DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 12,1-17,27):
"Durch zehn Prüfungen wurde unser Vater Awraham geprüft" (Mischna "Sprüche der Väter" 5.Kap.) - welchen Zielen dienen die Prüfungen? Die talmudischen Weisen gaben dazu (im Midrasch Bereschit raba, 32,3) einige Beispiele: "Sagte Rabbi Jonatan: Dieser Töpfer prüft keine schäbigen Krüge, die schon auf den ersten Schlag zerbrechen, sondern er prüft stabile Krüge, die selbst mehrere Schläge aushalten und nicht zerbrechen, und genauso prüft der Ewige nicht die Bösewichte, sondern die Gerechten, wie es heißt: der Ewige prüft den Gerechten (Psalm 11,5). Sagte Rabbi Jossi ben Chanina: Jener Flachshändler, der weiß, daß sein Flachs gut ist, wird ihn durch weiteres Dreschen verbessern und je mehr er ihn klopft, desto wertvoller wird er, aber schlechten Flachs wird er gar nicht dreschen, da er sich sofort spaltet. So prüft der Ewige nicht die Bösewichte, sondern die Gerechten - der Ewige prüft den Gerechten. Sagte Rabbi Elasar: Ein Hausherr hatte zwei Kühe, eine kräftige und eine schmächtige, auf welche wird er das Joch legen, doch wohl auf die kräftige; so prüft G~tt keinen anderen als den Gerechten - der Ewige prüft den Gerechten". (55,3) "Etwas anderes: der Ewige prüft den Gerechten - das ist Awraham..., und es prüfte G~tt den Awraham (Gen. 22,1)". Nach diesem Midrasch verfolgt die Prüfung mehrere Ziele, nämlich die Charakterfestigung des Geprüften (Dreschen des Flachses) und die Bekanntmachung des Geprüften (durch Klopfen auf den Krug); so war es bei Awraham - diese Prüfungen sollten ihn festigen, wie Rabbiner Naftali Z.J. Berlin in seinem Kommentar Ha'Emek Dawar schrieb: "Der Mensch hat in seinem Inneren die Fähigkeit zu erhabenen Taten, doch solange der Mensch diese Aktivitäten nicht vom Potential in die Tat umsetzt, schlägt diese Kraft bei ihm keine Wurzeln, darum verursacht ihm der Heilige, gelobt sei er, Prüfungen, und dadurch wird er gestärkt und verwirklicht sein Potential, und diese Kraft wird dadurch in ihm verwurzelt. So erhob G~tt die seelische Kraft unseres Vorvaters Awraham mithilfe dieser Tat (der Bindung Jizchaks), und mit der Verwurzelung dieser Kraft in der Seele Awrahams erhielt sich diese Tat über die Generationen". Entsprechend sollte die Prüfung "Gehe [dir] aus deinem Lande" (Gen. 12,1) Awraham international bekannt machen, wie es im Midrasch heißt: "Womit kann man unseren Vorvater Awraham vergleichen? Mit einer Schale Afarssemon, von einem Band umwunden, die in einer Ecke abgestellt wurde und keinen Duft ausströmte; wenn man sie aber umhertrug, strömte sie ihren Duft aus. So sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Awraham: Begebe dich von Ort zu Ort, und dein Name werde größer in der Welt" (Jalkut Schimoni, Lech lecha §62). Daneben verfolgten Awrahams Prüfungen erzieherische Ziele. Die Prüfung sollte Awraham auf den rechten Platz weisen, z.B. die Prüfung "Gehe [dir] aus deinem Lande", die meistens mit der Schwierigkeit der Trennung erklärt wird, der Trennung vom Vaterhaus, von der gesellschaftlichen Umgebung, von Verwandten und Freunden und die Übersiedlung in ein fremdes, unbekanntes Land. Die talmudischen Weisen erklärten diesen Vers jedoch anders, denn damals wie heute überstanden und überstehen viele Menschen von weit geringerem Status als Awraham solche Prüfungen mit Erfolg, so wie Leute, die zum religiösen Lebenswandel zurückkehren, oder Neueinwanderer, wie es im Buche Ruth heißt: "..daß du verlassen deinen Vater und deine Mutter und dein Geburtsland, und gegangen zu einem Volke, das du nicht gekannt gestern und ehegestern" (2,11). Darüberhinaus verließ Awraham seine Heimat ja nicht