DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-15,33):
Dienstag: Jom
Ha'Azma'ut
Vollkommen unverständlich erscheint uns das Reinigungsverfahren des Aussätzigen. Die Vögel, das Wasser, das Zedernholz, der Ysop und die karmesinfarbene Wolle, das Rasieren, die Opfer, das Bestreichen der Ohrknorpel und der großen Zehe mit Öl und Blut, und dergleichen mehr. Man kann wohl einige auffallende Gegensätzlichkeiten bei den Dingen feststellen, die der Aussätzige mitmacht: die Freilassung des einen Vogels, während der andere geschlachtet wird; lebendiges Wasser gegenüber Blut; Zedernholz, das Mächtigkeit symbolisiert, gegenüber dem unscheinbaren Ysopgewächs. Natürlich werden wir uns nicht anmaßen, in einigen knappen Worten den tieferen Sinn der Reinigung des Aussätzigen zu ergründen, sondern höchstens einige Denkansätze bieten, im Lichte eines Vergleiches zwischen dem Reinigungsprozeß des Aussätzigen und dem, den Andere durchmachen: der unreine "Enthaltsame" (Nasir) und der reine "Enthaltsame", oder die Priester (Kohanim) und die Leviten bei der Vorbereitung ihrer Heiligung zu ihren jeweiligen Aufgaben. Die Einzigartigkeit des Prozesses, dem sich der Aussätzige unterwirft, kommt durch die Kombination seiner Opfer zum Ausdruck: Sündopfer, Ganzopfer und Schuldopfer. Der Priester und der reine "Enthaltsame" bringen außer Sünd- und Ganzopfer ein Friedensopfer. Der Aussätzige hingegen, und der unreine "Enthaltsame", bringen ein Schuldopfer. Die Leviten allerdings bringen nur Sünd- und Ganzopfer. Diese Gegenüberstellung ergibt eine grundlegende Erkenntnis: der Priester und der reine "Enthaltsame" erleben eine Erhebung, und darum bringen sie Friedensopfer. Der Aussätzige und der unreine "Enthaltsame" müssen entsühnt werden, und darum bringen sie ein Schuldopfer. Die Leviten schließlich, deren Weihung weder eine Erhebung noch eine Entsühnung bedeutet, brauchen weder Friedens- noch Schuldopfer zu bringen. Das Rasieren finden wir sowohl beim Aussätzigen, beim "Enthaltsamen" und bei den Leviten, aber nicht beim Priester. Das Abrasieren aller Körperhaare hat etwas Erniedrigendes an sich, das Ego wird bezwungen, und überhaupt seine Lebenskräfte. Das fällt besonders beim "Enthaltsamen" auf. Sein wilder Haarwuchs symbolisiert große Lebensmacht, wie ein Revolutionär, der keine Autorität anerkennt und gegen das Establishment revoltiert (so wie Schimschon und Schmu'el, ebenso Awschalom, worauf wir hier aber nicht näher eingehen werden). Die Totalrasur des Nasiräers am Ende seiner Enthaltsamkeitsperiode bedeutet seine Rückkehr zu normalem gesellschaftlichem Leben, das sich der Autorität der Gesetze und der Amtspersonen unterwirft. Die Rasur der Leviten bezeichnet demnach ebenfalls ihre Position als Dienstpersonal in der Halle G~ttes; einerseits unterwerfen sie sich der priesterlichen Autorität, andererseits den Gesetzen des Tempeldienstes. Auch der Aussätzige muß sich einer Autorität unterwerfen. Sein Aussatz, der ihn vom gesellschaftlichen Leben ausschloß, zeitweilig sogar von seinem Hause und seiner Familie, bedeutet eine harsche göttliche Reaktion auf sein anti-soziales Verhalten, was sein Reden betrifft. "Mezora - mozi ra": Der Aussätzige - bringt Böses vor. Mit seiner Rückkehr in die Gesellschaft muß er