DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 16,1-18,32):
Wer kennt nicht die Mischna aus den "Sprüchen der Väter" (5,17), die sich auf unseren Wochenabschnitt bezieht: "Jeder Streit (Machloket), der im Namen des Himmels geführt wird, wird am Ende bestehen, und wenn nicht im Namen des Himmels, wird am Ende nicht bestehen. Welcher ist ein Streit im Namen des Himmels? Das ist der Streit von Hillel und Schammai; und nicht im Namen des Himmels - das ist der Streit von Korach und seiner Rotte". Die nähere Betrachtung dieser Mischna wirft einige Fragen auf: 1. Was ist ein "Streit"? 2. Was bedeutet "im Namen des Himmels"? 3. "wird am Ende bestehen" - geht der Streit etwa immer weiter? Kann das stimmen? Oder: "Jeder Streit, der im Namen des Himmels geführt wird, wird am Ende als Streit bestehen bleiben"? Wie? Wir sind doch gewohnt, über einen Streit als etwas Schlechtes zu denken und zu reden, etwas, vor dem man Reißaus nehmen sollte, um sich vielmehr an sein Gegenteil, den Frieden, zu halten? 4. Der in der Mischna als Beispiel für einen "Streit nicht im Namen des Himmels" genannte Fall ist unklar - "der Streit von Korach und seiner Rotte", das ist doch unlogisch, denn Korach und seine Rotte waren auf derselben Seite des Streites, und es hätte eigentlich heißen müssen: "der Streit von Korach und Moscheh"? Zum Verständnis der Mischna müssen wir sie in ihre "Einzelteile" zerlegen. Fangen wir mit dem Begriff "Streit" (Machloket) an. Machloket geht aus dem Wortstamm chelek ("Teil") hervor. Unsere Welt ist aus vielen Teilen zusammengesetzt. Unendlich viele Einzelheiten finden sich in unserer Welt, seien es Einzelheiten in Verbindung mit der Natur, seien es Einzelheiten in Verbindung mit der Geschichte. Das ist das Wesen unserer Welt - eine Welt aus vielen, vielen Teilen, wobei jedes Teil seinen eigenen besonderen Charakter vorweist, den es zur Geltung bringen muß, um seine Aufgabe zu erfüllen. Darum erschrecken wir nicht und meiden ihn nicht, den "Streit der Teile", denn darin liegt das Wesen unserer Welt, der Welt der Teile, doch unter einer Bedingung - daß dieser Streit "im Namen des Himmels" geführt wird. "Im Namen" der Absicht, mit dem "Himmel" als Ziel. Doch was ist mit "Himmel" (Schamajim) gemeint? Erklären die talmudischen Weisen: schamajim = esch (Feuer) + majim (Wasser). Die Bedeutung: Unterschiedliche Teile, unterschiedliche Kräfte in der Wirklichkeit, die gegeneinander, sogar umgekehrt wirken. Die extremsten Kräfte in ihrer Gegensätzlichkeit sind Feuer und Wasser. Wo Wasser ist, gibt es kein Feuer, und wo Feuer ist, gibt es kein Wasser, doch alle Kräfte haben den gleichen, einigenden Ursprung, der alles umschließt, der alles in konzentrierter Form enthält: die "Welt des Himmels"... entsprechend ein "Streit im Namen des Himmels", wenn jedes Teil weiß, daß sein Ursprung und der Ursprung aller anderen Teile derselbe ist, und jedes Teil seine eigenständige Bedeutung und seine Aufgabe im großen Puzzle hat, in dem sich alle einander ergänzen und das große Bild ergeben, das eine - dieser "Streit" bleibt ein Streit, er bleibt am Ende bestehen. Denn am Ende der Weltgeschichte, wenn die Welt ihren perfekten Zustand erreicht hat, repräsentiert jedes Teil seinen eigenen Wert im Gesamtbild, das aus allen Einzelteilen zusammen gebaut ist. Dieser "Streit", in dem kein Teil das andere gering schätzt oder es sogar auszuschalten versucht, sondern im Gegenteil mit allen seinen Eigenschaften zur Geltung kommt und dies auch von allen anderen Teilen erwartet, das ist ein "Streit im Namen des Himmels", und nur durch ihn erreicht die Welt ihr Ziel. Wenn aber g~ttbehüte
