DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT JITRO
Nr. 652
19. Schwat 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 18,1 - 20,23):
Jitro, Moschehs Schwiegervater, kommt zum Volk Israel in die Wüste; gibt Moscheh Rat, Richtervollmachten zu delegieren; Bund mit dem Ewigen, ein heiliges Volk zu sein und seine Worte zu befolgen; die 10 Gebote am Berge Sinai; das ganze Volk Augenzeugen.
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Du kannst es nicht alleine

Rav Jakov Halevi Filber 
Rabbiner an der "Merkas-Harav" Jeschiwa, Jerusalem

Auf den ersten Blick hatte Jitro mit seiner Behauptung gegen seinen Schwiegersohn Moscheh vollkommen recht, als er die Volksmassen sah, die von morgens bis abends bei Moscheh zur Rechtsprechung anstanden: "Du kannst es nicht alleine schaffen" (Ex. 18,18). Vielmehr stellt sich die Frage: Welchen Sinn sah Moscheh darin, sich diese Last aufzuhalsen, warum verteilte er sie nicht von vornherein auf mehrere Schultern?

Der Grund liegt darin, dass ein Dajan (Richter des Torarechtes) folgende sieben Eigenschaften aufweisen muss, die Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") in seinem Gesetzeswerk Mischne Tora aufzählt: "Weisheit, Himmelsfurcht, Demut, Abscheu vor Geld, Liebe zur Wahrheit, Liebe zu den Mitmenschen, einen guten Ruf; und alle diese Dinge stehen ausdrücklich in der Tora" (Gesetze vom Sanhedrin 2,7).

Es ist kein Geheimnis, dass Moscheh über all diese Eigenschaften verfügte, doch als er im Volke nach passenden Kandidaten suchte, fand er keinen, der ihm darin glich, wie es im Midrasch heißt: "Vier Eigenschaften nannte Jitro Moscheh, doch fand er nur eine" (Midrasch Schemot raba).

Unser Lehrer Moscheh wollte für das Volk Israel eine vollkommene Rechtsprechung und konnte sich nicht mit Dajanim abfinden, die nur über einige (wenige) der genannten Eigenschaften verfügten. Darum nahm er das ganze Joch auf sich selbst.

Die Entscheidung von Moscheh, lieber ganz auf Dajanim zu verzichten, wenn sich keine passenden finden lassen, finden wir auch bei Rabbi Schimon bar Jochai, wie es im Talmud jeruschalmi heißt: "In den Tagen Rabbi Schimon bar Jochais wurde die Rechtsprechung über Geldangelegenheiten von Israel genommen, da sagte Rabbi Schimon bar Jochai: Gelobt sei der Barmherzige, denn wir sind nicht weise genug zu richten" (Sanhedrin 7.Kap., Hal.2). Dazu schrieb Rabbiner A.J.Kuk: "..dass Rabbi Schimon bar Jochai froh war, wie Israel der Rechtsprechung zu jener Stunde enthoben wurde, weil uns die Weisheit zu richten fehle" (Igrot I, S.20).

Gegen Moscheh führte Jitro an, dass dessen Weg nicht der Prüfung durch die Realität standhalten würde, "du wirst dich ganz aufreiben, du sowohl als dies Volk" (Ex. 18,18) - da die meisten am Abend frustriert nach Hause abziehen, da du nicht allen dienen kannst (nach Midrasch Sechel tov). Darum ist eine unvollkommene Rechtsprechung besser als eine perfekte, die unter der Last der Streitfälle zusammenbricht. So findet sich auch in einem anderen Midrasch: "Die Last der Öffentlichkeit ist schwer, und kein einzelner Mensch kann die Last der Öffentlichkeit alleine tragen. Wisse dies, denn Moscheh, der größte aller Propheten, konnte nicht die Last der Öffentlichkeit auf sich alleine tragen" (Dewarim raba).

Wenn möglich, muss die Justiz mit den allerbesten Dajanim besetzt werden, doch wenn keine Wahl besteht, muss man sich mit den vorhandenen begnügen und sie im Laufe ihrer Amtszeit vervollkommnen.
 
