DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Lev. 21,1-24,23):
Sonntag: Lag Ba'omer
Am Ende unseres Wochenabschnittes werden im Verlaufe des göttlichen Klärungsprozesses bezüglich des G~tteslästerers verschiedene Gesetze von Geld- und Schädigungsangelegenheiten behandelt. "Wer den Namen des Ewigen in Lästerung ausspricht, soll getötet werden... Wenn einer irgend einen Menschen erschlägt, soll er getötet werden... Wer ein Tier erschlägt, muß es bezahlen" (Lev. 24, 16-18). Was verbindet diese so unterschiedlichen Themen? Ganz sicher begeht der Gotteslästerer ein schweres Vergehen und verdient entsprechende Bestrafung. Daneben gilt es sich zu vergegenwärtigen, daß auch die Verletzung eines Menschen ein schwerwiegendes Vergehen darstellt. Selbst die Schädigung des Eigentums des Nächsten ist eine sehr ernste Angelegenheit. Alles hat entsprechend seiner Rangstufe sein Für und Wider. Die Lästerung ist das Gegenteil der Hingabe zum Göttlichen, der Liebe zu G~tt, aber auch die Vermeidung der Schädigung des Nächsten ist eine nicht gering zu achtende Eigenschaft. Das Christentum schätzte die rechtlichen Dinge gering. Sein Hauptakteur spottete dem Gesetz. Sie schrieben großartige Schlagworte der Frömmigkeit auf ihre Fahnen, ihr Herz jedoch galt nicht den kleinen, einfachen und doch so fundamentalen Regelungen der Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Nächsten. Demgegenüber sagen wir, daß auch den Nächsten nicht zu schädigen zur Frömmigkeit gehört. Die talmudischen Weisen behandeln die Frage, wie man sich verhalten muß, um als Frommer zu gelten, und geben drei Antworten: "Rabbi Jehuda sagte: Wer ein Frommer sein will, halte die Gesetze von den Schädigungen. Rava sagte: Die Vorschriften [des Traktates Sprüche] der Väter. Manche sagen, die Vorschriften [des Traktates] von den Segenssprüchen" (Baba Kama 30a). Der MaHaRaL ["Der Hohe Rabbi Löw" von Prag, Löwe Jehuda ben Bezalel, lebte vor etwa 400 Jahren] teilte die genannten Fälle in drei Kategorien: 1) Frömmigkeit zwischen Mensch und G~tt - Segenssprüche, 2) Frömmigkeit in der Festigung des eigenen Charakters - "Sprüche der Väter", 3) Frömmigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen - Gesetze der Schädigungen (aus dem Vorwort zu "Derech Chaim"). Der Talmud führt weitere Beispiele für vorsichtiges Verhalten der Weisen als Vorbild an: "Die früheren Frommen pflegten ihre Dornen und ihre Scherben auf ihren Feldern zu verstecken; sie vergruben sie drei Handbreiten tief, damit sie dem Pflug nicht hinderlich seien. Raw Scheschet pflegte sie ins Feuer zu werfen; Rava pflegte sie in den Tigris zu werfen". Zwischenmenschliche Beziehungen ernst genommen! Wer schädigt, muß zahlen. Der Mensch ist für seine Taten verantwortlich. So ist er geboren, frei und verantwortlich. Wenn er etwas zerstört, muß er es reparieren. Das ist keine Kleinlichkeit, sondern höchste Moralität - was du zerstörst, bringe wieder in Ordnung. Rabbi Levi ben Gerschon [RaLbaG, "Gersonides", hervorragender Bibelerklärer, Philosoph, Mathematiker und Astronom, lebte vor ca. 700 Jahren in Südfrankreich] sah die Geschichte vom Gotteslästerer nicht als einen Ausnahmefall, sondern als Lehrbeispiel für eine allgemeine Regel, die uns mitteilt, daß alle Gebote den Menschen zur Aufrichtigkeit, dem Streben nach G~tt und zur Anhänglichkeit an G~tt erziehen sollen. Der Gotteslästerer verdient eine so schwere Strafe, weil sein Verhalten in vollständigem Gegensatz zum Bestreben aller Gebote steht. Die Justiz der Tora ist keine einfache weltliche, praktische Rechtsprechung; und die Vorsicht, nicht zu schädigen, nicht nur eine nützliche gesellschaftliche Angelegenheit - sondern auch Ausdruck höchster G~ttverbundenheit. [aus: Tal Chermon]
