DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TISSA
Nr. 656
17. Adar I 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 30,11 - 34,35):
Volkszählung durch Tempelspende; Wasserbecken für Priesterwaschung; Salböl; Räucherwerk; 2 Architekten des Heiligtums; Mahnung zur Schabbathaltung; Sünde des goldenen Kalbes; Moscheh zerbricht die ersten Gesetzestafeln; Tötung der Kalbsünder; Moscheh und die göttliche Präsenz im Versammlungszelt; Moscheh macht neue Gesetzestafeln; G~tt, verspricht, bei der Eroberung Israels zu helfen; Mahnung, nicht den Wegen der Bewohner zu folgen; Moscheh strahlt nach 40 Tagen und Nächten auf dem Berg Sinai.
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...
 

Was lernte Moscheh auf dem Berge Sinai?
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Die vierzig Tage, die unser Lehrer Moscheh auf dem Berge Sinai verbrachte, gehen in unserem Wochenabschnitt zuende. Er steigt mit den Gesetzestafeln herunter und zerbricht sie angesichts des goldenen Kalbes, das die Israeliten anfertigten. Was "machte" Moscheh jene vierzig Tage lang auf dem Berg? Darauf antwortet die Tora: "Und der Ewige sprach zu Moscheh: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleibe dort; und ich werde dir die Tafeln von Stein geben, mit der Lehre und dem Gebote, das ich geschrieben, um sie zu belehren" (Ex. 24,12). Die talmudischen Weisen erklärten dazu: "Die Tafeln - das sind die zehn Gebote; die Lehre - das ist die Schrift; das Gebot - das ist die Mischna; das ich geschrieben - das sind die Prophetenbücher und die Schriften; um sie zu belehren - das ist der Talmud. Dies lehrt, dass sie sämtlich dem Moscheh am Sinai überliefert wurden" (Brachot 5a). In etwas anderen Worten heißt es im Talmud jeruschalmi: "Sogar was ein erfahrener Schüler in der Zukunft vor seinem Rabbi lehren wird, wurde bereits Moscheh am Sinai übermittelt" (Peah 2,4). Demnach lernte Moscheh auf dem Berg die gesamte Tora in allen ihren Einzelheiten, bis dass sogar alle zukünftigen Geistesblitze aller folgenden Generationen vor ihm offenbar waren. Nach einem anderen Midrasch zu unserer Parscha melden die Weisen allerdings Zweifel an: "Lernte er etwa die ganze Tora? Heißt es doch in der Tora: Länger als die Erde ist ihr Maß, und breiter als das Meer (Ijow 11,9) - und in vierzig Tagen lernte Moscheh sie?!" (Schemot raba 41,6), und geben sofort eine grundlegende und folgenschwere Antwort: "Vielmehr lehrte G~tt ihn die Grundregeln (Klallim)... [abgeleitet von dem Worte] kechaloto (Ex. 31,18)".

Erklärung: Jeder, der Tora lernt, wird unverzüglich der unendlichen Anzahl von Einzelheiten bei jedem Thema gewahr und fühlt nicht selten, wie er nicht "den Wald vor lauter Bäumen sieht". Die Sache wird nur noch schlimmer bei jenen, die sich intensiv mit Torastudium befassen, denn je mehr ihre Weisheit wächst, desto deutlicher zeigt sich vor ihnen die Komplexität der Dinge; alles wird komplizierter und manchmal auch verwirrender, bis hin zu offener Frustration, die sich manchmal in dieser oder jener Krise offenbart. So verhält es sich nicht nur im Zusammenhang mit dem Torastudium, sondern auch bei jeder weltlichen Weisheit, in der materiellen Welt mit ihrer unendlichen Menge von Einzelheiten, und überhaupt im Verhältnis zur Abfolge der Ereignisse, die über den Menschen und die Welt hinweggehen, was man so Geschichte nennt. Die Begegnung mit so vielen Einzelheiten fällt schwer, aber was kann man tun? Da lehren uns die Weisen: "Vielmehr lehrte G~tt ihn die Grundregeln", und nach dem Midrasch (Sifri Ha'asinu): "Immer seien die Worte der Tora in deinem Besitze Grundregeln und nicht Einzelheiten". Darum nannten die Weisen "Glaubensprinzipien", d.h. fundamentale und wesentliche Regeln, von denen alles ausgeht, und sie umfassen automatisch alle Einzelheiten.

Zweifellos besteht eine der Hauptkrankheiten unseres Zeitalters in der falschen Betrachtungsweise der unendlich vielen Einzelheiten unserer Welt. Wir bedenken jede Einzelheit für sich selbst, und so macht man zwar Fortschritt bei den Einzelheiten, sieht aber nicht den gesamten Organismus.

