DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Für kommenden Schabbat, 7. Tag Pessach, werden keine "Betrachtungen" von MACHON MEIR herausgegeben. Diese Woche in der Tora (Lev. 16,1-18,30):
Schabbat Hagadol
Jeder Einzelne von uns lebt und wirkt in mehreren Bereichen: im persönlichen Umfeld, innerhalb der Familie, in der Gemeinde und auf nationaler Ebene. Alle diese Bereiche finden wir beim Dienst des Hohepriesters an Jom Kippur wieder, wie es heißt: "..und er sühne sich, und sein Haus, und die ganze Versammlung Israels" (Lev. 16,17). Dazu erklärt der Talmud: "Seine Sühne geht der Sühne seines Hauses voran, die Sühne seines Hauses geht der Sühne seiner Priesterbrüder voran, und die Sühne seiner Priesterbrüder geht der Sühne der ganzen Gemeinde Israel voran" (Joma 44a). Obwohl wir überall und bei jeder Gelegenheit feststellen, dass die Regel wichtiger ist als der Einzelfall und die Allgemeinheit dem Individuum vorangeht, kommt hier die Sühne des Einzelnen zuerst an die Reihe, weil der Mensch nicht die Fähigkeit besitzt, für seinen Nächsten Entsühnung zu bewirken, wenn er nicht selber vorher absolut frei von Sünde ist. Entsprechend sagten die talmudischen Weisen: "Zuerst schmücke dich selber - nachher schmücke andere" (Sanhedrin 18a). Doch auch nachdem sich der Mensch "geschmückt" hat und er von jeder Sünde rein ist, muss er nach der ihm auferlegten Verantwortung handeln. Die Verantwortung des Menschen betrifft nach seiner eigenen Person seine Familie, und seine Familie ist vor allem seine Frau, die wie sein eigener Körper gerechnet wird, wie die Weisen erklärten: "unter Haus ist die Frau zu verstehen" (Joma 2a). Haus bedeutet aber auch seine Familie, wie es heißt: "ein Licht der Chanukkalampe für einen und seine ganze Familie" (Schabbat 21b), und nach dem Raschikommentar (zu Lev. 16,6): "er bekenne auf ihm [dem Stier des Sündopfers] seine Sünden und die Sünden seines Hauses". Nach der Familie trägt der Mensch Verantwortung für die Gemeinde, von der er ein Bestandteil ist, auch sie gehört zur weiteren Bedeutung des Begriffes "Haus". Das lernen wir aus dem Sündenbekenntnis des Hohepriesters für seine Priesterbrüder, die er in dem Bekenntnis auf seinem zweiten Opferstier mit einbezieht, wie Raschi (zu 16,11) schrieb: "Das zweite Sündenbekenntnis legt er für sich und seine Brüder, die Kohanim, ab; denn alle werden sie sein Haus genannt; so steht (Psalm 135,19), Haus Aharons, lobet den Ewigen". Gleichzeitig mit der Sorge um seine nähere Umgebung trägt jeder Mitverantwortung an der israelitischen Allgemeinheit, wie die Weisen sagten: "Sie werden straucheln einer durch seinen Bruder, einer durch die Sünde seines Bruders; dies lehrt, dass ganz Israel für einander verantwortlich sei" (Schwu'ot 39a, nach Lev. 26,37). Darum legt der Hohepriester am Ende das Sündenbekenntnis auf den Sündenbock ab, den das Los für den Ewigen bestimmte und der für das ganze Volk Israel Sühne bewirkt. Unser Wochenabschnitt beginnt mit dem Dienst des Hohepriesters an Jom Kippur und endet mit den Unzuchtsverboten, und beide Themen erwähnen wir in der Toravorlesung an Jom Kippur, wie es im Talmud heißt: "Am Versöhnungstage lese man [im Morgengebet den Abschnitt] Nach dem Tode... [über den Dienst des Hohepriesters an Jom Kippur], ...beim Minchagebet lese man [den Abschnitt] von der Blutschande" (Megilla 31a). Die doppelte Frage lautet, warum verband die Tora den Abschnitt von der Blutschande mit Jom Kippur, und warum bestimmten die Weisen, diese beiden Abschnitte hintereinander zu lesen, an Jom Kippur? Der Raschikommentar zum Talmud erklärt dort: "lese man von der Blutschande - denn wer gesündigt hat, lasse davon ab, da die Blutschande eine häufig anzutreffende Sünde ist, nach der der Mensch verlangt, und sein Trieb reizt ihn an". Nach Raschi besteht der Zusammenhang in der Häufigkeit der Sünde, doch sollte der Mensch natürlich an alle seine Sünden denken, um von ihnen abzulassen, denn Jom Kippur entsühnt nicht ohne reumütige Umkehr. Man kann vielleicht noch
hinzufügen, dass eine besondere Verbindung zwischen Jom Kippur und
den Unzuchtsverboten besteht: So wie der Dienst an Jom Kippur den Einzelnen
entsühnt ("sich"), die Ehe ("sein Haus" - seine Frau), die nähere
Umgebung (die Kohanim) und die Nation ("und die ganze Versammlung
Israels"), so betrifft und zerstört die Unzucht alle diese Bereiche:
die verbotenen Beziehungen verunreinigen den Einzelnen und beeinträchtigen
sein Leben, wie es im Traktat Schabbat heißt: "Wer der Wolllust frönt,
den überfällt [frühzeitiges] Alter" (152a). Dieses "Alter"
ist nicht nur im biologischen Sinne zu verstehen, sondern auch als Mentalität
- Lebenslust und Kreativität verlassen ihn. Die Unzucht ist der größte
Feind der Partnerschaft, sie zerrüttet das gegenseitige Vertrauen
und die Kameradschaft der Eheleute. Doch auch die Gemeinde bleibt nicht
ungeschoren: "Überall, wo sich Hurerei findet, kommt Chaos in die
Welt, das Gute wie Böse tötet" (Midrasch Bereschit raba 26,5).
