DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Ex. 25,1 - 27,19):
Donnerstag:
Fasten Esther (vorgezogen)
[Im Buche Daniel wurden die vier Weltreiche mit vier Tieren verglichen, wobei das zweite Tier, der Bär, das Perserreich symbolisiert: "dies sind die Perser, die gleich einem Bären essen und trinken, gleich einem Bären beleibt sind... und gleich einem Bären keine Ruhe haben" (Megilla 11a)]. Die ersten Sprünge zeigen sich im Reich der Bären. Es ist was faul im Staate Achaschweroschs. Der König, der "den Wunsch jedes Mannes erfüllen" zu können glaubte (Esther 1,8) und durch die Verbreitung der Bärenkultur seine Untertanen mästen und die Menschheit ihm zu ewigem Dank verpflichten wollte, entdeckt langsam aber sicher, daß er mit seinem Prinzip "der Mensch im Mittelpunkt" nicht einmal seinen eigenen Willen durchsetzen kann. Zuerst stößt sein Drang auf den Gegenwillen seiner Frau Waschti. Danach weigert sich Esther, die als Ersatz ausgewählt wurde, ihr Geheimnis zu offenbaren: "Esther hatte nicht ausgesagt ihre Herkunft und ihr Volk" (Esther 2,20). Durch den Midrasch erfahren wir, wie sehr sich der König bemüht, ihrem Geheimnis durch Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse auf die Spur zu kommen. Er gibt ihr zu Ehren ein großes Festmahl, erläßt Steuern und läßt verkünden, daß er all diese Dinge auf ihren Wunsch anordnete. Er meint, sie werde nun wohl ihr Geheimnis lüften - doch sie bleibt fest... Am Ende geschieht das vollkommen Unerwartete: zwei Leute, Bigtan und Teresch von der Palastwache, die durch den König zu großen Ehren gelangten, wollen Achaschwerosch beseitigen. Der König wird zwar gerettet, doch zeigt sich ein weiterer Sprung in der Mauer der persischen Gleichheit - von nun an herrscht selbst im Kreise der königlichen Minister keine Gleichheit mehr, denn alle müssen sich vor Haman beugen. Der König beschließt, alles auf einen Mann zu setzen, ihn mit Ehrungen zu überhäufen und ihn so von sich abhängig zu machen. Da erhält die persische Weltanschauung einen weiteren Stoß. Ausgerechnet Haman, den der König über alle anderen Minister erhoben hat, ist nicht zufrieden. Ein einziger Mensch im ganzen Königreich wagt seinem Stolz zu trotzen, und das verdirbt ihm alles... Eine genaue Untersuchung der betreffenden Verse ergibt, daß Haman anfangs Mordechais Verhalten gar nicht bemerkte. Im Verlaufe einiger Tage fällt Mordechai nicht vor ihm auf die Knie, und alle Hofbediensteten flehen ihn an, mit seiner Weigerung aufzuhören, während Haman davon noch gar nichts mitbekommen hat! "Der Frevler in seines Zornes Hochmut ahndet nicht..." (Psalm 10,4), er trägt die Nase ganz oben, sein Stolz reicht an die Wolken, und er kommt überhaupt nicht auf den Gedanken, daß sich einer der Höflinge nicht vor dem Staub seiner Füße verneigt (nach "Manot Halevi", 3.Kap.). Als es den Höflingen dämmert, hier handele es sich nicht um eine persönliche Fehde zwischen Mitgliedern der Elite, sondern um grundsätzliche Gegensätze, "denn er hatte ihnen gesagt, daß er ein Jehudi sei" (Esther 3,4), sorgen sie dafür, diesen Sachverhalt Haman zu Ohren zu bringen (daher der Brauch, an Purim Hamansohren zu essen). Erst danach heißt es nämlich: "Und Haman sah, daß Mordechai nicht das Knie beugte und sich nicht niederwarf vor ihm" (Esther 3,5). Nach der Sitte der Eitlen läßt der Zornesausbruch nicht lange auf sich warten: "da ward Haman voller Wut" (ebda.). Nur daß in diesem Falle das amalekitische Wesen hervorbricht, denn Haman will sich am Volke Mordechais rächen. Dummerweise