So verhält es sich auch beim Toralernen, und überhaupt bei allen Ereignissen auf dieser Welt. Unsere vorrangige Mission besteht im Erlernen der Prinzipien, der Regeln, die uns unsere Weisen im Laufe der Generationen lehrten, so wie Maimonides, der "hohe Rabbi Löw" aus Prag, Rabbiner Awraham Jizchak Kuk und andere, wie es Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto im Vorwort zu seinem Werk "Derech Haschem" zusammen fasste: "Was dem Menschen würdig ist, sich darum zu bemühen - das ist das Wissen um die Grundregeln, jede einzelne Grundregel umfasst naturgemäß viele Einzelheiten, und wenn man eine Grundregel erfasst hat, erfasst man von selbst eine große Anzahl Einzelheiten".

Ebenso schrieb Rabbiner Kuk (Orot Hakodesch III): "Wer im Besitze einer allgemeinen Seele ist, muss sich in unserer Generation mit Einleitungen beschäftigen, mit der Klärung der Prinzipien aller erhabenen Dinge. Bei der Einleitung zum Glauben der Allgemeinheit, dem Verständnis seiner Definitionen, seiner Beschreibungen, seiner Eigenschaften, seines Wirkens, auf den Menschen und die Welt, die guten und die schlechten Seiten seines Erscheinens - um zu wissen, wie man alles richtig zuordnet".

Auf so einer Basis werden wir wissen, alle Grundwerte der Tora und ihre Erscheinung im Laufe sowohl des allgemeinen als auch des individuellen Lebens richtig einzuschätzen.
 
 
HaRav Engelmann

Die Agada

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

An zwei Stellen stritten Rabbi Elasar ben Asarja und Rabbi Akiva zu Fragen der Agada (Gegensatz zur Halacha, Gesetz; der im Stil von Erzählungen gehaltene Teil der mündlichen Tora). Beide Male vertrat zuerst Rabbi Akiva seine Ansicht, und Rabbi Elasar schien daraufhin andeuten zu wollen, dass Rabbi Akiva in Sachen Agada nichts zu melden habe. In beiden Fällen brachte Rabbi Elasar ben Asarja eine Ansicht vor, die auffallend der von Rabbi Akiva ähnelte, und vielleicht stritten sie gar nicht über das Thema, sondern wollten grundlegende Fragen zur Agada klären.

"Die Frösche kamen herauf... (Ex. 8,2) [wörtl.: der Frosch] - Rabbi Akiva sagt: Es war ein einzelner Frosch, der enorm Nachwuchs erzeugte und das Land Ägypten anfüllte. Sagte ihm Rabbi Elasar ben Asarja: Akiva, was hast du mit der Agada zu tun? Hör auf mit deinen Reden und befasse dich mit [den Lehren über Unreinheit durch] Aussatz und Bezeltungen. Es war ein einzelner Frosch, der den anderen pfiff, und sie kamen" (Schemot raba 10,4).

Rabbi Akiva setzte sich mit der Frage auseinander, warum es im Text der Tora in der Einzahl heißt: "Der Frosch kam herauf". Er schlug eine Lösung vor, nach der alles mit einem Frosch anfing, der dann viele neue Frösche hervor brachte. Damit handelte er sich die überraschende und scharf formulierte Antwort von Rabbi Elasar ein: "Was hast du mit der Agada zu tun?" Was war so problematisch an den Worten Rabbi Akivas, bis dass ihm Rabbi Elasar das Reden verbot? Dabei ist zu beachten, dass Rabbi Elasar nicht Rabbi Akivas Weisheit anzweifelte, denn er verwies ihn zum Bereich mit den kompliziertesten Halachot, Aussatz und Bezeltungen, was die Frage nur noch verstärkt - warum soll sich Rabbi Akiva mit den kompliziertesten Gesetzen beschäftigen, nicht aber mit der Agada?

Nach der Schärfe seiner Worte zu urteilen, hätte man von Rabbi Elasar eine revolutionäre Deutung erwarten können, diametral entgegengesetzt zu der Deutung Rabbi Akivas. Doch sagte er bloß: "Es war ein einzelner Frosch, der den anderen pfiff, und sie kamen". Schwer zu verstehen, was von Rabbi Elasars Erklärung so sehr bei Rabbi Akiva fehlt, sie scheinen sich doch so sehr zu ähneln? Ein Frosch, der sich vermehrt, ein Frosch, der andere herbei holt...?

Ein anderer Midrasch bezieht sich auf die Verse im Buche Daniel (7.Kap.), wo von den "Thronen" G~ttes die Rede ist. Die Weisen versuchen, die Beschaffenheit dieser Throne zu ergründen, und wiederum ergibt sich ein ähnlicher Streit: "Einer für das Recht und einer für die Milde - so Rabbi Akiva. Rabbi Elasar ben Asarja sprach zu ihm: Akiva, was hast du mit der Agada zu tun, begib dich mit deinen Reden zu Aussatz und Bezeltung! Vielmehr einer als Stuhl und einer als Schemel. Einer als Stuhl, zum Sitzen, und einer als Schemel, zum Auflegen der Füße, denn es heißt: der Himmel ist mein Stuhl, und die Erde meiner Füße Schemel" (Jes. 66,1; Chagiga 14a).

