DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WA'ERA
Nr. 600
1. Schwat 5767

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 6,2 - 9,35):
G~tt erinnert Moscheh an seinen Bund mit den Vorvätern und das Versprechen, ihren Nachkommen das Land Kanaan zu geben; schickt ihn zu den Kindern Israels, den Auszug anzukündigen, doch sie wollen nichts davon hören; kleine Stammeskunde; Moscheh und Aharon wieder bei Pharao; Wunderzeichen, Pharaos Zauberer machen es nach; die ersten 7 der 10 Plagen.
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Das harte Herz Pharaos

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Die Grundlage jeglicher Moral bildet die Erkenntnis von der menschlichen Entscheidungsfreiheit. Wenn irgendeine Ursache - göttlichen oder natürlichen Ursprungs - den Menschen zu einer bestimmten Handlungsweise zwingt und keinen anderen Weg offen läßt, wird das Gebot der Moral bedeutungslos, sei es menschlichen oder göttlichen Ursprungs. Weder Bestrafung für eine "Sünde" noch Lohn für eine "moralische" Tat lassen sich rechtfertigen, wenn man nicht anerkennt, daß jeder Mensch die Entscheidungsfreiheit besitzt, so zu tun oder auch anders.

In diesem Lichte betrachtet wirft unser Wochenabschnitt zwei gewichtige Fragen auf. Die erste und bekanntere betrifft die Beschränkung der Entscheidungsfreiheit Pharaos. G~tt schlägt Pharao mit Plagen - und verhärtet dann sein Herz, damit er noch mehr Plagen bekommt. So fragten bereits die frühen Torakommentatoren, wie z.B. Rabbiner Awraham ibn Esra: "Wenn G~tt sein Herz verhärtete, worin besteht dann seine Sünde und sein Vergehen?". 

Wie ist die Bestrafung Pharaos für eine Sünde zu rechtfertigen, bei der er gar nicht wählen konnte, sie zu tun oder zu unterlassen? Nach Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") hinderte G~tt Pharao tatsächlich an freier Entscheidung: "Es kann nun möglich sein, daß der Mensch eine große Sünde oder sehr viele Sünden begeht, so daß die Gerechtigkeit des wahren Richters [=G~tt] es erfordert, daß die Bestrafung für die in voller Willensfreiheit begangenen Sünden darin bestehen muß, daß dem Sünder die Möglichkeit der Umkehr verschlossen wird... verstockt ist das Herz dieses Volkes... (Jes. 6,10), so heißt es auch: Sie aber verspotteten die Boten G~ttes und verachteten seine Werke und äfften seine Propheten, bis der Grimm des Ewigen über sein Volk wuchs, daß kein Heilen war (Chronik II, 36,16)... In der Tora heißt es deshalb: Und ich werde das Herz Pharaos verhärten" (Gesetze von der Umkehr, 6,3). 

Die Verweigerung der Entscheidungsfreiheit gehört mit zur Strafe für die Sünde. Der Sünder gerät in einen Zustand, in dem sich die Sünde "von selbst vervielfältigt", und er wird für alles bestraft.

Rabbiner Sa'adja Gaon [lebte vor ca. 1100 Jahren] vertritt eine andere Ansicht: Es gibt keinen Zustand, wo G~tt jemanden zu sündigen nötigt und ihn dann dafür bestraft; der Grund für die Verhärtung des pharaonischen Herzens liegt woanders, nämlich: "In der Stärkung der Seele, wenn ein Schlag eintrifft durch etwas Böses oder eine schlechte Nachricht, damit er daran nicht zugrunde gehe... Und ich werde das Herz Pharaos verhärten (Ex. 7,3), und ich werde festigen das Herz Pharaos (14,4)... Diese Festigung der Seele war nötig, damit er bei diesen Plagen nicht zugrunde gehe, bis die restlichen Plagen über ihn ergangen sind..." (Emunot veDe'ot 4,6). In Wirklichkeit wurde Pharao also gar nicht für seine Weigerung bestraft. Seine Weigerung schuf bloß die Möglichkeit, ihm die Plagen zu verpassen, die er für alle seine vorherigen Missetaten verdient hatte. Wenn er die Kinder Israels schon nach der ersten Plage hätte ziehen lassen, wäre dies eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen. Eine so leichte Strafe für so schwere Verbrechen?!

