DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Lev. 21,1-24,23):
In unserem Wochenabschnitt erhalten wir das Gebot des Omerzählens, ohne nähere Erläuterung jedoch, worin eigentlich sein Ziel besteht. Normalerweise zählt ein Mensch die Tage, wenn er am Ende etwas besonderes erwartet. Nicht die Tage des Zählens sind ihm wichtig, sondern der Endpunkt. Die Tora gibt jedoch keine Auskunft darüber. Wir wissen, dass am Ende der Zählung ein "Speiseopfer vom Neuen" (Lev. 23,16) darzubringen ist. Auch erwartet uns am Ende der Zählung das Fest der Übergabe der Tora am Sinai. Die Tora bemerkt das jedoch nicht ausdrücklich, und schon gar nicht als Ziel der Zählung. Dazu gibt die Tora dem Festtag am Ende der Zählperiode den Namen "Schawuot", Wochen. Ist das nicht ein seltsamer Name für ein Fest? Wir haben zwar sieben Wochen gezählt, doch das Fest nach diesen gezählten und vergangenen Wochen zu benennen...? Es sieht so aus, als ob die Tage der Zählung an sich die Hauptsache sind. Die Bedeutung dieser Tage liegt in dem Prozess, den das jüdische Volk in ihnen durchläuft. Das Volk Israel zog aus Ägypten nicht durch eigenes Verdienst oder wegen etwaiger Rechtschaffenheit, sondern weil es der Herr der Welt so wollte. Ebenso geht es und erhält die Tora - weil ihm der Ewige dazu die passende Eigenschaft eingepflanzt hatte. Eine wichtige Zutat fehlt noch, und zwar die Beteiligung des Volkes Israel an dieser Entwicklung, einer Entwicklung von spiritueller Reinigung und Annäherung an den Schöpfer der Welt. Die Schlüsselworte lauten: "Und ihr sollt zählen..." (Lev. 23,15), ein Prozess des Zählens. Wenn eine Nation oder auch ein einzelner Mensch noch nicht zur Ruhe und ihrem Erbbesitz gekommen sind, sondern sich noch in dem entsprechenden Entwicklungsprozess befinden - dann sind sie allen möglichen Einflüssen ausgesetzt. So wie eine Frau während der Zählung ihrer Reinheitstage wieder in den Zustand der Unreinheit zurück fallen kann, wodurch sie mit der Zählung wieder von vorn beginnen muss, so sind auch die Tage des Omerzählens einerseits Tage der Heiligkeit und des spirituellen Aufstiegs, aber auch Tage der Gefahr eines spirituellen Rückfalls. Bei einem Entwicklungsprozess geht es mal aufwärts und mal abwärts. Der Weg ist gepflastert mit Klärungen, Irrtümern und Rückschlägen. Doch gerade in einem Entwicklungsprozess finden Mensch oder Nation zu ihrem eigenen Weg, um eine selbständige Persönlichkeit zu erhalten. Diese Tage lassen sich mit der Jugendzeit vergleichen. G~tt nannte die Periode der Wüstenwanderung Israels "Jugendlichkeit": "Ich gedenke dir deine jugendliche Huld... wie du mir durch die Wüste gefolgt, durch unbesätes Land" (Jirmijahu 2,2). Oder man sieht den Jugendlichen unbeständig in seinem Verhalten. Manchmal ist er ein "gutes Kind", und manchmal macht er Unsinn aus "daffke". Der junge Mensch sucht seinen Weg und baut sich sein Leben als Heranwachsender. Dieses "Abschütteln" besitzt einerseits seinen eigenen Zauber und Schönheit, andererseits aber auch Probleme und Verwicklungen. Eltern, die es lieber hätten, wenn ihr Nachwuchs diese Stufe überspränge, müssen wissen, dass sie ihn seines Lebens berauben. In jenen Tagen verbindet sich der Jugendliche mit dem Leben aus eigener, reiner Kraft, und nicht wie ein Roboter. Vielleicht formulierten die Weisen den Text des Segensspruches darum "über die Zählung des Omer" (des Gerstenopfers, zu Beginn der Zählung), und nicht über die Zählung der Erstlingsfrüchte. Nicht das Ende ist die Hauptsache, sondern das Aufmachen auf den Weg. Das Omer konzentriert die Aufmerksamkeit auf den Prozess und nicht auf das Endergebnis. Die Tora betont das positive Gebot und die Notwendigkeit eines Aufbauprozesses des eigenen Ichs, des Zählens, der Auseinandersetzung und der Fortentwicklung. Praktisch führt uns so ein Prozess aber auch die Gefahr häufiger Rückschläge vor Augen, denn in dieser Periode baut der Mensch aus eigener Kraft an seiner Persönlichkeit. So schrieb Rabbi Josef Hasofer: "Die Tage des Omerzählens sind für den Aufstieg in Heiligkeit besonders geeignete Tage, andererseits aber auch besonders empfindlich für das Anhaften an der Außenhaut der Unreinheit". In diesem Sinne versagten Toraschüler auf ihrer Entwicklung hin zur Übergabe der Tora - die Schüler des Rabbi Akiva (wegen deren Todes in der Omerzeit noch heute einige Trauerbräuche gelten). Das Ankommen am Ziel, am Ende des Weges hat schon seine Bedeutung, doch auch der Weg an sich und die Entwicklungen, die man auf ihm durchmacht. Auch bei der Erlösung
Israels lassen sich diese beiden Stufen erkennen. Einerseits besteht das
Bestreben mit dem Ziel, ans Ende zu kommen, zur vollkommenen Erlösung.