sich den gesellschaftlichen Konventionen unterwerfen, und vor allen den Gesetzen von der üblen Nachrede. Zwecks besonderer Hervorhebung wird diese Sache zweimal ausgeführt - einmal zu Beginn und einmal am Ende der Periode. Im Gegensatz zu allem Vorgenannten werden die Priester keinerlei Rasur unterworfen (sie müssen allerdings zu jeder Zeit einen kurzen Haarschnitt vorweisen). Der für sie vorgesehene Prozeß dient nicht der Unterwerfung, sondern einer ihrem Amt gerechten Erhebung. Dieser Unterschied zwischen Priester und Aussätzigem kommt noch in einer anderen Halacha (Gesetz) zum Ausdruck. Sowohl der Priester als auch der Aussätzige müssen sich für sieben Tage von ihrem Hause entfernen. Nur daß der Aussätzige "sieben Tage außerhalb seines Zeltes bleibe" (Lev. 14,8), wohingegen die Priester zum Hause G~ttes gebracht werden: "am Eingange des Stiftszeltes sollt ihr bleiben sieben Tage" (Lev. 8,35). All dies ist bloß eine Vorrede zu einem überraschenden Punkt im Vergleich zwischen Priester und Aussätzigem, zu dem es keine Parallele im Reinigungsprozeß des Nasiräers und des Leviten gibt. Vom Blut des Opfertieres wird auf ihren rechten Ohrknorpel, auf den rechten Daumen und auf den rechten großen Zeh gegeben. Das Ohr steht für Gehör, und damit auch für Gehorsamkeit. Hände und Füße des Menschen sind seine "Arbeitsgeräte". Jene sind die Hauptkräfte der Seele, das Joch der Himmelsherrschaft auf sich zu nehmen. Nur daß beim Priester dafür das Blut des Friedensopfers verwendet wird, das Solidarität und Zusammenarbeit des Menschen mit dem Schöpfer symbolisiert, wohingegen beim Aussätzigen das Blut des Schuldopfers verwendet wird - als Symbol des gesenkten Hauptes des Menschen vor G~tt. Noch andere Handlungen des Aussätzigen bei seinem Reinigungsprozeß deuten auf seine Unterwerfung: die Schlachtung des einen Vogels bedeutet eine Aufopferung der zügellosen Neigung, überhaupt seine Lebenskräfte zu aktivieren, und insbesondere die Redekraft. Auch das Ysopgewächs und die karmesinfarbene Wolle (die Farbe wurde aus einem Wurm gewonnen) deuten auf Erniedrigung des Geistes und Unterwerfung des Egos, die vom Aussätzigen gefordert werden, damit er nicht wieder seine Rede dazu benutzt, seinen persönlichen Rang in der Gesellschaft durch Schlechtmachen Anderer zu verbessern. Der Schöpfer des Menschen möchte ihn allerdings nicht gänzlich brechen. Neben dem geschlachteten Vogel gibt es einen lebendigen. Die bösen Kräfte im Menschen gilt es zu zügeln, und daraufhin die in ihm verborgenen guten Kräfte freizusetzen. Neben dem ausgegossenen Blute, das die Beschränkung der Lebenskräfte symbolisiert, gibt es das Sprengen "lebendigen Wassers", das für den natürlichen Fluß der positiven Lebenskräfte steht, die sich in jedem Menschen in großer Anzahl finden. Neben dem Ysop und der Karmesinwolle gibt es nämlich auch das Zedernholz. Das menschliche Ego, für sich selbst genommen, entbehrt jeglichen Wertes; im Hinblick jedoch auf den Menschen als Geschöpf im "Ebenbild G~ttes" überragt er alles Hohe und ist stärker als alles Starke - wie die Zeder des Libanon. Am Tage seiner Reinigung
steht der Aussätzige am Scheideweg. Er hat sowohl etwas vom Leviten
als auch vom "Enthaltsamen" an sich. Mehr als das hat er viel vom Priester.