Im Buch "Pele Jo'ez" ("Der Wunderbare Ratgeber" von Rabbiner Eli'eser Papo) ist mehrfach die Rede von Geboten (Mitzwot), die "Glück haben", und von anderen, die "kein Glück haben", "wieviel Geld geben manche Leute dafür her, daß man sie beim Gebet den Toraschrank öffnen läßt, oder um bei einer Beschneidung als Sandak [der das Baby bei der Zeremonie hält] fungieren zu dürfen, oder für ähnliche Ehrenämter, obwohl es sich bei diesen Dingen weder um ein Gebot der Tora noch um eine talmudische Weisung handelt, sondern um eine gewöhnliche Gebotsverschönerung. Jedesmal aber, wenn er auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, erfüllt er eine bedeutende Mitzwa der Tora, und die Einfaltspinsel mißachten dies und werden dann bestraft". Vor unserem religiösen Bewußtsein gibt es Handlungen, die uns besonders spirituell erscheinen, und wer sie ausführt, gilt als himmelsfürchtig, und wiederum andere Handlungen mit weniger spirituellem Glanz, die dem Ausführenden kaum den Rang eines Gerechten verschaffen. Je seltsamer uns eine Handlung vorkommt und je weniger im Einklang mit rationaler Denkweise, desto göttlicher erscheint sie in unseren Augen und umso mehr G~ttesnähe verspricht sie, wohingegen eine simple logische Tat offenbar wenig mit Heiligkeit zu tun hat. Aus diesem Grunde erscheint Jom Kippur in den Augen der Öffentlichkeit wichtiger als der Schabbat, obwohl, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Heiligkeit des Schabbat die des Jom Kippur übertrifft. So kommt es, daß jemand, der sich an Pessach vor gebrockter Matze und allen Arten Hülsenfrüchten hütet und sich an Sukkot extra teure und erstklassige Lulaw, Etrog, Myrthen und Bachweiden besorgt, als besonders sorgfältig bei der Gebotsausübung gilt. Einem anderen aber, der seinen Angestellten immer pünktlich ihren Lohn zahlt und der seine Geschäfte in Redlichkeit führt, wird darum nicht unbedingt besondere Himmelsfurcht nachgesagt. Anscheinend gehört das Gebot "Hütet sehr eure Seelen" (Dt. 4,15), von dem der Talmud die Pflicht des Menschen ableitet, sich vor Gefahren zu schützen (Brachot 32b), in ganz extremer Weise zu den "glücklosen" Geboten. Es fällt uns schwer, das Meiden ungesunder Nahrungsmittel mit G~ttesfurcht in Verbindung zu bringen, bis daß wir bei einem Manne, der einen voluminösen Bauch vor sich herträgt, keinen Mangel an Himmelsfurcht feststellen, wenn er nur seinen Kopf mit Talmud- und Torastudium gefüllt hat. Wir können uns noch schwerer vorstellen, daß die Vorsicht im Straßenverkehr und das Befolgen der Verkehrsregeln zur obersten Kategorie des Dienstes an G~tt gehören. Unsere Toleranz ist schnell am Ende, wenn wir einem religiösen Menschen begegnen, der unflätige Worte benutzt und grobes Verhalten an den Tag legt, doch sehen wir keinen Widerspruch zwischen Himmelsfurcht und Menschenleben gefährdender Fahrweise, schließlich ist ein weißer Mittelstreifen nicht dasselbe wie weißes (Schweine-)Fleisch... In Wirklichkeit beinhaltet das Thema der Sicherheit im Straßenverkehr eine schier unendliche Fülle von Möglichkeiten des Dienstes an G~tt. An erster Stelle steht das rechte Verhältnis zum Leben. Ein tieferes Verständnis von der wirklichen Heiligkeit des Lebens wird es dem Menschen nicht ermöglichen, sein Leben und das Leben anderer zu gefährden. Das Bewußtsein über das Pfand, das in unsere Hände gegeben, unsere reine Seele, erlaubt dem Menschen nicht, dieses Pfand für ein vergängliches Gefühl seinem Herrn zurückzureichen. Je