DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Zweimal im Jahr feiern wir Tora-Freudenfeste. Einmal am Wochenfest - Chag HaSchawuot, dem Fest der Übergabe der Tora am Sinai, und einmal an Simchat Tora. Es gibt einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Festen. An Schawuot besteht bei vielen Juden der Brauch, die ganze Nacht wach zu bleiben und Tora zu lernen. Manche sagen den "Tikkun", andere lernen Texte nach ihrer Wahl, aber die Festfreude hält sich eher im Hintergrund. An Simchat Tora hingegen bricht die Festfreude hervor, die jüdischen Massen veranstalten Tora-Umzüge, singen und tanzen in den Synagogen, auf den Plätzen und in den Straßen. Der Unterschied liegt in Folgendem: An Schawuot wurde uns die Tora aufgedrängt, wie es heißt: "Und sie stellten sich am Fuße des Berges auf - ...dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, über sie den Berg wie einen Kübel stülpte und zu ihnen sprach: Wollt ihr die Tora empfangen, so ist es gut, wenn aber nicht, so ist hier euer Grab" (Schabbat 88a; Ex. 19,17). Und wenn man etwas unter Druck tut und nicht aus gutem Willen, spürt man keine Freude. An Simchat Tora hingegen beendet das ganze Volk Israel einen Torazyklus, nachdem es ein Jahr lang der Reihe nach jeden Schabbat alle Wochenabschnitte gelesen hat, in Freiheit und aus freien Stücken, und darum erzeugt dies eine unbändige Freude. Nach dem Stand der Dinge können wir uns über den Anteil unserer Generation glücklich schätzen, wenn von Jahr zu Jahr der Kreis der Juden im Lande wächst, die die Festfreude an unserer heiligen Tora feiern. Die Tora kehrt an ihren Heimatort zurück. Keine Tora gleicht der Tora des Landes Israel, unser Land wurde zum Weltmittelpunkt des Torastudiums, mit seinen tausenden Jeschiwot und toraorientierten Erziehungseinrichtungen, die ständig wachsen und sich weiterentwickeln. Darum ist der Tag nicht mehr fern, an dem sich die Worte des Propheten erfüllen: "..denn voll ist die Erde der Erkenntnis des Ewigen, wie Wasser die Meerestiefe bedecken" (Jeschajahu 11,9), "..denn von Zion wird ausgehen die Lehre, und das Wort des Ewigen von Jeruschalajim" (2,3). Mit den besten Wünschen
für Simchat Tora, und in Erwartung der vollständigen Erettung,
Worin liegt die Bedeutung des Gebetes um Regen, mit dem wir s.G.w. an diesem Schabbat, Schemini Azeret, beginnen? Einfach gesehen handelt es sich dabei um die Bitte, im nächsten Jahre mögen segensreiche Niederschläge fallen, mit der Folge von wirtschaftlichem Überfluß und guten Einkommen. Wenn wir also morid hageschem, "der den Regen herabsendet" sagen, haben wir im Sinn, daß G~tt uns in unsere Welt materielle ("gaschmi") Fülle schickt und wir großzügig leben können und uns nicht einschränken müssen, ein Leben in Ruhe und ohne Sorgen. Es läßt sich aber noch mehr dazu sagen. Jener Regen (geschem), die materielle Fülle, der uns von den Höhen herabkommt, beginnt mit "meschiw haru'ach", "der den Wind wehen läßt" [ru'ach=Wind, aber auch: Geist], wie wir sagen: "meschiw haru'ach u-morid hageschem". D.h., G~tt bringt Geistigkeit in die Welt über den Regen, der in der Welt fällt. Jener Regen trifft auf den Boden, sickert ein - und damit verbinden sich höchste Spiritualität mit der niedersten diesweltlichen Materialität - dem Erdboden, dem Leblosen in der Wirklichkeit. Von hier ab beginnt eine stufenweise Entwicklung. Die leblose, mit Wasser befeuchtete Erde legt eine Stufe zu und bringt die Pflanzenwelt zum Sprießen, diese wiederum wird von den Lebewesen als Nahrung verzehrt, die davon Leben und Existenz schöpfen. Das Leblose stieg also zur Pflanze auf, und die Pflanze wurde zu einem Teil des Lebewesens. Doch damit nicht genug. Der Mensch führt diesen Prozeß fort durch