Doch mehr als alles andere unterminiert sie die Nation, wie es an anderer
Stelle im Midrasch heißt: "Israel werden 'Heilige' genannt, weil
sie sich vor dem Ehebruch und der Wolllust hüten... und wurden nur
durch ihr Verdienst bei diesem Gebot aus Ägypten erlöst, weil
sie sich nämlich vor der Hurerei hüteten" (Bemidbar raba 9,14).
Nach alledem bedeutet die Haltlosigkeit auf diesem Gebiet eine existenzielle
Gefahr für den Menschen im Allgemeinen, und für die Nation im
Besonderen, denn die Freizügigkeit höhlt die Institution der
Familie aus, fördert gleichgeschlechtliche Paare, verurteilt die kommende
Generation zur Auflösung und wirkt zur Abnahme des jüdischen
Volkes. Wir sollten nicht vergessen, dass wegen dieser Sünden die
Sintflut über die Welt kam, wie es im Midrasch heißt: "und
nahmen sich zu Frauen - das sind verheiratete Frauen, von allen,
die ihnen gefielen - das sind Mann und Tier; Rav Huna sagte im Namen
von Rabi: Die Generation der Sintflut wurde nicht eher aus der Welt gelöscht
als bis sie Eheurkunden für [Mann und] Mann und für Tier ausstellten"
(Bereschit raba ebda., nach Gen. 6,2).
Es gibt nicht noch so ein Kind, wie das "Kind, das nicht zu fragen weiß" (der 4. Sohn aus der Pessach-Hagada). Es ist das angenehmste Kind der Welt, marschiert im Gleichschritt, stellt sich nicht stur und nicht quer, macht keine Probleme, wird nicht frech, ein Kind wie aus dem Bilderbuch... Es ist nicht wie der böse Sohn, der mit verächtlichem Blick fragt: "Was soll euch dieser Dienst?". Es stellt keine komplizierten Fragen, noch nicht einmal: "Was ist das?" Es ist einfach das "gute Kind", ein schüchternes Kind und mit guten Eigenschaften gesegnet. Ein ausgeglichenes Kind, ein problemloses Kind. Es folgt in unseren Wegen, schreibt sauber in seinem Heft auf der Linie, immer linientreu, fragt niemals "Warum?" nach jedem Wort aus dem Munde der Erwachsenen. Nicht umsonst ist dieses Kind bei Eltern und Lehrern so beliebt... Wie angenehm ist es doch, so ein Kind großzuziehen, wie bequem die Vorstellung, als bedeute die Abwesenheit von Fragen auch die Abwesenheit von Problemen... Wie verführerisch, Eltern zu sein, die nicht zu fragen wissen, die nicht die scheinbare Seelenruhe stören und die Lage mit klarem Blick beurteilen wollen, warum unser Sohn nicht zu fragen weiß? Warum fragt er nie eine bohrende Frage, warum beklagt er sich fast nie? Warum nimmt er alle unsere Worte gelassen auf, ist er auch in seinem Inneren gelassen? Mancher weiß nicht zu fragen, weil er vor irgend etwas Angst hat. Gefährlich ist's, den Leu zu wecken! "Vielleicht", überlegt er sich, "wenn ich mutig frage, wenn ich mit allem Nachdruck Antworten auf die mich beunruhigenden Fragen erbitte, werde ich entdecken, dass es keine Antworten gibt... Vielleicht werde ich feststellen, dass meine Fragen unbeantwortbar sind und ich zu einem Leben in Zweifeln verurteilt bin...". Die Furcht vor einem Fehlen von Antworten erstickt das Bedürfnis zu fragen. Hier liegt keine wirkliche Umgänglichkeit vor wie bei jemandem, der deshalb nicht fragt, weil er sich über seinen Weg im Klaren ist, im Gegenteil, dieser Mensch setzt kein echtes Vertrauen in seine Umgebung, seine Fragen passend beantwortet zu bekommen, er setzt kein Vertrauen in die Tora, dass sie über einen weiten Schatz von Antworten verfügt, er vertraut weder seinen Eltern noch seinen Lehrern, und vor allem hat er kein Selbstvertrauen. Darum bevorzugt er, die brennenden Fragen mit der von Fragen ungetrübten Milch der frommen Denkungsart zu löschen, nicht, weil er etwa nichts zu fragen hätte, sondern weil er sich keine Hoffnung auf Antworten macht. Nicht selten ist der seelische Zustand eines Menschen, der nicht zu fragen weiß, das Ergebnis