der Streit nicht im Namen des Himmels geführt wird, wenn ein Teil
"nicht verstehen will", "nicht kennen" oder seinen eigenen Wert nicht seinem
Stellenwert entsprechend einschätzen will, sondern sich für ein
"größeres Teil" hält und zum Kampfe gegen die anderen Teile
antritt, obwohl auch diese zum Gelingen der Welt benötigt werden,
"wird er am Ende nicht bestehen". Denn wenn die Welt am Ende an ihr Ziel
gelangt und jedem Teil sein wirklicher und genauer Platz zufällt,
wird jedes auf Kosten anderer "aufgeblasene" Teil auf seine natürliche
und wahre Größe zurecht gestutzt. Genau das will uns die Mischna
lehren: Ein Streit, der nicht im Namen des Himmels geführt wird, ist
ein Streit, in dem ein Teil, eine Seite des Streites - in der Welt der
Teile sich für das Ganze hält, ohne den anderen Teilen Platz
zu lassen, genau wie Korach und seine Rotte, die Moscheh keinen Platz lassen
wollten. Das wird als negatives Beispiel durch den Ausdruck hervorgehoben:
"der Streit von Korach und seiner Rotte", und nicht: "der Streit von Korach
und Moscheh". Wollen wir uns bemühen, unsere Streite "im Namen des
Himmels" zu führen, und möge es uns vergönnt sein, am Ende
alle Teile bestehen zu sehen...
"Demokratie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet Herrschaft des Volkes. Genau genommen, Herrschaft der Mehrheit des Volkes. Es gibt nämlich keine praktische Möglichkeit, daß alle zu hundertprozentiger Übereinstimmung gelangten. Allgemein wird angenommen, daß die erste Demokratie vor etwa 2300 Jahren in Athen bestand. In Wirklichkeit existierte die Idee der Mehrheitsherrschaft damals schon mindestens tausend Jahre lang. Der Vers "Folge der Mehrheit" (Ex. 23,2) bestimmte das demokratische Prinzip lange Zeit vor Athen. Diese Halacha (Religionsgesetz) bezog sich zwar ursprünglich auf das Bet Din (Rabbinergericht), doch die Weisen legten sie auch auf andere Bereiche an, wie Kaschrut und das öffentliche Leben. Es besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied zwischen der Demokratie, die auf menschliche Ursprünge zurück geht, und dem Folgen der Mehrheit, das aus der Tora stammt. Bei der ersteren bestimmt der Mensch die Grundwerte. Wenn aber ein Widerspruch zwischen der Demokratie und den Grundwerten aufkommt, steckt der Mensch in der Zwickmühle, welchem Wert den Vorzug zu geben, und es kann durchaus passieren, daß er die Demokratie anderen Werten wie z.B.Ethik und Gerechtigkeit vorzieht. Bei der tora-orientierten Anschauung gilt die Demokratie als Gebot der Tora, und diese ist es auch, die die Rangfolge der Werte festlegt. Sie kann nicht von einer Mehrheit geändert werden. "Folge nicht der Menge zum Bösen" (ebda.), bei bösen Zielen hat die Mehrheit keine Entscheidungskraft. Nach der menschlichen Betrachtungsweise erscheint die Mehrheitsentscheidung als gerechter, und man könnte zu der Meinung gelangen, sie sei auch wahrhaftiger. Aus dem Blickwinkel der Tora bedeutet ein Folgen der Mehrheit nicht unbedingt garantierte Wahrheit. Vielmehr hat es die höhere Weisheit so bestimmt. Der menschliche Verstand neigt dieser Methode zwar zu, sie braucht aber deswegen noch nicht gerechter oder wahrer zu sein. Die Mehrheit kann keine Zweifel ausräumen. Der Zweifel bleibt Zweifel, auch nach einer Mehrheitsentscheidung. In bestimmter Hinsicht hat die Mehrheit, gerade weil sie die Mehrheit ist, unrecht. Die Mehrheit, besonders wenn sie auf der Menge beruht, geht zu Lasten der Qualität und damit automatisch zu Lasten der Wahrheit. Damit eine bestimmte Meinung