seinen Verzehr von Lebewesen, die durch ihre Umwandlung in einen Bestandteil des Menschen eine Stufe höher gelangen. Und jener Mensch - der Israelit - fährt fort und fügt die nächste Stufe hinzu, indem er "seinen Wind=Geist wehen läßt", d.h. in Offenbarung seiner Seele, dem göttlichen, unendlichen Anteil in seinem Innern, bei seiner Beschäftigung mit der Tora, dem Gebet, den Geboten usw. Und dann kommen wir zu dem erstrebten Ergebnis, nämlich der Erhebung des Ganzen - des Leblosen, der Pflanzen, der Lebewesen und des Menschen, zu meschiw ha'ruach - zur in der Existenz innewohnenden Geistigkeit, durch die spirituellen Betätigungen des Menschen. Wir begannen mit meschiw ha'ruach und endigten mit meschiw ha'ruach, doch auf dem Wege erhoben wir das Materielle auf die Stufe des Menschen, der all jenen Wert und wahre Bedeutung gibt. Demnach besteht das Ziel
des "Gebetes um Regen" nicht nur in der Erlangung quantitativer materieller
Fülle, sondern hauptsächlich qualitativen spirituellen Reichtums,
durch die Erhebung unserer materiellen Welt und ihrer Heiligung, bis hin
zu ihrer Vervollkommnung und unserer Erlösung in unserem Lande, beim
Kommen unseres Erlösers und dem Bau unseres Tempels, und dann "wird
der Ewige König sein über die ganze Erde; an selbigem Tage wird
der Ewige einzig sein und sein Name einzig" (Secharja 14,9).
Ein interessantes Gesetz lehrte uns unser großer Lehrer, Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides"): Die "Freude des Wasserschöpfens" (Simchat Bet HaScho'ewa) ist nicht mit dem Gebot der Wasserdarbringung im Tempel verknüpft, sondern stellt ein separates Toragebot dar, nämlich während aller Tage des Laubhüttenfestes (Sukkot) Freudenfeiern abzuhalten, wie es heißt: "und freuet euch vor dem Ewigen, euerm G~tt, sieben Tage" (Lev. 23,40). Maimonides beschrieb, wie das Gebot der Freude im Tempel erfüllt wurde. Aus seinen Worten geht hervor, daß es für diese Freude keinen einheitlichen Ausdruck gab, sondern ein jeder zeigte sie nach seinem besten Vermögen: "Und wie war diese Freude? Man musiziert auf verschiedenen Blas- und Zupfinstrumenten, ein jeder auf dem Instrument, das er versteht. Und wer mit dem Mund - mit dem Mund. Und sie tanzen und klatschen in die Hände und schlagen auf die Hüften und hüpfen und drehen sich, jeder wie er kann. Und sagen Lieder auf und Lobgedichte" (Gesetze vom Lulaw, 8.Kap., Hal.13). Die Freude war eine persönliche Sache, darum gab jeder ihr Ausdruck seiner Natur entsprechend, nach seinen Kräften, je nach den Instrumenten, die er besaß und darauf im Laufe seines Lebens zu spielen gelernt hatte. Jeder setzte seine Begabungen zugunsten der Festfreude ein. Der eine freut sich mithilfe eines Musikinstrumentes, der andere mithilfe seiner Stimme, noch ein anderer mithilfe seines Körpers (tanzen, drehen, hüpfen). Die Festlegung einer bestimmten Norm zum Ausdrücken der Freude hätte sicher viele aus dem Kreis der Freudigen und Freude Machenden herausgenommen. In diesem Lichte überraschen die folgenden Worte Maimonides': "Es ist ein Gebot, diese Freude zu mehren. Und sie wurde nicht etwa von den einfachen Leuten aus dem Volke veranstaltet, oder jedem, der wollte, sondern von den Größten der Weisen Israels und den Vorstehern der Jeschiwot und vom Sanhedrin und den Frommen und den Ältesten und den Männern der Tat. Sie waren es, die an Sukkot im Tempel tanzten und klatschten und musizierten und Fröhlichkeit erzeugten. Das ganze Volk aber, die Männer und die Frauen, sie alle kommen zu schauen und zu hören" (Hal.14). Obwohl das Gebot bestand, diese Freude zu mehren, war sie nicht allen überlassen, sondern nur wenigen Auserwählten. Nur sie allein brachten ihre Freude zum Ausdruck. Alle anderen waren