DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Sonntag, 10. Tewet - Fasttag! Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Gen. 47,28 - 50,26):
In unserem Wochenabschnitt kommt der Versöhnungsprozeß von Josef und seinen Brüdern zu seinem Ende. Wir müssen allerdings fragen: Wurde diese Prozeß tatsächlich vollendet? Wir können diese Frage nicht ausreichend beantworten, und im Folgenden wollen wir es auf verschiedenen Wegen versuchen. Die Versöhnung nach einer schweren Verletzung muß auf allen Ebenen der Persönlichkeit erfolgen: im Bewußtsein, in den Taten und in den vielen Bereichen der Gefühlswelt beider Seiten. Sie muß die Weite der Zeiten abdecken: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Über beide vorige Wochenabschnitte hinweg lassen sich die verschiedenen Bestandteile der Umkehr und der Versöhnung erkennen, wie sie sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Der Verdacht der Brüder gegen Josef in unserer Parscha läßt jedoch durchscheinen, daß noch etwas fehlte. Man sieht, daß die Brüder Josef nicht um Verzeihung baten. Folgend ein Zitat aus den Gesetzen der Körper- und Sachschädigungen (Maimonides, Mischne Tora): "...wer aber seinen Nächsten verletzt - obwohl er ihm die fünf Dinge [zur Entschädigung usw.] gab, entsühnt es ihn nicht; selbst wenn er alle Widder Newajots opferte [Anspielung auf Jeschajahu 60,7], entsühnt es ihn nicht und wird seine Sünde nicht vergeben, bis er den Verletzten darum bat und dieser ihm vergab" (5,9). Alle anderen Bestandteile der Umkehr spielen sich im Herzen des Sünders ab, der sich bemüht, den Makel an seiner Persönlichkeit zu beseitigen. Wenn aber von ihm verlangt wird, die Beziehungen zu seinem Nächsten zu reparieren, muß er zur Tat schreiten, die etwas zwischen ihnen verändert. Der Moment, wenn der Täter seinen Blick auf den Betroffenen richtet, die Tat und seine Schuld zugibt, darum bittet, daß jener ihm vergeben und sein Gewissen von der Missetat reinigen möge, die auf ihm lastet, und seinem Willen Ausdruck gibt, ein neues Blatt in den gegenseitigen Beziehungen zu beginnen, und der Betroffene antwortet: "Ich vergebe" - bedeutet einen unverzichtbaren Schritt. Er ähnelt sehr dem Sündenbekenntnis an Jom Kippur, wenn ein Jude in gebeugter Haltung steht, ans Herz klopft und zu G~tt spricht: "Wir aber und unsere Väter sündigten. Wir machten uns schuldig... Wegen der Sünde, die wir vor dir sündigten... verzeih uns, vergib uns, sühne uns". Auch hier ist die Umkehr nicht vollkommen ohne das Sündenbekenntnis. Umkehr ohne Sündenbekenntnis mag zwar zur Charakterbesserung des Sünders beitragen, doch nicht zu seinen Beziehungen zu G~tt. Die Bitte um Vergebung fällt schwer. Man muß sich dafür erniedrigen und eine gewisse Beschämung erdulden. Je mehr sich der Sünder über den Ernst seiner Tat im Klaren ist, desto leichter fällt ihm die Ausführung der anderen Bestandteile der Entschädigung, und umso schwerer die Bitte um Verzeihung. "Aber seine Brüder konnten ihm nicht antworten, denn sie waren vor ihm erschrocken" (Gen. 45,3) - Raschi dazu: "aus Scham". Josef übt keinen weiteren Druck aus. Vielleicht wollte er von ihnen die Bitte um Vergebung fordern, doch "da konnte sich Josef nicht mehr überwinden" (V.1). Vielleicht verstand er auch, daß die sie bedrückende Last ihnen diese Bitte nicht