit acht Jahren, bis hin, wenn man ihn nur ließe, zur Vernichtung der Welt. 

"Jetzt wollen wir mal den Sohn hören", sagte der Dajan, der in der Mitte saß, "hast du etwas dazu zu sagen?".

Er zitterte vor Wut. Er hatte viel zu sagen, doch brachte er nur einen Satz heraus: "Ich hasse euch!".

Die Verhandlung dauerte und dauerte, alles vernebelte sich vor seinen Augen, er folgte schon nicht mehr dem Geschehen. Schwer verdauliches Gerede. Der Saal drehte sich um ihn herum in einem seltsamen Schwindelgefühl, als er plötzlich den mittleren Dajan verkünden hörte: "Steinigt ihn. Handelt es sich doch bei ihm um einen ben ssorer umoreh. Vorher allerdings noch einige technische Fragen. Wie sie verstehen werden", wandte er sich an den Mann und die Frau, "gibt es noch einige physiologische Dinge zu klären".

"Verfügen Sie über je zwei Hände, oder sind Sie einarmig?" "Sicher haben wir Hände, sonst hätten wir ihn ja nicht herschleppen können". "Verfügen Sie über gesunde Beine, oder sind Sie etwa lahm?" "Sicher haben wir Beine, sonst könnten wir ja nicht vor Ihnen stehen". "Haben Sie einen Mund? Haben Sie Ohren zu hören, Augen zu sehen?" "Na klar, sicher. Wir sehen, hören und reden wie es sich gehört". "Dann ist also alles in Ordnung", sagte der Dajan in einem amtlichen Ton, "machen wir uns an die Arbeit".

Der Mann schaute auf die Frau, sie blickte zurück, im Versuch, einander Rückhalt zu geben. Zuletzt verkündete der vorsitzende Dajan: "Wir können Ihre Erklärungen zu der Funktion Ihrer Organe so nicht akzeptieren. Das Gesetz verlangt von uns, sie bei dieser Gelegenheit zu prüfen. Sorgen Sie sich nicht, das dauert bloß ein paar Minuten. Sie werden einige Anweisungen befolgen müssen. Zuerst wollen wir die Funktion Ihrer Hände überprüfen. Vater und Mutter, lockern Sie Ihren Griff. Nun wollen wir sehen, ob Sie nicht kurzgliedrig sind. Bitte umarmen Sie Ihren Sohn. Hmm, Sie tun sich schwer damit. Ich verstehe...", sagte der Dajan. "Vielleicht sind die Beine in einem besseren Zustand. Bitte setzen Sie sich und nehmen Ihren Sohn auf den Schoß. Das ist nicht so einfach. Und jetzt die Augen - richten Sie Ihre Blicke geradewegs auf Ihren Sohn. Sehen Sie, wie er zittert. Sehen Sie hin - das ist Ihr Sohn. Können Ihre Augen eine Träne über sein Leid vergießen? Und die Ohren - sind sie fähig, einmal in Ruhe den Worten des Sohnes zu lauschen? Wirklich zuhören? Wollen wir es mal versuchen. Und der Mund - der Mund, der sprach: 'Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig', ist er fähig zu sagen: 'Du bist unser Sohn'? Ich sehe, der Mund tut sich schwer", sagte der Dajan und schrieb etwas auf das vor ihm liegende Pergament. "Wenn Sie Ihrem Mund ein Wort der Liebe abringen können, bestätigt das die korrekte Funktion Ihres Körpers, und wir können mit der Steinigung beginnen". Die Eltern schwiegen.

Die Blicke des Sohnes kreuzten sich mit denen der Eltern. Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, etwas zu bemerken. Auch ihnen schien es, als sähen sie etwas in ihm. Sie hörten noch, wie der Dajan das Protokoll unterschrieb und verkündete: "Unbändig und widerspenstig - weil er als Sohn erkannt wurde, ist die Sache nie geschehen und wird nie geschehen", und sie verließen den Saal.
 
 
 

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