alleine, sondern mit seiner Familie, dazu "die Seelen, die sie erwarben in Charan" (Gen. 12,5) - nach Maimonides (Gesetze vom Götzendienst, 1.Kap.) handelte es sich dabei um Zehntausende. Darum erklärten die Weisen diese Prüfung, sie sollte Awraham lehren, die göttliche Weisung auch dann genauestens zu befolgen, wenn sie dem äußeren Anschein nach den gesellschaftlichen Moral-Normen zuwiderläuft und manchmal sogar an die Entheiligung des göttlichen Namens grenzt: "Weil Awraham fürchtete und sprach: Ich werde fortziehen, und dann wird man an mir den göttlichen Namen entheiligen und sagen: Er ließ seinen Vater zurück und ging fort in dessem Greisenalter, da sprach der Heilige, gelobt sei er, zu ihm: Gehe dir, ich befreie dich vom Gebot der Ehrung von Vater und Mutter; aber andere befreie ich nicht vom Gebot der Ehrung von Vater und Mutter" (Bereschit raba 39,7). Natürlich kannte unser Vorvater Awraham das Gesetz, mit dem der Schulchan Aruch beginnt: "...und man geniere sich nicht vor Leuten, die über einen bei seinem Dienst an G~tt lästern", denn genau deswegen wurde Awraham "der Hebräer" (Ha-Iwri) genannt. Den Hintergrund nennt der Midrasch Psikta rabati: "Was bedeutet Ha-Iwri? Die ganze Welt auf der einen Seite (ewer), und er auf der anderen Seite, und er liebte den Heiligen, gelobt sei er, und diente ihm; darum nannte ihn der Heilige, gelobt sei er, Iwri". Bei dieser Prüfung geriet er allerdings in ein Dilemma zwischen zwei Geboten, einerseits die "Ehrung von Vater und Mutter", und andererseits der direkte göttliche Befehl. Awraham befürchtete, daß die Befolgung des direkten Befehls zu einer Entheiligung des göttlichen Namens führen würde. Wir geraten häufig in Situationen, in denen einem die Befolgung der Gebote als Verletzung der Menschenwürde ausgelegt wird, z.B. wenn ein Mann einer fremden Frau nicht die hingehaltene Hand drücken will, oder ähnliches. Hier lernte Awraham, daß man dem göttlichen Gebot auch in solchen Fällen folgen und seine Gefühle zurückstellen muß, um Tätigkeiten auszuführen, die dem Anschein nach den Idealen und spirituellen Werten widersprechen, von denen wir soviel reden. Gleiches gilt auch für
die Prüfung der Beschneidung, bei der es nicht darum ging, ob Awraham
womöglich vor den damit verbundenen Schmerzen zurückschreckte,
denn auch Geringere als Awraham nehmen im Erwachsenenalter die Beschneidung
vor (wie z.B. die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion usw.). Vielmehr
erzeugte das Gebot der Beschneidung in Awraham die Befürchtung, wenn
er sich von den Menschen in seiner Umgebung unterscheide, könnte es
seinen Versuchen hinderlich sein, diese unter die Schwingen der göttlichen
Präsenz zu bringen. Darum ging er, sich mit seinem Freund Mamre zu
beraten, wie es im Raschikommentar zum Vers (Gen. 18,1) heißt: "Und
es erschien ihm der Ewige im Haine von Mamre - er hatte ihm zugeraten,
die Beschneidung auszuführen". Fragte Rabbiner A.J. Kuk in seinem
Buche "Midbar Schur": Wie kann es angehen, daß Awraham am
Befehl des Schöpfers Zweifel hegte und sich beraten ging, ob er ihn
erfüllen soll? Vielmehr überlegte er, vielleicht handele es sich
hierbei um einen Fall, wo man zur Erfüllung der Tora ein Gebot
übertreten sollte, und dazu sagte ihm sein Freund Mamre: Versuche
nicht, schlauer als G~tt zu sein; du tust, was G~tt dir befiehlt, und die
Sorge um die Annäherung der Torafernen überlasse G~tt. - Auch
bei dieser Prüfung gibt es eine Lehre für spätere Generationen,
nämlich auf welche Weise sich unsere Beziehungen zu Torafernen zu
gestalten haben; trotz unseres Bestrebens nach Einigkeit müssen wir
unsere Einzigartigkeit bewahren und sie nicht verwischen lassen.
