DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PESSACH
Nr. 611
19. Nissan 5767

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Schabbat Chol Hamo'ed
 
 

Der Stand der Dinge...
Von Menschen und Gebeinen
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

Die Haftara für den Schabbat der Mittelfeiertage von Pessach beginnt mit der Beschreibung der mächtigen Vermehrung der jüdischen Nation: "So spricht G~tt der Herr: Auch darin will ich mich erbitten lassen dem Hause Israel, daß ich ihnen tue: Ich will sie vermehren an Menschen, herdenweise. Wie die Schafe der Heiligtümer, wie die Schafe Jerusalems an seinen Festen, so sollen die verödeten Städte voll sein mit Menschen-Herden, und sie sollen erkennen, daß ich der Ewige bin" (Jecheskel 36,37-38).

Der Prozeß der Wiedererstehung des Volkes Israel verläuft nicht nur auf der qualitativen, spirituellen Ebene, wie der Prophet verkündete: "Und ich werde euch nehmen aus den Völkern, und euch sammeln aus all den Ländern, und euch nach eurem Lande bringen, und auf euch sprengen reines Wasser und ihr werdet rein sein... Und ich gebe euch ein neues Herz, und einen neuen Geist geb' ich in eure Brust, und schaffe das Herz von Stein aus eurem Fleische, und gebe euch ein Herz von Fleisch. Und meinen Geist gebe ich in eure Brust und mache, daß ihr nach meinen Satzungen wandelt und meiner Rechte wahret und sie tut" (V.24-27), sondern auch quantitativ, ganz nach dem einfachen Sinne der Worte, wie es heißt: "Und ich mehre auf euch Menschen, das ganze Haus Israel insgesamt, und die Städte werden bewohnt, und die Trümmerhaufen werden aufgebaut" (V.10). 

Nach dem Stand der Dinge können wir froh sein über unseren Anteil, und glücklich über unser angenehmes Schicksal, indem es uns vergönnt ist, mit eigenen Augen die Wirklichwerdung dieser prophetischen Vision sehen zu dürfen: Millionen Juden füllen unsere Städte und Straßen (manche behaupten, der Staat Israel gehöre zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde), und diese Entwicklung ist noch nicht am Ende, es werden sich noch weitere Millionen Juden zu uns einsammeln, die derzeit noch im Exil weilen. Auch die inländische Vermehrung wächst ständig und wird mit G~ttes Hilfe weiter wachsen.

Ferner beobachten wir eine volkstümliche Bewegung der Rückkehr zu jüdischer Tradition und den spirituellen Wurzeln, entsprechend den Versen: "Führ' uns zurück, Ewiger, zu dir, und wir wollen zurückkehren; verjünge unsere Tage wie vormals" (Ejcha 5,21). Und wie es Rabbiner Awraham Jizchak Kuk ausdrückte: "Alle Erbauer der Nation... werden mit einer Stimme voller Macht und Kraft über sich selbst und über ihr Volk lautstark verkünden: Gehet und laßt uns zu G~tt zurückkehren. Und diese Rückkehr wird eine Rückkehr in Wahrheit sein, und diese Rückkehr wird ein Hort des Mutes sein, und die Rückkehr wird Stärke und Mächtigkeit allen praktischen und geistigen Strömungen geben, allen zum Aufbau der Nation und ihres Fortschritts notwendigen Vorgängen, zum Erwecken ihrer Wiedererstehung, zur Ermutigung ihrer Standfestigkeit" (Orot Hatschuwa 15,11).

Möge an uns die Vision der "trockenen Gebeine" in Erfüllung gehen: "Und ich gebe meinen Geist in euch, daß ihr lebet, und schaffe euch nach eurem Boden, und ihr sollt erkennen, daß ich der Ewige es geredet und getan habe; das ist der Spruch des Ewigen" (Jecheskel 37,14).
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Die Teilung des Meeres

