DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Dt. 1,1-3,22):
9. Aw Dienstag
- Fasttag zum Gedenken an die Tempelzerstörung "Tischa Be'Aw"
Unser Lehrer Moscheh bereitet das Volk auf den Eintritt in das Land Israel vor. "Wendet euch und brechet auf, dass ihr zum Gebirge des Emoriter kommet... in der Ebene, im Gebirge und in der Niederung, im Negev und an der Meeresküste... bis zum großen Strome, dem Strome Frat" (Dt. 1,7). Es ist aber noch etwas bei diesem Wege erforderlich: die Einrichtung einer geordneten Justiz. "Obere über Tausende und Obere über Hunderte, und Obere über Fünfzig und Obere über Zehn", und zur Vollstreckung "Beamte für eure Stämme" (V.15). Die Aufstellung eines Rechtssystems allein reicht nicht. Neutralität und Ausgewogenheit müssen gewährleistet sein. "Verhöret eure Brüder, und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder und seinem Fremdling. Ihr sollt kein Ansehen erkennen im Gericht; wie den Kleinen, so den Großen sollt ihr hören. Fürchtet euch vor niemand, denn das Gericht ist G~ttes" (V.16-17). Erst nach der Einrichtung eines ordentlichen Rechtsystems wird die große Reise nach dem Lande Israel wieder aufgenommen. Die Art und Weise, in der Moscheh Rabenu über die Aufstellung des Gerichtswesens mitten auf der Reise erzählt, ist keineswegs zufällig, sondern hat Prinzip. Auch im Wochenabschnitt "Schoftim" ist die Rede von der Einrichtung des Rechtswesens im Lande Israel, wo es gleichfalls heißt: "Richter und Beamte sollst du dir setzen in all deinen Toren, die der Ewige dein G~tt dir gibt, nach deinen Stämmen" (Dt. 16,18). Und auch dort werden wir zu Neutralität und Ausgewogenheit angehalten: "..und sie sollen das Volk richten, ein gerechtes Gericht. Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst kein Ansehen kennen und nicht Bestechung nehmen" (V.18-19). Am Ende heißt es dort ausdrücklich: "Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, auf dass du lebest und einnehmest das Land" (V.20). Es besteht demnach eine enge Verbindung zwischen einer gerechten Justiz und der Einnahme des Landes. Darauf wiesen bereits die talmudische Weisen hin, die vom Raschikommentar zitiert werden: "Die Einsetzung von frommen Richtern ist so verdienstlich, dass sie Israel am Leben erhält und es in seinem Lande wohnen lässt" (Sifre zu Vers 20). Auch die Vision Jeschajahus, der über die Tempelzerstörung prophezeite, verknüpft die Beugung des Rechtes mit der Zerstörung des Landes. Er verlangt: "Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, befriedigt, dem Gewalt geschehen, sprechet Recht der Waise, führet den Streit der Witwe" (1,17). Dadurch gelangt er zum Ausruf: "Wie ist zur Buhlerin geworden die bewährte Stadt! sie, voll von Recht, Gerechtigkeit wohnte darin, und jetzt Mordgierige!!!..." (1,21). Im Monat Aw vor zwei Jahren, einige Tage, nachdem wir diesen Wochenabschnitt und diese Haftara gelesen hatten, standen wir in der Zentralsynagoge von Newe Dekalim (Gusch Katif/Gasastreifen), am Ende von zwei furchtbaren Tagen der Vertreibung der Einwohner dieser Siedlung. Mit Tränen in den Augen - wie konnte das passieren? "Wie sitzt einsam die Stadt, die volkreiche, ist einer Witwe gleich geworden... Sie weint in der Nacht, ihre Tränen bleiben auf ihren Wangen, niemand tröstet sie von all ihren Freunden, all ihre Vertrauten sind ihr treulos geworden, wurden ihre Feinde!" (Klagelieder 1,1-2). Die Straßen der Siedlung sind menschenleer. "Die Wege Zions trauern, weil niemand zum Feste kommt, all ihre Tore sind öde, ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen wimmern, und sie - ihr ist so weh!" (1,4). Und das Herz ruft aus: Wozu?! Warum?! "Warum ist das Land zu Grunde gerichtet, verödet wie eine Wüste, leer von Wanderern?" (Jirmijahu 9,11). Und vom Herzen zum Munde: "Deine Fürsten Unbändige und Diebesgesellen, allzumal Bestechung liebend und jagend nach Bezahlung; der Waise sprechen sie kein Recht, und der Streit der Witwe kommt nicht zu ihnen" (Jes. 1,23)! Wo bleibt die Gerechtigkeit? Was ist mit dem Gesetz? Wie ist es möglich, an Brüdern, Pionieren, solche Schandtaten auszuüben?! Wie ist es möglich, Witwen und Waisen aus ihrem Hause zu reißen und das Grab ihres Vaters gleich mit dazu? Wir haben keine Antwort auf
diese Frage. Die Wege G~ttes sind vor uns verborgen. "Es ist kein Prophet
mehr da, und keiner mit uns, der wüsste: wie lange?" (Psalm 74,9).