Sowohl die Antwort des Maimonides als auch die des Rav Sa'adja Gaon werfen eine weitere Frage auf: Nachdem G~tt entschieden hatte, Pharaos Herz zu festigen, damit er nicht höre - welchen Sinn hatte es dann, ihm vor den anderen Plagen zu drohen und ihn zu warnen? Darauf antwortete Rav Sa'adja Gaon: 
"...denn die Sendbotschaft G~ttes an die Ketzer, auch wenn sie sich entscheiden, sie nicht auszuführen und nicht ihre Moral zu lernen - die Gläubigen und die anderen Menschen werden dadurch belehrt und lernen, so wie die Menschen bis heute und in alle Ewigkeit von der Sintflut erzählen, über die Leute von Sdom, Pharao, und dergleichen" (Emunot veDe'ot 4,5). 

Genau darin besteht die Absicht G~ttes bei den Plagen Ägyptens: Der ganzen Menschheit eine Botschaft zu übermitteln, und vor allem den Ägyptern und dem Volke Israel - "Und ich werde das Herz Pharaos verhärten und werde meine Zeichen und Wunder im Lande Ägypten mehren... Und Ägypten soll erfahren, daß ich der Ewige bin, wenn ich meine Hand gegen Ägypten ausstrecke" (Ex. 7,3/5), "..denn ich habe verstockt sein Herz und das Herz seiner Diener, damit ich tue diese meine Zeichen in seinem Innern, und damit du [Moscheh und die Kinder Israels] erzählest vor den Ohren deines Sohnes und des Sohnes deines Sohnes, wie ich mich wundertätig bewiesen an den Ägyptern, und meine Zeichen, die ich getan unter ihnen; und ihr werdet erkennen, daß ich der Ewige bin" (Ex. 10,1-2).

Lassen Sie mich einige weitere Gedanken hinzufügen. Es gibt viele Erziehungsmethoden: Erklären, Überzeugen, gemeinschaftliches Lernen, persönliches Beispiel, autoritatives Auftreten, Belohnung durch Preise, Bestrafung. Für jede Situation haben die Pädagogen ihre Lösungen parat, manchmal widersprüchliche, so z.B., was die Bestrafung betrifft. Bei zwei Dingen sind sich jedoch alle einig: Erstens ist eine Strafe manchmal nötig und nützlich, und zweitens hängt ihre Nützlichkeit von weiteren Aktivitäten ab, die den Zusammenhang schaffen, in dem sie verhängt wird.

Von den für eine effektive Bestrafung notwendigen Bedingungen sind zwei besonders hervorzuheben, die hier vorliegen: Die erste betrifft die Ermahnung - man strafe nur nach erfolgter Verwarnung. Die Warnung schafft eine eindeutige Verbindung zwischen dem Vergehen und der folgenden Bestrafung, und die in der Warnung übermittelte Erklärung vertieft ihre Botschaft. Die zweite betrifft den zeitlichen Abstand der Ereignisse. Moschehs Warnung an Pharao und dessen Versteifung des Herzens bewirkten eine zwangsläufige Wiederholung der Sünde, und dadurch erkannten alle den engen Zusammenhang zwischen ihr und der Strafe, die dadurch viel an Effektivität gewann. Man muß sich allerdings vergegenwärtigen, daß letzten Endes, auch wenn G~tt als Teil der Strafe die Entscheidungsfreiheit aufhebt, sein Ziel doch darin besteht, dem Menschen zur Vervollkommnung seiner Entscheidungen in der Zukunft zu verhelfen, die damit eher seiner Erschaffung "im Ebenbilde G~ttes" gerecht werden. 
 