ermöglichte. Darum eilt er sich, sie zu beruhigen. "Und nun grämt euch nicht und zürnet euch nicht, daß ihr mich hierher verkauft habt, denn zur Lebenserhaltung hat G~tt mich vor euch hergesandt" (V.5), "Nicht ihr also habt mich hierhergesandt, sondern G~tt" (V.8). Diese Beruhigung mag den Verzicht auf die Bitte um Verzeihung ausdrücken, oder aber eine gegenteilige Bestrebung: die Wucht der Beschämung zu vermindern, um ihnen die Bitte nach Vergebung zu ermöglichen. Wie dem auch sei, der Versöhnungsprozeß wurde nicht abgeschlossen. Falls Josef die Bitte um Vergebung erwartet hatte - sie erfolgte nicht. Und falls er im Sinn hatte, darauf zu verzichten, so war die Verletzung doch zu schwer, um sie aus den Herzen löschen zu können. So waren auch siebzehn Jahre später noch Spuren davon zu erkennen, bis nach Jakovs Tode. "Als nun die Brüder Josefs sahen, daß ihr Vater tot war, da sprachen sie: Wenn nun Josef uns befeindete! Vergelten wird er uns dann gewiß all das Böse, das wir ihm zugefügt" (Gen. 50,15). Das Wort "wenn" hat hier eine zweifache Bedeutung: Sowohl "vielleicht" als auch "wollte er doch". An der Oberfläche fürchten sie die rächende Vergeltung ihres Bruders, aber innen, im Herzen, wünschen sie sie herbei. Sie fühlen, daß ihre Sünde nie vergeben wurde. Sie würden es bevorzugen, von ihm geschlagen zu werden und so ihre Tat abzugelten; sie können aber nicht genug Kraft aufbringen, ihn direkt um Vergebung zu bitten. Sie würden schon gerne selber den Mund aufmachen, doch alles, was sie zu sagen haben, legen sie dem Boten in den Mund, der angeblich im Namen ihres Vaters Jakov spricht: "O vergib doch die Missetat deiner Brüder und Ihre Schuld! Denn Böses haben sie dir zugefügt. Und nun vergib doch die Missetat der Knechte des G~ttes deines Vaters" (50,17). Sie lassen sich nicht von der damit verbundenen Erniedrigung abschrecken: "Da gingen auch seine Brüder, und fielen vor ihm nieder, und sprachen: Siehe, wir wollen dir Sklaven sein" (V.18). Aber was sie auf dem Herzen haben, können sie nicht aussprechen, so stark ist das Gefühl der Scham. Es fand zwar ein Schuldbekenntnis statt, aber auf einem Umweg, und nicht vollkommen. Josef tröstet sie. Er
erkennt ihre Sünde an: "Und habt ihr auch Böses wider mich gesonnen"
(V.20), doch gibt ihnen keine Schuld an den Leiden, die ihn in der Folge
heimsuchten; "G~tt hat es zum Guten ersonnen". Nach der einfachen Bedeutung
seiner Worte hat er ihnen also verziehen. Sie können daraus entnehmen,
daß ihr Gewissen rein wird; schrieb er doch alle seine Leiden G~tt
zu. Doch werden die Dinge nicht eindeutig ausgesprochen und verbleiben
nebelhaft. Diese Vernebelung schafft Raum für die Deutung Rabenu Bechajes:
"Und siehe, seine Brüder baten ihn um Vergebung, und die Schrift erklärt
nicht, daß er ihnen vergab... und obwohl die Schrift erwähnte:
so tröstete er sie und redete zu ihrem Herzen, woraus sich
die Versöhnung mit Josef erkennen läßt, sehen wir doch
nicht, daß die Schrift Josefs Vergebung ausdrücklich erwähnte...
demnach starben sie als Strafe ohne die Vergebung Josefs, und ihre Sünde
kann ohne seine Vergebung nicht gesühnt werden. Darum war es nötig,
daß die Strafe verborgen und versiegelt bewahrt wurde, bis sie nach
langer Zeit bei den 'Zehn von der Regierung Getöteten' [siehe Mussaf-Gebet
von Jom Kippur] zur Anwendung kam...".
