DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 18,1-22,24):
Das Motto der "Aufgeschlossenheit" signalisiert Gefahr, wenn es ohne klare Begrenzung daherkommt und damit die Verwischung von Grundwerten und die Aufweichung von Prinzipien deckt. Unser Vorvater Awraham begann seinen Glaubensweg durch Wundern und Suchen, wie es bei Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") in den Gesetzen vom Götzendienst (1.Kap., Hal.3) heißt: "...begann er sich Gedanken zu machen, in seiner Kindheit, und tags und nachts zu denken". Durch seinen Wissensdurst und Überlegung erkannte er seinen Schöpfer: "Mit vierzig Jahren erkannte Awraham seinen Schöpfer, und in dieser Erkenntnis und dem Wissen begann er, Antworten zu geben... und begann dem Volke mitzuteilen, daß kein anderer würdig ist, ihm zu dienen, als dem Herrn der Welt... und er begann sich hinzustellen und mit lauter Stimme der ganzen Welt zuzurufen und zu verkünden, daß es einen G~tt für die ganze Welt gebe, und es sei angemessen, ihm zu dienen, und er ging und rief und versammelte das Volk von Stadt zu Stadt und von Land zu Land... bis sich um ihn Tausende und Abertausende versammelt hatten, und das sind die Mitglieder des Haushalts von Awraham". Awrahams Unternehmen des Näherbringens der Entfernten funktionierte nicht nur auf der Basis von Seminaren über den Glauben, sondern beinhaltete auch einen beträchtlichen Einsatz von Finanzmitteln, um selbst die entferntesten Bevölkerungsteile zu erreichen und sie durch Gefühle von Liebe und Freundschaft näherzubringen, wie es im Midrasch heißt: "die Seelen, die sie erworben in Charan - dies lehrt, daß sie unser Vorvater Awraham in sein Haus brachte, ihnen zu essen und trinken gab, freundschaftlich behandelte und näherbrachte und konvertierte und unter die Schwingen der göttlichen Präsenz brachte" (Schir Haschirim raba). Und im Talmud heißt es: "Dies lehrt, das Awraham den Namen des Heiligen, gepriesen sei er, im Munde aller Hin- und Herreisenden nennen machte. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, erhoben sie sich, um ihn zu preisen, da sprach er zu ihnen: Ihr habt nicht meines gegessen, sondern des ewigen G~ttes; danket, lobet und preiset den, durch dessen Wort die Welt erschaffen worden ist" (Sota 10b). Der Wissensdurst und die gesellschaftliche Anteilnahme fordern vom Menschen Aufgeschlossenheit, und sicher fand sich diese Eigenschaft bei unserem Vorvater Awraham, doch Awraham wußte sie in ihre Grenzen zu weisen, damit die "Einigkeit", die er aufbauen wollte, nicht auf Kosten der "Einzigkeit" ging, die er repräsentierte. Zum Schriftvers: "Und Awraham sprach zu seinen Knaben: Bleibet hier bei dem Esel, und ich und der Knabe, wir wollen gehen bis dorthin; wenn wir uns niedergeworfen, kehren wir zurück zu euch" (Gen. 22,5), fragte Rabbiner Solovejtschik: "Wenn Awraham nicht wollte, daß die beiden Knaben bei der Bindung Jizchaks anwesend sind, warum nahm er sie dann überhaupt mit? Und warum wies er sie an, auf ihn zu warten?" und antwortete: "Mir scheint, daß in dem Befehle Awrahams eine ganze Weltanschauung verborgen liegt, nämlich über unser Verhältnis zu Juden, die nicht die Toragesetze einhalten". Einerseits keine vollkommene Trennung von ihnen, denn der Weg zum Berge Moriah [der Tempelberg] ist lang und voller Schlangen und wilder Ka'ananiter. Damit Awraham in Frieden zum Berge Moriah gelangte, ihn zu heiligen und ihn der Ewige wird ersehen zu nennen (Gen. 22,14), brauchte er die Hilfe der zwei Knaben, die sich nicht mit seinem Glauben der Heiligkeit identifizierten und nicht die Selbstaufopferung Awrahams verstanden, mit der er G~tt