langer Jahre einer Atmosphäre, die wirklich keine Fragen zulässt. Jedes Mal, wenn er etwas fragte, wurde er mit einer Belanglosigkeit abgespeist oder zum Schweigen gebracht, denn seine Erzieher waren darauf bedacht, ihm schleunigst zu erwidern, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt. Mit der Zeit lernte er, dass es Fragen gibt, die man nicht stellt, und Ideen, die man besser beiseite lässt, die Spielregeln wurden ihm manchmal durch Schweigen und manchmal durch Blicke verständlich gemacht, und so ein gutes Kind wie er, verstand... Im Laufe der Zeit übernahm er selber die Arbeit der Erwachsenen, er unterdrückt schon selber seine eigenen Fragen, denn was nutzt es denn, in einer Welt ohne Antworten Fragen aufzuwerfen... Er macht seinen Mund nicht mehr auf, doch tief in seinem Innern toben stürmische Wellen. Und dann gibt es einen ganz anderen Grund, warum jemand keine Fragen stellt. Dieser Mensch fürchtet nicht den Mangel an Antworten, im Gegenteil - ihn beunruhigt die Möglichkeit von Veränderungen, die er in ihrer Folge durchmachen muss. Er weiß in seinem Innern, dass der Mut zur Frage von ihm fordern wird, seine oberflächlichen Vorstellungen, die er bisher pflegte, über Bord zu werfen und neue gedankliche Gefilde zu erschließen und seine Weltanschauung aufgrund der neugewonnenen Klarheit zu erneuern. Der gegenwärtige Zustand ist ihm da doch angenehmer, denn er fühlt sich durch die Größe der Antworten und deren Bedeutung für ihn bedroht. Darum steckt er lieber den Kopf in den Sand und macht sich vor, alles sei doch in bester Ordnung - nur keine dummen Fragen stellen... Der Mensch, der nicht zu fragen weiß, ist nicht unbedingt so beschaffen, dass er keine Fragen aus sich heraus bringen kann, vielmehr handelt es sich meist um jemanden, der keine Fragen vertragen kann, d.h., der sich nicht selbst über sein Leben, über seinen Weg fragen kann. In seinem Innern weiß er, dass der Ausdruck "Antwort" [auch "Umkehr"] auf eine nicht so simple, vorangegangene Frage deutet. Er ist sich dessen bewusst, dass unser Vorvater Awraham seine ewige Mission erst übernahm, nachdem er den Mut zu fragen gefasst und allgemein akzeptierte Vorstellungen als Lügen bloßgestellt hatte. Er hat Fragen, und er ist sicher, dass es Antworten gibt, und er fühlt innerlich, dass sie sein Leben in Bahnen lenken werden, die ihm bisher unbekannt waren. Die Furcht vor der Bedeutung der Antworten lässt ihn das Fragestellen vernachlässigen, und darum hüllt er seine Gesichtszüge in einen Ausdruck von Zufriedenheit und Umgänglichkeit, um einfach nicht fragen wissen zu müssen! Sicher ist es leicht und angenehm, ein Kind großzuziehen, das alles als selbstverständlich akzeptiert, so dass es sich nicht mit Fragen auseinandersetzen muss, die wir vielleicht selber nicht zu fragen wagen. Leicht, aber so unehrlich... Wie wunderbar wäre es doch, in einer Fragen erweckenden Atmosphäre zu leben, die an die Fähigkeit des Sohnes glaubt, Fragen zu stellen, ohne gleich in Deckung zu gehen, sondern zielsicher bis ans Ende weiter zu forschen, an die Kraft der Frage zu glauben, neue Horizonte zu erschließen, und eine große Antwort zu erhalten. "Das Kind, das nicht zu fragen versteht - du musst es aufmerksam machen", erwecke sein Selbstvertrauen und mache es aufmerksam auf seine Fähigkeit, große Fragen zu stellen und Welten zu entdecken. Das Kind, das nicht zu fragen
versteht, könnte mein Sohn sein, oder meine Tochter, mein Bruder oder
mein Schüler - und manchmal bin ich es selber...
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
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Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
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