von der Menge akzeptiert wird, muß sie in vielen Fällen ein niedriges Niveau vorweisen und an den Geschmack der Massen appellieren. Manchmal wird die Mehrheit von Demagogen beeinflußt; "versprich ihr Brot und Spiele, und sie folgt dir wie ein Lamm". Unser Volk hat reiche Erfahrung mit diesem schmerzlichen Thema. Mit eigenen Augen sahen wir finstere Zeiten in Europa, wie Wahnsinnige von ihren Völkern zur Macht erhoben wurden, wie die Menge gegen die Juden aufgehetzt wurde, um vom Versagen der Herrschaft abzulenken. Schon Rabbiner Sa'adja Gaon schrieb in seinem Werk "Emunot veDeot", es gebe auf der Welt viel mehr Glasschmuck als echte Diamanten. Die Menge ist groß, der Wert ist gering. Auf einer höheren Ebene gelangen wir zum Streit zwischen den Lehrhäusern von Schammai und Hillel, welche Mehrheit entscheidet: die Mehrheit der Quantität, oder die Mehrheit der Qualität? Es gibt eine Aussage, wonach in der kommenden Zukunft das Gesetz nach dem Lehrhaus von Schammai entschieden wird. Das bedeutet, wenn sich die Welt mit dem Wissen um G~tt gefüllt hat, wird man die Qualität mehr zu schätzen wissen als die Quantität. Momentan leben wir allerdings noch im Zeichen der Menge. Nicht weil die Menge die Wahrheit hervorbringt, sondern zum Wohle der öffentlichen Ordnung. Menge läßt sich messen, Qualität läßt sich nicht messen. Zur Wahrung der öffentlichen Ordnung muß man einen genau bestimmbaren und unerschütterlichen Maßstab festlegen können. In der Zwischenzeit haben wir keine andere Wahl, als der Mehrheit zu folgen, gemeinsam mit der Erkenntnis, daß dies nicht immer zu wahren und gerechten Entscheidungen führt. Mit der Mehrheit wird also das Verhalten im Namen der öffentlichen Ordnung bestimmt, doch dient sie nicht der Wahrheitsfindung. Die Minderheit braucht in ihren Ansichten nicht der Mehrheit zu folgen. Sie muß sich zwar in der Praxis der Mehrheit beugen, braucht ihr aber nicht zuzustimmen. Sie hat das Recht, und sogar die Pflicht, weiter für die Richtigkeit ihres Weges zu kämpfen, natürlich im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten. Das Recht und vielleicht auch die Pflicht der Minderheit besteht darin, zugunsten von Wahrheit und Gerechtigkeit zu protestieren, zu alarmieren und zu warnen, denn die Mehrheit hat ja nicht unbedingt recht. Gleichzeitig jedoch muß die Minderheit ihr Haupt senken und in Demut die Oberhand der Mehrheit akzeptieren - im Bereiche der praktischen Ausführung. Da nun die Mehrheit auf das Bet Din zurück geht, wäre es angebracht, wenn die Entscheidungsbefugten so objektiv wie möglich vorgehen, eben so wie ein Bet Din. Eine an Interessen ausgerichtete Mehrheit ist sicher keine gerechte Mehrheit. Sie hat kein Recht, die Minderheit mit Füßen zu treten und mit seiner Macht die Minderheit auszunutzen. Häufig besteht die Minderheit aus Idealisten, daher eher objektiver und auf lange Sicht planend, während die Mehrheit eher ihren Interessen folgt und den dazu nützlichen Abwägungen, was zu einer eher kurzfristigen Ausrichtung führt. Manche religionsgesetzlichen Kapazitäten entschieden, daß so einer Mehrheit die nötige Autorität fehle. Dennoch, zum Wohle der öffentlichen Ordnung, muß dieser wichtige Punkt übergangen werden. Es gibt keine andere Wahl als sich zeitweilig der Macht der Mehrheit zu beugen, um sich danach wieder aufzurichten. Wenn es dann eines Tages zu einer besseren Entscheidung kommt - "gelobt sei er, der die Gebeugten aufrichtet" (Morgengebet). MJ286
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
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