Da kommt die Tora und sagt ihm: Du kannst natürlich mit deiner Sünde
weitermachen. Du kannst dich aber auch mit ihr durch Brechen und Unterwerfung
deiner Persönlichkeit auseinandersetzen. Doch neben der Unterwerfung,
und gerade durch ihr Verdienst und kraft ihrer, kannst du dich an diesem
Tag zu einer persönlichen Erhebung bringen, die den in dir verborgenen
Priesterstand offenbart.
"Ich habe genau eine Stunde täglich frei fürs Torastudium - was soll ich lernen?" - diese Frage wurde von der Wochenzeitung "Von Angesicht zu Angesicht" im Jahre 5722/1962 einigen Rabbinern und Gelehrten vorgelegt. Rabbiner Salman Sorotzkin (Vorsteher des "Rates der Toragrößen") gab zur Antwort: "Einst kam ein Mann zu Rabbiner Israel Salanter und fragte ihn: Rabbi, ich habe eine halbe Stunde pro Tag frei, und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, vielleicht ein Blatt Talmud lernen, oder lieber ein Buch der Ethik? Antwortete ihm Rabbi Salanter: Lerne das Buch der Ethik, und dadurch wirst du erkennen, daß du viel mehr als nur eine halbe Stunde pro Tag frei hast... So muß man auf solche Fragen antworten". Dann fügte Rabbiner Sorotzkin hinzu: "Schon im Talmud heißt es: Der Mensch teile seine Jahre in drei Teile - ein Drittel Schrift, ein Drittel Mischna, ein Drittel Talmud. Da der Mensch nicht weiß, wie lange er leben wird, muß diese Talmudstelle so verstanden werden, daß man seine tägliche Studienzeit dreiteile. Darum empfehle ich entsprechend, die eine freie Stunde so zu verwenden: ein Drittel Schrift, ein Drittel Mischna, ein Drittel Talmud". Rabbiner Issachar Jakobsohn antwortete, daß die Hauptsache nicht in dem aus dem Lernen entstehenden Wissen besteht, sondern wie sich das Lernen auf sein Verhältnis zum Judentum auswirkt. Das ist das Hauptkriterium für die Auswahl eines Lernthemas. Praktisch gelte, so Rabbiner Jakobsohn, daß ein einfacher Jude täglich Mischnajot mit dem Kommentar von Rabbiner Pinchas Kahati lerne. Einem eher "seelisch" orientierten Juden sei das Studium des "Weges der Frommen" (Messilat Jescharim) empfohlen, weil er davon mehr hat. Andere ziehen das Meiste aus täglichem Tanach-Studium (Tora/Propheten/Schriften), und wer bereits ein hohes Maß an Toraerkenntnis erlangt hat, dem sei das Studium der "Sittenlehren" des Maimonides ans Herz gelegt. Man sollte dabei nie den Spruch der talmudischen Weisen außer acht lassen, nachdem "ein Mensch nur an dem Ort lerne, den sein Herz begehrt" [unter "Ort" kann man hier auch Buch oder Thema verstehen]. Darum sollten Beratungsstellen eingerichtet werden, wo jeder Rat erhält, was und wie zu lernen, weil sich schwerlich eine allen Fragestellern gerechte generelle Antwort geben läßt. Andere Rabbiner empfahlen grundsätzlich das Talmudstudium, weil es über alle Generationen hinweg das Torastudium schlechthin bedeutete. Andere legten den Schwerpunkt auf den Chumasch (5 Bücher Moscheh) mit Raschikommentar. Andere empfahlen, sich eine Weile auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren, und danach das Thema zu wechseln. Der Schriftsteller Awraham Kriv erinnerte an die Bedeutung des Studiums der Agadot und empfahl, auch diesem einen Teil der Zeit zu widmen. Auch unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Hakohen Kuk sel. wurde danach befragt und antwortete: "Es ist sehr gefährlich, hier allgemeine Regeln aufzustellen. Denn was man auch vorschlägt - Buch oder Lernmethode - mag