DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Ex. 30,11 - 34,35):
Schabbat
Para
Wollte Moscheh G~tt sehen? Wußte er denn nicht, daß G~tt "nicht die Gestalt eines Körpers oder irgendeine Körperlichkeit hat" ("Jigdal", die 13 Glaubensartikel)? Und warum antwortete G~tt ihm: "denn mich schauet kein Mensch und bleibt leben" (Ex. 33,20), als ob man ihn nach dem Leben sehen könnte? Hätte er nicht lieber antworten sollen, es gäbe da nichts zu sehen? Mit diesem Problem setzten sich die Geistesgrößen Israels über die Jahrhunderte auseinander. Wir wollen uns an zwei von ihnen halten: Von den Früheren - Rav Saadja Gaon (spiritueller Führer der babylonischen Judenheit vor etwa 1100 Jahren), und von den Späteren - Rabbiner David Hakohen, genannt "der Nasir" (aus der vorigen Generation). Folgendes schrieb Rav Saadja Gaon: "Schon verwirrte die Angelegenheit von unserem Lehrer Moscheh einige Leute, wie er G~tt denn bat: Laß mich doch sehen deine Herrlichkeit! (Ex. 33,18), und seine Antwort verwirrte sie noch mehr: Du vermagst nicht, mein Angesicht zu schauen, denn mich schauet kein Mensch und bleibt leben, und verdoppelte wiederum die Verwirrung mit dem Ausspruch: und du siehst meinen Rücken; aber mein Angesicht kann nicht gesehen werden (Ex. 33,23)". Dazu antwortete er: "G~tt hat ein Glanzlicht, das er seinen Propheten zeigt... und wenn er es einem von ihnen zeigt, sagt jener: Ich sah die Ehre G~ttes. Und ein anderer würde sagen: Ich sah G~tt..." (Emunot veDeot, II,12). Wenn sich demnach G~tt einem Propheten offenbaren will, schafft er Licht. Dieses Licht ist nicht die G~ttheit selbst, und auch keine Verkörperlichung, g~ttbehüte. Es ist eine Schöpfung, so wie die Sonne und das von ihr ausgehende Licht Schöpfungen sind. Entsprechend wollte Moscheh sicher nicht G~tt selbst sehen, sondern seine Ehre. Seine Ehre ist nicht er selbst, sondern wie etwas Umgebendes. Man könnte es mit der Kleidung des Menschen vergleichen, die nicht ein Teil von ihm ist, sondern nur seine äußere Umhüllung, die seinen Körper verbirgt. In Wirklichkeit ist auch der Körper des Menschen nicht er selbst, sondern nur die äußere Umhüllung, deren genaue Beobachtung Aufschlüsse über den Charakter gibt. Mithilfe dieses Lichtes, das der Prophet sieht, und der Formen, die dadurch sichtbar werden, deutet G~tt Dinge an, die sich nicht sehen oder fassen lassen. Das Licht und das Erleuchtete bedeuten nichts anderes als ein Gleichnis, das auf noch andere Dinge hinweist, wie es heißt: "Siehe, da steht er hinter unserer Wand, schauend durch die Fenster, lugend durch die Gitter" (Hohelied 2,9). (Es gibt unter den Tannaiten - den Weisen zur Zeit der Mischna - einige die erklärten, dieses Lichte lasse sich auf der "Lebensbrücke" (zwischen Leben und Tod) sehen, was eine gewisse Stütze bietet für die Aussagen von Leuten, die bereits auf dieser Brücke waren und wieder ins irdische Leben zurückkehrten). In diesem Sinne erklärte Rav Saadja Gaon zu unserem Wochenabschnitt: "Wenn sie aber dieses Licht schauen, können sie nicht direkt hineinsehen... und unser Lehrer Moscheh bat G~tt, er möge ihn stärken, damit er in dieses Licht schauen könne. Und er antwortete: Der Anfang dieses Lichtes ist gewaltig, du kannst es nicht sehen und nicht hineinschauen, damit du nicht stirbst, doch er bedeckte ihn (mit einer Wolke)... bis der Anfang dieses Lichtes vorüber war... wie er sagte: und werde meine Hand über dich decken, bis ich vorübergegangen (33,22). Und als der Anfang des Lichtes vorüber war, öffnete er vor Moscheh die Verdeckung, damit er das Ende (des Lichtes) schauen konnte, wie er sagte: dann will ich meine Hand wegtun, und du siehst meinen Rücken". Und am Ende schrieb er: "Aber den Schöpfer selber kann kein Mensch schauen, denn das gehört zu den unmöglichen Dingen". Das sind die Wege der Prophetie.
