DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 16,18-21,9):
Wie haben wir die demokratische Regierungsform in Israel aus der Sicht der Tora einzuschätzen? Manche sagen, für so eine Regierungsform gebe es keinen Anhaltspunkt in der Schrift, denn die Tora gebietet uns ausdrücklich die Einsetzung eines Königs aus dem Hause Davids. Andere geben dieser Ansicht prinzipiell recht, sagen aber, dass der Volkswillen nunmal so sei, und mit dieser Realität muss man leben und wird am Ende siegen. Noch andere vertreten eine radikalere Ansicht, dass es nämlich überhaupt kein Gebot zur Aufstellung einer Regierung in Israel gebe, vielmehr diene die Herrschaft, welche auch immer, der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Wozu also die ganze Aufregung? Zu diesem wichtigen Thema finden wir eine Antwort in unserem Wochenabschnitt, der sich u.a. mit dem Königtum in Israel beschäftigt. Dort heißt es: "Wenn du in das Land kommst, das der Ewige dein G~tt dir gibt, und du nimmst es ein und wohnest darin, und du sprichst: Ich will über mich einen König setzen, wie all die Völker, die rings um mich: So setze einen König über dich" (Dt. 17,14-15). Schon bei erster Betrachtung dieser Worte drängt sich die prinzipielle Frage auf, ob die Königswahl zu den Geboten gehört, denn einerseits sagt die Tora: "und du sprichst: Ich will über mich einen König setzen" - das klingt wie eine freiwillige Entscheidung und nicht nach Gebot und Pflicht. Andererseits fährt die Tora sofort anschließend im Befehlston fort, einen König über Israel einzusetzen: "So setze einen König über dich", und wie Rabbiner Naftali Z.J. Berlin (der Neziw) aus Woloschin erklärte: "und du sprichst - damit ist nicht das Sprechen mit dem Mund gemeint, sondern wie: und du sprichst: Ich möchte Fleisch essen (Dt. 12,20); diese Ausdrucksweise deutet nicht auf ein absolutes Gebot hin, einen König einzusetzen, sondern auf eine Erlaubnis, eben wie und du sprichst: Ich möchte Fleisch essen (wenn du willst, darfst du Fleisch essen), und bekanntlich geht aus den Worten der talmudischen Weisen hervor, dass es ein Gebot ist, einen König einzusetzen". (Und so entschied auch Maimonides in den Gesetzen von Königen und Kriegen, 1.Kapitel: 'Drei Gebote waren den Israeliten zur Stunde ihres Eintritts ins Land geboten: [1.] einen König einzusetzen, wie es heißt: So setze einen König über dich'). "Wenn dem so ist", fährt der Neziw fort, "warum steht: und du sprichst?", und er gibt darauf sogleich eine grundsätzliche Antwort: In Wirklichkeit handelt es sich um ein positives Gebot der Tora, eine Regierung, eine Königsherrschaft, über Israel einzusetzen, wie es in Befehlssprache heißt: "So setze einen König über dich", doch bezüglich der genauen Regierungsform gab die Tora einen gewissen Spielraum entsprechend der jeweiligen Einstellung des Volkes nach den zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten. Die zentralen Möglichkeiten sind 1. König - Einzelherrscher aus der davidischen Linie, 2. "Herrschaft des Volkes und seiner Delegierten" - demokratische Wahlen. Der Neziw begründet dies damit, dass der König in Israel nicht nur für die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Öffentlichkeit zu sorgen hat, sondern auch und vor allem über Leben und Tod entscheidet, z.B. über den Kriegseintritt und dergleichen, und wie lässt sich eine Regierung ausüben, wenn das Volk nicht zustimmt und sich nicht mit der Regierungsform identifiziert, und was nützt ein König, der in den Krieg stürmt ohne Soldaten, die zu ihm halten und seinen Befehlen gehorchen? So wie er schreibt: "Man sieht, dass sich die Führung eines Landes ändert, je nachdem, ob es im Sinne des Königshauses oder im Sinne des Volkes und seiner Vertreter regiert wird. Es gibt Völker, die eine Königsherrschaft nicht vertragen können, und es gibt Völker, die ohne König einem Schiff ohne Kapitän gleichen, und die Entscheidung darüber lässt sich nicht durch Gebotszwang herbeiführen, denn wo es um die Führung der Allgemeinheit geht, werden Fragen der Lebensgefahr berührt, und darum kann nicht als absolutes Gebot die Einsetzung eines Königs geboten werden, solange er sich nicht auf die Zustimmung des Volkes stützen kann, sein Joch zu tragen, und man Länder sieht, in deren Umgebung