DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT PINCHAS
Nr. 624
21. Tammus 5767

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Num. 25,10-30,1):
G~ttes Friedensbund mit Pinchas, dem Priester; Musterung der Kinder Israels vor Jericho; Auslosung der Anteile am Lande Israel; auch Töchter erben Land; Jehoschua zum Nachfolger Moschehs erwählt; Opfergesetze für Wochentage, Schabbat, Neumond und Feiertage.
 
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Die Worte Jirmijahus

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Eine ungewöhnlich tragische Persönlichkeit, der Prophet Jirmijahu. Er hatte sich die "Prophetenkarriere" nicht ausgesucht. Sie wurde ihm durch göttlichen Befehl aufgezwungen. Es war ihm überhaupt nicht angenehm, den Propheten des Zornes spielen zu müssen, zu kritisieren und anzuprangern, zu drohen und zu warnen, schwarz zu sehen und Böses zu erwarten. Als Nachkomme Aharons des Hohepriesters, der den Frieden liebte und ihm nachlief, hätte er lieber gestreichelt und ermutigt, die Wirklichkeit optimistisch betrachtet und gesagt: "Ein wenig Licht vertreibt viel von der Finsternis". Sicher hätte er Prophezeiungen des Trostes vorgezogen, des Aufbaus, des Guten, der Erlösung. In Wirklichkeit wollte er überhaupt nichts sagen. "Ach, Herr o G~tt, siehe, ich weiß nicht zu reden, denn ich bin jung" (1,6). Doch die Hand G~ttes lastete schwer auf ihm. Nicht wie Moscheh, den G~tt eine ganze Woche lang "bearbeitete", daß er seine Mission übernehme, erhielt Jirmijahu den sofortigen Befehl: "Sprich nicht, ich bin jung; sondern überall, wohin ich dich sende, gehe, und alles, was ich dir gebiete, rede" (1,7). 

Und immer noch rührte sich die Hoffnung in seinem Herzen, gut über sein Volk prophezeien zu dürfen. Sollte er doch sowohl dem Volke Israel als auch anderen Völkern prophezeien, sowohl "auszuroden und einzureißen, zu vernichten und zu zerstören", als auch "zu bauen und zu pflanzen" (1,10). Vielleicht würden sich ja die Prophezeiungen der Zerstörung gegen die Völker, und die des Aufbaus und des Pflanzens an das Volk Israel richten! Doch es sollte anders kommen. Die talmudischen Weisen brachten dazu ein erschütterndes Gleichnis: "Zum Beispiel: Wie eine Ehebruchsverdächtige (Ssota), die den Tempelplatz betritt, um das Ssota-Wasser zu trinken. Da kommt der Priester, um es ihr zu trinken zu geben und er sieht sie an - da ist es seine Mutter! So Jirmijahu, als ihm der Heilige, gelobt sei er, sagte, er solle Jerusalem tränken; da sprach er vor ihm: Herr der Welt, sagtest du mir nicht so: zum Propheten über die Völker habe ich dich gesetzt?! Und jetzt muß ich meine Prophezeiung bei meiner eigenen Nation beginnen?!" (Midrasch Jalkut Schimoni, Eicha §1).

Es ist auch nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen, Zornesprophezeiungen zu verkünden, die keiner hören will, sich mit allen seinen Familienangehörigen zu überwerfen, mit allen Nachbarn und Freunden, als "Volksfeind" und Verräter in die Grube geworfen zu werden, im "Hofe des Gewahrsams" eingesperrt zu sein wie ein Kollaborateur, um durch ein Wunder einem Mordanschlag seiner Nachbarn zu entgehen, der Bürger Anatots. So schwer war das Leben Jirmijahus, daß er schließlich nicht mehr weiter wollte und ausrief: "Wehe mir, meine Mutter, daß du mich geboren, einen Mann des Streites und des Haders aller Welt! Ich habe nicht geliehen und Niemand hat mir geliehen, [dennoch] verfluchen sie mich Alle" (15,10). Und wiederum wandte er sich an G~tt: "Ich saß nicht im Kreise der Lustigen und war fröhlich; vor deiner Gewalt saß ich einsam, denn mit Zorn erfülltest du mich. Warum ist mein Schmerz dauernd und meine Wunde tödlich? Sie will nicht heilen" (15,17-18). Die Antwort G~ttes jedoch machte es nur noch schlimmer: "Du sollst dir kein Weib nehmen, daß du keine Söhne und Töchter habest an diesem Orte" (16,2). Du hast keine persönliche Zukunft. Und nicht nur das - du wirst auch keinen spirituellen Erben haben. Baruch ben Nerja, dein treuer Schüler, wird es nicht zum Prophetentum bringen, um dein Werk fortzusetzen.

