DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Lev. 19,1-20,27):
Jom Ha'Atzma'ut
Wie ein Granatapfel mit Kernen ist unser Wochenabschnitt mit Geboten gefüllt. Von seiner Überschrift Kedoschim tihju, "Heilig sollt ihr sein", könnte man Gebote erwarten, die den Menschen vom Wahn der Welt entfernen und ihn in immer höhere geistige Sphären erheben. Doch G~tt beeilt sich sehr, den "Höhenflieger" wieder auf eine niedrigere Flugbahn zu bringen und ihn auf dem Boden der Wirklichkeit zu landen, einer Wirklichkeit, in der es Menschen gibt, und Eigentum, und "Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft" neben Hass, Neid und Konkurrenzkampf. Damit zeigt uns G~tt, dass es nicht reicht, ihn mit dem Namen "heiliger G~tt" zu loben, wie zu Beginn des Schmone-Esre Gebetes, vielmehr ist der Segensspruch mit "guter G~tt" zu beenden. Viele Gebote dieses Wochenabschnittes betreffen die zwischenmenschlichen Beziehungen: die Armengeschenke, die Verbote des Raubes und des Diebstahls in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, Beeinflussung eines Gerichtsverfahrens, üble Nachrede und Klatsch, Rache und das Bewahren eines Grolls. Zuallererst - das Gebot der Nächstenliebe und das Verbot des Bruderhasses. Zwischen all diesen Geboten befinden sich auch einige bezüglich der Arbeitsverhältnisse. "Du sollst deinem Nächsten nichts vorenthalten und ihm nichts rauben; du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht bei dir stehen lassen bis zum Morgen" (Lev. 19,13). Nicht nur, dass man dem Nächsten nicht mit Gewalt das Seine entreißen darf - "du sollst nicht rauben", es ist auch verboten, bei sich zu belassen, was man dem Anderen schuldet, sei es die Rückzahlung eines geborgten Betrages, sei es ein noch nicht gezahlter Arbeitslohn. Dazu heißt es: "Du sollst deinem Nächsten nichts vorenthalten". Doch damit nicht genug. Es gibt nicht einmal eine Erlaubnis für einen temporären Aufschub der Zahlung - "du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht bei dir stehen lassen bis zum Morgen". Dieses Verbot von der Einbehaltung des Lohnes erklärt die Tora selber, nämlich von seiten der Notlage des Arbeiters. So heißt es im Abschnitt "Ki Teze": "Du sollst dem armen und dürftigen Tagelöhner unter deinen Brüdern oder den Fremden, die in deinem Lande, in deinen Toren, sind, den Lohn nicht vorenthalten. Am selben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, die Sonne darf darüber nicht untergehen, denn er ist arm und wartet sehnsüchtig darauf; damit er nicht über dich zum Ewigen rufe, und auf dir eine Schuld laste" (Dt. 24,14-15). Hier herrscht eine wirtschaftliche Notlage - "arm und dürftig...", "oder den Fremden...", "denn er ist arm...", und auch eine seelische Notlage: "und wartet sehnsüchtig darauf". Es wäre allerdings ein Irrtum zu glauben, dieses Gebot entspringe nur der Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen. Nachmanides betont in seinem Kommentar zur Stelle, dass dieses Gebot auch gegenüber einem reichen Arbeiter gelte, "nur rede die Tora vom Normalfall, wenn sich die Armen, die Dürftigen und die Fremden vermieten". Das Verbot der Verzögerung der Lohnauszahlung besteht demnach auch bei einem armen Arbeitgeber und einem reichen Arbeitnehmer. Und nicht nur das. Im Gegensatz zu gewissen sozialistischen Auffassungen, die das Verbot der Lohneinbehaltung nur bei Arbeitnehmern gelten lassen, weitet das jüdische Gesetz dieses Verbot auch auf den selbständigen Arbeiter und auf die Miete von Tieren und Gegenständen aus (wer z.B. seinen Wagen in die Werkstatt zur Reparatur bringt, darf den Werkstattbesitzer nicht vor vollendete Tatsachen stellen und mit einem später datierten Scheck bezahlen, ohne dass dies vorher vereinbart worden war). Die tiefere Bedeutung des Verbotes der verzögerten Lohnzahlung wird im Sohar erklärt (hier zitiert aus dem Buch "Ahawat Chessed", Einleitung des 9.Kap.): "Am selben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, die Sonne darf darüber nicht untergehen - sieh dich vor, seinetwegen nicht vor deiner Zeit aus der Welt zu gehen, wie gesagt wurde: Ehe denn finster wird die Sonne... (Kohelet 12,2). Von hier lernten wir etwas anderes: Wer die Seele des Armen vervollständigt - selbst wenn seine Zeit gekommen ist, aus der Welt zu gehen, so wird ihm G~tt seine eigene Seele vervollständigen und ihm zusätzliches Leben geben. Du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht bei dir stehen lassen - komm und sieh: Wer den Lohn des Armen nimmt, der nimmt sozusagen dessen Seele und die Seele der Mitglieder seines Haushalts. Er verging sich an deren Leben, und G~tt wird seine Tage verkürzen und sein Leben in der kommenden Welt verkleinern...". In diesem Lichte bringt der Sohar dann die Verhaltensweise des Rav Hamnuna: "Als der Tagelöhner seine Arbeit beendete, gab er ihm seinen Lohn und sagte: 'Nimm deine Seele, die du mir zu getreuen Händen gegeben hast'. Und