nach einer gerechteren Ordnung regiert wird... darum ist es zwangsläufig ein Gebot, und dennoch ist das Sanhedrin nicht dazu verpflichtet, als bis das Volk die Führung durch einen König wünscht. Und aus diesem Grunde gab es alle dreihundert Jahre, die das Heiligtum in Schilo weilte, keinen König, weil das Volk dazu nicht seine Zustimmung gab". Daraus lernen wir, dass bezüglich der Regierungsform wirklich die Möglichkeit der Demokratie in Israel besteht, doch berührt das in keiner Weise die Werte und die Inhalte, die jene Regierung in der Praxis zu verwirklichen hat. Die Regierungsmacht in Israel - ob Einzelkönig oder Demokratie - muss die Werte und die Gebote der Tora in die Praxis umsetzen, oder ihnen wenigstens nicht widersprechen oder sich ihnen entgegen stellen und sie beeinträchtigen. So gebietet die Tora dem König, sich eine eigene Torarolle zu schreiben, "und sie soll bei ihm sein, dass er darin lese alle Tage seines Lebens, auf dass er lerne den Ewigen seinen G~tt zu fürchten, zu beobachten all die Worte dieser Lehre und dieser Satzungen, um sie auszuüben" (Dt. 17,19). Darum kann es kein Gesetz oder Wertvorstellungen geben, die der Lehre der Tora widersprechen, da sich das Mittel nicht über den Zweck erheben kann und der "Golem" nicht gegen seinen Schöpfer. Es
versteht sich, dass man bei so einem facettenreichen Thema den grundsätzlichen
Ausgangspunkt nicht aus den Augen verlieren darf, nämlich die Einheit
der Nation, damit sie nicht in tausend Stücke zerspringt, von denen
keines mehr mit dem anderen zu tun haben will. Darum wird hier Verantwortungsbewusstsein
verlangt, der Blick in die Tiefen und in die Ferne, um alle möglichen
Konsequenzen zu berücksichtigen. Demokratie als Vehikel, als Mittel
zum Zweck der Regierung - ja. Doch als Quelle unserer Wertvorstellungen
und Ideale - auf keinen Fall, das bestimmt nur der, nach dessen Ausspruch
die Welt geschaffen wurde, der Herr der Welt: "Denn er sprach, und es ward,
er gebot, und es bestand" (Psalm 33,9). Möge es uns mit G~ttes Hilfe
vergönnt sein, aus uns heraus und durch unser Werk eine uns wirklich
würdige Köngsherrschaft zu erhalten, und damit die Verwirklichung
des Verses, der dieses Thema abschließt: "Dass sich nicht sein Herz
über seine Brüder erhebe und dass er nicht rechts noch links
von dem Gebote weiche, auf dass er lange lebe in seinem Königreiche,
er und seine Söhne in Israels Mitte" (Dt. 17,20).
Unser großer Lehrmeister, Rabbiner Awraham Jizchak Hakohen Kuk sel. (erster Oberrabbiner Israels; verstarb am 3. Elul 5695/1935) war ein besonderer göttlicher Bote zur Bekanntmachung der "Tora des Landes Israel" zur Zeit der Wiedererstehung der jüdischen Nation. Sicher steht die Tora über dem Lande Israel und über der ganzen Welt, und sie bestand vor der Erschaffung der Welt, doch muss sie sich vor allem im Lande Israel offenbaren. "Moscheh begann die Erläuterung dieser Tora also" (Dt. 1,5) - sicher können wir dir Erläuterung Moschehs der Tora als die Erläuterung schlechthin einstufen, und niemand wird behaupten, mehr als Moscheh von der Tora zu verstehen; er war es schließlich, den G~tt vierzig Tage und Nächte die Tora lehrte. Darüber hinaus gilt auch diese "Erläuterung" als "Tora vom Himmel", indem die göttliche Präsenz aus Moschehs Kehle sprach. Worum geht es also in dieser Erklärung? "Der Ewige unser G~tt hat zu uns geredet am Berge Chorew also: Lang genug habt ihr stille gelegen an diesem Berge" (V.6). Auf den ersten Blick unverständlich, im Gegenteil, eigentlich sollte man doch längere Zeit an diesem Berge verweilen, denn dort wurde die Tora gegeben, und je länger man dort bleibt, desto mehr erhält man? Dem war jedoch nicht so, wie uns Moscheh im Namen G~ttes ausrichtete: "Wendet euch und brechet auf, dass ihr zum Gebirge des Emoriter kommet, und zu all seinen Anwohnern in der Ebene, im Gebirge, und in der Niederung, und im Negev, und an der Meeresküste, in das Land des Kana'aniters, und zum Libanon; bis zum großen Strome, dem Strome Frat. Siehe, ich lege vor euch hin das Land. Kommet und nehmet ein das Land" (V.7-8). D.h., das Anliegen der Tora besteht darin, sie hier in unserem Land zu erfüllen, in unserem Reiche, in unserem Staat. Es gehört große Weisheit dazu, die Tora in unserem Lande zu erfüllen. "Es gibt