DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 29,9-31,30):
Nach Schabbatausgang: Beginn der "Selichot"
vor dem täglichen Morgengebet bis Erew Jom Kippur [Minhag Aschkenas]
Nach der Lesung der schrecklichen Ermahnungen im vorigen Wochenabschnitt, Ki-Tawo, geht die Entwicklung mit der Prophezeiung der Erlösung im Abschnitt Nizawim zu Ende. "So wird der Ewige dein G~tt deine Gefangenen zurückführen und sich deiner erbarmen" (Dt. 30,3). Diese tröstende Prophezeiung beruhigt. Doch reicht es nicht, das Prinzip zu erfassen, wir müssen uns auch die Einzelheiten betrachten und die darin verborgene Bedeutung verstehen. Der Raschikommentar, die talmudischen Weisen zitierend, weist auf eine grammatikalische Merkwürdigkeit hin: "er hätte veheschiv (zurückführen, statt weschav, zurückkehren) schreiben müssen". Darauf gibt es zwei Antworten. Die eine bezieht sich auf das göttliche Eingreifen in den Prozess der Einsammlung der Verstreuten. Weiter bei Raschi: "Groß ist der Tag der Sammlung der Verbannten und schwierig, als ob Er selbst wörtlich mit Seinen Händen einen jeden an seinem Orte auflesen müsste; wie es heißt: ihr aber werdet einzeln aufgelesen, Kinder Israel (Jeschajahu 27,12)". Auf den ersten Blick reicht ein allgemeines Bestreben des Volkes zur Rückkehr nach seinem Land, um als Antrieb für die Erlösung zu dienen. Doch das ist alles graue Theorie. An den Maßstäben der Realität gemessen, erfüllt sich weitgehend an uns der Vers: "Wenn aber der Knecht spricht: Ich liebe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder [die Magd und ihre Kinder, die dem Dienstherrn gehören], ich mag nicht frei ausgehen" (Ex. 21,5). Auf jeden Juden, der nach Israel einwandert, kommen mehrere, die zwar die Absicht haben, aber nicht einwandern, und noch viel mehr, die noch nicht einmal die Absicht haben. Und selbst vor dem, der schon soweit ist und seine Absicht in die Praxis umsetzen möchte, türmen sich unüberwindliche Schwierigkeiten auf, sei es von seiten des Landes, das er verlassen will, sei es beim Eintritt in das gelobte Land. Es ist ein aktives göttliches Eingreifen erforderlich, um die Bewegung der Einsammlung der Verstreuten am Laufen zu halten: Mauern und Trennwände fallen zu lassen, den Willen zur Einwanderung auf direkten oder verschlungenen Wegen zu erwecken und den Erfolg des Vorgangs zu jeder Zeit und auf jeder Stufe sicherzustellen. Die zweite Antwort hat einen wesentlicheren Charakter. Raschi: "Unsere Lehrer entnehmen daraus, dass, wenn man so sagen könnte, die Schechina [die göttliche Präsenz] auf Israel auch in der Not seiner Verbannung ruht; und wenn Israel erlöst wird, schreibt der Ewige die Erlösung von sich selbst, dass er mit Israel zurückkehren werde (Megilla 29a)". Der Vers hat also folgende Bedeutung: "So wird der Ewige dein G~tt mit deinen Gefangenen zurückkehren...". Nur dass in diesem Moment eine "Bombe" hochgeht - Raschi: "Und auch bei den Verstreuten der übrigen Nationen fanden wir solches: Aber ich bringe zurück die Gefangenen Moaws (Jirmijahu 48,47)", und Ähnliches findet sich bei den Propheten auch über Ägypten und Ammon. Dazu fragte unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk: Wo bleibt da unser Jichuss [die besondere Abstammung]? Was ist denn schon besonders an der Erlösung Israels? Darauf antwortete der MaHaRal (der "hohe Rabbi Löw") aus Prag, und auf seinen Spuren Rabbiner Kuk: Die Aufteilung der Welt in Völker und Länder war nicht dem Zufall überlassen. Es gibt kein Volk ohne einen göttlichen Funken, der es am Leben erhält. Es gibt kein Volk, das nicht über ein bestimmtes Land verfügt, auf dem es seine Aufgabe in dieser Welt erfüllt. All dies gehört zum göttlichen Generalplan. "Gedenke der Tage der Urzeit, erwäget die Jahre vergangener Geschlechter... Da der Höchste den Völkern Besitz gab, da er abteilte die Menschensöhne, stellte er fest Grenzen der Stämme..." (Dt. 32,7-8). Der