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Die Teilung des Schilfmeeres - mit all ihrer besonderen Mächtigkeit - war nicht das einzige Ereignis der Spaltung von Gewässern. So etwas gab es nämlich auch beim Übergang des Volkes durch den Jordan zur Zeit Jehoschuas und bei den Propheten Elijahu und Elischa. Eine besondere Geschichte, erwähnt im Talmudtraktat Chulin (7a), behandelt ebenfalls die Teilung von Wasser, um einem Gerechten die Flußüberquerung zu ermöglichen, und daraus können wir einige wertvolle Erkenntnisse auch in Bezug auf die Teilung des Schilfmeeres gewinnen: "Einst ging Rabbi Pinchas ben Ja'ir zur Gefangenenauslösung, und als er auf den Fluß Ginaj stieß, sprach er zu ihm: Ginaj, teile mir dein Wasser, damit ich dich durchschreiten kann. Dieser erwiderte: Du gehst, um den Willen deines Schöpfers auszuüben, und ich fließe, um den Willen meines Schöpfers auszuüben; bei dir ist es zweifelhaft, ob du es vollbringen wirst oder nicht, ich aber vollbringe es entschieden. Jener sprach: Wenn du dich nicht teilest, verhänge ich über dich, daß nie Wasser durch dich fließe. Da teilte er sich". 

Eine harte Auseinandersetzung zwischen Rabbi Pinchas und dem Fluß. Der Fluß symbolisiert die Natur, die den Willen ihres Schöpfers in konstanter Weise und im Einklang mit den Naturgesetzen der sechs Schöpfungstage ausführt. Der Gerechte symbolisiert die Stufe über der Natur, die Macht des Menschen, der die Gebote in freier Willensentscheidung ausführt, und damit übertrifft er die Natur und strebt danach, das in den Engen der Natur gefangene Heilige auszulösen. Der Vorteil der Natur liegt in ihrer Stabilität. Der Fluß fließt und fließt ohn' Unterlaß. Der in der Natur bestehende Wasserzyklus führt ihm immer neues Wasser zu. "All die Flüsse gehen ins Meer, und doch wird das Meer nicht voll; an den Ort, wohin die Flüsse gehen, dorthin werden sie ferner gehen" (Prediger 1,7). Auch die Sproßkraft des Gartens (=Ginaj) ist stabil. Der Mensch hingegen kann nicht stabil genannt werden. Kein einziges Naturgesetz kann ihn zum Befolgen der Gebote zwingen, erst recht nicht zur besonderen Mühe der Überquerung von Flüssen zur Gefangenenauslösung. Darum sagte der Fluß zu Rabbi Pinchas: "bei dir ist es zweifelhaft, ob du es vollbringen wirst oder nicht, ich aber vollbringe es entschieden". Rabbi Pinchas gab eine scharfe und pointierte Antwort: Gerade die menschliche Entscheidungsfreiheit, die ihm ein Ausbrechen aus dem von der Natur gesetzten Rahmen und die Erhebung darüber ermöglicht, gibt ihm seinen Vorzug. Eine statische, von ehernen Naturgesetzen gefesselte Welt, die sich nirgend wohin entwickeln kann, hat keinen Wert. Die Existenzberechtigung der Welt rührt vom Menschen her, der im "Ebenbilde G~ttes" geschaffen wurde und den Rang des Über-Natürlichen in seiner Persönlichkeit ausleben kann, wodurch er die niedere Natur beugt. So heißt es im Talmud: "Der Heilige, gepriesen sei er, traf eine Vereinbarung mit dem Schöpfungswerke und sprach zu ihm: Nehmen die Israeliten die Tora an, so sollt ihr bestehen, wenn aber nicht, so verwandele ich euch wieder in Öde und Leere" (Schabbat 88a).

Ein Mensch, der wirklich auf der göttlichen Stufe des Über-Natürlichen lebt, vermag die Natur zu bezwingen und den strömenden Fluß zur Teilung zu bringen. Und nicht nur das: Er kann sogar seine Begleiter zu sich heraufbringen und das Über-Natürliche in ihrer Persönlichkeit offenlegen. "Mit ihm war ein Mann, der Weizen für das Pessachfest trug, er sprach weiter: Teile dich auch für diesen, denn er befaßt sich mit einer g~ttgefälligen Handlung. Auch ein Araber war in seiner Begleitung, und er sprach zu ihm: Teile dich auch für diesen, damit man nicht sage: So behandeln sie einen Reisegefährten! Da teilte er sich" (Chulin ebda.). 