 
Frage und Antwort

Nicht so ein Maschiach

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wir haben so viele Probleme, Feinde von außen und von innen, Terror und Kriege. Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Wir sind am Ende mit unserer Geduld. Es gibt keine andere Lösung, nur noch der Maschiach ("Messias")! Es steht fest, jetzt muß er kommen. Ich denke, wir müssen jetzt alle mit lauter Stimme zu G~tt rufen: Maschiach! Maschiach! Jetzt sofort!

Antwort: 1. Das erinnert mich an eine Begebenheit. Während der Festlichkeiten des Unabhängigkeitstages sagte mir ein teurer Jude: Veranlassen Sie, daß der Maschiach noch heute erscheint! - Ich fragte ihn: Warum? - Damit Frieden sei! - Im Gegenteil, wenn der Maschiach kommt, fangen die Kriege erst richtig an. - Was?! Dann veranlassen Sie lieber, daß der Maschiach keinesfalls heute kommt!

2. Der Maschiach wird also ein Kriegsherr sein. Wird er doch offiziell "König Maschiach" genannt (siehe Maimonides, Gesetze von Königen und Kriegen, 11.Kap., Hal.1), und es gehört mit zu den Aufgaben eines Königs, die Kriege zu führen; darum heißen diese Gesetze schließlich auch "Gesetze von Königen und Kriegen". "Die Nachkommen Amaleks zu vernichten" (ebda., 1,1), "die Kriege G~ttes zu führen" (1,8), "zieht er in den Krieg, ist sie [die Torarolle] bei ihm..." (3,1), "für die Bedürfnisse der Öffentlichkeit und ihrer Kriege" (3,4), "der König darf das Volk für das Kriegsnötige mit einer Steuer belegen" (4,1), "und er nimmt vom Volk Helden und Kriegstüchtige" (4,2), "jedes Land, das er erobert.... denn man setzt keinen König ein außer um Recht zu schaffen und Kriege zu führen, wie es heißt: und unser König uns Recht spreche, und vor uns herziehe und unsere Kriege führe (Schmu'el I, 8,20)" (4,10), und vier ganze Kapitel mit Gesetzen, die sich nur mit dem Krieg befassen (5.-8.Kap.). 

3. Über den Maschiach selber heißt es ausdrücklich, daß er ein Kriegsherr sei, so wie König David. "Der erste Maschiach: David, der Israel von seinen Bedrängern erlöste, und der letzte Maschiach: der von dessen Söhnen erstehen wird und Israel aus den Händen Eßaws erlöst" (11,1). Im Gegensatz zu David, dessen Kriege territorial begrenzt waren: "und durchbohrt die Seiten Moaws - dies ist David, und ebenso heißt es (Schemuel II,8,2): Und schlug Moaw und maß sie mit der Schnur" (ebda.), besteht die Aufgabe des Königs Maschiach in der Eroberung der ganzen Welt: und zerschmettert alle Söhne Schets [Forts. Num. 24,17 - Raschi: alle Völker; denn alle stammen von Schet, dem Sohne des ersten Menschen] - das ist König Maschiach, von dem es im weiteren heißt: und seine Herrschaft geht von Meer zu Meer" (Secharja 9,10) (ebda.).

4. Eine der Bedingungen, nach denen jemand als möglicher Maschiach angesehen wird - d.h. ein König mit dem religionsgesetzlichen Status "Maschiach" bis zum Beweis des Gegenteils - lautet: "er wird die Kriege G~ttes führen" (11,4), und eine der Bedingungen, mit Sicherheit der Maschiach zu sein: "wenn er alle Nachbarvölker besiegte" (11,4).