ist der Herrscher im Lande niemand anderes als Achaschwerosch, der Perserkönig, der eingefleischte Pluralist, der von der Gleichheit hält und jede Nation zufriedenstellt. Haman erkennt die Schwierigkeit, den König von der Vernichtung eines Volkes überzeugen zu wollen. Um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen, redet er mit dem König in dessen "Bärensprache". Der Weg zum Massenmord wird mit zehntausend Silberbarren ausgepolstert, die dem König sein allseitiges Wohlmeinen überwinden helfen sollen. Auf dem Höhepunkt der Begegnung jedoch überrascht Achaschwerosch Haman: "Das Silber ist dir geschenkt, und dazu das Volk, mit ihm zu verfahren, wie es gut ist in deinen Augen" (3,11). Der persische König, der so sehr darauf achtet, mit jedem Volke in dessen Sprache zu reden, Vertreter der Gleichheit, der es noch vor nicht allzu langer Zeit sowohl Haman als auch Mordechai recht machen wollte, ist nun zur Vernichtung eines ganzen Volkes bereit. Sein Haß gegen das jüdische Volk übersteigt sogar seine Begierde, und er verkündet: "Das Silber ist dir geschenkt", ich werde das Volk aus purem Idealismus vernichten, ohne Gegenleistung! Es ist auch kein Wunder, daß Haman sich an den Juden vergreifen will. Als Sprößling aus dem Stamme Amalek ist er nichts anderes als ein Spötter, ein kleiner Witzbold, ein großer Zyniker, ein Mensch ohne Glauben, der alles herunterputzt, was ihm vor die Augen kommt. Er hat keinen Glauben an die Welt und weigert sich, die hinter den Kulissen lenkende Hand anzuerkennen, die Hand des Weltschöpfers, die von der Menschheit Demut und Moralität fordert. Für Haman ist der Zufall König, in seiner Welt existieren nur das Los (Pur) und Schicksal. Das Volk Israel, "Glaubende, Nachkommen von Glaubenden", die danach streben, die Welt ihrer Bestimmung näherzubringen, die in allem Geschehen eine Bedeutung sehen, stellen einen bitteren Feind dar, der die Seelenruhe seiner Lügenwelt bedroht. Auf den ersten Blick kann man sich keine gegensätzlicheren Typen als Haman und Achaschwerosch vorstellen. Haman, der Spötter, der nichts anderes im Sinn hat als zu spotten und zu schmähen, erscheint so anders als der die Gleichheit schätzende König, dem alle Untertanen seines Reiches wichtig sind und der eine jede Nation respektiert. Daß Haman Israel vernichten will, versteht sich, doch warum spielt Achaschwerosch mit bei seinen Volksvernichtungsplänen? In Wirklichkeit ähneln sich Haman und Achaschwerosch ganz außerordentlich. Der Pluralist gibt sich nach außen, als ob er allen vertraue. Doch das ist bloß eine Maske. Wer mit jedem zu tanzen bereit ist, glaubt wirklich niemandem. Mit der Erklärung: "Jeder nach seiner Wahrheit" verkündet er, daß es keine Wahrheit gibt. Wer "den Wunsch jedes Mannes erfüllen" will, ist nichts anderes als ein als umgänglicher König verkleideter Bösewicht, den nur die Erfüllung seines eigenen Willens interessiert. So wie Haman unter Geringschätzung seiner ganzen Umgebung nur seine eigene Ehre und sein gesellschaftliches Ansehen lieb und teuer sind, glaubt Achaschwerosch nicht wirklich an irgend etwas, das sich außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite befindet. Die Bereitschaft des persischen Königs, es jeder Nation und Sprache recht zu machen, entspringt nicht der Anerkennung ihrer Werte, sondern der Erfahrung mit künstlicher Befriedung in einer bedeutungslosen Welt. Wenn etwas wirklich nicht wichtig ist, bleibt nur noch das eigene Ich. Kein Wunder also, daß nur eine einzige Nation Achaschwerosch