DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Ex. 1,1 - 6,1):
Bekanntlich war Aharon der Kohen (Priester) ein Mann der Mildtätigkeit und der Liebe. Wo genau aber steht das in der Tora? In den Worten unserer Weisen finden sich viele Geschichten über seine Liebe zu den Mitjuden und seine Friedensstifterei zwischen den Geschöpfen. Wo sich die Güte Awrahams noch auf die gesamte Schöpfung erstreckte, konzentrierte sich die Güte Aharons auf Israel. Awrahams Güte zeichnete sich eher durch Quantität aus, die des Aharon eher durch Qualität. Natürlich besteht zwischen den beiden kein Widerspruch. "Bevorzugt ist der Mensch, daß er im Ebenbilde geschaffen ist, ...bevorzugt sind Israel, daß sie (G~ttes) Kinder genannt sind" (Mischna "Sprüche der Väter", 3,18). Außerdem ist die qualitative Güte das Herz der quantitativen. Um aber zur ursprünglichen Frage zurückzukehren, wo diese Eigenschaft in der Tora erwähnt wird - gibt es zwar einige Andeutungen, wie z.B.: "Als die ganze Gemeinde sah, daß Aharon verschieden war, beweinte das ganze Haus Israel Aharon dreißig Tage lang" (Num. 20,29), und Raschi zitiert dazu den Kommentar der talmudischen Weisen: "Das ganze Haus Israel - die Männer und die Frauen; weil Aharon stets dem Frieden nachjagte und Liebe herbeiführte zwischen Streitenden und zwischen Mann und Frau". Ferner beziehen unsere Weisen einen Vers aus dem Prophetenbuch Maleachi auf Aharon: "Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Falsch ward nicht gefunden auf seinen Lippen, in Frieden und in Redlichkeit wandelte er mit mir, und Viele brachte er von Sünde zurück. Denn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis wahren, und Lehre soll man suchen aus seinem Munde, denn ein Bote des Ewigen der Heerscharen ist er" (2.Kap.,6-7). Doch auch hier sind wir auf Auslegungen unserer Weisen angewiesen. Aharons jüdische Nächstenliebe schlägt sich auch in der Halacha [jüdisches Religionsgesetz] nieder, denn die Kohanim [Priester, Nachkommen Aharons] beginnen ihren Segen mit folgendem Gebet: "...der uns mit der Heiligkeit Aharons geheiligt und uns befohlen hat, sein Volk Israel in Liebe zu segnen". Im Kommentar "Be'er Hetev" zum "Schulchan Aruch" (O.C.128,20) heißt es in diesem Zusammenhang: "Der Grund, weshalb man 'in Liebe' sagt - weil nach dem Sohar ein Kohen, der sein Volk nicht liebt, und den sein Volk nicht liebt, nicht segnen soll". Demzufolge ist die Liebe eine Wesenseigenschaft der Priester-Dynastie und findet auch in der Halacha ihren Ausdruck; es kann also nicht angehen, daß sie nicht ausdrücklich im Text der Tora erwähnt wird. Die Antwort finden wir bei näherer Untersuchung der ersten Tat, die von Aharon erzählt wird: "Und der Ewige sprach zu Aharon: Gehe dem Moscheh entgegen in die Wüste! Und er ging und traf ihn am Berge G~ttes und küßte ihn" (Ex. 4,27). Dieser Bruderkuß scheint auf den ersten Blick eine ganz natürliche Sache zu sein; in Wirklichkeit war die Lage gar nicht so simpel, denn eigentlich sollten doch dem um drei Jahre älteren Aharon Ehre und Größe vorbehalten sein. Darüberhinaus war