DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Sonntag, 10. Tewet - Fasttag! Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Gen. 44,18 - 47,27):
Der Weg zur Versöhnung zwischen Josef und seinen Brüdern war kein leichter. Vielleicht hätte Josef eine "Abkürzung" finden und schon nach kurzer Zeit seine Aussöhnung verkünden können. Doch ganz bewußt wählte Josef einen sowohl langen als auch kurzen Weg. So erklärte Rabbiner Samson Raphael Hirsch: Nur Überlegungen von absoluter Notwendigkeit konnten ihn zu Taten veranlassen, die ohne das als sinnlose Belästigung aussähen... Zu Anfang ist er gezwungen, einen zweifachen Prozeß einzuleiten: einen Meinungswechsel bei seinen Brüdern zu verursachen, doch hauptsächlich in der Meinung seiner Brüder über ihn. Ihre Meinungen voneinander müssen sich grundsätzlich ändern, damit ein enges, herzliches Verhältnis zwischen ihnen entstehen kann... Wäre er nur auf äußerliche Weise zu seiner Familie zurückgebracht worden, wäre er seiner Familie verloren gewesen, und seine Familie ihm verloren. Es war nur natürlich, daß er etwas in seinem Herzen gegen seine Brüder hegte, an deren Hartherzigkeit er sich erinnerte, wie er sie anflehte und sie ihn nicht erhörten, und auch den Schmerz ihres Vaters nicht bedachten. Um die Anleitung des Toragebers zur Versöhnung von Brüdern anhand der Geschichte von Josef zu verstehen, werden wir versuchen, die Erwartungen eines verletzten Menschen in allen Einzelheiten zu analysieren, damit er sich mit jenem versöhnen kann, der ihn in schwerer Weise verletzt hat. Zuerst wird er vom Verursacher verlangen, den Schmerz anzuerkennen, den er ihm verursacht hat. Damit ist es aber nicht genug. Er erwartet, daß der Verursacher die Ereignisse von Neuem betrachtet, und daß er dabei den Blickpunkt des Betroffenen einnimmt. Zweitens will er sehen, daß der Verursacher die Verantwortung für seine Taten übernimmt, ohne sich hinter faulen Ausreden zu verstecken, und daß er darüberhinaus seine Schuld am Geschehen eingesteht. Der dritte Punkt betrifft die Erniedrigung. Der schmerzhafteste Aspekt der Ereignisse ist das Gefühl der Erniedrigung, das die Verletzung begleitete. Darum besteht beim Betroffenen gefühlsmäßig das unabdingbare Bedürfnis, zu sehen, wie der Täter vor ihm Demut zeigt, und zu diesem Behufe erwartet der Geschädigte vom Täter die ausdrückliche Anerkennung seiner Schuld, und im gleichen Atemzug die Bitte um Verzeihung. So ein Vorgehen würde dem Betroffenen seine verlorene Ehre wiederbringen. Viertens muß sichergestellt sein, daß der Persönlichkeit des Täters eine so große Änderung widerfuhr, daß eine Wiederholung der Tat unmöglich erscheint. Ferner müssen die Beziehungen zwischen dem Verursacher und dem Betroffenen zu ihrem früheren Normalzustand zurückkehren. Das Fehlen auch nur eines Punktes diese Versöhnungsprozesses wird seine Spuren im Herzen des Betroffenen hinterlassen und nur als bloßes Lippenbekenntnis gewertet. Das Bedürfnis des Betroffenen nach solch vielschichtiger Wiedergutmachung ist kein Ausdruck psychischer Schwäche, sondern göttliche Forderung zwecks geordnetem gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es gibt keine vollkommene Vergebung ohne vollkommene Umkehr. In dem seelischen Bedürfnis des Betroffenen spiegelt sich die göttliche Forderung nach vollständiger Bereinigung. Wo es allerdings um unwichtige Nebensächlichkeiten geht, sollte der Betroffene wenigstens auf einen Teil des Ausgleichs verzichten, über seinen Schatten springen und verzeihen. Wo es aber um schwere Schädigungen geht, die dazu noch von bitteren Vergehen bis hin zur Entweihung des heiligen Namens begleitet werden, kann von einer Erwartungshaltung aufgrund seelischer Schwäche keine Rede sein. Im Gegenteil, ein Toragelehrter, der öffentlich verächtlich gemacht wurde, muß "wie eine Schlange Vergeltung und Nachtragen üben", bis man ihn genügend rehabilitiert hat. Solange keine ausreichend reumütige Umkehr stattfand, wird er "nicht vergessen und nicht vergeben". Dieser Gedankengang leitet Josef, nach den Worten von Rabbiner Hirsch: Diese Erinnerung kann nur aus seinem