Mit dem Segensspruch (Bracha) "Höre unsere Stimme" endet die Serie der Bitten. Das Schmone-Esre Gebet ist nämlich in drei Teile geteilt: Drei Anfangsbrachot, drei Schlußbrachot, und in der Mitte zwölf bzw. dreizehn Bitt-Segenssprüche, die den Hauptteil des Gebetes stellen. Das ist überhaupt der Zweck des Gebetes - die Bitte um Erfüllung unserer Bedürfnisse von G~tt. Im Gegensatz zu den anderen Segenssprüchen, in denen wir um etwas Spezifisches bitten, z.B. "begnade den Menschen mit Erkenntnis", die Bitte um Erkenntnis, "Führe uns zurück", die Bitte um bußfertige Umkehr, danach Verzeihung, Erlösung, Heilung usw., erbitten wir in "Höre unsere Stimme" von G~tt bloß, daß er unsere Stimme erhöre, ohne genauer zu erklären, was wir eigentlich wollen. Das verlangt natürlich nach einer Begründung, besonders im Lichte der Tatsache, daß die rabbinischen Autoritäten diese Bracha zum Schwerpunkt der Bitten im Gebet erklärten. Manchmal hat der Mensch nichts, um darum zu bitten. Er kann nur seine Stimme hören lassen. "Höre unsere Stimme, Ewiger, unser G~tt", wir bitten gar nicht darum, daß er unsere Bitte erhöre, denn manchmal haben wir nichts zu erbitten. Das ist eigenlich seltsam, denn alle Tage dieser Welt gibt es immer etwas zu erbitten. Am Ende der Tage allerdings, wenn die Weltgeschichte abgeschlossen wird und alle unsere Bitten in Erfüllung gegangen sein werden, dann werden wir nichts mehr von G~tt zu erbitten haben. Dann aber könnten wir in Gefahr geraten, das große Geschenk des Gebetes zu verlieren, die direkte Beziehung, das unmittelbare Gespräch der Geschöpfe mit dem Schöpfer. Das also ist unsere Bitte - daß auch, wenn schon alle Bitten erfüllt wurden, uns auch in der kommenden Zukunft die Möglichkeit des Gebetes offensteht. Auch nach dem Wiederaufbau Jerusalems, nach der Ankunft des Maschiach aus dem Hause Davids, nach der Wiederauferstehung der Toten wird G~tt weiterhin unsere Gebete erhören. In der Bitte wird es dann um die Beseitigung des mangelhaften Zustandes unserer Unterscheidung von der göttlichen Unendlichkeit gehen, gelobt sei sie. Die Existenz eines Abstandes zwischen Geschöpf und Schöpfer an sich bietet genug Grund zum Gebet, besonders in Anbetracht der Tatsache, daß das Gebet alle Welten verbessert. "Der Dienst [an G~tt] ist ein Bedürfnis des Hohen" - sozusagen ein Bedürfnis G~ttes, darum darf man mit den Gebeten nicht aufhören, auch wenn alle Bitten bereits erfüllt wurden. Doch bis dahin gehört die Bitte "Höre unsere Stimme" auch in unsere Welt, wir bitten von G~tt, unsere Stimme unter allen Umständen anzuhören. Möge das Gespräch unserer Lippen vor Dir aufsteigen, als ob wir alle dazu würdigen Absichten im Sinn hatten, vielleicht konzentrierte der Beter nicht genug seine Gedanken mit ausreichender Kraft, oder richtete sie nichteinmal gen Himmel, oder brachte seine Bitten nicht in reiner Absicht vor. Die religionsgesetzlichen Autoritäten fügten hinzu, daß man im Rahmen dieses Segensspruches individuelle Wünsche vorbringen darf, die im Gebet sonst nicht speziell erwähnt werden. Das ist allerdings verwunderlich - warum sollte man nicht auch zwischen den anderen Segenssprüchen private Wünsche äußern dürfen?! Aus dem einfachen Grunde, solange sich der Mensch noch nicht durch das Gebet zu echter jüdischer Nächstenliebe aufgeschwungen hat, zur Liebe des Aufbaus Jerusalems, zum Verständnis der Entweihung des göttlichen Namens durch einen Mangel an Heilung, einen Mangel an Vergebung und einen Mangel an Erkenntnis - kann es sein, daß seine private Bitte im Gegensatz zum Wohle der Allgemeinheit steht. Nachdem wir aber bei der Bracha "Höre unsere Stimme" anlangten, sind wir genug erzogen, und dann befindet sich unser Wille im Einklang mit der Allgemeinheit - unsere privaten Bitten werden dem Wohl der Allgemeinheit nicht entgegenstehen. bogrey34
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
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