 
 
HaRav Engelmann

Auf den Spuren der Zeit (II)

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Vorige Woche erzählten wir an dieser Stelle von einem Greis, der von der Höhe seines Alters schmerzerfüllt auf sein Leben zurückblickt. Er entdeckt, wie sein Leben von einem endlosen Wettlauf gekennzeichnet war, bei dem die Hauptsache von der Nebensache verdrängt wurde. Von seinem Aufenthaltsort im Altersheim, oder 'Elternheim', wie er es nennt, sehnt er sich nach wirklichem Kontakt mit seiner Familie, einem Kontakt, der in vergangenen Zeiten zugunsten des Berufslebens vernachlässigt worden war. Damals hatte er keine Zeit für seine Familie. Heute möchte er das Rad der Geschichte zurück drehen, doch muss er zu seinem Leidwesen erkennen, dass seine Familie diesen Traum nicht mit ihm teilt.

Wollen wir heute einmal versuchen, aus der Erfahrung dieses Greises zu lernen, und zwar vor dem Hintergrund der Frage, wie man sich durch die Zwänge des Lebens einen Weg zu den wirklich wichtigen Dingen bahnt, wie man "Zeit schafft" und sich nicht von der gewöhnlichen Lebensströmung mitreißen lässt, in der es niemals Zeit gibt.

Neue Zielvorstellungen - Das Leben ist das Ergebnis von gesetzten Prioritäten. Die Zeit steht zu unserer Verfügung, und die Entscheidung, wofür wir sie benutzen, hängt von unseren Prioritäten ab. Die wirklich wichtigen Dinge fallen oft unter den Tisch, weil wir sie nicht ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt haben. Das bedeutet, die Änderung muss bei unserem Bewusstsein ansetzen, bei der Entscheidung, dass es Dinge gibt, auf die wir nicht verzichten werden, auf Zeit fürs Toralernen, auf Zeit für echten Kontakt mit der Familie, auf Zeit für freiwillige Hilfe und andere Dinge, die nicht unbedingt im Zusammenhang mit dem Erwerbsleben stehen, aber zum wirklichen Leben gehören, zu wirklicher Lebensqualität. Hier ist eine Revolution der Denkweise vonnöten, nach der das Zusammensein mit den Kindern zur Vorzugszeit gehört, für die es keinen Ersatz gibt. Das richtet sich vor allem an die Männer, die hierbei einen größeren Aufholbedarf haben. Manchmal sieht sich ein Vater, der auf seine Kinder aufpassen soll, nur als "Babysitter", und die Zeit, die er für diese "Aufgabe" opfern soll, als ermüdende Last. In einer Welt, in der der Erfolg eines Menschen an seiner Kreativität gemessen wird, an seinem Einkommen und seiner Karriere, fällt es schwer - doch ist es nötig - neue Definitionen für erstrebenswertes Glück und den Sinn des Lebens in unser Bewusstsein zu pflanzen. Neue Ziele verpflichten zu einer Änderung in unserem Tagesablauf. Nebenbei bemerkt bin ich der Ansicht, wir sollten mehr das Thema der Neuverteilung von Arbeitsstunden und Zeit für die Familie aufs Tapet bringen, es gibt zuviele Kinderkrippen für Karrieristen, die bis in die Abendstunden geöffnet sind, und zuviele Wochenendeltern in unserem Lande.

Die Kunst des Zeittotschlagens - In seinem Buch "Eder Hajakar" schrieb Rabbiner A.J.Kuk, es gebe Zeiten, in denen der Geist erniedrigt ist, wenn der Mensch in seinem Leben nichts als die Weiten des Materiellen sieht und sein Leben in ein tagtägliches Rennen nach "Brot und Spielen" verwandeln will. Bei den in der Öffentlichkeit diskutierten Themen dreht es sich immer um materielle Dinge und es besteht kein Bewusstsein für die Weiten des Geistes, obwohl gerade sie die Ziele des menschlichen Lebens beinhalten. Rabbiner Kuk verglich diesen Lebensstil mit einem Haus, dessen Eingang besonders gut gegen die wehenden Winde (=Geistesströmungen) abgedichtet ist. Der Mensch verfügt aber nun über eine große Seele und die Fähigkeit des Nachdenkens und des Betrachtens, die sich gegen diese geistige Verstopfung auflehnen, über Fenster, durch die das Licht ins Haus gelangen kann. Um die Begegnung des Menschen mit den Weiten des Geistes - und damit eigentlich mit sich selbst - zu verhindern, schuf die Gesellschaft Methoden der Ablenkung: "Nun hat dieses Haus aber auch Fenster, durch die einige Lichtstrahlen ins Innere gelangen, welche die innen herrschende Grabesruhe stören, und darum braucht es Mittel, diese Fenster zu verhängen, und zu diesem Zwecke wurden all die schönen Methoden des Zeittotschlagens erfunden". 

