DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
In der Tora werden zwei wichtige Jahresanfänge erwähnt. Der auffälligere von beiden ist ausgerechnet der 1. Nissan: "Dieser Monat sei euch das Haupt der Monate: der erste sei er euch unter den Monaten des Jahres" (Ex. 12,2). Viele religionsgesetzliche Bedeutungen hat dieser Tag nicht, praktisch nur auf zwei Gebieten: bei der Zählung der Regierungsjahre eines israelischen Königs ("Jahresanfang der Könige", 1. Mischna im Traktat Rosch Haschana), und als Beginn eines neuen Jahres der Tempelopfer, die im Traktat Schekalim ausführlich behandelt werden. Am 1. Tischri hingegen beginnt ein neues Jahr der Landwirtschaft, und darüber heißt es: "Ein Land... beständig sind die Augen des Ewigen deines G~ttes darauf, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres" (Dt. 11,12). Wie wir sehen, fängt auch das Jowel-Jahr [alle 50 Jahre] im Tischri an: "Und laß Posaunenschall ergehen im siebenten Monat am zehnten des Monats; am Versöhnungstage sollt ihr Posaunenschall ergehen lassen durch euer ganzes Land. Und heiligt das fünfzigste Jahr... ein Jowel soll dasselbige euch sein..." (Lev. 25,9-10). Auch das Siebtjahr endet im Tischri: "Am Schlusse von sieben Jahren um die Zeit des Erlaßjahres am Feste der Hütten" (Dt. 31,10). Von hier lernten die talmudischen Weisen: "Der erste Tischri ist Jahresanfang... des Erlaßjahres und des Joweljahres, sowie der Pflanzungen und Kräuter" (Mischna s.o.) - aller landwirtschaftlicher Toragebote. Die Weisen fügten dem das Neujahr für die Zählung der Regierungsjahre der Könige der Völker hinzu, und erklärten es auch als das Datum für die Schaffung des Menschen: "Dieser Tag ist der Beginn deiner Werke, eine Erinnerung an den ersten Tag" (Rosch Haschana 27a), während die Schaffung des jüdischen Volkes im Monat Nissan stattfand. Wir haben also zwei Jahresanfänge: einen nationalen Jahresanfang, Rosch Haschana des Heiligtums, was religionsgesetzlich des "Königs Heiligtum" und "Regierungsstadt" (siehe Lecha dodi), den Tempel und das jüdische Volk betrifft, und demgegenüber der allgemein-menschheitliche Jahresanfang, Rosch Haschana des Weltlichen, dessen religionsgesetzliche Bestimmungen die weltliche Seite des Lebens betreffen: die Wirtschaft und diesbezügliche Gesetze, ebenso die Regierung der Völker. Darum behandelt das Gebet an Rosch Haschana hauptsächlich die allgemeine Besserung der Welt, nicht auf die Nation beschränkt. Der Blick wird auf das Volk Israel an diesem Tag wie auf jemanden gerichtet, der eine zentrale Rolle für die ganze Welt erfüllt. Die drei Wallfahrtsfeste hingegen, die mit dem Monat Nissan beginnen, konzentrieren sich auf die nationale Einheit, in deren Mittelpunkt der Tempel steht. Dieser Einteilung läßt sich eine weitere Ebene hinzufügen. In der materiellen Wirklichkeit der Schaffung der Welt kommt die Periode der Aktivität nach der Periode der Ruhe. Der Tag folgt der Nacht: "Und es ward Abend, und es ward Morgen". "Die Nacht ist nur zum Schlafen erschaffen worden" (Eruvin 65a), zum Kräfteschöpfen für die Mühen des Tages. Ebenso das landwirtschaftliche Jahr im Lande Israel - der Sommer, die Zeit der Landarbeit und der Ernte, folgt dem Winter, der Zeit der Ruhe, des Säens und des Wachsens durch G~ttes Segen. Doch in der Welt des Tempels folgt die Nacht dem Tage. Die Glieder der Opfertiere des Tages werden auf dem Altar während der Nacht verbrannt, und nach Ablauf der Nacht werden Opfertiere unbrauchbar. Die Zeit der Aktivitäten bedeutet nichts anderes als eine Vorbereitung für die spirituelle Beschäftigung während der Ruheperiode. "Die Nacht [wörtl Mondschein] ist nur zum Studium erschaffen worden" (ebda.). Ebenso kommt in der spirituellen Welt des Tempels und des jüdischen Königtums der Winter als eine