bloß passive Zuschauer. Worauf stützte sich Maimonides bei dieser Festlegung? Vielleicht auf die Talmudtexte, die ausschließlich die Festfreude der Toragrößen schilderten; doch das beweist noch lange nicht, daß das übrige Volk gar keinen aktiven Anteil daran hatte. Manche behaupten, Maimonides entschied entsprechend der Tossefta, wo es heißt: "Zu Anfang, bei der Freude des Wasserschöpfens, schauen die Männer von innen, und die Frauen von außen... die Frommen und die Männer der Tat tanzten vor ihnen" - vor den Männern und Frauen, die schauten. Das ist verwunderlich. Warum kam das Volk so schlecht dabei weg? Hat denn nicht jeder ein Recht auf Freude?! Wo bleibt der persönliche Ausdruck, jeder auf seine Art? Auch wenn das Volk nicht fähig ist, sich auf die Stufe der Freude der großen Weisen und Frommen Israels zu erheben, so besteht doch immer noch Raum, sich mit normaler Freude zu freuen, die jedem gut zu Gesichte steht, "jeder wie er kann"! Vielleicht wollte man selbst die kleinste Beeinträchtigung der besonderen Heiligkeit des Tempels von vornherein ausschließen. Oder man befürchtete wegen der enormen Volksmassen, die sich auf dem Tempelberg und im Vorhof drängten, die Kontrolle zu verlieren und sich die Freudenausbrüche nicht mehr in würdige Bahnen lenken ließen. Oder man befürchtete unschöne Randerscheinungen. Darum gaben nur die großen Weisen und Frommen ihrer Freude Ausdruck, und das übrige Volk freute sich als Zuschauer und -hörer. Mit ihren Blicken schlossen sie sich der erhabenen Freude der wenigen Auserwählten an, ließen sich von deren Freude anstecken und nahmen auf diese Weise Anteil daran. So war auch ihnen ein Anteil an dieser speziellen Freude vergönnt. Wir lernen daraus zwei verschiedene Arten der Freude - Freude, die im Inneren beginnt und nach außen hervorbricht, und Freude, die außerhalb beginnt und ins Innere eindringt. Die Freude der Frommen war von der ersten Sorte: Äußerlicher Ausdruck von tiefsitzenden innerlichen Gefühlen. Die Freude des Volkes war von der zweiten Sorte: Sie sahen und hörten die Freude der Frommen und nahmen sie in ihr Inneres auf. Das ist Freude auf dem Wege der Verinnerlichung, der Aufnahme von außen und der Übertragung nach innen. Von der "Freude des Wasserschöpfens" nun zur "Torafreude" (Simchat Tora). Die "Torafreude" trägt einen ganz anderen Charakter. Es handelt sich dabei um eine egalitäre Freude. Das Tanzen mit den Torarollen ist nicht den Gerechten und Frommen vorbehalten. Alle beteiligen sich, Große und Kleine, Prominente und einfaches Volk, die großen Gerechten und die kleinen Sünder, und auch jene, die zum ersten Mal eine Synagoge von innen sehen. Alle tanzen und hüpfen sie, alle halten einmal eine Torarolle. Wirklich alle. Die Tora verbindet sie alle. Über die Tora heißt es, sie ist nicht das Erbe weniger Auserwählter, sondern ruht in einer Ecke, und jeder, der sie nehmen will, komme und nehme sie. Entsprechend ist auch ihre Freude offen für alle. "Jeder wie er kann". Von hier zur Kindererziehung.
An Simchat Tora gibt es keinen Unterschied zwischen Groß und Klein.
Alle sind an der Freude aktiv beteiligt, und auch die Kinder nehmen dran
teil: Sie reihen sich bei den Tanzenden ein. Das ist aber noch nicht alles.
Für die Kinder erfüllt Simchat Tora zwei Funktionen: Sie ermöglicht
ihnen den äußerlichen Ausdruck ihrer Freude für die Tora,
und auch die Verinnerlichung der von den Erwachsenen gezeigten Freude;
diese "zu schauen und zu hören", aus ihr zu schöpfen und sich
mit ihr zu füllen. Das gilt besonders für Kleinkinder, denen
es noch nicht gelingt, bei den Tänzen mitzuhalten. Sie schauen zu,
sie hören hin - auch das ist eine Freude!
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|