Wiederum äußerte sich Rabbi Akiva zu einem agadischen Thema, und auch diesmal bat ihn Rabbi Elasar zu schweigen und sich Aussatz und Bezeltungen zuzuwenden. Auch diesmal wird die Erwartung enttäuscht, Rabbi Elasar würde eine radikal andere Erklärung anbieten, denn nach Rabbi Akiva hat G~tt einen Thron zum Recht und einen zur Milde, d.h. zur Weltlenkung außerhalb der strengen Gesetzeslinie. Rabbi Elasar spricht in Andeutungen, scheint aber die gleiche Linie zu verfolgen, denn seiner Ansicht nach hat G~tt in dieser Welt einen Thron, "der Himmel ist mein Thron", und einen Schemel für die Füße, "und die Erde meiner Füße Schemel". Der "Himmel" steht für die absolute Welt, für das Gesetz, und die "Erde" für die Welt, in der G~tt das Gesetz mit der Barmherzigkeit kombiniert. D.h. der Thron dient zum Richten, und der Fußschemel zur Mildtätigkeit. Rabbi Akiva und Rabbi Elasar scheinen also sehr ähnliche Dinge mit nur etwas anderen Worten gesagt zu haben - warum also der Zorn über "Milde" und "Fußschemel"?

Um dem Gespräch zwischen Rabbi Akiva und Rabbi Elasar auf den Grund zu gehen, müssen wir uns über das Wesen der Agada im Klaren sein. Was bedeutet diese an Fabeln und Geschichten reiche Welt, die manchmal übertrieben und manchmal kindisch scheinen, warum nimmt sie in der mündlichen Tora einen so breiten Raum ein?

"Die Erklärer der Agadot sagen: Möchtest du denjenigen kennen lernen, auf dessen Wort hin die Welt entstand? Lerne Agada, und dadurch lernst du den kennen, auf dessen Wort hin die Welt entstand, und du wirst seinen Wegen anhangen" (Sifri Dewarim 49).

Die Welt der Agada ist eine Welt der verborgenen Lehren. Im Gegensatz zur Welt der Halacha, die immerzu fragt: "Was gebietet G~tt uns in diesem Fall?", fragt die Welt des Verborgenen: "Wer ist G~tt? Was sind seine Eigenschaften? Wie wirkt er in der Welt?".

Die Welt der Halacha muss gründlich definiert und erklärt werden, denn wenn wir die Bedeutung der Dinge nicht genau verstehen, können wir sie auch nicht ausführen. Die Welt der Agada hingegen muss in einer Sprache ohne Grenzen erscheinen, in Worten, die sich von ihrer "Schale" schälen lassen, die eine Richtung erkennen lassen zu "dem, auf dessen Wort hin die Welt entstand", d.h. ein Bewusstsein für den Unendlichen, gelobt sei er, entwickeln - sie erscheinen vor uns in der Sprache der Erzählung und der Gleichnisse, in einer Sprache der Andeutungen, die selber kein Ende hat, in absolutem Gegensatz zur Welt der Halacha, die genaue Formulierungen verlangt, und dabei immer weiter vertieft, unendlich weiter, denn es ist doch G~tt, den wir kennen lernen wollen, und er lässt sich nicht in begrenzte Erklärungen hinein zwängen.

Man kann also sagen, dass wirklich kein Unterschied zwischen den Ansichten von Rabbi Akiva und Rabbi Elasar besteht. Der Unterschied liegt in der Ausdrucksweise. Während Rabbi Akiva den Ausbruch der Froschplage exakt beschreiben und erklären wollte, und wie G~tt seine Welt lenkt, legte Rabbi Elasar ben Asarja großen Wert auf eine Rede in Andeutungen, die nicht in aller Offenheit erklärt werden.

Die Kritik von Rabbi Elasar an Rabbi Akiva zielte nicht auf dessen Ansicht, sondern auf die Präsentation der Dinge. Die Seele der Agada liegt in einer nicht ganz abgeschlossenen Ausdrucksweise, in Worten, in die man sich grenzenlos vertiefen kann. Rabbi Akiva bemühte sich genau zu definieren, wie die Plage der Frösche entstand und wie G~tt die Welt lenkt. Seine Worte definieren genau und lassen keinen Spielraum für die unendliche Weite der Agada. Da sagte ihm Rabbi Elasar, "begib dich mit deinen Reden zu Aussatz und Bezeltung!", dort, bei den schwierigsten Gesetzen braucht man jemanden, der genau zu beschreiben und die Dinge exakt einzugrenzen weiß, doch "was suchst du bei der Agada". Rabbi Akivas Sprache ist zu verständlich und veranlasst den Lernenden nicht zu weiterer Vertiefung in die verborgenen Geheimnisse jenseits der Worte. Anstelle der Beschreibung "enorme Vermehrung", die alles erklärt, muß "pfeifen" stehen, um ein Tor zum Übernatürlichen zu öffnen, und anstelle von "Recht und Milde" soll es "Stuhl und Schemel" heißen. Anstelle der Erklärung steht die Andeutung, und die Andeutung birgt das Vermögen, den kennen zu lernen, auf dessen Wort hin die Welt entstand.
 
 

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