er es, der bis zum Alter von 83 Jahren sein Leben der Erziehung und Führung des jüdischen Volkes gewidmet hatte, während sich unser Lehrer Moscheh im Hause Pharao und andernorts aufhielt - und nun hatte er diese Ehre an Moscheh zu übertragen. Selbst für jemanden, den "die Flucht vor der Ehre" auszeichnet, ist das keine so einfache Angelegenheit. Entsprechend heißt es im Talmud: "Rabbi Jehoschua ben Parachja pflegte zu sagen: Jedem, der mir sagte, bevor ich zur Größe gelangte, 'tritt ein', wollte ich ans Leben gehen, nun, da ich zu ihr gelangte, möchte ich jeden, der mir sagte, 'tritt ab', mit einem Eimer Heißes begießen, denn es ist schwer, zur Größe zu gelangen, und ebenso, wie dies schwer ist, ist es schwer, sich wieder von ihr zu trennen, wie wir bei Scha'ul finden, der sich versteckte, als er zur Königswürde berufen werden sollte, wie es heißt: Und der Ewige sprach: Siehe, er ist versteckt bei dem Geräte (Schmu'el I, 10,22), und wie er sie abgeben sollte, jagte er David nach, um ihn zu töten" ("Sprüche der Väter" nach Rabbi Natan 10,3; Menachot 109b). Aharon hielt bis dahin eine sicher ebenso ehrbare Position und besaß auch die notwendige Begabung dazu. Er war ein Prophet, wie wir dem obigen Vers entnehmen können, als G~tt zu ihm sprach. Er war ein mächtiger göttlicher Sprecher, denn als Moscheh zögerte, sagte G~tt zu ihm: "Ist nicht Aharon dein Bruder, der Levite, da? Ich weiß, daß er reden kann ... Er soll für dich zum Volke reden, so daß er dir als Mund dienen soll" (Ex. 4,14+16). Erst dann akzeptierte Moscheh [seine Aufgabe]. Ferner war Aharon hochgeehrt, wie die talmudischen Weisen hier den Ausdruck "der Levite" als Attribut der Ehre erklären (Raschi). Auf jeden Fall überließ Aharon seinem Bruder Ehre und Größe, und küßte ihn obendrein. Vielleicht kam dieser Kuß
gar nicht von Herzen, sondern sollte nur seine Traurigkeit verschleiern?
Doch diese Ansicht ist unhaltbar, denn G~tt selbst bezeugte: "Siehe, er
kommt dir auch entgegen, und wenn er dich sehen wird, so wird er sich herzlich
freuen" (Ex. 4,14) - nicht nur nach außen hin, sondern von Herzen.
Darüber kann nur derjenige Zeugnis ablegen, der alle Geheimnisse kennt.
In den Worten des Raschikommentars: "so wird er sich herzlich freuen -
nicht, wie du meinst, daß er dir zürne, weil du zu dieser Würde
emporgestiegen". Und wie kommt es, daß ihn sein Herz nicht doch ein
wenig stach, diese Würde abzugeben? Doch gut zu sein war für
ihn die wichtigste Ehre. Die Liebe zu den Geschöpfen an sich war für
ihn die höchste Ehre. "Dadurch erwarb Aharon den Schmuck des Brustschildes,
der auf dem Herzen getragen wurde" (Raschi ebda.). Dieses respektgebietende
und erhabene Juwel ist der äußerliche Ausdruck wunderbarer,
innerer Schönheit. Daher befindet sich in der Falte des Brustschildes
ein kleiner Zettel, Urim VeTumim genannt, auf dem der Name G~ttes
geschrieben steht, durch den sich die besondere göttliche Eingebung
offenbart, die das Priestertum auszeichnet. Die prophetische Größe
Aharons offenbarte sich durch seine besondere Charaktereigenschaft, die
Gutherzigkeit.
