DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
2. Schabbat Chanukka Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 41,1
- 44,17):
Chanukka ssame'ach!
Im Rahmen der Gesetze über das Anzünden der Schabbatlichter bringt der Talmud im Traktat Schabbat (2.Kap.) die Lehre über das Anzünden der Chanukkalichter, und stellt die beiden vergleichend einander gegenüber. Als einen der Unterschiede vermerkte Rav: "Die Dochte und Öle, von denen die Weisen gesagt haben, man dürfe sie am Schabbat nicht brennen, darf man an Chanukka brennen, einerlei, ob am Wochentage oder am Schabbat" (21b). Als Grund dafür gab er an: "Man brauche, wenn sie erlischt, sie nicht wieder anzuzünden, und man dürfe sich ihres Lichtes nicht bedienen" (ebda.). Warum darf man für das Schabbatlicht nicht alle Öle und Dochte benutzen? Diese Einschränkung erklärte Rabbiner A.J.Kuk unter spirituellen Aspekten in seinem Agada-Kommentar "Ejn Aja" zu dieser Talmudstelle: Der Schabbat ist ein Zeichen (ot) zwischen dem Heiligen, gelobt sei er, und der israelitischen Allgemeinheit, dabei symbolisiert das Schabbatlicht die jüdische Authentizität; das Öl symbolisiert die Tora, und die Dochte symbolisieren die Gebote, die beide vom Sinai an Israel übergeben wurden. Bei diesem Licht geht man keine Kompromisse ein, und darum darf man dafür nur erstklassige Öle und Dochte verwenden. Wir tragen nämlich die Verantwortung dafür, daß diese Lichter nach dem Anzünden auch weiterbrennen, mit klarem und hellem Schein - entsprechend gelang es dem jüdischen Volk, das Licht der Tora in allen seinen Lebenslagen und auf allen seinen Wegen zu wahren, und so erfüllte sich das Versprechen: "..denn sie wird nicht vergessen werden aus dem Munde seiner Nachkommen" (Dt. 31,21) im Volke Israel. In der langen Geschichte unseres Volkes gab es allerdings neben der Treue zur Tora und den Geboten auch häufig Berührungen von Teilen des Volkes mit der Kultur der Völker, deren fremdes, aber sich der Gunst der Stunde erfreuendes Gedankengut auf einen Teil des Volkes eine Anziehung ausübte. Auch wenn dieses Gedankengut nicht unbedingt negativ war, so handelte es sich dabei doch nur "um Annahmen und menschliche Herzensneigungen", deren Bekanntmachung und Verbreitung auch viele Juden anzogen. Damit standen die Weisen der Generationen vor dem Dilemma, wie man sich mit dieser Erscheinung auseinandersetzen sollte - entweder durch Ablehnung und Verdammung, oder, im Gegenteil, durch Aufzeigen von Ursprüngen in unseren Quellen. Nach den Erklärungen von Rabbiner Kuk über den Unterschied zwischen Schabbat- und Chanukkalichtern lernen wir, daß die Sicherstellung des Überlebens aller Teile unserer Nation aus der Hand G~ttes durch das Erwachsen von Toragelehrten in jeder Generation erfolgte, die es verstanden, das Licht der Tora auch mithilfe jener Ideen zu stärken, denen viele und gute Mitglieder unseres Volkes anhingen. Hätten wir jener Nachhut verkündet, es gäbe keine Möglichkeit, das Licht der Tora mit jenen Ideen in Einklang zu bringen, hätte dies bei den Willensschwachen unter ihnen zu einer Abwendung von G~ttes Tora und gänzlicher Assimilation unter den Völkern geführt. Darum verwenden wir auch nicht vollkommen klares und reines Öl, und auch Dochte, in denen es nur schwerlich aufsteigt, und leuchten damit das Licht der Stunde. Darin sehen wir die Symbolik der Chanukkalichter, die an die Begegnung des Volkes Israel mit der griechischen Kultur erinnern, deren Gedankengut, das dem menschlichen Geist entsprang, von außen ins Haus Israels eindrang, das aber nicht mit den Schabbatlichtern verglichen werden kann, die das ewige Licht Israels symbolisieren. Vielmehr erlauben wir das Zünden der zeitweiligen Lichter Chanukkas auch mit Ölen und Dochten, die nicht in angemessener Weise leuchten und die sich nur gedrungenermaßen mit den Geboten verbinden lassen. Doch trotz ihrer Eigenschaft, nur Lichter des Zeitgeistes zu sein, handelt es sich bei ihnen um heilige Lichter, mit denen G~tt in seiner Gnade einen Unterschlupf für viele seiner irrenden Kinder schuf, die dem Geiste ihrer Perioden anhingen, doch unter keinen Umständen können diese zeitweiligen Lichter einen vollgültigen Ersatz für das Licht der Tora bieten. Wenn wir versuchen wollten,