deutlicher der Mensch des Ebenbildes in seinem Innern und der Aufgabe gewahr wird, die er in seiner Welt zu erfüllen hat, wird er umso vorsichtiger fahren, und weil alle um ihn herum auf den Wegen ein ähnliches Pfand in ihrem Inneren tragen, darf er keinen Leichtsinn walten lassen. Genauigkeit bei den Geboten und Fahrlässigkeit im Umgang mit Menschenleben bedeuten einen Widerspruch! Die Tora nimmt die Tötung, selbst die fahrlässige, sicher nicht auf die leichte Schulter. Wer fahrlässig und ohne böse Absicht den Tod seines Nächsten verursacht, wird von der Tora dennoch "Mörder" geheißen, und der "Bluträcher" hat das Recht, ihn zu töten, und vielleicht sogar die Pflicht, falls er seine Zufluchtsstadt verläßt. Wenn das Gesetz schon bei Totschlag mit solcher Strenge greift, wie erst bei Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit, die an Absicht grenzt, was auf unseren Straßen häufig vorkommt. Das Verhalten auf den Wegen steht in direkter Verbindung mit der Arbeit an den eigenen Charaktereigenschaften. Demut und Stolz, Angst und Mut lenken das Leben zu Gnade oder Recht; Wetteifer und Nachgiebigkeit, Gnade und Begierde entscheiden über Leben und Tod. Es gibt wohl kaum etwas besseres als die langen Stunden, die wir auf dem Wege verbringen, uns in Wahrheit und Vollkommenheit zur Arbeit an unseren Charaktereigenschaften anzuhalten. Eine solche Betrachtungsweise unserer Begegnung mit der Straße verleiht dem manchmal sehr anstrengenden Wege Wert und erfüllt ihn mit Tätigkeit und Leben. Eine unverantwortliche Fahrweise bedeutet demnach eine fundamentale Glaubenslücke und einen absoluten Mangel bei den Charaktereigenschaften! Solange noch nicht das Bewußtsein, daß gefährliche Fahrweise und Himmelsfurcht nicht unter einen Hut passen, in der breiten Öffentlichkeit Fuß gefaßt hat, müssen einfachere Hilfsmittel zur Anwendung kommen. Die Polizei richtet ihre Maßnahmen auf die Furcht vor Strafe aus, und wir, als Gesellschaft, müssen für ein Umfeld sorgen, das ein Blutbad unmöglich macht. Die talmudischen Weisen maßen dem positiven gesellschaftlichen Druck großen Wert zu. Rabbi Jochanan ben Sakkai segnete seine Schüler: "Möge es der himmlische Wille sein, daß eure Himmelsfurcht die Furcht vor Fleisch und Blut übertreffe... Wisset, wenn ein Mensch eine Sünde begeht, sagt er: Daß mich bloß kein Mensch dabei sieht..." (Brachot 28b). Rabbi Amram Chassida rettete sich vor der Sünde, weil er sich vor seinen Schülern genierte (Kiduschin 81a). Wir sind nicht besser als unsere frühen Weisen. Hier und jetzt müssen wir eine Atmosphäre schaffen, in der sich ein Mensch einfach schämt, wie ein Wilder zu fahren, oder zugeben zu müssen, eine bestimmte Strecke in besonders kurzer Zeit bewältigt zu haben. Wir müssen eine neue Werteordnung schaffen, in der jemand, der striktere Maßstäbe bei Lebensgefahr anlegt und einen ausgeglichenen und höflichen Fahrstil pflegt, frommer gilt als jemand, der auf anderen religionsgesetzlichen Gebieten die strengeren Regeln befolgt, denn die Anweisung "..daß er lebe durch sie" (Lev. 18,5) erstreckt sich auf alle Gebote der Tora, ausgenommen drei besonders schwere Verbote. Wir müssen dahin gehend erziehen, daß echte Himmelsfurcht im Fahrverhalten zum Ausdruck kommt. "Der dich traf auf dem Wege...
du aber warst matt und müde - und fürchtetest G~tt nicht" (Dt.
25,18; die Rede ist ursprünglich vom Überfall Amaleks auf die
Kinder Israels).
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
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Lichterzünden/Schabbatausgang
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