Frage: In letzter Zeit sucht ein gewisser Jemand, der behauptet, über paranormale Kräfte zu verfügen und Verborgenes zu sehen, Gedanken zu lesen, Gegenstände aus der Ferne zu bewegen und dergleichen parapsychologische Aktivitäten mehr, einen "Erben", und viele hoffnungsvolle Kandidaten führen im Fernsehen ihre "Wundertaten" vor. Das sieht alles sehr überzeugend aus. Geht es da mit rechten Dingen zu? Um was für Kräfte handelt es sich dabei? Antwort: Unser großer Lehrmeister, Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") zählte drei glaubwürdige Quellen für das Wissen des Menschen auf, und die übrigen sind Humbug. 1. Der Verstand - gemeint sind klare theoretische Beweise, 2. wissenschaftlicher Versuch - Dinge, die wir mit den Sinnen wahrnehmen können und keine Möglichkeit falscher Vorstellung besteht, 3. Prophetie - prophetische Offenbarung oder heilige Inspiration [Definition des Propheten siehe Mischne Tora, Grundlagen der Tora, 7.-10.Kap.]. Betrachten wir nun unseren Fall unter diesen Aspekten. 1. Natürlich gibt es in der Tora keinerlei Quellen für all diese Dinge. 2. Was den Verstand betrifft, so widersprechen diese Dinge den Naturwissenschaften, die gründlich fundiert sind. Zum Beispiel behaupten die Parapsychologen, daß die telepathischen Gehirnwellen mit gleicher Kraft sowohl in einer Entfernung von einem Meter als auch von tausend Kilometern wirken - was dem quadratischen Energie-Abstandsgesetz widerspricht, wonach elektromagnetische Kräfte oder Energien mit dem Quadrat der Entfernung abnehmen, oder wenn sie auf eine Bleiwand oder einen faradayschen Käfig stoßen. 3. Bleibt der wissenschaftliche Versuch - und wollen wir gleich vorwegnehmen, daß alle möglichen Geschichten, so glaubwürdig sie auch klingen mögen, als wissenschaftlicher Beweis wertlos sind. Sie können höchstens als Ausgangspunkt wissenschaftlicher Nachprüfung dienen, aber nicht mehr. Die Wissenschaft kennt keine Vorurteile, sie weist nichts im voraus von der Hand, akzeptiert allerdings auch nichts ohne handfeste Beweise. Vor allem aber zeigt sie methodische Skepsis, wenn etwas den bekannten Naturgesetzen widerspricht. In den meisten Fällen neigen die Parapsychologen nicht gerade dazu, mit den Forschern zusammenzuarbeiten. Und je gründlicher und kontrollierter die Forschungen über parapsychologische Themen angestellt werden, desto magerer fällt die Ernte brauchbarer Ergebnisse aus. Auf jeden Fall haben einmalige, anekdotale Ereignisse keinerlei wissenschaftliche Beweiskraft, denn die Wiederholbarkeit bedeutet einen der wichtigsten methodischen Eckpfeiler wissenschaftlicher Forschung, d.h. ein Versuch muß auch in anderen Labors nachvollziehbar sein. Die Parapsychologie ist keine neue Behauptung, sondern besteht schon tausende von Jahren. Seit etwa hundert Jahren wird sie intensiv mit wissenschaftlichen Mitteln geprüft, auch von ihr wohlgesonnenen Wissenschaftlern - und noch immer gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis. Es gibt Unterhaltungskünstler, die sich mit diesen Dingen unter Verwendung bekannter Tricks beschäftigen und mit diesen Gaukeleien ihr Brot verdienen. Auch dazu hat das Religionsgesetz etwas zu bemerken (siehe Chochmat Adam §89,6; Responsen Jechawe Da'at 3.Teil, §68), doch wird die Sache besonders problematisch, wenn die Zuschauer wirklich glauben, übernatürliche Kräfte am Werke zu sehen und ihre Kritikfähigkeit verlieren. Für jemanden ohne wissenschaftliche Vorbildung erscheint Telepathie nicht merkwürdiger als eine Radioübertragung, im Gegenteil, sie ist viel einfacher, denn sie benötigt keine komplizierten Geräte. Leider haben wir es hier mit der weitverbreiteten Erscheinung des "Rückzugs von der Einsicht" zu tun, die zu einer volkstümlichen Wiederbelebung übernatürlicher Zauberei führte. Der Verband amerikanischer Zauberkünstler stellte sich der Herausforderung und nahm auf sich, jede Ausführung nachzumachen, die jemand übernatürlichen Kräften zuschrieb. Bis heute haben sie es noch immer geschafft, sei es beim Gedankenlesen, Vorhersagen der Zukunft und Löffelverbiegen, unter Anwendung natürlicher Hilfsmittel