für diese Gedanken Rabbiner Kuks in unserer heutigen Zeit praktische
Anhaltspunkte zu finden, käme zum Beispiel der Sozialismus in den
Sinn, der seinerzeit viele jüdische Jugendliche in seinen Bann schlug,
und als Reaktion darauf erstanden viele der Weisen Israels, die jenen Jugendlichen
bewiesen, daß sie das Ziel ihrer Bestrebungen auch im eigenen Lager
erreichen können. Diese Rabbiner wollten verhindern, daß jene
Menschen ihrem Volk und ihrer Tora auf immer den Rücken kehrten. Nach
dem Sozialismus wurde die Demokratie zum Liebling der Öffentlichkeit,
wobei die Gewaltigen des Sozialismus von gestern zu den größten
Fürsprechern der Demokratie von heute wurden, der sie wie blind nachliefen,
wie vorher dem Sozialismus, ohne ihre Mängel zu erkennen. Um nun ihre
Vetreter nicht zu vergraulen, finden wir für sie gewisse Stützen
im Judentum, doch sind diese nur im Einklang mit den zwei Beschränkungen
für die Chanukkalichter zu verwenden: 1. "Wenn sie erlischt, ist sie
nicht wieder anzuzünden", d.h., wenn sie eines Tages durch eine andere
Ideologie ersetzt wird, an der die Öffentlichkeit nunmehr Gefallen
findet, brauchen wir sie nicht zu erhalten und ihr zu ihrem früheren
Glanz zu verhelfen, 2. "und man dürfe sich ihres Lichtes nicht bedienen",
man darf nur ihre guten Aspekte hervorheben und diese für den Zweck
der Stunde nutzen, ohne jedoch irgendein Gesetz oder Prinzip der Tora zu
beeinträchtigen.
Frage: Wie kann man behaupten, Herzl war ein göttlicher Gesandter zur Erneuerung der jüdischen Nation, er war doch vollkommen weltlich eingestellt?! Und noch schlimmer, alle seine Kinder ließen sich taufen, er selber plante auch den Übertritt, und wollte sogar alle Juden in einer großartigen Zeremonie dem Papst übergeben? Antwort: Erstmal stimmt es nicht, daß sich alle seine Kinder taufen ließen. Es stimmt allerdings, daß seine persönliche Lebensgeschichte von Tragödien durchsetzt ist. Seine erstgeborene Tochter starb an einer Überdosis Drogen. Sein Sohn wurde verrückt, ließ sich zwar taufen, kehrte aber wieder zur Synagoge zurück; man kann ihn nicht für seine Taten verantwortlich halten. - Seine jüngere Tochter kam in einem Vernichtungslager um, und ihr Sohn beging mit 25 Jahren Selbstmord. Herzl selber starb an Herzkrankheit, d.h. an Selbstaufopferung. Sein Herzspezialist warnte ihn: Wenn Sie so weitermachen, bestellen Sie schon mal die Chevra kadischa [Leichenbestatter] - doch er opferte sich auf. Herzl plante niemals den Übertritt zum Christentum. Er schilderte in seinem Tagebuch schwere Perioden von Krisen und Ratlosigkeit in seinem endlosen Schmerz wegen der Judenfrage. Mit großer Ehrlichkeit erklärte er bereits auf der ersten Seite: "Es gab vielleicht eine Zeit, wo ich ihr gern entwischt wäre, hinüber ins Christentum, irgendwohin". Doch fügte er sofort hinzu: "Jedenfalls waren das nur unbestimmte Wünsche einer jugendlichen Schwäche. Denn ich sage mir in der Ehrlichkeit dieser Aufschreibung... daß ich nie ernstlich daran dachte, mich zu taufen, oder meinen Namen zu ändern. Letzteres ist sogar durch eine Anekdote beglaubigt. Als ich in meinen blutigen Anfängen mit einem Manuskript zur Wiener 'Deutschen Wochenschrift' ging, riet mir Dr. Friedjung, einen weniger jüdischen Namen als Federnamen zu wählen. Ich lehnte das rundweg ab und sagte, daß ich den Namen meines