keine Ruhe läßt, nämlich die jüdische! Haman überzeugt ihn folgendermaßen: "..aber nach den Gesetzen des Königs tun sie nicht, und dem König bringt es nichts ein, wenn er sie läßt" (Esther 3,8). Der König versteht sehr wohl, daß es ein Volk gibt, das nicht lange am persischen Festival der Sinnesfreuden teilnehmen wird. Durch dessen Bindung an seinen G~tt gibt es sich nicht zufrieden mit der Befriedigung körperlicher Begierden, die alle Nationen des persischen Bärenreiches verbindet. Dieses Volk ist dem Willen G~ttes verpflichtet und wird nicht eher ruhen, als bis die Welt zu ihrer Erlösung gelangt ist. Dieses scheinbar zerstreute und versprengte Volk bedeutet eine handfeste Bedrohung der Herrschaft Achaschweroschs. Um jeden Zweifel zu beseitigen, erklärt der Midrasch: "Achaschwerosch haßte Israel mehr als Haman" (Esther raba 7,20), die Maske ist endgültig gefallen, das Königreich der Wohlfahrt ist nichts anderes als verkleideter Antisemitismus. Auch Achaschwerosch ist ein zynischer G~ttesleugner, ein kleiner Spötter, verkleidet als Großmütiger, der mit Jedermann, aber gegen G~tt geht! (Fortsetzung
folgt)
Frage: Vor einiger Zeit schrieben Sie zum Thema "Gibt es paranormale Kräfte?". Aber in der Tora ist von übernatürlichen Kräften die Rede! Glauben wir denn nicht an mystische Dinge? Antwort: Sicher glauben wir an die Tora, und wir glauben auch an Wunder. Daneben bewahren wir unser wissenschaftliches Denkvermögen und müssen uns vergegenwärtigen, daß nicht gleich alles, was wir nicht verstehen, unbedingt ein Wunder sein muß oder mit übernatürlichen Kräften zusammenhängt. Hier haben wir es mit dem uralten Glauben an die Magie zu tun, der statt einer rationalen Erklärung der Naturereignisse, die selbigen innewohnt, alle möglichen Kräfte, Götter, Geister, Orakel und mystische Energien erfand. Seitdem sind allerdings einige tausend Jahre vergangen, und wir sind ein bißchen voran gekommen. Wenn jemand vor tausend Jahren eine Taschenlampe eingeschaltet hätte, wäre er sofort als Hexenmeister auf dem Scheiterhaufen gelandet, und heute lernt schon jedes Kleinkind in der Schule die verschiedensten Dinge. Allerdings keine Zaubertricks, und zu recht, denn dafür ist die Zeit zu schade. Die sogenannten Wundertaten jedoch, deren sich die Meister parapsychologischer Kräfte rühmen, beruhen auf Tricks, die man an jeder Schule für Zauberkünstler lernen kann. Damit ist nicht der abstruse Unfug gemeint, der sich in Büchern wie "Harry Potter" u.ä. findet, sondern eine richtige Schule für Zauberkünstler, wo man alle Tricks lernen kann, wie z.B. ein Kaninchen oder Tauben aus dem Zylinderhut zu holen. Hierzulande gibt es einige solche Schulen, aber geh nicht hin, lerne lieber Chumasch mit Raschikommentar. Dort lernt man z.B., wie man ein Glas "durch pure Konzentrationskraft" zerbrechen kann - dazu wird darunter ein Auslösemechanismus mit einer starken Feder angebracht, die das Glas anschlägt und wieder zurückspringt, ohne daß man sie bemerkt. Sie wissen, wie man einen Kompass durch das Darüberhalten der bloßen Hand zum Durchdrehen bringt - in dem man in der Hand einen kleinen Magneten versteckt. Es ist auch nicht schwer, das Lied zu erraten, an das ein Mensch gedacht hat - man läßt ihn den Titel auf einen Zettel schreiben, wobei ihm der "Gedankenleser" seine Gitarre als Unterlage anbietet, die vorher mit einem besonderen Material beschichtet wurde, auf dem durchgeschriebener Text sichtbar wird. Willst du vielleicht mit deinen Gedankenkräften die Turmuhr zum Stehen bringen? Es