vielleicht dem einen nützen, einem anderen aber schaden. Man darf keinesfalls jemandem raten, was er lernen sollte, selbst nur in der einen Stunde, die er frei hat, ohne ihn zu kennen, und ohne mit ihm gesprochen zu haben, und bevor man genau weiß, was ihm fehlt und was er braucht. Dazu lehrte man bereits: 'Übe den Knaben gemäß seinem Wandel' (Sprüche 22,6). Der eine benötigt moralische Erbauung, der zweite jüdisches Gedankengut, der dritte - ein Blatt Gemara (Talmud)". Der Autor des Artikels schrieb über Rabbiner Zwi Jehuda Kuk wie folgt: "Was Rabbiner Zwi Jehuda anbetrifft, so gibt es für ihn nicht den Begriff des 'einfachen Juden', des 'volkstümlichen' oder 'Durchschnittsjuden' usw. Als Leiter einer Jeschiwa ist er davon überzeugt, daß man, bevor man einem Menschen vorschlägt, was er lernen sollte, ihn auf die Seite nimmt und mit ihm ein langes und gründliches Gespräch führt und so feststellt, was ihm fehlt, ob in Glaubensfragen, im Wissen oder beim Judentum. Und jenen Juden, die nicht wissen, was sie in ihrer Freizeit lernen sollten, empfiehlt er, sich mit Rabbinern und Toragrößen zu beratschlagen. Das ist der richtige Weg. Einen anderen Rat ist er nicht zu erteilen bereit". Fazit: Drei Überlegungen wurden zur Wahl des Lernthemas einer freien Stunde hervor gebracht. 1. Nach dem Maß des Einflusses auf den Lernenden, nicht nur Wissenserwerb, sondern Beeinflussung des Charakters; 2. Individuelle Bedürfnisse; 3. Diversifizierung und Überblick (Drittel/Drittel/Drittel). Diese Überlegungen gelten
nicht nur für die Erwachsenen, deren Alltagsbelastungen ihnen bloß
eine Stunde täglich zum Torastudium lassen, sondern auch für
jene Jugendlichen, die rein seelisch nicht zu längerem Torastudium
fähig sind. Vor einigen Jahren kam eine Gruppe von Schülern einer
"Mittelschulen-Jeschiwa" zu einem einwöchigen Probebesuch bei einer
regulären "hohen" Jeschiwa. Sie legten ihre Schultaschen ab, traten
in das "Bet Midrasch" (den Lehrsaal) ein, setzten sich einen Moment und
marschierten wieder hinaus, um sich für die nächsten zwei Tage
dort nicht blicken zu lassen. Ich bat um ein Gespräch mit ihnen, um
den Grund ihres Verhaltens ausfindig zu machen. Auf meine Frage, wie sie
ihre Zukunft sähen, bestätigten sie alle, einen religiösen
Haushalt gründen zu wollen und sogar regelmäßige Zeiten
dem Torastudium zu widmen. Auf meine Verwunderung, wie sich das mit ihrem
Verhalten in Einklang bringen lasse (sie gaben zu, auch in der "Mittelschulen-Jeschiwa"
nichts zu lernen), antworteten sie, sie wollten eine Stunde täglich
dem Torastudium widmen ("mit Freude"), wenn man aber von ihnen verlange,
mehrere Stunden täglich Tora zu lernen, sind sie nicht fähig,
auch nur einen Moment dafür zu opfern. Ende der Geschichte. Eine bekannte
Erscheinung, manchmal erledigt sie sich von alleine. Mit dem Eintritt in
eine reguläre Jeschiwa werden sie die seelischen Kräfte und auch
die Lust am vollzeitlichen Torastudium finden. Es kann aber gut sein, daß
sie aus genau diesem Grund nicht zur Jeschiwa gehen wollen. Wie dem auch
sei, zu diesem Zeitpunkt jedenfalls sind sie nicht an mehr als einer Stunde
interessiert/dazu fähig. Was sollten sie in dieser einen Stunde lernen?
Die oben angeführten Überlegungen eignen sich auch hier: Lernstoff,
der den Charakter beeinflußt, "was ihm fehlt und was er braucht",
Diversifizierung und Überblick.
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|