Zustand, wenn ein Volk nicht vereint und frei in seinem Land sitzt, ist kein normaler. Er widerspricht der natürlichen Ordnung, die G~tt in seiner Welt bestimmt hat. Darum muss jedes Volk in sein Land zurückkehren und den in ihm verborgenen göttlichen Funken zum Ausdruck bringen, die Bedeutung seiner Existenz. (Ausnahmen von dieser Regel sind Völker, deren ganze Aufgabe darin besteht, mit ihrer Gewaltsamkeit Israel auf den rechten Weg zurückzubringen. Darüber heißt es: "Sie haben mich ereifert durch Ungötter, mich gekränkt durch ihren Tand; so will ich sie ereifern durch ein Unvolk, durch nichtswürdiges Volk sie kränken", Dt. 32,21). So bedeutet die Rückkehr eines jeden Volkes in sein Land, aus dem es verbannt wurde, die Rückkehr des göttlichen Funkens an seinen Heimatort. Darum ist es richtig, "und ich bringe zurück die Gefangenen Ägyptens" (Jecheskel 29,14) und ähnliche Verse zu schreiben. Die Erlösung Israels liegt allerdings auf einer ganz anderen Ebene. Nicht als "einzelner göttlicher Funke" kehrt es in sein Land zurück, sondern als eine vollständige Realität des "Volkes G~ttes". Der Name G~ttes wird nur über der Rückkehr Israels in sein Land genannt. Nicht "und ich werde zurückkehren", ohne weiteres und anonym, sondern "So wird der Ewige dein G~tt deine Gefangenen zurückführen", oder "als der Ewige zurückführte die Weggeführten Zions" (Psalm 126,1, vor dem Tischgebet). Das Volk Israel ist kein Volk mit einer besonderen göttlichen Eigenschaft oder mit einer besonderen göttlichen Aufgabe. Das trifft nämlich für jedes Volk auf diesem Erdenrund zu. Das Volk Israel ist eine besondere Schöpfung als Volk, dessen ganze Bedeutung seiner Existenz und Inhalt seines Lebens darin besteht, das Volk G~ttes zu sein. "Das Volk, das ich mir gebildet, meinen Ruhm sollen sie erzählen" (Jeschajahu 43,21), "..ihr seid meine Zeugen, spricht der Ewige, und ich bin G~tt" (V.12). Darum kann jedes andere Volk auch dann existieren, wenn es Götzen dient und G~tt ignoriert. Und wenn andererseits die Verdorbenheit der Moral alle Maße übersteigt, verschwindet es von der Bildfläche der Weltgeschichte. Beim Volk Israel hingegen besteht eine vollkommene Überlappung von seiner Religion und seiner Nationalidentität. "Unsere Nation ist nur eine Nation durch ihre Lehren" (Rav Sa'adja Gaon). Es kann ein "sündiges Volk, schuldbelastete Nation" (Jeschajahu 1,4) sein, doch als Volk G~ttes besteht es immer weiter. Wenn es aber diese Last abwerfen und ein Volk wie alle anderen Völker sein will, hat es doch nicht die Möglichkeit der Auswahl, nicht es selbst oder überhaupt nicht zu sein. "Die Ewiglichkeit Israels wird nicht lügen" (Schmu'el I, 15,29). Freiwillig oder gezwungenermaßen, durch milde Leitung oder harte Schläge wird es zu sich selbst zurückkehren. So heißt es in der Prophezeiung Jecheskels (20.Kap.): "Und was ihr euch in den Sinn kommen lasset, das soll nicht geschehen; dass ihr sprechet: Wir wollen sein wie die Völker, wie die Geschlechter der (anderen) Länder... So wahr ich lebe, ist der Spruch G~ttes des Herrn, dass ich mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme und mit überströmendem Grimme über euch regieren will... Denn auf meinem heiligen Berge der Höhe Israels, spricht G~tt der Herr, dort soll das gesamte Haus Israel mir dienen in dem Lande; dort werde ich sie gnädig aufnehmen und dort werde ich nach euren Heben und den Erstlingen eurer Gaben von all euren Heiligtümern Verlangen tragen. Durch Wohlgerüche werde ich euch gnädig aufnehmen, wenn ich euch aus den Völkern herausgeführt und euch aus den Ländern gesammelt habe, wohin ihr zerstreut seid, und ich werde durch euch vor den Augen der Völker geheiligt werden. Und ihr sollt erkennen, dass ich der Ewige bin, wenn ich euch auf den Boden Israels bringe..." (32-33, 40-42). Das ist der tiefere Sinn
des Verses "So wird der Ewige dein G~tt deine Gefangenen zurückführen".
