DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BESCHALLACH
Nr. 651
12. Schwat 5768

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 13,17 - 17,16):
Ägypter verfolgen die Kinder Israels nach dem Auszug; Spaltung des Schilfmeeres; Übergang der Israeliten, Untergang der Ägypter; 2 Lobgesänge; erste Beschwerden; Man ("Manna"); freitags doppelte Menge, reicht auch für Schabbat; wiederum Zank um Trinkwasser; Moscheh schlägt den Felsen; Überfall der Amalekiter; Gebot, Amalek in allen Generationen zu bekämpfen.

Dienstag TuBeSchwat!



 
Am Schabbes-Tisch...
 

Vier Parteien am Schilfmeer
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Man kann sich leicht den Druck vorstellen, die Spannung, die Angst, die Verwirrung und das Durcheinander, die das Volk Israel bei seiner Ankunft am Schilfmeer heimsuchten. Vor ihnen das Meer, hinter ihnen die Ägypter, und das Volk - absolut hilflos, wie zwischen Hammer und Amboss. Und wirklich beschrieben die talmudischen Weisen den damaligen Zustand Israels unter verschiedenen Aspekten an mehreren Stellen (Talmud jeruschalmi, Ta'anit 2,5; Mechilta Beschallach 2): "Unsere Väter teilten sich am Schilfmeer in vier Gruppen. Eine sagte: Stürzen wir ins Meer, eine sagte: Lasst uns umkehren nach Ägypten, eine sagte: Führen wir Krieg gegen sie, und eine sagte: Lasst uns wegen ihnen [zum Himmel] flehen". Heute würden wir sagen: In dieser schweren Stunde des jüdischen Volkes bildeten sich vier Bewegungen, vier Parteien.

1. Die Partei der Verzweifelten; "lasst uns ins Meer stürzen", wir haben keine Chance, alles ist hin, darum ist es besser, aus freiem Willen zu sterben als eine Beute im Rachen des Feindes zu werden. Diese Art der Verzweiflung ist auch heute in verschiedenen Gewändern anzutreffen. 

2. Die Partei der Realisten; aus praktischem Realismus lasst uns nach Ägypten zurückkehren. Wir können Ägypten derzeit nicht bezwingen, und darum müssen wir dorthin zurück. Hauptsache, wir bleiben am Leben, selbst als Ausgebeutete, und vielleicht werden sie uns ja eines Tages Gleichberechtigung geben, und wir werden wie alle anderen Menschen auch in Ruhe und Ehre leben; "als Mensch in deinem Hause, und als Ägypter außerhalb". Wir werden ein moralisches Leben führen, wie alle Völker, wir werden unseren Menschenverstand der fortschrittlichen Technologie des ägyptischen Imperiums widmen und uns der allgemeinen Kultur nahtlos anpassen.

3. Die Partei der Nationalehre; "führen wir Krieg gegen sie!". Wie, nach Ägypten zurück in die Knechtschaft?! Unter keinen Umständen! Noch nicht einmal mit offizieller Aufenthaltsbewilligung und gleichen Rechten wie die Staatsbürger. Wo bleibt unser Nationalstolz? Wir wollen ein freies Volk sein, das seine Angelegenheiten selber regelt, mit eigener Politik, mit eigener Armee, mit eigener Wirtschaft, sogar mit einem Leben in Wohlstand und fortschrittlicher Gesellschaft, mit Literatur, Theater, Musik und Sport. Unser Motto lautet: "Ein freies Volk sein in unserm Land", wir haben unsere eigenen Träume. Wir werden uns keinesfalls dem Feind ergeben, vorwärts zum Sturmangriff!

4. Die spirituelle Partei; "lasst uns flehen", und wie der Kommentar Tora temima erklärte: Lasst uns zu G~tt flehen, dass er uns erhöre". Durch das Verdienst des Gebetes werden wir errettet werden. Nicht durch Krieg werden wir siegen, und sicher dürfen wir nicht im ägyptischen Volk aufgehen, vielmehr kommt es auf die Geisteshaltung an - mit dem Geiste werden wir siegen! Lasst uns beten, und G~tt wird uns mit Zeichen und Wundern helfen. 