Die Wirklichkeit - in privater wie in nationaler Hinsicht - war noch härter als die Prophezeiungen. Zum großen Leidwesen Jirmijahus waren seine Worte keine leeren Reden. Alle Prophezeiungen der Zerstörung, von Verwüstung und Tod, gingen vollständig in Erfüllung. Und dennoch regte sich in seinem Herzen eine schwache Hoffnung, daß wenigstens der klägliche Rest im Lande verbleiben möge - bis zum Morde an Gedalja ben Achikam. Trotz seiner energischen Proteste zogen die Übriggebliebenen nach Ägypten und nahmen ihn mit ins Exil. Und immer noch verblieb ein Fünkchen Hoffnung, daß Zerstörung und Exil zum Nachdenken und bußfertiger Umkehr veranlassen würden, doch auch das geschah nicht, vielmehr widmete sich das Volk mit verstärkter Inbrunst dem Götzendienst. Jirmijahu starb vereinsamt in der Fremde, im Exil, in der Zerstörung. Ein tragisches Ende eines tragischen Lebens.

In der Tora Israels gibt es allerdings keine Tragödien. Keine Geschichte hat ein böses Ende. Alles führt am Ende zum Guten, auch wenn der Weg dorthin lang und fast unerträglich schwer ist. Jirmijahu sah sich selbst nie als tragische Figur, und er war auch keine. In den schwersten Momenten der Zerstörung und der Verzweiflung gehen die größten Prophezeiungen des Trostes über seine Lippen. In der Stunde, da er gewahr wird: "Siehe, die Bollwerke reichen bis an die Stadt, sie einzunehmen, und die Stadt ist gegeben in die Hand der Kasdim, die wider sie streiten, wegen des Schwertes und des Hungers und der Pest" (32,24), kauft er das Feld in Anatot des Chanamel, des Sohnes seines Vetters, indem er verspricht: "Felder um Silber werden sie kaufen... im Lande Binjamin und in den Umgebungen Jeruschalajims, und in den Städten Jehudas... denn zurückführen werde ich ihre Gefangenen, ist der Spruch des Ewigen" (32,44). Während er einerseits über die Umgebungen Jeruschalajims und die Städte Jehudas prophezeit, "Und mache schwinden von ihnen die Stimme der Wonne und die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut" (25,10), verspricht er andererseits: "Wiederum soll gehört werden... in den Umgebungen Jeruschalajims, und in den Städten Jehudas... die Stimme der Wonne und die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut" (33,10-11), und es gibt keine jüdische Trauung, auf der dieses festliche Versprechen nicht zu hören wäre. Gerade die Stimme der Stammmutter Rachel, die ihre Kinder beweint, während "sie sich weigert, sich trösten zu lassen um ihre Kinder, denn sie sind dahin" (31,15) stellt die Quelle dar für das Versprechen: "Denn ein Lohn ist für dein Tun, ist der Spruch des Ewigen, und sie werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes, und Hoffnung ist für deine Zukunft, ist der Spruch des Ewigen, und es werden zurückkehren die Kinder in ihr Gebiet" (31,16-17).

Gerade die Tiefe des Schmerzes über die Zerstörung ist ein Ausdruck des Vermögens, die Erlösung mit klarem Blick zu erkennen: "Und es soll geschehen, wie ich gewacht über ihnen, auszuroden und einzureißen, und niederzubrechen, und zu vernichten, und zu verderben, also werde ich wachen über ihnen, zu bauen und zu pflanzen, ist der Spruch des Ewigen" (31,28).
 
 
 
Frage und Antwort

Ausschlußverfahren

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Auch ich bin für Liebe und Glauben im ganzen Volk Israel, doch vielleicht haben wir bereits die Grenzen überschritten, wo man keine Angst mehr haben darf, mutig und machtvoll laut heraus zu sagen, wie es die Wahrheit der Tora verlangt: Jener Mensch ist verdorben, er gehört nicht zu uns, außerhalb des Lagers sei sein Aufenthaltsort?

Antwort: Sicher ist die Zeit reif, und nicht erst seit gestern, sondern bereits seit der Zeit unseres Lehrmeisters Moscheh, als G~tt ihm auftrug: "Gebiete den Kindern Israels, daß sie entlassen aus dem Lager alle Aussätzigen, alle Ausflußbehafteten und alle an Leichen Verunreinigten" (Num. 5,2). Der Raschikommentar zur Stelle weist allerdings darauf hin, daß für jeden der Genannten andere Regeln gelten: der eine wird nur aus einem Lager ausgewiesen, der andere aus zwei Lagern, und der dritte aus drei Lagern. 

Entsprechend erklärte der Rebbe von Ischwieza, es gebe dabei drei Makel: 1. Der Ausflußbehaftete ist ein triebhafter Mensch, darum wird er aus dem Lager der göttlichen Präsenz und dem levitischen Lager der G~ttesdiener vertrieben, allerdings nicht aus dem Lager der Israeliten. Das ist schon schrecklich, wenn ein Mensch seinen Trieben unterliegt, sicher hat er keinen Anteil mit jenen, die sich ganz dem G~ttes-Dienst widmen, trotzdem verbleibt er im Lager der gewöhnlichen Juden.

