DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHELACH LECHA
Nr. 620
23. Sivan 5767

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Num. 13,1-15,41):
12 Fürsten kundschaften das Land Kana'an aus; 10 bringen positiven, aber entmutigenden Bericht, 2 optimistisch und verweisen auf göttlichen Beistand; Volk hört auf Mehrheitsbericht, göttliche Strafe: 40 Jahre Wüste, bis Ungläubige ausgestorben sind; jetzt wollen sie doch, aber G~tt läßt sie nicht mehr; weitere Opfergesetze; Strafe für G~tteslästerung; der Holzsammler am Schabbat; Zizit.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Verzeihung!

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Die Israeliten hatten gesündigt. Unser Lehrer Moscheh flehte vor G~tt: "Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Huld" (Num. 14,19). Und G~tt erhörte auch wirklich seine Bitte. "Da sprach der Ewige: Ich vergebe nach deinem Worte" (V.20). Es vergeht aber nicht einmal ein halber Vers, da verkehren sich die Dinge in ihr Gegenteil: "Fürwahr aber, so wahr ich lebe", sagt G~tt, "und der Herrlichkeit des Ewigen voll ist die ganze Erde, daß all die Männer..., daß sie nicht das Land sehen, das ich ihren Vätern geschworen! Ja alle, die mich verworfen, sollen es nicht sehen" (V.21-23). Wir lesen und staunen. Wenn der Ewige seinem Volk vergeben hat, warum verkündet er gleich danach deren schwere Bestrafung? Warum bezeichnet er jene, denen er vergeben hat, mit dem wenig schmeichelhaften Titel "die mich verworfen"?

Wir müssen also daraus entnehmen, daß die Vergebung die Sünde überhaupt nicht auslöscht, sondern nur eine gewisse Erleichterung in der Beziehung zu ihr verschafft. So erklärte zum Beispiel Rabbiner Awraham ibn-Esra: "Nachdem wir fanden, daß er sagte: sollen es nicht sehen, nach Ich vergebe nach deinem Worte, wissen wir nun, daß die Worte Vergib doch Aufschub erbaten". Nach seiner Ansicht bedeutet auch ein Aufschub der Strafe "Vergebung". Auch Nachmanides erklärte in diesem Sinne, daß "Vergebung" eine Erleichterung im Verhältnis zur Sünde bedeute, doch mit leichten Abweichungen: "Denn Vergebung bedeutet ein Ruhenlassen der Strafe... und sagte Ich vergebe nach deinem Worte dem Volke in seiner Gesamtheit, daß er sie nicht alle durch Plage beseitige und Moscheh sie beerbe und er ihn zu einem großen Volk mache... vielmehr vergebe er ihnen, indem ihre Kinder das Land erben werden und sie selber nicht an der Plage sterben werden, sondern in dieser Wüste sollen eure Leiber fallen (V.29), jeder sterbe, wenn seine Zeit gekommen ist".

Die Vergebung (slicha) bedeutet demnach nichts anderes als eine Erleichterung bei der Strafe, aber nicht sofortige und vollständige Ausradierung der Sünde. Entsprechend würde eine vollständige Annullierung der Sünde entweder Verzeihung (mechila), Entsühnung (kapara) oder Reinigung (tahara) heißen. 

Der Kommentar "Akedat Jizchak" geht jedoch einen anderen Weg. Nach seiner Ansicht bedeutet "Vergebung" allerdings die vollkommene Ausradierung der Sünde, obwohl hier ein besonderer Fall vorliegt, in zweifacher Hinsicht. Einfach gesehen, hatte Moscheh gar nicht vollkommene Vergebung der Sünde erbeten, sondern nur eine teilweise, "vergebend Schuld" (nessiat awon, V.18). Moscheh wußte, wie groß ihre Schuld war, und darum erwähnte er nicht alle 13 göttlichen Eigenschaften, die ihm am Sinai offenbart worden waren, sondern sagte nur: "Der Ewige ist langmütig und reich an Huld, vergebend Schuld und Missetat, doch straflos hingehen läßt er nicht.." (V.18). Und obwohl er erbeten hatte, "Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Huld", erbat er nicht eine absolute Vergebung, sondern "wie du verziehen hast diesem Volke von Ägypten aus bis hierher" (V.19), d.h. "vergebend Schuld", eine teilweise Vergebung. So antwortete G~tt entsprechend seiner Bitte, und sagte nicht "Ich vergebe!" im Sinne vollkommener Vergebung, sondern nur "Ich vergebe nach deinem Worte", im Sinne teilweiser Vergebung - so wie du es wolltest.

Der Kommentar "Akedat Jizchak" geht in seiner Deutung noch eine Stufe weiter: "denn mit der Allgemeinheit des Volkes hielt er vollkommene Vergebung, nach der Größe seiner Huld, doch den Einzelnen vergab er ihre Schuld nur teilweise".