diente. Allerdings arbeiteten sie mit Awraham zusammen, mit oder gegen ihren Willen, und begleiteten ihn auf dem Wege zum Berge Moriah. Wenn Awraham von Anfang an auf strikte Trennung geachtet und sich ganz alleine auf den Weg gemacht hätte - wer weiß, ob er den Ort, den G~tt ihm angesagt hatte, erreicht hätte. Awraham hielt nichts von der Methode vollkommener Trennung, doch auch vollkommene Einigkeit war solange nicht möglich, wie die zwei "Knaben" nicht zum Niederwerfen vor G~tt bereit waren, und so gingen Awraham und die Knaben ein ordentliches Stück Weges gemeinsam. Doch an einem bestimmten Ort auf dem Wege zum Berge Moriah löste sich die Gemeinschaft auf. Awraham trennte sich von den zwei Knaben und sagte zu ihnen: Bleibet hier bei dem Esel, weiter könnt ihr mich nicht begleiten. Ich bin jedoch davon überzeugt, daß der Tag kommen wird, an dem ihr mich verstehen werdet und wir einen einzigen Bund bilden werden: kehren wir zu euch zurück. Neben den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Interessen haben Awraham und Jizchak noch andere Bestrebungen. Man darf wohl annehmen, daß die beiden Knaben gekränkt waren und Awraham und Jizchak der Spaltung bezichtigten. Der Mensch aber muß den Mut zu dem Ausspruch aufbringen: Bleibet hier bei dem Esel". Rabbiner Solovejtschik fuhr
fort: "Auch heute, beim Aufbau des Staates Israel, gehen wir mit allen
Parteien zusammen, weil wir glauben, der Staat Israel ist der Weg zum Berge
Moriah, und es ist uns klar, daß wir alleine auf diesem Weg keinen
Erfolg haben werden. Bedeutet dies aber, daß wir mit einem jeden
zum Berge Moriah gehen werden? Nein! Soweit es den 'Berg Moriah' angeht,
die Familiengesetze, die Erziehung, die Einhaltung des Schabbat, die verbotenen
Speisen, das Rabbinat und die religionsgesetzliche Unterweisung, das Thema
'Wer ist ein Jude' - verkünden wir selbstbewußt den beiden Knaben,
wer auch immer mit uns in der Koalition sitzt: Bleibet hier bei dem Esel,
und ich und der Knabe, wir wollen gehen bis dorthin, bis wir uns niedergeworfen.
Die Heiligkeit des Berges Moriah muß nach Recht und Gesetz gewahrt
werden. Wir arbeiten mit euch bei allen Werken zusammen, doch gibt es keine
Kompromisse bezüglich des Ortes, den G~tt ihm angesagt hatte,
bezüglich des Endzieles zweitausendjähriger Reise zurück
zum Lande Israel".
Zur geplanten "WorldPride"-Parade in Jerusalem: Bar Kapara, Schwiegersohn von Rabbi Jehuda Hanassi ("der Fürst"), wurde anläßlich der Hochzeit von Rabbi Schimon, dem Sohne von Rabbi Jehuda, um eine Tora-Ansprache gebeten. Er fragte, warum es ein "Greuel" genannt wird, wenn ein Mann "bei einem Manne liegt wie bei einem Weibe" (Lev. 18,22; Nedarim 51a). Sicher sind doch alle Arten von Unzucht, Prostitution und Ausschweifung "Greuel", doch hier erscheint dieser Begriff zweimal (Lev. 18,22+20,13). D.h., hierbei handelt es sich um den höchsten Greuel, den Greuel aller Greuel. Es gibt große Greuel auf der Welt, die das Festhalten des jüdischen Volkes an seinem Land schwächen: "Auf daß nicht das Land euch ausspeie, wenn ihr es verunreiniget, so wie es ausgespieen hat das Volk, das vor euch. Ja, wer von allen diesen Greueln einen tut, so sollen die Personen, die ihn tun, ausgerottet werden aus der Mitte ihres Volkes" (Lev. 18,28-29). Entsprechend gelten alle Formen der Unzucht als "Greuel", und also, fragte Bar Kapara, warum wird dieser Begriff besonders beim Männer-Beischlaf betont? Warum gilt diese Aktivität als der oberste Greuel? Rabbi Jehuda der Fürst machte einige Erklärungsversuche, wie der Begriff und Terminus "Greuel" (to'ewa) mehr als alle anderen zu dieser moralischen und spirituellen Perversion