2. Der an einer Leiche Verunreinigte ist jemand, der über seinen Toten trauert, ein trauriger Mensch, der im Lager der göttlichen Präsenz fehl am Platze ist, denn bekanntlich ruht die göttliche Präsenz nur auf jemandem freudigen Gemütes. Doch darf er sich im Lager der Leviten, der G~ttesdiener, aufhalten. Es gibt viele traurige Menschen, verbitterte und verzweifelte, aber auch sich selbst bemitleidende Menschen, und trotzdem dienen sie G~tt mit großer Opferbereitschaft - doch im Lager der göttlichen Präsenz, wo Mut und Freudigkeit angebracht sind, hat so einer nichts zu suchen.

3. Am schlimmsten ist der Aussätzige, weil er üble Nachrede (laschon hara) verbreitete und darum aus allen drei Lagern vertrieben wird. Über ihn heißt es: "abgeschieden soll er wohnen, außer dem Lager sei seine Wohnung" (Lev. 13,46). Und warum?

Im Jahre 5608 (1848) brach in Russland eine Epidemie aus, und die Juden begannen nach Gründen zu suchen, welche Sünden wohl dahinter stünden. Da kam so ein "Sündendetektiv" zu Rabbi Israel Salanter und beschwerte sich über einen bestimmten Juden, der dieses und jenes getan haben sollte. Darauf antwortete ihm der Rabbiner: Was man einen Aussätzigen aus allen drei Lagern schickt, bedeutet nicht, daß er Lügen verbreitet hat. Das kann nämlich auch passieren, wenn die üble Nachrede auf Wahrheit beruht. Vielmehr sage man jenem Spezialisten im Auffinden von Sünden: Du bist so ein großer Fachmann auf diesem Gebiet, geh, verlasse das Lager, sitz draußen einsam und alleine, und finde deine eigenen Mängel und Sünden. 

Wir lernen daraus: Wenn jemand andere aus dem Lager werfen will, befördert er sich bloß selber hinaus. Wer seine Mitjuden als "Erev rav" ("Mischvolk", das sich den Kindern Israels beim Auszug aus Ägypten mit Moschehs Zustimmung anschloß und viele Probleme verursachte) bezeichnet, stammt vielleicht selber vom "Erev rav" ab, wie Rabbiner Elijahu (der "Gaon") von Wilna schrieb: "Im Volke Israel gibt es fünf Arten Erev rav: 1. Die immer streiten und üble Nachrede reden... Die immer streiten sind die übelsten von allen, und sie werden auch Amalekiter genannt" (Ewen schlema 11,8), und der Ewige möge uns vor dieser bösen Falle bewahren.

Wollen wir nicht vergessen, wie streng das Verbot der üblen Nachrede gilt. Es gibt eine ausdrückliche Mischna zur Sünde der Kundschafter: "Es ergibt sich also, daß das Sprechen mit dem Munde schwerer ist als die Ausübung einer Tat. So finden wir auch, daß das Verhängnis über unsere Vorfahren in der Wüste erst wegen der Verleumdung besiegelt wurde" (Archin 15a): Die talmudischen Weisen sagen dort, daß die Sünde der Verleumdung der Verlobten schwerer wiegt als Vergewaltigung (ebda.). Sicher ist eine Vergewaltigung eine unerhörte und furchtbare Tat, eine Qual und ein blutendes Seelenleid, doch gehört sie nicht zu den schwersten Sünden. Wer allerdings eine Verleumdung über die Verlobte ausbringt, auch wenn sich später herausstellt, daß alles erlogen und erstunken war - vielleicht glauben ihr trotzdem nicht alle und sagen: Kein Rauch ohne Feuer, und was kann sie dann in ihrer Beschämung tun...

Nehmen wir als Anschauungsbeispiel unseren Lehrer Moscheh: "Du findest zur Stunde, da der Heilige, gelobt sei er, zu ihm sagte: Geh, steig hinab, denn ausgeartet ist dein Volk (Ex. 32,7), ergriff er die Gebotstafeln und glaubte nicht, daß Israel gesündigt hatte. Er sagte: Wenn ich es nicht sehe, glaube ich es nicht, wie es heißt: Und es geschah, als er dem Lager nahete und das Kalb sah und die Reigentänze, da entbrannte der Zorn Moschehs und er warf aus seinen Händen die Tafeln und zerschlug sie unten am Berge (Ex. 32,19) - er zerbrach sie nicht eher, bis er es mit eigenen Augen sah. Wehe jenen Menschen, die das bezeugen, was sie nicht sehen; ist es denn möglich, daß Moscheh nicht G~tt glaubte, der ihm sagte: denn ausgeartet ist dein Volk?! Vielmehr wollte Moscheh die Israeliten sittliches Verhalten lehren: Selbst wenn man etwas von einem Einzelnen hört, der absolut glaubwürdig ist, ist es verboten, dieses Zeugnis sofort als wahr zu akzeptieren, um daraufhin zur Tat zu schreiten, wenn man es nicht selber gesehen hat" (Midrasch Schemot raba 46,1).
 

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