Wir bedauern sehr den gegenwärtigen Zustand der Ehelosigkeit in unserem Lande. Um das Problem zu lösen, muss man seinen Grund kennen. In Wirklichkeit gibt es viele Gründe, doch welches ist der Hauptgrund? Es scheint am wachsenden Individualismus zu liegen; der Mensch denkt zu sehr an sich selbst, er liebt sich selbst zu sehr. Natürlich darf man sich selbst lieben, denn schließlich heißt es ja: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Lev. 19,18) - ein Zeichen, dass man auch sich selbst lieben muss und nicht das große Geschenk verachten darf, das wir von G~tt erhielten, nämlich uns selbst. Aber nicht zu sehr! Man soll es mit der Eigenliebe nicht übertreiben! Man muss eine Menge Platz lassen für die Liebe zum Nächsten und zum Herrn der Welt. Die Ehe baut sicherlich auf die Nächstenliebe, eine große Liebe. Natürlich darf man auch hier nicht übertreiben und sich selbst verneinen, und ebenso nicht die Liebe in eine Besitzergreifung verwandeln, die den Partner nur als Objekt zur Verschaffung eines guten Gefühls ansieht. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard beschrieb in seinem "Tagebuch des Verführers" einen Menschen, der seinen Partner eigentlich gar nicht liebt, sondern nur eigenen Genuss und Erlebnis sucht. So ein Mensch wird natürlich niemals heiraten. Und wenn er doch heiraten sollte, wäre er arm dran, denn seine Frau würde doch nicht genau zu ihm passen. Und die Erlebnisempfindung wird mit der Zeit immer schwächer. Er ist eben ein Individualist, darum kann er sich nicht für das Geben begeistern. Aber fürs Erhalten um so mehr. An der Gebotserfüllung findet er keine Freude (siehe Maimonides am Ende der Gesetze von Lulaw und Sukka). Er spürt keine moralische Liebe des Dranges, seiner Ehefrau Gutes zu erweisen, nur Liebe des Genießens. Natürlich darf man erlaubten Genüssen nachgehen, und seine Ehe auf halb-Geben bauen - das macht ihn glücklich, denn dazu gehört auch halb-Bekommen - und so genießt er die Ehe. Bei extremen Fällen von Individualismus geraten wir in den Bereich von verabscheuungswürdigen Taten, wie z.B. jener, der sich als Partner einen anderen Mann sucht und behauptet: "So gefällt es mir, so bin ich eben, nehmt mich wie ich bin". Er schreibt auf seine Fahne: "Ich habe immer mich selbst vor Augen, ich habe immer meinen Genuss vor Augen". Diese Weltanschauung gehört zum Erbe der westlichen Kultur, einem Ableger der griechischen Kultur, die wiederum der vorzeitigen Vielgötterei entsprang. Der gemeinsame Nenner: Die Welt dient der Erfüllung der Genüsse. Wir jedoch, als Schüler unseres Lehrers Moscheh, sagen: Die Welt dient der Erfüllung der Pflichten (Messilat Jescharim, 1.Kap.). Die Pflichterfüllung erfüllt den Menschen mit Glück. Doch haben wir nicht behauptet, dass er seine Pflicht erfüllt, um glücklich zu sein, denn das nennt man "nicht um des Himmels Willen". Vielmehr tut er das Gute, weil es gut ist - und das macht ihn glücklich. Darum bedeutet die Ehe eine Erhebung des Menschen über sich selbst, über seine Genüsse, über seine Erlebnisse. Der verheiratete Mensch wird aus seinem engen individuellen Rahmen herausgehebelt, der ihn mit kleinlichen, billigen Sprüchen fesselt: "Ich muss mir selbst treu bleiben, mit mir zufrieden sein, das bin ich mir schuldig", usw. Der übertriebene Individualismus vergiftet unser ethisches Leben und stellt das größte Hindernis für ein glückliches Eheleben dar und für die Ehe überhaupt. Die Ehe bedeutet also die
Befreiung von übertriebenem Festhalten am eigenen Ich. So gewinnst
du gleich zwei Dinge auf dem Wege zur Ehe: Erstens einen Ehepartner, und
zweitens die Befreiung vom Individualismus. Welch ein Glück!
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von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Neu! Wir freuen uns,
zusätzlich zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines
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