psychologischer und technologischer Vorspiegelung, Geschicklichkeit und optischer Täuschung. Bekanntlich können die Zauberer eindrucksvolle Leistungen vorweisen: Hervorziehen eines Kaninchens aus dem Zylinderhut, Zersägen eines Menschen und seine Zusammenfügung, Erraten der Nummer eines Personalausweises und Hervorziehen desselben aus dem Kragen des Sitznachbarn, Schwebenlassen von Gegenständen, ohne sie zu berühren, Verschwindenlassen eines Elefanten vor den Augen des Publikums und sogar des Eiffelturms. Der amerikanische Zauber- und Befreiungskünstler James Randi setzte im Jahre 1964 einen Preis von $1000 aus für denjenigen, der unter wissenschaftlicher Beobachtung die Existenz von paranormalen, übernatürlichen Kräften nachweise. In der Zwischenzeit wurde der Preis auf eine Million Dollar erhöht, aber es hat ihn noch immer keiner gewonnen. Sobald einem Interessenten nämlich bekannt wird, daß er sich wissenschaftlicher Kontrolle stellen muß, weigern sich die meisten, solchen Bedingungen zuzustimmen. Selbst diejenigen, die zustimmten, etwa tausend, fielen bereits durch die Vorprüfung. Im Jahre 1976 wurde CSICOP gegründet, eine Vereinigung zur wissenschaftlichen Untersuchung von angeblichen paranormalen Erscheinungen, die sich aus Wissenschaftlern, Akademikern, professionellen Zauberkünstlern und auch dem Science-Fiction Autor Isaac Asimov zusammensetzt. Sie deckte viele Betrügereien auf, wie z.B. Gelähmte, die plötzlich genesend von ihrem Rollstuhl aufsprangen und in Wirklichkeit niemals gelähmt waren, oder der Wunderheiler, der alle Geheimnisse seiner Patienten entdeckte - mithilfe eines Computers und eines Helfers, der sich das Vertrauen dieser Patienten erschlich und so hinter den Kulissen die nötigen Informationen besorgte. Jener für seine Vorspiegelungen weltberühmte Israeli wurde von Wissenschaftlern unter die Lupe genommen, die er denn auch nicht hinters Licht führen konnte, die seine Täuschungsmanöver offenbarten und auf Videofilm festhielten. Daraufhin verklagte er CSICOP wegen Verleumdung, verlor den Prozeß und wurde zur Zahlung einer hohen Strafe verurteilt. Dann verklagte er seine Anwälte wegen angeblicher Fehler bei seiner Prozeßführung, und verlor wiederum. Man muß sich schon sehr wundern, wie jemand, der sich des Wissens um die Zukunft und verborgener Dinge rühmt, das Verlieren seiner Prozesse nicht vorhersah... Warum eigentlich lassen die
angeblich mit paranormalen Kräften Gesegneten keine Toten wiederauferstehen,
oder sagen die Börsenentwicklung richtig voraus, oder die Lottozahlen
der nächsten Ziehung, oder schaffen echte Banknoten aus dem Nichts
- dann bräuchten sie nämlich gar nicht in diesem Beruf aufzutreten.
Nun verbiegt aber unser Talent durch seine Kräfte auch die Löffel von Fernsehzuschauern, die nach dem Auftritt zu Hunderten im Studio anrufen und ganz aufgeregt berichten, sie hätten in ihren Schubladen verbogene Löffel gefunden. Sicher, bei Millionen von Fernsehzuschauern gibt es immer ein paar hundert mit verbogenem Eßbesteck in der Schublade. So verhält es sich auch mit der "Reparatur" von Uhren durch das Fernsehgerät. Der Uhrenbesitzer wird gebeten, sie ein paarmal anzuheben, zu senken, und von links nach rechts und umgekehrt zu bewegen. Wenn es sich um eine mechanische Uhr handelt, löst sich manchmal ein verborgenes Staubkorn, das den Gang behinderte. Wenn es eine Batterieuhr ist - auch aus einer leeren Batterie läßt sich manchmal noch etwas Saft locken. Von den Millionen Zuschauern rufen dann einige hundert an und berichten von ihren sensationellen Erfolgen, was großen Eindruck macht. All diejenigen aber, die mit der Wiederbelebung ihrer Uhren keinen Erfolg hatten (etwa 99%), machen dafür ihre ungenügende Konzentration verantwortlich. Ich will die geneigten Leser
hier nicht mit der detaillierten Schilderung falscher Telepathie und Telekinese
usw. langweilen, nur eines möchte ich noch sagen: Bewahren Sie sich
Ihre Kritikfähigkeit!
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
NEU: Auch
auf englisch! "Questions & Answers"
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|