[Der Priestersegen wird außerhalb Israels nur an Feiertagen gesprochen, in Israel aber jeden Tag im Morgengebet, an Schabbat und Feiertagen zusätzlich im Mussaf-Gebet, und an Jom Kippur auch im Ne'ila-Gebet]. Der Priestersegen erfolgt zwischen den Dankgebeten und dem Segensspruch (Bracha) "Verleihe Frieden", der das Schmone-Esre Gebet beendet. Die Plazierung des Segens an dieser Stelle ergibt sich aus seinem Thema, nämlich des Friedens, "und gebe dir Frieden", und auch die letzte Bracha des Schmone-Esre Gebetes handelt vom Frieden, denn "der Heilige, gelobt sei er, fand kein anderes Gefäß, das den Segen hält, als den Frieden" (Mischna Ukzin 3,12). Wir müssen uns ein wenig mit der Ordnung dieses Segens beschäftigen, besonders, weil die Tora auf seine genaue Formulierung großen Wert legte: "Also sollt ihr segnen die Kinder Israels, sprich zu ihnen..." (Num. 6,23), daraus entnahm man das Verbot, den Text des Priestersegens zu ändern. Mit genau diesen Worten in genau dieser Anordnung sind die Kinder Israels zu segnen. Dieser Segen besteht aus
drei Teilen:
Der erste Segen, "Es segne dich der Ewige und behüte dich", wird im Raschikommentar wie folgt ausgelegt: "Es segne dich der Ewige - daß sich deine Besitztümer mehren, und behüte dich - daß er deine Besitztümer vor Dieben schütze". Darüber können wir uns nur wundern: Das soll der erste Segen sein, mit dem Israel bedacht wird?! Wäre es nicht viel angemessener gewesen, Israel mit einem spirituellen Segen zu segnen, zum Beispiel mit Torastudium? Oder dem Erfüllen der Gebote? Mit dem Verstehen der Göttlichkeit? Mit Liebe zu G~tt? Stattdessen wurde anscheinend den Priestern geboten, sich zuerst sozusagen um das Bankkonto eines jeden Juden zu kümmern - "daß sich deine Besitztümer mehren"?! Vielmehr lehrt uns die Tora hier sehr wichtige Dinge. Zuallererst das Prinzip, daß alle Brachot auf dem Boden dieser Welt verankert sind. Anders als im Christentum und anderen Religionen üblich, wo die Heiligkeit gerade mit einer von der materiellen Sphäre getrennten, spirituellen Welt identifiziert wird, will uns die Tora lehren, daß die Grundlage aller Grundlagen des von oben kommenden überströmenden Segens vor allem in der Ausweitung und der Vervollkommnung der materiellen Welt besteht. Auch lehrt uns hier die Tora die Moral: Auch wenn du selbst dich von materiellen Dingen so weit wie möglich fernhältst, um dich besser auf Spirituelles konzentrieren zu können, so mag dieses Verhalten wohl zu dir passen - es paßt aber nicht, wenn du deinen Nächsten segnest. Fürchte nicht, ihn durch Mehrung seines Vermögens zu Fall zu bringen. Du hast dich um seine Gesundheit und die Vollkommenheit seines Eigentums zu sorgen, und G~tt gibt seinen Segen dazu. Erst nach der materiellen Vollständigkeit und ihrer Vervollkommnung wenden wir uns dem zweiten Bereich zu, dem spirituellen: Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig. "Leuchten" von "Licht" (ora), wie die talmudischen Weisen zum Vers "Bei den Jehudim war Licht" (Esther 8,16) erklärten: "Licht - das ist die Tora" (Megilla 16b). Hier tritt eine große Wende ein. Im ersten Segensspruch wurde der Ausdruck "sein Antlitz" nicht verwendet, denn solange sich der Mensch nur mit seiner materiellen Vervollkommnung beschäftigt, erhält er zwar Segen, aber das "Antlitz G~ttes" ist ihm dabei nicht zugewandt. Diese Stufe erreicht er nur durch die Beschäftigung mit der Tora: "Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig". Nach der materiellen Vervollkommnung
des "Segne dich..." und der spirituellen Vervollkommnung des "lasse dir
leuchten" gelangen wir zum dritten Bereich, der Vereinigung der beiden
vorigen. In dem Vers "Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir
Frieden" wird die Einheit der materiellen Welt mit der spirituellen über
die Seele des Menschen erreicht, über die es heißt: "Der Ewige
wende sein Antlitz dir zu", denn die talmudischen Weisen fragten: "..es
heißt in deiner Tora (Dt. 10,17): der das Gesicht nicht zuwendet
und keine Bestechung annimmt, und du wendest dein Gesicht Israel zu,
wie es heißt: Der Ewige wende sein Antlitz dir zu?" (Brachot
20b). Vielmehr erfolgt die Hinwendung des Gesichtes nicht wegen unserer
Taten. Wegen der Taten gibt es keine göttliche Zuwendung, doch seitens
der besonderen Eigenheit des Menschen, der besonderen Eigenheit Israels,
seitens der Einzigartigkeit unserer Seele sind wir der Zuwendung seines
Antlitzes würdig. Gerade über die Seele des Menschen wird die
vollkommene Einheit alle Welten offenbar - sowohl der materiellen Welt
als auch der geistigen Welt.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
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