Und so stritten und diskutierten die vier Parteien, wobei sich jede hinter ihren Argumenten verschanzte und überhaupt nicht bereit war, eine andere Meinung auch nur anzuhören. Wer hat nun recht? Heißt es weiter bei den talmudischen Weisen: "Jenen, die sich ins Meer stürzen wollten, sagte Moscheh: Stehet fest und sehet an die Hilfe des Ewigen (Ex. 14,13), jenen, die nach Ägypten zurückkehren wollten, sagte er: so wie ihr heute die Ägypter seht, werdet ihr sie nie wieder sehen (ebda.), jenen, die mit ihnen Krieg führen wollten, sagte er: der Ewige wird für euch streiten (Ex. 14,14), und jenen, die flehen (beten) wollten, sagte er: und ihr möget still sein (ebda.)". Entsprechend ergibt sich nach den Weisen, dass keine der Vereinigungen/Gruppen/Parteien für sich allein recht hatte. Und dennoch - kann es denn angehen, dass wirklich niemand in diesem Streit recht hat, der seit damals nicht ruhte und während der ganzen Geschichte des Volkes Israel geführt wurde, auf seinen verschlungenen Pfaden und durch all seine Krisen, unter großen Verlusten auf dem Wege? 

Die Antwort gab Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) in seinem Werk Orot HaTechija (§18): "Drei Kräfte streiten zur Zeit in unserem Lager. Der Krieg zwischen ihnen ist besonders im Lande Israel erkennbar, doch ihre Entfaltung entstammt dem Leben der Nation im Allgemeinen, und ihre Wurzeln sind fest verankert in der die Weite des menschlichen Geistes durchdringenden Erkenntnis. ... Das Heilige, die Nation, die Menschheit - jene sind die drei hauptsächlichen Forderungen, aus denen sich alles Leben, unser und jedes anderen Menschen, in irgend einer Form, zusammensetzt...".

In diesem Falle gehören wir also sicher nicht zu den Verzweifelten; wir sind Menschen des Glaubens, die verstehen, dass die Kräfte vereinigt werden müssen. Für Alles ist die Quelle der Glauben - das Heilige - die Partei des Spirituellen. Sie hegt die Werte und die göttlichen Zielvorstellungen, die sich in allen unseren nationalen Aspekten offenbaren sollen, und sie versorgt die Partei der Nationalehre mit den richtigen Grundwerten. Doch damit nicht genug. Wir müssen zwar Ägypten verlassen und damit auch den "praktischen Realismus", doch müssen wir gleichzeitig von dort die uns nötigen Hilfsmittel mitnehmen, wie den Menschenverstand, fortschrittliche Technologien usw., und auch durch sie und mit ihrer Hilfe die Größe unseres Geistes offenbaren. Und wenn es darum manchmal so scheint, als ob wir noch nicht fähig seien, all diese Kräfte nutzbar zu machen, so lassen wir dennoch nicht von ihnen ab, und ob im Offenen oder im Verborgenen, auf kurze oder auf lange Sicht werden wir diese drei Kräfte zusammen zur Geltung bringen. Mit G~ttes Hilfe wird uns dann gelingen, den damaligen "Gesang am Meer" mit einem "neuen Lied für G~tt" (Psalm 96,1) fortzusetzen - bei der vollständigen Erlösung Israels mit allen seinen Kräften und mit ihm die ganze Welt.
 
 
 
Erzählung

Auf den Spuren der Zeit

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Hätte ich in jenen Jahren gewusst, was ich heute weiß, würden die Dinge vielleicht anders stehen. Von hier aus erscheint alles überraschend klar, durchsichtig, vielleicht zu offensichtlich für einen Menschen in meinem Alter. Hätte ich in jenen unwiederbringlich vergangenen Tagen gefühlt, was ich heute im Herzen trage, wäre mir vielleicht ein anderes Leben zuteil geworden, und vielleicht... aber jetzt ist es zu spät.