reicht, dem Verantwortlichen eine angemessene Summe in die Hand zu drücken... Möchtest du vielleicht verraten, was ein Pilot während des Fluges denkt? Dito. Wie erfährt man alle möglichen verborgenen Dinge über jemanden? Indem man ihn in scheinbar unverfängliche Gespräche verwickelt und alles herausbringt, ohne daß er es selber merkt. Das berühmte Löffelbiegen - geschwinde Fingerfertigkeit, die sich mit einer Videokamera nachweisen läßt, wenn man den Film langsam abspielt. Wie verbiegt sich ein Löffel, den der Zuschauer zuhause vor seinen Fernseher gelegt hat? Man redet solange auf ihn (den Zuschauer!) ein, bis er eine Krümmung wahrnimmt, auf die er vorher nicht geachtet hat. Und so geht es immer weiter. Alles einfache Tricks, die man in einem Geschäft für Zauberartikel erwerben kann. Also glaube ich doch nicht an mystische Dinge? Weit gefehlt; natürlich glaube ich, und ich möchte sogar, daß Alle glauben, denn das sind die wichtigsten Dinge auf der Welt: Glauben an G~tt, Prophetie, göttliche Vorsehung. Darum befürchte ich, daß wegen Nichtigkeiten die wirklich großen mystischen Dinge nicht ernst genommen werden, und das wäre der Untergang der Welt. Hat sich doch in den letzten Jahrhunderten die wissenschaftliche Denkweise stark entwickelt, ebenso wie das kritische Denken, und seitdem sind viele Menschen nicht bereit, alles zu schlucken, was ihnen aufgetischt wird. Wenn wir also die oben erwähnten Nichtigkeiten mit der Tora und dem Glauben in Verbindung bringen, erreichen wir damit bloß, daß jene ernsthaften und denkenden Leute das Kind mit dem Bade ausschütten werden. Wie trennen wir also die Spreu vom Weizen, die Tricks von der Wahrheit? Ganz einfach: Wenn uns die Tora auf etwas sagt, das ist die Wahrheit, Moscheh ist Wahrheit und seine Lehre Wahrheit. Bekanntlich sagt die Tora, daß manchmal Leute von außerordentlicher Heiligkeit Wunder wirken können - aber nicht jeder Durchschnittsbürger. Und was die in der Tora verbotene Zauberei angeht, so gehört das nicht zu unserem Thema (siehe Mischnakommentar Tiferet Israel zu Sanhedrin 7,7, Boas 3, der diesen Kräften schon zu seiner Zeit jegliche Existenz absprach, d.h. vor etwa 400 Jahren). Darum bleibt uns nur die Prüfung angeblicher Zauberei durch vertrauenswürdige Wissenschaftler und professionelle Zauberkünstler. Zum Abschluß eignen sich die Worte unseres Lehrmeisters, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk: "Ein Forscher, Professor Lapron, schrieb ein Büchlein auf lateinisch mit dem Titel: Hypnose und Spiritismus. Er war ein gebildeter Mensch. Er schreibt dort: 'Es gibt Einfältige, die alles glauben, auch was gar nicht existiert. Demgegenüber gibt es jene, die über alles spotten. Extremismus ist niemals gut. Die Dinge müssen nachgeprüft werden'. Er schreibt allerdings mit Schärfe gegen das Interesse an jenen Dingen durch die Massen. Es ist verboten, das Wissen um Verborgenes bei den Massen zu pflegen. Das geht nur bei einigen wenigen Auserwählten. Das Wissen um Verborgenes schadet dem psychologischen, dem moralischen und dem religiösen Zustand der Massen" (Rabbiner Zwi Jehuda Kuk, "Gespräche" Bereschit, S.313). "Am Ende faßt er zusammen: Es ist die Pflicht eines jeden Menschen, dem am Fortschritt der Menschheit liegt, gegen die Verbreitung dieser Dinge bei den Massen zu kämpfen, weil sie enormen pädagogischen und moralischen Schaden anrichten können" (ebda. S.311-312). Möge es uns vergönnt
sein, auf den Pfaden des Lichtes zu wandeln.
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