Der Prophet sieht das göttliche "Licht der Ehre", darinnen Formen,
wie z.B. bei Jeschajahu (6,1): "sah ich den Herrn sitzen auf hohem und
erhabenem Throne". Diese Erscheinungen sollen nicht G~tt selbst beschreiben,
sondern uns über seine Lenkung zu jener Stunde belehren. Darum sehen
verschiedene Propheten unterschiedliche Gestalten zu unterschiedlichen
Zeiten, wie es der Autor des "Schir HaKavod" (wird meist zum Abschluß
des Schabbatmorgen-G~ttesdienstes gesungen) so trefflich schilderte:
Rabbiner David Hakohen lenkte
unsere Aufmerksamkeit in einem Vortrag zu diesem Thema auf die Onkelos-Übersetzung.
Onkelos erklärte nicht wie Rav Saadja Gaon, "Angesicht" sei der Anfang
des Lichtes, und "Rücken" eine spätere Stufe, sondern "siehe,
was bereits hinter mir", und "was noch vor mir liegt, ist nicht zu sehen".
Aus diesen Worten geht hervor, daß man nur die Vergangenheit kennen
kann, nicht aber die Zukunft. Moscheh wollte die "Ma'asse Merkava"
verstehen (siehe Beginn des Buches Jecheskel), d.h. die göttliche
Weltlenkung im Verlaufe der gesamten Menschheitsgeschichte, so wie ein
Wagen ("Merkava"), der von einem Punkte abfährt und sich auf einen
anderen Punkt, das Ziel, zubewegt. Und G~tt antwortete, das Geheimnis der
Lenkung lasse sich verstehen: Man kann die Vergangenheit betrachten; die
Zukunft jedoch läßt sich nicht genau voraussehen.
Frage: Häufig finde ich mich am Rand der Verzweiflung. Ich versuche ehrlich und bemühe mich, mein Wesen und meine Taten zu ändern, aber ich schaffe es nicht. Ich denke an meine Vergangenheit, und es wird mir schwarz vor Augen, ich schaue in die Zukunft, und wenn ich mit mir ehrlich bin, realistisch gesehen, habe ich keine Hoffnung. Schon so viele Male habe ich den Tag mit guten Vorsätzen begonnen, nur um sofort wieder abzusacken. Heute bin ich erstmal okay, aber ich glaube nicht, daß ich durchhalten kann. Wofür soll ich mich also anstrengen? Antwort: Sie haben selber die Antwort gegeben: "Heute"! Der Herr der Welt verlangt von Ihnen nicht, Ihre gesamte Zukunft auf einmal ins Lot zu bringen, sondern nur heute, "heute - wenn ihr gehorchet seiner Stimme" (Psalm 95,7). Heute. Nur heute. Es gibt solch eine Methode, Süchtigen zu helfen - man verlange von ihnen nicht die vollständige Abkehr, sondern nur heute. Und über morgen reden wir, wenn es soweit ist. Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) erklärte das folgendermaßen: "Die Weisen sagten: Kehre einen Tag vor deinem Tode (zum Ewigen) zurück (Mischna "Sprüche der Väter", 2.Kap.). Und als seine Schüler Rabbi Elieser fragten, wie man denn wisse, an welchem Tag man sterben wird, sagte er: Kehre also erst recht heute zurück, vielleicht stirbst du morgen (Schabbat 153a). Warum sagen sie dann nicht einfach: Der Mensch kehre jeden Tag zum Ewigen zurück?! Vielmehr ist das nicht die gleiche Umkehr, wenn der Mensch sich auf ein langes Leben einstellt, denn dann muß er die Gegenwart auf die Zukunft ausrichten, damit er nicht wieder scheitert. Als Resultat spürt er auf seinen Schultern ein großes Joch, und er gibt es auf, umzukehren, denn wer weiß, welche Versuchungen ihn noch erwarten" (Midbar Schur). Darum sagen wir ihm: Plane nur für den nächsten Tag. "Denn einen Tag wird es ihm leicht fallen, seinem Trieb und den Versuchungen zu widerstehen, selbst wenn er sich g~ttbehüte das Böse angewöhnt hatte, und danach erstärke er sich einen weiteren Tag, bis es ihm zur Gewohnheit wird, dem rechten Wege zu folgen" (ebda., S.68-69). Das ist das Geheimnis des Konzentrierens. Nicht verzetteln! Konzentrieren Sie sich auf die heutige Tat und den heutigen Tag. Machen Sie sich allerdings darauf gefaßt, daß Sie Ihr ganzes Leben lang um die gleichen Ziele kämpfen müssen. Auch unsere Armee kämpft mit großer Opferbereitschaft seit Staatsgründung gegen die Feinde, und es gibt immer noch Feinde. Doch so erfüllt unsere Armee ihre Aufgabe, und sie verdient dafür jedes Lob. Das Buch "Tanja" (eines der Hauptwerke des Begründers des Lubawitsch-Chassidismus) wurde für die "Durchschnittlichen" geschrieben, die ihr ganzes Leben lang gegen den bösen Trieb kämpfen, und mit G~ttes Hilfe besiegen sie ihn durch Tat, Wort und Gedanken. Es