Damit glich Rabbi Pinchas ben Ja'ir unserem Lehrer Moscheh und den Kindern Israels, denn auch vor jenen hielt das Meer nicht stand. "Als Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakovs von dem Volke fremder Zunge... Das Meer sah und floh, der Jordan wandte sich zurück" (Psalm 114, 1+3). Und warum das alles? Wegen des Ranges über-natürlicher Heiligkeit, der sich bei ihnen offenbarte, der ihre materielle Natur, und die der Welt, bezwingt. "Ward Jehuda zu seinem Heiligtume, Israel seine Herrschaft" (ebda.,V.2).

Doch die Geschichte von Rabbi Pinchas ben Ja'ir war damit noch nicht zuende. Der Talmud fährt fort und erzählt: "Hierauf kehrte er in ein Wirtshaus ein, wo man seinem Esel Gerste vorwarf, dieser aber sie nicht fraß; ... und er fraß sie auch nicht, nachdem man sie gereinigt hatte. Da sprach er zu ihnen: Vielleicht ist sie nicht verzehntet? Hierauf verzehntete man sie, und er fraß sie. Da sprach er: Dieses arme Vieh geht den Willen seines Schöpfers vollbringen, und ihr verabreicht ihm Unverzehntetes!" (Chulin 7a/b). Der Esel (Chamor) steht für die materielle (Chomer) Welt. Und siehe, auch der Esel erhebt sich über seine Natur und verweigert die Annahme unverzehnteter Gerste. Der Zehnt gehört nicht zur über-natürlichen Heiligkeit, sondern zur Heiligkeit, die in der Natur selbst verborgen ist. Der Bodenertrag des Landes Israels ist heilig, und diese Heiligkeit kommt im abzusondernden Zehnt zum Ausdruck. Dieser Teil der Geschichte schafft ein Gleichgewicht zum ersten Teil. Die Gerechten haben nicht zum Ziel, die Natur zu brechen, sondern die in ihr verborgene Heiligkeit zum Vorschein zu bringen. Es besteht kein abgrundtiefer Unterschied zwischen der Natur und dem, was sich darüber befindet, sondern nur eine Abstufung. Die Natur steht auf einer niederen Stufe und kann sich zu einer höheren Stufe erheben. Das ist die Überschrift dieser Talmudgeschichte: "Der Heilige, gepriesen sei er, läßt das Vieh der Frommen nicht zu einem Verstoße kommen" (Chulin 7a) - wie bei Rabbi Pinchas ben Ja'ir, so auch bei der Teilung des Schilfmeeres. Die Teilung des Meeres bedeutet einen absoluten Bruch mit der Natur, die vor dem Wunder zurückweicht. Auf innerer Ebene betrachtet sehen die Dinge jedoch anders aus. Nach der Spaltung des Meeres heißt es: "und das Meer kehrte beim Beginn des Morgens zurück zu seiner Strömung" (Ex. 14,27), nachdem es vollbracht war, kehrte die Natur exakt zu ihrem früheren Zustand zurück. Das Wunder sprengte die Natur nicht im geringsten, sondern offenbarte jene Vorbedingung, die in ihr seit den sechs Schöpfungstagen verborgen ruhte. 

"Wenn man zu dem erhabenen Verständnis gelangt von der vollkommenen Heiligkeit, die in der Natur - die in ihrem Innersten auch die über-natürliche Heiligkeit, die der Natur entgegensteht, umfaßt, hört der Widerstreit vollkommen auf. Die göttliche Eigenschaft des Richtens wird mit Duft durchsetzt, und alles neigt zu Gnade. Alle Kräfte des individuellen Menschen zeigen sich in ihrer erhabenen Feinheit, wie sie ihrer Natur nach sind, und siehe, sie sind heilig und befähigt zu allerhöchster Erhebung. Und das Licht, das drüber über der Natur, ist in ihnen für den Zeitpunkt aufbewahrt, wenn es benötigt wird, und der Mensch spürt in seinem Innern eine Freiheit von heiliger Lieblichkeit, 'man betrachte sich stets so, als befinde sich Heiliges in seinem Innern, denn es heißt: der Heilige wohnt in deiner Mitte'" (Rabbiner A.J.Kuk, Orot Hatechija §28; Ta'anit 11a/b; Hoschea 11,9).
 
 

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