Herzen gelöscht werden, nachdem zweifellos feststeht, daß sie sich vollständig geändert haben. Es bestand darum die unbedingte Notwendigkeit, sie auf die Probe zu stellen, ob sie noch einmal fähig wären... einen Sohn aus den Armen seines Vaters zu nehmen... Diese Prüfung war der Seele Josefs ein Bedürfnis. Nur wenn sie sie bestanden, konnte er aus seinem Herzen den Rest der Bitterkeit entfernen... Diese Überlegungen waren es, die Josef davon abhielten, in den Jahren seines Glücks eine Mitteilung an seinen Vater zu senden. Was hatte Jakov davon, einen Sohn zu gewinnen und dafür zehne zu verlieren, und zu sehen, wie Spannung und Feindschaft zwischen seinen Söhnen herrschen?... Darum war es Josef wichtig, sie in eine Situation zu bringen, in der sie ihm seine Gefühle nachfühlen konnten, als sie ihn an die Ischmaeliten verkauften, und so steckte er sie alle auf unbestimmte Zeit ins Gefängnis, wobei er sie weiteren Prüfungen unterzog. Die letzte war gleichzeitig die schwerste: Der jüngste, von seinem Vater mehr als alle anderen Brüder geliebt, stürzte alle durch den Diebstahl des Silberbechers in Komplikationen. Würden sie ihn als Sklaven in Ägypten zurücklassen, oder würden sie alles Menschenmögliche für ihren Bruder und ihren Vater unternehmen? Wir wissen nicht, was Josef sonst noch mit ihnen vorhatte, da es ihm nicht gelang, seinen Plan zuende zu führen. Er blieb bereits in seinen Anfängen stecken. Josef gab sich seinen Brüdern zu erkennen, nicht wegen seiner Kraft zu reden, sondern wegen seines Mangels an Kraft zu schweigen. "Da konnte Josef sicht nicht mehr überwinden... Und er ließ seine Stimme im Weinen aus... Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef" (Gen. 45,1-3). Vielmehr mußte er sie jetzt trösten und ihr Gewissen mit Folgendem beruhigen: "Und nun grämt euch nicht und zürnet euch nicht, daß ihr mich hierher verkauft habt..." (V.5), "Nicht ihr also habt mich hierhergesandt, sondern G~tt" (V.8). Da nun der Prozeß der
Bereinigung nicht bis an sein Ende geführt wurde, sind zwischen den
beiden Seiten noch gewisse Lücken zu erkennen. "Als nun die Brüder
Josefs sahen, daß ihr Vater tot war, da sprachen sie: Wenn nun Josef
uns befeindete! Vergelten wird er uns dann gewiß all das Böse,
das wir ihm zugefügt" (Gen. 50,15). Andererseits gibt es Meinungen,
daß Josefs Vergebung nicht vollkommen war (Or HaChajim). Entsprechend
blieb auch für die folgenden Generationen noch etwas zu verbessern
übrig, bis sich die Prophezeiung Jecheskels erfüllen wird: "Und
mache sie zu einem Volke im Lande, auf den Bergen Israels, und ein
König sei über sie alle König, und sie seien nicht ferner
zwei Völker, und spalten sich nicht ferner in zwei Königreiche"
(37,22).
Frage: Das Gebet macht mich ganz verrückt. Soo lang und so langweilig! Worte, die mir nichts sagen. Vor dem Morgengebet all diese Opferschilderungen. "Verse der Preisung", und noch vieles mehr. Wer braucht überhaupt die Wiederholung der Schmone-Esre duch den Vorbeter, wir haben sie doch schon einmal gesagt? Und dann das lange Tachanun montags und donnerstags - das nimmt gar kein Ende... Und dann die Toralesung - das ist wirklich Zeitverschwendung. Jede Woche zweimal die Parscha lesen und einmal die aramäische Übersetzung - eine Zumutung! Auch die Gebetszeiten sind nicht besonders glücklich gewählt - zwischen Mincha und Ma'ariv stecke ich praktisch fest, lese zweimal dieselbe Schmone Esre, und sehne mich schon nach meiner Familie! Warum läßt man mich nicht beten, was ich möchte, wie ich möchte, wann ich möchte, und wenn ich möchte - aber dafür von ganzem Herzen! Das ist nur ein Beispiel. Anstatt mich freudig für den Genuß der Mahlzeit zu bedanken, sehe ich mich mit einer Enzyklopädie von Segenssprüchen konfrontiert, daß mir die ganze Lust vergeht. Ich mag schon kein Brot mehr essen, wegen des langen Tischgebetes. Und so geht es bei allen Dingen. Die Schabbatgesetze - ein Labyrinth ohne Ausweg, wer nur einmal mit den Verboten vom Sortieren, Auf- und Zuknoten anfängt, kann den Verstand verlieren. Bitte entschuldigen Sie den Ton, aber man hat mir meine natürliche, spontane