Aber auch der Weg, der dorthin führt, voller "Leiden des messianischen
Zeitalters" hat seine Bedeutung, und zwar als Prozess des Aufbaus und der
spirituellen Reinigung.
In den Gebeten des Unabhängigkeitsfestes (Jom Ha'Atzma'ut) finden wir auf Veranlassung des israelischen Oberrabbinates die Lesung der Vision der Erlösung des Propheten Jeschajahu, die mit dem Vers beginnt: "Noch heute soll er [der Feind] in Nov verweilen" (Jes. 10,32). Die Generation, der die Anordnung der Gebete vergönnt war, lebte lange vor meiner Zeit, und so bin ich nicht mit den Geheimnissen der Autoren vertraut. Bekanntlich stammt diese Haftara aus dem Gebet des letzten Pessachtages (außerhalb Israels), der die erste Erlösung, nämlich der aus Ägypten, mit der letzten verbindet. Trotzdem möchte ich den tieferen Sinn gerade dieser Wahl ergründen, stehen doch zig andere Kapitel nicht weniger wunderbaren und rührenden Trostes zur Auswahl, und vielleicht noch größeren Trostes. Der Löwenanteil der Erlösungsvisionen in den Prophetenbüchern handelt vom Ablauf der Erlösung, wie sie stattfinden wird. Hier allerdings wird nicht der Ablauf geschildert, sondern das Resultat - wie die Welt nach der Erlösung aussehen wird. Während andere Kapitel über die Erlösung einzelne oder einige Aspekte bringen, wird hier ein fast komplettes Bild gezeichnet. Wie wird die Gesellschaft in Israel aussehen? Bitte sehr: Spirituelle Heilung auf der Ebene der Führung - "Und es ruht auf ihm der Geist des Ewigen, der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und Furcht des Ewigen" (11,2). Auch auf der Ebene der Öffentlichkeit: "..denn voll ist die Erde der Erkenntnis des Ewigen, wie Wasser die Meerestiefe bedecken" (11,9). Eine gerechte Gesellschaft: "Aber er richtet mit Gerechtigkeit die Armen... und es wird sein das Recht seiner Lenden Gurt, und die Treue der Gurt seiner Hüften" (11,4-5). Auslöschung des Unrechts: "Sie tun kein Leid und richten nicht Verderben an auf meinem ganzen heiligen Berge" (11,9). Vollkommener und ewiger Frieden und Sicherheit: "Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger lagert neben dem Böcklein... und der Löwe, wie ein Rind, frisst Stroh" (11,6-7). Dieser Idealzustand verbleibt nicht auf der nationalen Ebene, sondern erfährt internationale Verbreitung. Während die Vision der Erlösung in der Tora nur von der Rückkehr des Volkes Israel in sein Land handelt, und von seinem wirtschaftlichen und geistigen Erfolg, wobei die Nichtjuden nur als Bestrafte für das Unrecht erscheinen, das sie Israel zugefügt haben - kommt Jeschajahu und zeigt die gesamt-menschheitliche Aufgabe des jüdischen Volkes im Rahmen der Erlösung auf. "An jenem Tage werden sich die Völker zu dem Stamm Jischais wenden, der als Panier der Völker stehen wird - und seine Ruhe wird ehrenvoll sein" (11,10). Dazu gesellt sich die Einsammlung der Verstreuten: "..und die Zerstreuten von Jehuda sammelt er", ebenso die Einsammlung der Verstoßenen aus den verlorenen zehn Stämmen: "Und er erhebt ein Panier den Völkern, und sammelt die Verstoßenen Israels" (11,12). Doch türmen sich viele Hindernisse vor den Exilanten, die in das Land ihrer Vorväter zurück kehren, diese aber werden aus dem Weg geräumt werden. "Und der Ewige bannt die Zunge des Meeres von Ägypten, und schwingt seine Hand über den Strom in