gibt eine alte griechische Fabel über eine frustrierende Strafe, auf ewig ein löcheriges Faß mit Wasser füllen zu müssen, das so nie voll wird. Bei den talmudischen Weisen gibt es ein ähnliches Gleichnis, nur ist dort vom Lernen und Vergessen die Rede, worüber man sich nicht zu sehr bekümmern sollte, so wie der, der das löcherige Faß füllen soll, denn er bekommt Lohn für jeden Eimer, den er ins Faß leert. Mit anderen Worten: "Der Mühe entspricht der Lohn" (Mischna "Sprüche der Väter", Ende des 5.Kap.). Dem Herrn der Welt geht es nicht um das Erreichte, er beurteilt den Menschen nicht nach dem Ergebnis, sondern nach der Anstrengung, nach der Nutzung seiner seelischen Kräfte. Nicht alle Menschen auf diesem Erdenrund gehen mit den gleichen Voraussetzungen an den Start und kämpfen nicht unter denselben Bedingungen. Darum beurteilt man sie nicht nach dem Ergebnis, sondern nach ihrem Einsatz. "Vielleicht aber sagst du: ich tue viel, er aber wenig, so haben wir gelernt: ob man viel oder wenig tut, wenn man nur sein Herz auf den Himmel richtet" (Brachot 17a). Ferner schrieb Rabbiner Kuk (Acht Sammlungen, VIII, 36): "Falle nicht unser Herz in unserem Inneren, wenn wir uns nach langjähriger Mühe am Beginn der Forderungen von denselben Inhalten finden, an denen wir so sehr gearbeitet hatten und ihren Schwerpunkt bewegten", (will sagen: wir haben uns mit den Randerscheinungen beschäftigt), "und in Beziehung auf die Moral und die Neigung der Natur", (grundsätzliche Dinge der guten Eigenschaften) "stehen wir hier manchmal auf jenem winzigen Standpunkt" (verblieben wir klein) "bis wir unsere Krummheit begradigen müssen mit jener ganzen Beschleunigung wie zu Anfang unserer Schritte auf dem Felde der Ethik" (wir benötigen während des ganzen Lebens die gleiche Anstrengung zur Überwindung einfacher ethischer Probleme, d.h. wir kommen nicht voran). "Nach alledem wissen wir, daß unsere Mühe nicht umsonst war, großen Reichtum schuf unser Geist bei seiner Mühe", (wir gewinnen allein durch die Anstrengung), "und die Verdunkelung, die uns befällt nach langen und vielfältigen Vorgängen", (die so sehr enttäuschende Tatsache, daß wir nach so viel Arbeit immer noch im Finstern stecken) "kommt nur dazu daher, um uns den geebneten Lebensweg zu lehren" (diese Mühe soll uns lehren, was G~tt von uns will), "damit wir immer, auch im fortgeschrittenen und im Greisenalter, mit unseren geistigen Kräften gerüstet dastehen, zur Arbeit und zur Last" (unser ganzes Leben lang werden wir uns unentweg bemühen, wie jene "Schriftgelehrten, die keine Ruhe haben"/Ende Traktat Brachot), "und werden nicht ein einziges Mal sagen, wir hätten unsere Pflicht erfüllt" (wir haben kein bestimmtes Pensum zu schaffen, etwa nach dem Motto: Wenn wir fertig sind, gehn wir nach Hause...). "Unser allgemeines Ziel besteht
nicht darin, ein bestimmtes, bekanntes Maß zu erreichen" (G~tt hat
uns keinen bestimmten Zielpunkt gewiesen), "sondern uns zu erheben, und
immer weiter und höher zu gehen. Und wenn irgendeine Trägheit
daherkommt, uns abzuschrecken, und unsere Hände vom Werke sinken zu
lassen" (wenn uns die Neigung zur Faulheit übermannt), "erscheint
sofort die trübsinnige Dunkelheit und macht uns vor, die Mühen
der Vergangenheit trugen keine Früchte, und als ob wir uns im Zustand
der Armut und der Depression befänden, wie in den ersten Tagen zu
Beginn unserer Arbeit" (als vorbeugendes Heilmittel kommt das deprimierende
Gefühl des Verharrens am Platze, nicht um uns g~ttbehüte zur
Verzweiflung zu treiben, sondern um uns auf unser Werk auszurichten und
uns an unsere ständige Auseinandersetzung zu erinnern), "damit wir
wissen, daß wir nicht zum Erwerb bestimmter Summen geistiger Güter
aufgerufen sind, sondern Werke zu mehren, und zu schaffen. Glücklich
der Mensch, der G~tt fürchtet, der seine Gebote hochschätzt,
die Gebote und nicht den Lohn für die Gebote. Und nachdem wir aus
ganzem Herzen auch den verdunkelnden Übergang auf uns nehmen, werden
uns alte und neue Lichter leuchten - der Ewige ist mein Licht und mein
Heil, vor wem soll ich mich fürchten? (Psalm 27,1)".
Weitere Kommentare
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