Begeisterung für meinen Schöpfer abgewürgt. Antwort: Alles hängt vom Ausgangspunkt ab, und zwar: Wofür sind wir hier in dieser Welt? Die Antwort finden wir im "Sefer HaGan" ("Buch des Gartens") von Rabbiner Jizchak ben Rabbi Eli'eser, einer der mitteleuropäischen Weisen vor ungefähr 260 Jahren: "Ich wurde nicht geschaffen, außer ein Diener des Schöpfers zu sein, gelobt sei sein Name, aus ganzem Herzen, wie es heißt: und ihm zu dienen mit eurem ganzen Herzen (Dt. 11,13)". Diese Welt ist der "Ort des Dienstes" und kein Vergnügungspark. Das Buch heißt nämlich "Buch des Gartens", weil "jeder, der sich mit Himmelsfurcht beschäftigt, den Garten Eden erlangt". Aber hier sind wir noch nicht im Garten Eden. Wir können froh sein über den Dienst, denn der Rest besteht aus Luftgespinsten. Darum "gewöhne man sich an, demütig und zurückhaltend zu sein... und dadurch gelange man zur Unterwerfung [der Arroganz]". Wer wäre ein größeres Beispiel als König David, der von sich selber sagte: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mann" (Psalm 22,7). Wir dürfen bei diesem Dienst keine Trägheit zeigen, sondern Fleiß. Das Prinzip lautet: "Im Schluß der Rede wird das Ganze verstanden", nachdem wir alles gelernt und analysiert haben, "G~tt fürchte und seiner Gebote wahre, denn dies ist der ganze Mensch" (Kohelet 12,13). Deine Sehnsucht nach Freude und Annehmlichkeit beim Dienst an G~tt enthält höchste Wahrheit, doch ist eine gewisse Demut für das Verständnis vonnöten, daß wir noch nicht soweit sind, sondern einen langen Weg vor uns haben. Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto schrieb über die Süße des Dienstes an G~tt erst ab dem 19. Kapitel im "Weg der Frommen" (Messilat Jescharim). Erst dann beginnt man, etwas vom Dufte des Garten Eden zu spüren. Das soll natürlich nicht heißen, daß wir nur Trübsal blasen müssen. Im Gegenteil, die Freude ist ein wichtiger Bestandteil der Gebotsausübung, wie Maimonides schrieb: "Die Freude, die sich der Mensch bei der Gebotsausübung und bei der Liebe G~ttes freut, der sie [die Gebote] uns geboten hat, ist ein großer Dienst" (Gesetze von Schofar, Lulaw 8,15). Das ist ein schwerer und gleichzeitig erfreulicher Dienst, wie der "Maggid Mischne" [Kommentar zu Maimonides' Gesetzeswerk] schrieb: "Und die Hauptsache dabei ist, daß es dem Menschen nicht gut ansteht, wenn er die Gebote nur ausführt, weil es seine Pflicht und er dazu angehalten und gezwungen ist; vielmehr ist er zu ihrer Ausführung verpflichtet und er ist froh bei ihrer Ausführung, und er tue das Gute aus dem Grund, weil es gut ist, und er wähle die Wahrheit, weil sie wahr ist, und die [mit der Ausführung der Gebote verbundene] Mühe wird in seinen Augen eine leichte sein, und er wird verstehen, daß er dazu geschaffen wurde, seinem Schöpfer zu dienen, und wenn er das tut, wozu er geschaffen wurde, wird er froh und lustig sein". Natürlich gilt das Vorgenannte nur unter der Bedingung, daß Glaube an G~tt und G~ttesliebe existieren. Je mehr man G~tt liebt, desto freudiger führt man die Gebote aus. "Wie lieb' ich deine Lehre" (Psalm 119,97), wie lieb' ich deine Gebote. Auch wenn es schwer fällt. Überhaupt muß man sich für wichtige Dinge anstrengen, und man erwirbt sie mit Lust und Mühe. Wenn man zu etwas Lust hat, ist man zur Mühe bereit, und hat noch Freude daran. Toralernen - mit Lust und Mühe. Das Land Israel - mit Lust und Mühe. Die Ehe - mit Lust und Mühe. Die Aufzucht von Kindern - mit Lust und Mühe. Je mehr man G~tt liebt, desto mehr liebt man seine Gebote, wie in dem Lied von Rabbi Jehuda Halevi: "Schwer fällt mir die Trennung von dir (pridatcha), denn lieb ist mir die Frucht deines Glaubens (pri datcha)". Auch für den Armeedienst
gilt: mit Lust und Mühe. Wie jener einsatzfreudige Offizier, der sich
in die Schlacht stürzt, nach den Worten Rabbiner Moscheh Chajim Luzattos:
"Wie ein Feldherr ausgezeichneten Mutes, der sich immer den Ort wählen
wird, wo der Kampf am heftigsten tobt, um seine Macht bei seinem Siege
zu zeigen" (Messilat Jescharim, 19. Kap.).
Weitere Kommentare
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