selbst wenn der Tagelöhner sagte: 'Das Geld sei in deiner Hand, denn ich möchte meinen Lohn nicht empfangen', wollte er es nicht bei sich behalten. Dann sagte er: 'Dein Körper sollte nicht bei mir verpfändet sein, erst recht nicht deine Seele; denn das Pfänden der Seele ist nur G~tt möglich, wie es heißt: In deine Hand will ich meinen Geist verfügen (Psalm 31,6)". Wenn also mit dem Tagelöhner (oder mit dem Selbständigen) keine spätere Zahlung vereinbart worden war, sollte man pünktlich bezahlen, auch wenn der andere sich mit einem Zahlungsaufschub einverstanden erklärt. So hielt es auch unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk. An einem Schabbat sahen ihn seine Schüler in einem Anzug, den er sonst nur während der Woche zu tragen pflegte. Es stellte sich heraus, dass er seinen Schabbatanzug in die Reinigung gegeben hatte, und wie er ihn abholen wollte, fand er nicht genug Geld in seiner Tasche. Und obwohl ihn der Wäschereibesitzer drängte, den Anzug mitzunehmen und später zu bezahlen, weigerte sich Rabbiner Kuk, damit er sich nicht der Einbehaltung des Lohnes schuldig mache, und ging lieber den ganzen Schabbat mit dem Wochentagsanzug herum. Dieses Verhalten hatte seinen
Ursprung wohl bei seinem Großvater mütterlicherseits, dem Oberrabbiner
von Jerusalem, genannt "Aderet":
Und wenn wir schon von diesem
Thema reden, möchte ich an die Mädchen erinnern, die in fast
jedem Hause als Babysitter fungieren. Häufig kommt es vor, dass die
Eltern zu später Stunde heimkehren und gerade kein Kleingeld zur Hand
haben, die Babysitterin zu bezahlen. Wenn dann keine vorherige Abmachung
über verspätete Zahlung bestand, liegt hier der Verbots-Tatbestand
der "Lohnübernachtung" vor. Die Erfahrung zeigt, dass sich viele dieser
Mädchen genieren, die Eltern später an die Zahlung zu erinnern,
wodurch dieses Verbot aus Nachlässigkeit auch noch zur Vorenthaltung
des Arbeitslohns führt.
Vor allem muss ein Mensch normal sein. Auch ein Volk muss normal sein. Und was ist das, ein normales Volk? Erklärt der MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw") aus Prag in der Einleitung zu seinem Buch "Nezach Israel", das ganz und gar diesem Thema gewidmet ist: Ein normales Volk zeichnet sich durch drei Dinge aus - seine Angehörigen leben zusammen, es befindet sich in seinem Land, und es herrscht dort souverän. G~ttseidank sind wir wieder zusammen. Es ist zwar nicht immer leicht, und es ist auch nicht immer angenehm, zusammen zu leben. Doch getrennt voneinander ist es unendlich schwerer, wie uns unsere schmerzliche Geschichte in der Zerstreuung lehrte. Zusammen sein oder nicht sein. Wir sind aber nicht aus irgend einer Notwendigkeit zusammen, sondern weil wir wirklich ein Volk sind, nur vergessen wir das manchmal, wegen der vielen Zerstreuungen, wegen der vielen Spaltungen in ethnische Gruppen, nach Ideologien, in Strömungen und Methoden. Man darf sich aber davon nicht ablenken lassen: so ein Durcheinander kommt in den besten Familien vor. Da gibt es den Vater, die Mutter und lauter verschiedene Kinder - aber alle sind Freunde miteinander. Im Exil lebten wir jeder in seiner eigenen kleinen Familie, und jetzt sind wir eine einzige große Familie. Wir kehrten nach Hause zurück, in unser großes Haus, das ist eine große Heiligung des göttlichen Namens. Auch die ganze Menschheit ist uns lieb und teuer, doch erstmal müssen wir an uns selbst denken, für unser eigenes Volk sorgen, für unser eigenes Land und unseren eigenen Staat. Wir kehren in unser Land zurück, und damit kehren wir zu uns selber zurück, wir knüpfen an unsere langjährige Geschichte an, wir werden eins mit unserer Vergangenheit, mit unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Wir werden eins mit uns selber, über alle Unterschiede hinweg. Erst recht in der Armee, wo sich bewahrheitet: Einer für Alle und Alle für Einen. Das ist zwar das Motto der Drei Musketiere von Alexandre Dumas, doch passt es genau auf unsere Armee, Zahal, die israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Wie glücklich können
wir uns schätzen, dass sich an uns das "Schir Hama'alot" bewahrheitet:
"Stufenlied. Als der Ewige die Weggeführten Zions zurück führte,
waren wir gleich Träumenden. Dann füllt mit Lachen sich unser
Mund, und unsere Zunge mit Jubel" (Psalm 126,1-2).
Frage und Antwort Frage: Eine Bekannte
verstarb ohne Verwandte. Ich sage Kadisch für sie. Muss ich jedes
Mal vorher ihren Namen erwähnen?
Frage: Darf man am
Schabbat Geschirr aus der Geschirrspülmaschine nehmen, das man am
Freitag dort hinein gestellt hatte?
Frage: Darf ein Trauernder
während der Schiva (die ersten 7 Trauertage) sein eigenes Essen essen?
(aus Rav Aviners wöchentlichen
Live-Frage&Antwort-Radioprogrammen)
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
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Lichterzünden/Schabbatausgang
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