Vaters weiter tragen wolle, und daß ich bereit sei, das Manuskript zurückzuziehen" (Tagebuch 5655/1895) - auch in den 49 Toren der Unreinheit Ägyptens änderten die Kinder Israels nicht ihre Namen. Während jener Periode war Herzl tödlich besorgt über den Antisemitismus, und während einer späteren Periode sah er mit Schrecken den Holocaust voraus - und ließ seiner Phantasie freien Lauf, Lösungen zu suchen, den Antisemitismus zu beenden, eine phantastischer als die andere. Im Jahre 5653/1893 spielte er mit dem Gedanken, sich an den Papst zu wenden und ihn dazu zu überreden, sich an die Spitze des Kampfes gegen den Antisemitismus zu stellen und ihm als Gegenleistung die gemeinschaftliche Konvertierung der Juden Wiens anzubieten; sich selbst schloß er natürlich nicht in diesem Angebot ein, auch nicht die Juden, die dem Glauben ihrer Väter treu geblieben waren. Vielmehr seien die Jugendlichen zu konvertieren - bevor sie es in höherem Alter aus Feigheit oder Streberei und im Verborgenen tun - und die Zeremonie habe am hellichten Tage zu erfolgen, würdevoll und vor aller Augen. Als guter dramatischer Schriftsteller wußte er das in allen Einzelheiten zu schildern. Man muß aber dazu wissen, daß Herzl sich niemals an die Verwirklichung dieser Ideen gemacht hat, und ohne sein Tagebuch wüßten wir überhaupt nichts von diesen Gedanken. In seiner moralischen Redlichkeit sah Herzl eine Notwendigkeit, diese verrückte Idee nicht zu verheimlichen, die er in wenigen Zeilen zu Anfang seines Tagebuches erwähnte (siehe auch das neue Buch des Herzl-Forschers Dr. Jizchak Weiss). Es zeugt allerdings von einem Mangel an Redlichkeit, über einen Menschen nur nach einem kurzen und aus dem Zusammenhang gerissenen Paragraphen aus tausenden von Seiten zu urteilen, den er zu Beginn seiner Laufbahn niederschrieb, vollkommen assimiliert und verwirrt, und ihn für seinen furchtbaren Schmerz über die Leiden der Nation zur Verantwortung zu ziehen (siehe Baba mezia S.58). Darüberhinaus ist es überhaupt verboten, einem Menschen seine frühen Irrtümer vorzuhalten, von denen er sich längst abgewendet hat, denn im weiteren Verlauf seines Lebens finden wir nicht den geringsten Hinweis auf einen Plan oder nur einen Gedanken in diese Richtung. Dabei handelt es sich um das Toraverbot der Kränkung (ebda.). Schließlich hat er selber davon in aller Bescheidenheit erzählt. Doch all dies berührt gar nicht die eigentliche Frage, denn wer will dem Herrn der Welt Vorschriften machen, wen er als seinen Gesandten verwenden darf. G~tt kann sich für seine Aufgaben sowohl einen Juden als auch einen Nichtjuden erwählen, einen gerechten oder einen bösen Juden. Hatte G~tt doch seinerzeit die Juden durch König Koresch erlöst, einen Götzendiener, der am Ende die Wohltaten rückgängig machte und verdarb (Rosch Haschana 3b/4a). Und über ihn heißt es: "So spricht der Ewige von seinem Gesalbten, von Koresch" (Jeschajahu 45,1); natürlich war er nicht der Gesalbte, doch hatte er einen messianischen Funken in sich - "das Licht des Maschiach funkelte im Verborgenen" (Rabbiner A.J.Kuk, Ma'amarej Hara'aja S.171). So auch bei Herzl: "..erhebt das Banner der nationalen Wiedererstehung" (Igrot Hara'aja Nr.294), "..der mit seinem Geiste die nationale Fahne erhob" (Nr.296), "es war in ihm ein messianischer Funke" (Ma'amarej Hara'aja S.94ff.). Wir können nicht für
den Herrn der Welt entscheiden, wie er seine Kinder errettet. Das sind
Dinge, die wir erst wissen werden, wenn sie tatsächlich stattfinden
(siehe Maimonides, Gesetze von Königen und Kriegen, 12,2), oder wie
der Erlöser auszusehen habe (siehe Neziw "Ha'emek Dawar" zu
Ex. 4,1). Vielmehr seien wir froh und dankbar für alles Gute, das
G~tt uns angedeien läßt.
Weitere Kommentare
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