5. Natürlich ist das keine leichte Arbeit, sondern fordert große Selbstaufopferung und das Aushalten bei Leiden. Über ihn heißt es: "Er wird ihn an der G~ttesfurcht Gefallen finden lassen" (Jeschajahu 11,3), was im Talmud wie folgt ausgelegt wird: "dies besagte, daß er ihn mit g~ttgefälligen Handlungen und Leiden wie mit Mühlsteinen beladen wird" (Sanhedrin 93b); dieser Deutung folgte Maimonides.

6. Natürlich hat sich das alles Maimonides nicht selber ausgedacht, vielmehr zeugen davon viele Toraverse, z.B. bei Jeschajahu: "Wer ist es, der kommt von Edom, in rotem Gewande von Bozra? Jener, prangend in seinem Kleide, stattlich in der Fülle seiner Kraft? Ich, der Heil verheiße, Macht habe zu helfen. Warum ist Rot an deinen Kleidern, und dein Gewand wie des Keltertreters? Die Kelter trat ich allein, und von den Völkern war niemand mit mir, und ich zertrat sie in meinem Zorne und zerstampfte sie in meinem Grimme, und es spritzte ihr Saft auf mein Gewand, und all meine Kleider besudelte ich. Denn einen Tag der Rache habe ich im Herzen, und das Jahr meiner Erlösung ist gekommen. ...Und ich stampfte Völker in meinem Zorne und berauschte sie mit meinem Grimme, und ließ zur Erde rinnen ihren Saft" (63,1-6).

7. Alle unsere Kriege bis heute waren nur ein "Warmlaufen" im Vergleich zu den Kriegen des Maschiach. Darum muß man es sich einfürallemal gesagt sein lassen: Wir bitten nicht um den Maschiach für uns, sondern für die Ehre G~ttes. Der Maschiach kommt nicht, um unsere wirtschaftlichen Probleme zu lösen - dazu sind wir selber angehalten. Der Maschiach kommt auch nicht, um unsere sicherheitspolitischen Probleme zu lösen - auch darum müssen wir uns selber kümmern. Vielmehr kommt er für den Herrn der Welt.

8. So schrieb Maimonides: "Nicht sehnten sich die Propheten und die Weisen nach den Tagen des Maschiach, um über die ganze Welt zu herrschen, und nicht, um sich die Nichtjuden untertan zu machen, und nicht, um von den Völkern zu Regenten gemacht zu werden, und nicht um zu essen, zu trinken und lustig zu sein - sondern um frei zu sein für [das Studium der] Tora und ihrer Weisheit, ohne Unterdrücker und ohne Ablenkung, damit sie dem Leben der kommenden Welt teilhaftig werden" (12,4).

9. Es gibt eine zynische Auslegung des Verses "Warum ist nicht gekommen der Sohn Jischais, wie gestern, so heute, zum Brote?" (Schmu'el I, 20,27) - Warum kommt der Maschiach nicht, weder gestern noch heute? Weil wir ihn erwarten, damit er uns Brot gebe!

Natürlich darf man G~tt auch dienen, selbst wenn dies nicht in reinster uneigennütziger Absicht erfolgt (siehe Maimonides, Gesetze von der Umkehr, 10.Kap.), aber deswegen braucht man doch nicht den Eigennutz zum höchsten Ideal zu erheben und nach einem nützlichen Maschiach zu rufen! Haben wir uns etwa nur deswegen 2000 Jahre lang für Gebotserfüllung und Tora aufgeopfert?! Sind wir plötzlich zu egoistischen Kleingeistern geworden, die sich nur noch um sich selbst kümmern können?

Im Gegenteil, wenn der Maschiach eines Tages kommt (möglichst in den nächsten Tagen), wird er mit den Helden zusammen gehen, die sich ihm anschließen werden, Helden auf dem Gebiet des Geistes, und Helden der Armee. Wollen wir darum die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert werden, nicht als Belästigung empfinden, sondern als Vorbereitung für die Dinge, die noch zum Guten auf uns zukommen werden.

MJ279


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