Jederzeit sind wir von den Möglichkeiten des Zeitvertreibs umgegeben. Durch den technischen Fortschritt können wir in relativ kurzer Zeit das Nötige für unseren Lebensunterhalt zusammen bringen, und haben darum viel Zeit für die Hauptsache im Leben. Leider verwandelte sich dieser Reichtum in ein Monstrum. Auf Schritt und Tritt wird der Mensch von Massenmedien belagert, von mobilen Telefonen, von Computern und Internet, die mehr noch, als sie dem Menschen Zeit sparen, ihn mit Haut und Haar verschlingen und seine Zeit vergeuden. 

Um neue Zeit zu schaffen, müssen wir uns von den schönen Mitteln des Zeittotschlagens entwöhnen. Wir dürfen uns nicht gefangen nehmen lassen, eben entwöhnen. Einfach unvorstellbar, wieviel wertvolle Zeit uns verloren geht, Zeit, die nicht für notwendige Bedürfnisse genutzt wird, sondern zwischen den Unterhaltungsmedien versickert. Ich will hier nicht gegen die Früchte des technischen Fortschritts ankämpfen, doch wenn wir ihren Gebrauch nicht richtig beherrschen, verschwenden wir einfach nur unsere Zeit.

Nutzung verfügbarer Zeit - Vielen unter uns, die sich genaue Ziele setzen, die gegen die vielfältigen Methoden des Zeitvertreibs immun sind, müssen dennoch feststellen, wie die "technischen" Notwendigkeiten des Lebens, die diversen "Verpflichtungen" und andere Obliegenheiten keine freie Zeit für die Familie lassen, für Tora und freiwillige Hilfe. Mir scheint, das Geheimnis liegt in der richtigen Nutzung der verfügbaren Zeit. Eine echte und ehrliche Begegnung mit den Familienmitgliedern lässt sich unter normalen Lebensbedingungen durchführen. Wenn die Eltern mit den Kindern zum Einkaufen fahren, wird die Fahrt meist als "Leerzeit" angesehen, d.h., als notwendiges Übel, von A nach B zu gelangen. Das Radio wird eingeschaltet, jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten, und dieses "technische" Zusammensein wird zu eine Entfernung einer vom andern. Diese Zeit lässt sich viel besser nutzen: Radio abdrehen, miteinander reden, einander zuhören, einfach zusammen sein; das gilt bei einer Fahrt des Ehepaars, von Eltern mit den Kindern, und sogar, wenn man mit sich alleine ist. Man kann mit den Kindern zusammen das Schabbat-Essen kochen, und man kann sie an Arbeiten beteiligen, die sowieso erledigt werden müssen. Vielleicht werden dadurch die Vorbereitungen etwas länger dauern, vielleicht wird die kulinarische Qualität und die Sauberkeit in der Küche etwas leiden, dagegen gewinnen wir aber wertvolle Zeit des Zusammenseins. Ein gemeinsam bereitetes Mahl schmeckt viel besser als großartige Delikatessen, die im Alleingang zubereitet wurden.

Schabbat - die ideale Zeit des familiären Beisammenseins. Es mag wohl sein, dass sich die während der Woche aufgestaute Müdigkeit am Schabbat entlädt, doch welche Macht kann der Schabbat-Tisch entfalten, an dem Gespräche geführt werden, an dem gemeinsam gelernt wird, und wo man sich wirklich begegnet! Die Bedeutung dieser Gelegenheit lässt sich gar nicht genug betonen. Rabbi Schlomo Carlebach schrieb einmal, jemand, der am Schabbestisch einschläft, gleiche in seinen Augen jemanden, der schlafen geht, wenn ein wichtiger Gast zu Besuch kommt... 

Die Hauptsache besteht also darin, uns die wirklich wichtigen Dinge zur unverrückbaren Lebensgewohnheit zu machen, und alle anderen Dinge, mit denen wir uns bürden, danach auszurichten; "Sage nicht: Wenn ich Muße haben werde, werde ich lernen, vielleicht wird dir keine Muße" (Mischna "Sprüche der Väter" 2,5).
 

Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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