passe, doch Bar Kapara widerlegte alle seine Worte. "Dann erkläre es also selber", schlug Rabbi Jehuda vor. Und jener antwortete: "To'ewa - to'e ata wa" (To'ewa - Abk. für "du irrst dabei"). Das ist der Irrtum! Du verstehst nicht, daß der Mann der Frau bestimmt ist, und stattdessen geht er zu einem Mann. Was für ein Irrtum! Das ist die falsche Adresse - statt einer zur Heirat erlaubten Frau läßt er sich auf diese Hurerei ein! (siehe Raschi zur Stelle). Das ist der größte aller Irrtümer. Irrtümer können auf allen möglichen Gebieten passieren, doch dieser Irrtum betrifft das Wesen des Menschen. Der Mensch ist männlich und weiblich gemeinsam. Darum "gilt ein Mann ohne Frau nicht als Mensch" (Jewamot 63a), wie es heißt: "im Bilde G~ttes schuf er ihn; Mann und Weib schuf er sie" (Gen. 1,27) und "Mann und Weib schuf er sie, und segnete sie und nannte ihren Namen Mensch" (Gen. 5,2). Nur Mann und Frau gemeinsam tragen den Namen "Mensch". Nur Mann und Frau gemeinsam sind das beabsichtigte "Bild G~ttes". Das ist der höchste Irrtum, und darum der höchste Greuel; von allen Arten der Unzucht, sei es Prostitution oder selbst mit Tieren. Das sind Dinge, die selbst Tiere normalerweise nicht machen! Das ist eine Verletzung der normalen menschlichen Wesensheit, der gemeinschaftlichen Vollkommenheit von Mann und Frau. Darum ist es auch kein Wunder, daß dieser greulichen Verbindung kein Nachwuchs entspringt. Ein Kind braucht nämlich Vater und Mutter. Doch hierbei handelt es sich um eine unfruchtbare Paarung, ohne Fortsetzung, ohne Nutzen ("Sefer HaChinuch" Gebot 209, Nachmanides zu Lev. 18,22). Hier geht es um die Verneinung der menschlichen Realität, die Auslöschung der Vollkommenheit des Menschen. Darum sagten unsere Weisen, daß wegen vier Dingen die Sonne sich verfinstert, und eines davon ist der Männer-Beischlaf (Sukka 29a). "Die Sonne verfinstert sich", das bedeutet: Zerstörung der natürlichen Ordnung, Finsternis in der Welt (MaHaRaL, "Be'er Hagola"); die Zerstörung einer ganzen Welt des Lichtes der Freude, der Gesundheit, der Natürlichkeit, und ein tiefes Versinken im Abschaum von Finsternis und Untergang. Ein Mensch wendet sich ab von seiner natürlichen Partnerin, und hin zu einer unnormalen Verbindung! Damit geht die Würde der Menschheit verloren, und solche Finsternis, solcher Ekel, widern nicht nur das Volk Israel an, sondern fast die ganze Menschheit. Und wenn nun jemand fragen sollte: Was kann denn ein Mensch mit einer solchen Neigung tun? Dann können wir uns nur an den Kopf fassen, wie tief wir gesunken sind, wenn solche Fragen gestellt werden. Allein die Frage ist schon ein Ausdruck der großen Finsternis, in der wir uns befinden. Wissen wir doch ganz genau, daß es alle möglichen Triebe gibt, doch müssen wir uns von ihnen befreien und uns über sie erheben. Das ist möglich, das ist immer möglich. Die Erfahrung zeigt ohne jeden Zweifel: Jeder mit umgekehrter Neigung, der sie wirklich loswerden wollte, kam mithilfe passender Behandlung davon frei, heiratete auf gesunde, natürliche und normale Weise und fühlte Zuneigung zu seinem Ehepartner. In Israel gibt es zu diesem Thema kostenlose und anonyme Beratung per Telefon unter dem Titel "Atzat Nefesch", Montag, Mittwoch, Donnerstag von 20 bis 23 Uhr (Jerusalem 02-6541899) durch religiöse, professionelle Berater, die den von den bedeutenden Rabbinern festgelegten Richtlinien folgen. Am Internet: www.atzat-nefesh.org Möge G~tt uns retten
und reinigen und erheben und heiligen.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
NEU: Auch
auf englisch! "Questions & Answers"
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