der Glut seines Zornes... dass man ihn beschreitet in Schuhen" (11,15), und sogar "eine Bahn für den Überrest seines Volkes wird... wie es war für Israel am Tage seines Auszuges aus dem Lande Ägypten" (11,16). Trotz der Schwierigkeit, so verschiedene Juden an einem Platz zusammen zu halten, die so lange Zeit getrennt voneinander lebten, wird das Volk gemeinsam und einig sein: "Efraim ist nicht eifersüchtig auf Jehuda, und Jehuda befeindet nicht Efraim" (11,13), und dadurch wird es ihm gelingen, das ganze Land zu befreien: "Gemeinsam werden sie die Philister angreifen, westlich... Edom und Moaw sind ihre Habe, und die Söhne Ammon ihnen gehorsam" (11,14). Und wieder befasst sich der Prophet mit der internationalen Bestimmung: "Und ihr werdet sprechen... Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen, verkündet unter den Völkern seine Wundertaten" (12,4). Nicht umsonst wiederholt der Prophet an dieser Stelle Ausdrücke vom "Lied am Schilfmeer", dessen Heiligung des G~ttesnamens in den Augen der Völker nicht ihresgleichen findet. "Der Herr ist mein Heil, ich bin getrost und zage nicht, denn mein Sieg und mein Sang ist G~tt, der Herr, er war mein Heil... Spielet auf Saiten zu Ehren des Herrn, denn Herrliches hat er getan, kund geworden ist dies auf der ganzen Erde" (12,2/5). Und gleichzeitig - Danksagung für die nationale Errettung, und Weiterführung der spirituellen Wiedererstehung bis zur Wiederbelebung des Heiligtums selber durch erneute Entdeckung der verborgensten Lehren der Tora: "Und ihr werdet Wasser schöpfen mit Wonne aus den Quellen des Heils" (12,3); erklärt die aramäische Übersetzung: Und ihr werdet ein neues Lernen erhalten von den Vorzüglichsten der Gerechten", und der Raschikommentar bemerkt dazu: "und es werden euch Geheimnisse der Tora offenbart". Diesem erhebenden Bild der Erlösung fehlen nur zwei Bestandteile: die Einrichtung des israelischen Königtums und der Bau des Tempels. Doch das hat den einfachen Grund, dass zu diesem Zeitpunkt Jeschajahu noch nicht über deren Zerstörung prophezeit hatte. (Nach Kapitel 39, in dem Jeschajahu über die Tempelzerstörung spricht, erscheinen das Königtum und der Tempel in den Prophezeiungen der Tröstung ab Kapitel 40). Viele Generationen träumten Träume von Erlösung und Errettung. Wegen der Leiden der Galut (Exil) taten wir uns schwer, uns die heile Welt nach der Erlösung überhaupt vorzustellen. Die große Vision beschränkte sich in fühlbarer Erkenntnis auf einen kleinen, begrenzten Traum: "Noch ging unsere Hoffnung nicht verloren... ein freies Volk in unserem Lande zu sein" (aus der israelischen Nationalhymne) - ohne Verfolger und Unterdrücker, Folterer und Ausbeuter, Erniedrigungen und Pogrome. Es reicht aber nicht, sich nur über das Vorhandene zu freuen. Wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Ohne eine Vision ist Gefahr im Verzuge, ohne große, langfristige nationale Bestrebungen. "Ohne Vision wird das Volk zügellos" (Sprüche 29,18). Gerade an dem Tag, an dem wir unsere Selbständigkeit feiern, sehen wir uns mit der großen und umfassendsten Vision Jeschajahus konfrontiert, und er ist es, der all unserem Werke die Bedeutung und den Inhalt gibt und die Richtung weist. Einen frohen Feiertag zur
vollständigen Erlösung!
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|