Moschehs Argument von der Entweihung des göttlichen Namens bei einer strengen Strafung des ganzen Volkes reichte nur dahin, das Volk in seiner Gesamtheit zu retten, doch gegen eine individuelle Bestrafung hatte er nichts einzuwenden, und so wurden die Einzelnen denn auch bestraft, allerdings in einer Weise, die nicht einer Auslöschung des Volkes gleichkam.

Der Prozeß der Berichtigung der Sünde ist ein komplexer Vorgang. Wer nicht vergibt, will den Sünder bestraft sehen. Doch das ist noch nicht alles. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht mehr so, wie es vorher war. Er möchte dazu sehen, wie die Sünde auf dem Gewissen des Sünders lastet und ihm keine Ruhe gibt. Die Vergebung betrifft, wie wir bei den Kommentatoren sahen, hauptsächlich das Thema der Strafe, bzw. den Verzicht auf selbige. Damit ist es aber nicht genug. Eine vollkommene Bereinigung der Sünde verlangt auch nach Wiederherstellung normaler Beziehungen. In unserem Falle waren die Israeliten während der ganzen Wüstenwanderung beschämt vor G~tt. Die Beziehungen normalisierten sich erst mit dem Tode des letzten Mitgliedes der Wüstengeneration. Was aber das drückende Gewissen angeht, das blieb auch nachher bestehen, und darum wurde jene Nacht, nämlich die des 9. Aw (Tischa beAw), als Trauertag für die weiteren Generationen festgelegt, bis auf den heutigen Tag. 

Es reichen uns nicht Vergebung, nicht Verzeihung und nicht Entsühnung. Wir wollen Reinheit, absolute spirituelle Reinheit, denn sie ist es, die die Sünde der Kundschafter endgültig aus der Welt schaffen und die das Volk endgültig und vollkommen zu seinem Land zurückbringen wird, wie es in der Prophezeiung Jecheskels heißt: "Und ich werde euch nehmen aus den Völkern, und euch sammeln aus all den Ländern, und euch nach eurem Lande bringen. Und auf euch sprengen reines Wasser, und ihr werdet rein sein..." (36,24-25), "Am Tage, da ich euch reinige von all euren Missetaten, und die Städte bewohnt mache, und die Trümmerhaufen aufgebaut werden, und das verwüstete Land angebaut wird, anstatt daß es eine Öde war vor den Augen aller Wanderer" (V.33-34).
 
 
 
Frage und Antwort

Der Weg des Landes

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Warum wurde die Tora, das Fundament und die Seele der Welt, nicht bereits bei der Schaffung der Welt gegeben, sondern erst über zweitausend Jahre später, im Jahre 2448? 

Antwort: "Gute Manieren (derech erez) gingen der Tora voraus" (Midrasch Wajikra raba 9,3). Die einfache Bedeutung von derech erez (wörtl.: der Weg des Landes) ist "gute Eigenschaften". Sie gingen der Tora voran, und wir erfahren darüber im ersten Buch Moscheh (Bereschit), das auch "Sefer Hajaschar" genannt wird (siehe Schmu'el II, 1,18), weil es uns die Begebnisse um unsere Vorväter Awraham, Jizchak und Jakov erzählt, die gerade (=jaschar), aufrichtige Leute waren (Awoda sara 25a), und zwar in solch einem Maße, daß in einem Momente spiritueller Erhebung der Erzbösewicht Bil'am verkündete: "Sterbe meine Seele den Tod der Geraden und sei ein solcher mein Ende" (Num. 23,10), wäre es mir doch nur möglich, wie jene Geraden zu leben und zu sterben.

Trotzdem muß man sich fragen: War das denn schon der ganze Vorzug der Vorväter, daß sie aufrichtige Leute waren, und keine Betrüger? Darüber hinaus zeichneten sie sich doch auch durch höchste Gerechtigkeit und Frömmigkeit aus? Darauf antwortete Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin (der "Neziw") aus Woloschin im Vorwort zu seinem Torakommentar "Ha'emek dawar", daß unsere Vorväter erst einmal aufrichtig waren, und erst danach Gerechte und Fromme. Während des zweiten Tempels nämlich gab es viele Leute, die die Gebote der Tora erfüllten und mildtätige Werke verübten, doch gleichzeitig waren sie keine aufrichtigen Leute. Sie haßten jeden, der anders war als sie selber, und G~tt haßt solche "Gerechten", denn "gerecht und gerade ist er"; darum brachte er die Zerstörung des zweiten Tempels und Exil über die Nation.

Wie gesagt verhielt sich unser Vorvater Awraham mit derech erez gegenüber seinen Mitmenschen: er gab im Streit mit Lot nach, er betete für Awimelech, der ihm geschadet hatte, und selbst für die Leute von Sdom ("Sodom"), weil er nicht ihre Vernichtung wollte.