keine Tora wie die Tora des Landes Israel, und es gibt keine Weisheit wie die Weisheit des Landes Israel" (Midrasch Bereschit raba 16,4). Auch in der Galut (Exil) hätten wir die Tora des Landes Israel lernen müssen, um auf immer höhere spirituelle Stufen zu gelangen, doch in unserer Generation bedeutet diese Lehre eine absolut existenzielle Frage. "In jeder Generation hätten wir uns die Tora des Landes Israels besonders zu Herzen nehmen sollen, um so mehr wir, in unserer Generation, der Generation der Verkümmerung-Wiedererstehung, in der Übergangszeit von der Dunkelheit zum Lichte, von Verzweiflung zu Heldenmut. Dafür brauchen wir ein Lebenselixier - gerade aus der Tora des Landes Israel" (Orot HaTora 13,2). Unsere torafernen Brüder unter den Kindern Israels wissen gar nichts von einer "Tora des Landes Israel", und darum, gerade aus diesem Grund entfernen sie sich von der Tora, weil sie glauben, sie würde die Rückkehr nach Zion und den Aufbau des Landes, von Staat und Armee behindern. Ein bedauerlicher Irrtum! Würden sie die Tora des Landes Israel nur kennen, wüssten sie, dass gerade sie die Seele von Staat und Armee bildet und würden sie von ganzem Herzen lieben. Was unsere Brüder die Charedim (sog. "Strengorthodoxe" mit meist anti-zionistischer Einstellung) angeht, sie lernen nicht die Tora des Landes Israel, weil sie befürchten, sie würde der Größe der Tora Abbruch tun, und aus dem gleichen Grund halten sie einen Abstand von Dingen, die mit dem Aufbau von Land, Staat und Armee zu tun haben. Sie würden selbst ihren Irrtum erkennen, beschäftigten sie sich nur mit der Tora des Landes Israel. Dann würden sie verstehen, dass gerade sie die Heiligung des göttlichen Namens durch Torastudium mehrt, und würden sie mit ganzer Seele lieben. Ihr Verhältnis zur Tora des Landes Israel lässt sich mit dem Verhältnis der Ältesten zu Jehoschua bin Nun vergleichen: "Die Ältesten jenes Zeitalters sagten: Das Gesicht Moschehs gleicht der Sonne, das Gesicht Jehoschuas gleicht dem Monde. Wehe ob dieser Schande, wehe ob dieser Schmach" (Baba batra 75a). Sie wussten nicht, dass der Mond kein eigenes Licht ausstrahlt, sondern das Licht der Sonne reflektiert, das Licht der Tora - im Lande. "Hätten die Israeliten nicht gesündigt, so würden ihnen nur die fünf Bücher der Tora verliehen worden sein und das Buch Jehoschua, weil dieses die Wertschätzung des Landes Israel ist" (Nedarim 22b). "Da erschlaffte die Kraft Jehoschuas, so dass er dreihundert Halachot vergaß und siebenhundert Zweifel ihm entstanden. Als nun ganz Israel ihn zu erschlagen sich aufmachte, sprach der Heilige, gepriesen sei er... geh und verwickle sie in einen Krieg" (Temura 16a). Wenn sie zur Armee eingezogen werden, wenden sie ihre überschüssigen Kräfte nützlicheren Dingen zu und hören auf, den Rabbinern zuzusetzen. Vor allem: erstmal anfangen, und ja, die Tora des Landes Israels verstehen. Doch diese Lästerer gaben alle Tage Jehoschuas keine Ruhe, bis dass [nach seinem Tod] "der Berg sie zu erschlagen bebte" (Schabbat 105b), weil sie Jehoschua nicht gebührend betrauert hatten. Sie
verstanden nicht, dass die Tora des Landes Israel nicht von Jehoschua bin
Nun erfunden wurde, sondern ganz und gar unserem Lehrer Moscheh zuzuschreiben
ist, obwohl erst jetzt die Zeit reif war zu ihrer Offenlegung, und diese
Aufgabe wurde ihm zuteil, weshalb er bei seinem Eintritt ins Land "jene
Nacht bei der Vertiefung in der Halacha verbrachte" (Megilla 3b). Wenn
man in das Land Israel eintritt, soll man sich mit der Tora befassen (ebda.
3a), sogar noch mehr, wie es heißt: "Sei stark und fest... nicht
weiche dies Buch der Lehre von deinem Munde, und du sollst sinnen darüber
Tag und Nacht, damit du beobachtest zu tun, ganz so, wie darin geschrieben;
denn dann wirst du durchführen deinen Weg, und dann wirst du Glück
haben" (Jehoschua 1,6/8). Hier geht es um die tiefgründige Tora des
Landes Israel, die uns unser Meister Rabbiner Kuk sel. aus den verborgenen
Tiefen der Generationen hervorholte (Orot S.117-118), und sie durchwirkt
alle seine Schriften. Besonders sein Buch "Orot", das "Allerheiligste"
(aus der Einleitung von Rabbiner Zwi Jehuda Kuk), aus dem man Tag und Nacht
lernen sollte.
Weitere Kommentare
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