Dieser Ort, der mir nun beschieden, ist anders und unterscheidet sich von allem, was draußen geschieht. Ein bodenloser Abgrund trennt diesen Ort von der übrigen Welt. Hier gibt es nicht, was es dort gibt, und hier gibt es, was es nirgendwo sonst gibt. Hier gibt es weder Überfluss noch Fortschritt, keine Beschäftigung, kein Auftrag, der dem vorigen folgt, und der Wettlauf mit der Zeit bleibt draußen vor der Tür. Nur eine Sache gibt es hier in grenzenlosem Überfluss: Zeit! Viel Zeit, vielleicht zuviel Zeit! Dieses seltene Gut, das mir im Laufe meines Lebens so sehr fehlte, wird hier in überreichlichem Maße geboten. Hier kann man diesem Weltraum von Zeit nicht entfliehen, der dich mit dir alleine lässt, mit deinem Leben, und der in dir Welle um Welle von Gedanken erweckt. Könnte ich bloß diese Menge an Zeit nehmen und sie etwas gleichmäßiger auf meine Lebensjahre verteilen...

Alle meine Tage wollte meine Seele von diesem seltenen Gut kosten, erbat ich mir einzelne Portionen von Zeit, sehnte ich mich nach Tagen von Ruhe und Entspannung, und je mehr ich danach rannte, desto schneller entfernten sie sich, und jetzt, da ich die Hoffnung auf Zeit bereits aufgab und sie laufen ließ - kehrt sie ohne besondere Vorwarnung in mein Leben zurück. Jetzt ist sie hier, zusammen mit mir, in diesem Abschnitt meines Lebens, ein Abschnitt, von dem ich wusste, dass er kommen wird, doch bereitete ich mich nicht darauf vor, wie es sich gehört, denn dazu braucht man Zeit, und die hatte ich nicht...

Wir beide, die Zeit und ich, verbringen hier gemeinsam viele lange Stunden, an diesem Ort, der so viele Namen hat. Früher nannte man ihn 'Altersheim', dann wurden die Leute feinfühliger und änderten den Namen in 'Seniorenwohnsitz', und heute heißt er 'Elternheim'. Ich bevorzuge diesen letzten Namen, aber nicht weil ich den ersten fürchte. Ich mache mir schon nicht mehr vor, wenn ich nur von meinen Lippen das Wort 'Altern' verbanne, meine Haare nicht ergrauen und mein Gesicht keine Falten aufweisen werden. Ich habe mich mit der Wirklichkeit des Altwerdens abgefunden, ich weiß ich bin ein Greis, und trotzdem scheint mir der Name 'Elternheim' am passendsten, jedenfalls was mich betrifft. Dieses Haus strömt etwas aus, eine Art Eigenschaft, die in mir eine Sehnsucht nach den Tagen der Elternschaft erweckt. Mehr noch als das Sehnen nach vergangenen Tagen erweckt sie eine Verwunderung, wie jene verbracht wurden.

Ein junger Mensch kann das gar nicht verstehen, doch wenn Kinderstimmen am Eingang dieses Ortes ertönen, wenn Enkel erscheinen, die mit ihren Eltern den Großvater besuchen kommen, oder vielleicht die Großmutter, erfasst uns alle eine Art Wahnsinn, eine Erwartung, die den ganzen Körper erzittern lässt - vielleicht ist es mein Enkel? In meinem Alter versteht man, dass Neid nichts nutzt, doch was der Verstand in seiner Kühle erklärt, will das Herz nimmer verdauen. Der Schmerz des Neides verwühlt das ganze Herz mit der Erkenntnis, dass es nicht mein Sohn und nicht meine Enkel sind. Wieder nicht. Nein, ich bin ihm nicht böse, ich kann ihn ja verstehen, in meinem Ebenbild ist mein Sohn erschaffen, der sich jetzt in seinen produktivsten Jahren befindet, in der Blüte seiner Tage; woher soll er da die Zeit für einen Besuch bei mir hernehmen? Genau so wie ich zu meiner Zeit...