dem Torastudium gewidmete freie Zeit, nach dem Sommer, der der angestrengten Arbeit der Ernte dient. Während des Exils (Galut) beginnt das Jahr im Tischri. Es gibt keinen Tempel, kein jüdisches Königtum, kein Königreich G~ttes. Der 1. Nissan gerät in Vergessenheit. Man zählt nach ihm keine jüdischen Königsjahre, und erst recht bestimmt man nach ihm mangels Tempel keine Opferdarbringungen. Die täglichen Mühen, die Last des Lebensunterhaltes und die Notwendigkeiten des Überlebens sind es, die uns die Aktivitäten diktieren. Die Zeit der Ruhe existiert nur, um uns die Möglichkeit zur Ansammlung neuer Kräfte für den Existenzkampf zu geben. Wir haben immer noch nicht genug Seelenruhe, diese Ordnung umzustoßen, während der Ruhezeit die spirituellen Höhen des Heiligtums zu erstürmen. Die Welt des Heiligtums, der Tempel, ist allerdings in den Tiefen des Weltlichen verwurzelt: der Schabbattag, der nach Beendigung der Weltschöpfung geschaffen wurde. Darum beinhaltet der Schabbat zwei verschiedene Ideen: die Ruhe ("und ruhte am siebenten Tage", Gen. 2,2) und die Feier: ("und am siebenten Tag aufgehört und gefeiert hat", Ex. 31,17). Die Ruhe - so wie der Schlaf - dient der Vorbereitung, dem Kräftesammeln für den nächsten Tag. Die Feier dagegen verkörpert einen Wert an sich, auf den die vorangegangenen Tage der Arbeit hinzielen. Der Sonntag der nichtjüdischen Welt hingegen steht am Anfang der Arbeitswoche, als Ruhetag zum Kräfteschöpfen im Hinblick auf die Werktage. Rosch Haschana Tischri, das
auf einen Schabbat fällt, führt die genannten Ideen zusammen:
der Beginn des weltlichen Jahres, das mit dem Winterschlaf anfängt,
der für die Kräfte des Werksommers sorgt, und die Heiligkeit
des Schabbat, dem Endziel aller Werktage, "dem Tag, der ganz Schabbat ist,
Ruhe für das ewige Leben" (Ende Traktat Tamid).
Vor einigen Jahrzehnten wechselten wir in ein neues Zeitalter mit der Möglichkeit der Selbstverteidigung durch unsere eigene Verteidigungsarmee, Zwa Hagana LeIsrael, die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (kurz: "Zahal"). Keine Angriffsarmee, die fremde Länder erobern soll, sondern ganz ihrem Namen treu, die Armee zur Verteidigung unseres Volkes und unseres Landes. Entsprechend handelt es sich um eine höchst moralische Armee. Sagte einmal Einstein, das moralische Barometer eines Volkes sei sein Verhalten während des Krieges, und fügte hinzu: "Das Barometer steht niedrig". Und wir fügen hinzu: "Unser Barometer steht auf Hoch" - sogar zu hoch... Sagte einmal der Humorist Me'ir Achi'el: "Ich kapiere nicht, wie wir beim Wettbewerb der Miss Ethik unter 143 Ländern immer den letzten Platz belegen, obwohl wir als Einzige an der Veranstaltung teilnehmen". Die talmudischen Weisen zählen zu den Stufen der Erlösung auch den Krieg (Sanhedrin 97a), und der Raschikommentar erläutert zur Stelle: "Zwischen den Völkern und Israel". In diesem Zusammenhang erscheint der berühmte Begriff des "Beginns der Erlösung" (Atchalta dege'ula). "Krieg bedeutet ebenfalls Beginn der Erlösung" (Megilla 17b). Wenn wir uns im Gegensatz zur Situation bei den Pogromen nunmehr selbst verteidigen können, dann bedeutet das sicher den Beginn der Erlösung. Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") gab den entsprechenden Gesetzen in seinem Kodex "Mischne Tora" eine passende Überschrift: Gesetze von Königen und Kriegen. Die Aufgabe des Königs definierte er wie folgt: "..man kröne keinen König zu Anbeginn außer um für Recht zu sorgen und Krieg zu führen, wie es heißt: und unser König uns Recht spreche, und vor uns herziehe und unsere Kriege führe (Schmu'el I, 8,20)" (4,10). Das gehört auch zu den Maßstäben, an dem der König Maschiach ("Messias") gemessen wird - "und er führt die Kriege G~ttes" (11,4), und als sicheres Zeichen gilt: "wenn er alle Nationen ringsum besiegt" (ebda.). So beschrieb der Prophet Jeschajahu auf deutliche Weise die Kriege des Maschiach (Kapitel 63). Bis die Vision des Friedens am Ende der Zeiten Wirklichkeit wird, kann kein Volk in seinem Lande ohne Armee existieren. Bei der Armee Israels handelt es sich um eine Armee des Volkes, keine Armee von Freiwilligen und kein Berufsheer, sondern: "Vom zwanzigsten Jahre und darüber, jeglichen, der zum Heere auszieht in Israel" (Num. 1,3). Unsere Vorväter waren Armeekämpfer. Awraham war Kriegsherr gegen die vier Könige, auch Jakov war ein Kriegsmann: "und ich gebe dir... was ich genommen von der Hand des Emori mit meinem Schwerte und mit meinem Bogen" (Gen. 48,22). Auch unser Lehrer Moscheh war ein Feldherr, der die Feldzüge gegen Sichon und Og anführte. Und sicherlich Jehoschua ben Nun, der die Tora aus dem Munde Moschehs überliefert erhielt (siehe Mischna "Sprüche der Väter" 1,1), und sich schon beim Krieg gegen Amalek gleich nach dem Auszug aus Ägypten als Heerführer auszeichnete, und später bei der Eroberung des Landes. Folgendes schrieb Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels): "Wir schauen auf die ersten Generationen, über die in der Tora, in den Prophetenbüchern und in den Schriften erzählt ist, jene Generationen, die mit Krieg beschäftigt waren - und genau jene sind die Größen, auf die wir uns in Freundschaft und Größe von Heiligkeit beziehen". "Damals, als der Krieg so sehr nötig war... der Krieg um ihre Existenz" (Orot, Hamilchama II.). Doch wollen wir nicht dem Irrglauben verfallen, nur weil uns die Probleme der Allgemeinheit beschäftigen, könnten wir uns die Vernachlässigung der individuellen Charaktereigenschaften erlauben. Das hatte Rabbiner Kuk sicher nicht mit seiner Methode "Allgemeinheit und Individuum" im Sinn, oder besser noch: "Das Individuum innerhalb der Allgemeinheit". Und nicht nur das. Die Rechtschaffenheit des Einzelnen ist die Grundlage für den Erfolg im Krieg, so wie Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto im Buch "Der Weg der Frommen" (Messilat Jescharim) über König David schrieb: "Er ging mit starkem Vertrauen in den Krieg mit dem Gebet: 'Ich jage meinen Feinden nach, und hole sie ein, und wende nicht um, bis ich sie aufgerieben' (Psalm 18,38), weil er sich vorher [von jeder Sünde] sorgfältigst reinigte" (10. Kap.). Dabei war nicht von Sünden die Rede, die allgemein als solche erkannt werden, sondern Sünden, die von den meisten Leuten nicht ernst genommen werden, oder von denen sie glauben, sie seien erlaubt, wie die talmudischen Weisen feststellten: "Die Mehrheit [sündigt] durch Raub, eine Minderheit durch Unzucht, und Alle durch Anklang von übler Nachrede" (Baba batra 135a). Dabei ist gar nicht wirklicher Raub gemeint, erklärte Rabbiner Luzatto, sondern z.B. niedrige Geschäftsmoral, aus dem Verlust anderer Gewinne zu ziehen. Auch bei der Unzucht ist nicht die Tat an sich gemeint, sondern ein Mangel an Sittlichkeit beim Betrachten, beim Reden, Hören und Denken. Und was die üble Nachrede angeht, weiß jeder selber, wie verbreitet diese Krankheit ist (11. Kap.). Die Grundlage für alles bilden Glauben an G~tt und gute Charaktereigenschaften. Darum müssen wir die Gebote des Staates und der Armee mit Freude erfüllen und uns nicht g~ttbehüte über den Herrn der Welt beschweren und fordern, daß er die Weltgeschicke im Einklang mit unseren Vorstellungen und Plänen lenke. Vor allem sollten wir nicht die Verwöhnten spielen. Wir müssen auf die vielen
Probleme vorbereitet sein, die auf dem Wege der Erlösung noch auf
uns warten, und dem Ewigen danken, "Allgütiger, dein Erbarmen ist
nie zu Ende, Allbarmherziger, deine Gnade hört nie auf" (Schmone-Esre
Gebet).
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|