Auch unser Vorvater Jizchak wich dem Streit mit Awimelech aus, betete für ihn, als er krank war, und später bewies er ihm Gastfreundschaft, ohne ihm seine Missetaten nachzutragen.

Unser Vorvater Jakov war ein von Grund auf "frommer Mann", wich dem Streit mit Lawan aus, und später verzieh er ihm.

Auf die Basis dieser Geradheit baute die Tora, die wir dann von unserem Lehrer Moscheh erhielten. 

In dieser Reihenfolge: Gute Eigenschaften, auf dieser Grundlage Tora und Gebote, und auf dieser Grundlage noch bessere und erhabenere Eigenschaften.

Im Gebet heißt es: "Immer sei ein Mensch himmelsfürchtig...", und eine halb scherzhafte Erklärung dazu lautet: Lies es so: "Immer sei ein Mensch", erstmal sei Mensch, und erst dann "himmelsfürchtig".

Es tut uns leid, daß sich in den letzten Generationen viele Juden von der Tora entfernt haben. Um diese furchtbare Krankheit zu heilen, muß man natürlich ihre Ursache kennen. Rabbiner A.J. Kuk unterschied in seinem Buch "Eder hajakar" (S.35) zwei Erscheinungen, nämlich die wissenschaftliche Ketzerei und die moralische Ketzerei.

"Wissenschaftliche Ketzerei" bedeutet, daß der aufgeklärte Mensch Widersprüche zwischen dem Glauben und der modernen Wissenschaft ausmacht. In Wirklichkeit besteht dabei gar kein Problem, die Widersprüche lassen sich alle leicht auflösen, es reicht, sich eingehender sowohl mit der Tora als auch mit der Wissenschaft zu beschäftigen, um ihre Übereinstimmung festzustellen.

"Moralische Ketzerei" behauptet, religiöse Leute seien gar nicht so sehr moralisch. Da fragt sich der anständige und aufgeklärte Mensch, was soll er mit der Religion, wo er sich auch ohne sie gerad und gut benimmt, und vielleicht noch besser.

Er hat dabei nicht einmal so unrecht, denn schon die talmudischen Weisen diskutierten Fälle von Heiligung und von Entweihung des heiligen G~ttesnamens.

Für die Entweihung des G~ttesnamens brachten sie als Beispiel, wenn ein Toragelehrter Lebensmittel einkauft und nicht umgehend seine Schuld bezahlt (Joma 86a), und im Raschikommentar dazu heißt es: "Wenn ich die Zahlung verzögere, sagt er, ich sei ein Räuber, und lernt von mir, Raub nicht ernst zu nehmen". 

Die Definition der Weisen: "Wenn jemand [die Tora] liest, [das Gesetz] studiert und Umgang mit Toragelehrten pflegt, und im Handel nicht gewissenhaft und in der Unterhaltung mit Menschen nicht höflich ist, was sprechen die Leute über ihn? Wehe diesem, der die Tora gelernt hat, wehe seinem Vater, der ihn die Tora lehrte, wehe seinem Lehrer, der ihn die Tora lehrte; dieser hat die Tora gelernt: seht doch, wie entartet ist sein Betragen, wie häßlich sein Wandel!" (ebda.).

Bevor wir also andere zu reumütiger Umkehr anhalten, sollten wir uns selber zu reumütiger Umkehr anhalten. 

"Du sollst den Ewigen, deinen G~tt, lieben (Dt. 6,5); der Name des Himmels soll durch dich beliebt werden. Wenn jemand [die Tora] liest, [das Gesetz] studiert und Umgang mit Toragelehrten pflegt, und im Verkehr mit Menschen höflich ist, was sprechen die Leute über ihn? Heil seinem Vater, der ihn die Tora lehrte, heil seinem Lehrer, der ihn die Tora lehrte; wehe den Leuten, die die Tora nicht gelernt haben. Dieser hat die Tora gelernt: seht doch, wie schön sein Wandel, wie rechtschaffen sein Betragen!" (ebda.).

Darum: "Ohne derech erez keine Tora" (Mischna "Sprüche der Väter" 3,17), denn wie wollen wir die zweite Stufe ohne das Fundament der ersten Stufe bauen? Es gilt aber auch nicht weniger: "Ohne Tora kein derech erez" (ebda.), denn was nützt ein Fundament, wenn man nichts darauf aufbaut? (siehe MaHaRaL aus Prag, Derech Chajim zur Stelle).

Entsprechend bilden gute Charaktereigenschaften das Fundament der Kindererziehung (Schulchan Aruch O.C. 343,1, Mischna Brura dazu §3). Und diese Basis gilt es, das ganze Leben lang zu bewahren und weiter zu entwickeln.
MJ299
 
 

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