Weil das nun nicht mein Sohn war, bleiben wir weiter alleine, die Zeit und ich. Und wieder mache ich mir Gedanken über die Silberschätze, die ich mit Freuden für ein kurzes Gespräch mit meinem Sohn hergäbe, mit meiner Schwiegertochter und mit meinen Enkeln, über einen Augenblick der Barmherzigkeit, des Zusammenseins, der mein Befinden und ihr Befinden zu erkennen gibt. Bei jenen seltenen Begegnungen, die mir jetzt zuteil werden, kann ich nicht anders als alle paar Minuten einen verstohlenen Blick zur Uhr registrieren...

Und wieder ergreifen mich die Gedanken an jene Tage, als solche Gespräche ohne weiteres möglich waren, und trotzdem nutzte ich nicht die Gelegenheiten. Wieder und wieder wurden sie aufgeschoben wegen all der wichtigen Dinge auf der Welt. "Nicht jetzt, ich habe keine Zeit, zeig' es Ima" antwortete ich meinem Sohn, als er mir stolz eines seiner Meisterwerke aus dem Kindergarten präsentieren wollte. "...ich habe keine Zeit" - verflucht die Lippen, die also sprachen. Jedes Mal, wenn mein Sohn mit mir spielen wollte, wenn er mit mir etwas lernen wollte und ich mich anderen Dingen zuwandte, die das Leben mir ohne Unterlass auflegte, wenn ich vergrabene Schätze in fernen Ländern zu suchen glaubte, als ich nicht zwischen Haupt- und Nebensache im Leben unterscheiden konnte... Immer wieder kommt mir der Weg zum Kindergarten ins Gedächtnis, ich erinnere mich, wie mein Sohn hin- und hertrippelt, an einer Weinranke staunend einhält, den Anblick einer Bachstelze, die den Herbst ankündigt, mit Freudenrufen begleitet, und ich... ich war gar nicht da, in meinen Augen war der Weg zum Kindergarten nicht mehr als die erste, unvermeidliche Etappe auf dem Weg zur Arbeit...

Hier im 'Elternheim', an diesem Ort, gibt es keine Hast und keine Eile, sondern viel Geduld. Alles steht still und möchte von etwas Wahrem kosten, doch dieses Wahre weigert sich zu erscheinen. Die ganze Welt gäbe ich für eine zweite Chance, zum Schabbattisch zurück zu kehren und den Wert dieser Augenblicke zu schätzen, die nicht auf ewig bleiben. Nicht wieder würde ich mich von der Müdigkeit der Woche überrumpeln lassen, die mir diese Momente streitig machte, ja, das schwöre ich.

Ich weiß, zu spät... Im Nachhinein ist man immer klüger... eine schmachvolle Klugheit, die Klugheit des 'Nachhinein'. Hätte ich nur die Kraft, würde ich auf die Straße hinaus gehen und jeden anflehen, der mir nur sein Ohr neigen wollte, seine Einstellung zu ändern, solange es noch in seiner Macht steht. 

Ich würde ihm von einem Gespräch erzählen, das ich einmal führte: "Warum wandtest du mir den Rücken zu, warum standest du mir in jenen Tagen nicht zur Seite, als ich dich so sehr brauchte?", fragte ich die Zeit mit bitterem Herzen. Und sie erwiderte messerscharf, erbarmungslos: "Ich war da die ganze Zeit, ganz besonders nah, genauso nah wie in diesem Moment. Es tut mir leid, mein Freund, du warst es, der mir nicht die Hand reichen wollte".
 
 

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