Wir werden die Geschehnisse nie zu erklären wissen. Wir müssen
aber, gestützt auf die Erfahrungen der Vergangenheit, in die Zukunft
schauen. Für den Aufbau des Landes Israel reicht es nicht, nur Häuser
zu bauen. Es reicht nicht, Bäume zu pflanzen. Es reicht nicht, eine
blühende Landwirtschaft und eine umsatzstarke Industrie zu betreiben.
Man muss auch für eine gerechte Gesellschaft sorgen - nicht nur in
unserem privaten Hause drinnen, und nicht nur in wunderbaren lokalen Gemeinden,
sondern im ganzen nationalen Hause. Das Land Israel wird nicht aufgebaut
ohne den gleichzeitigen Aufbau einer gut funktionierenden Gerichtsbarkeit,
die für die tätliche Umsetzung der Worte G~ttes ins gesellschaftliche
Leben sorgt. So wie es der Prophet Jeschajahu in seiner Vision vorhersah:
Das Buch "Jad haktana" (Kommentar zu Maimonides' Gesetzeswerk) bringt eine sensationelle Neuerung: Ein "Streit um des Himmels Willen" ist verboten (Sittenlehren 10.Kap.)! Das ist erstaunlich, erwähnt doch die Mischna "Sprüche der Väter" ausdrücklich den Streit zwischen den Lehrhäusern von Schammai und Hillel als positives Musterbeispiel für einen "Streit um des Himmels Willen", im Gegensatz zum Streit von Korach und seiner Rotte als Streit mit unhimmlischen Beweggründen! Der Grund lautet wie folgt: Jeder wird natürlich steif und fest behaupten, sein Streit [über die richtige Auslegung der Tora] sei von der ersteren Sorte! Hat jemand etwa schon irgendeinen gesehen, der einen Streit führt und sagt: "Ich gebe ehrlich zu, mein Streit ist nicht um Himmels Willen"?! Der Mensch betrügt sich immer selbst, nicht nur andere, dass er seinen Torastreit aus ungetrübten Beweggründen führt. Er ist sich nicht einmal bewusst, dass seine Beweggründe von bestimmten Interessen beeinflusst werden. Man muss sich doch einmal ehrlich fragen, wie konnte es passieren, dass sich so ein Weiser ersten Ranges, ein Gerechter von heiliger Inspiration, auf einen so hässlichen Streit mit zwei heiligen Menschen wie Moscheh und Aharon einlassen konnte? Sicher gehörte er nicht zu jenen, denen es nur um Rang und Würde geht. Vielmehr, erklärte "Jad haktana", betrog Korach sich selbst, sprach von der Ehre G~ttes und der Ehre des Volkes und behauptete: "..denn die ganze Gemeinde sind lauter Heilige, denn unter ihnen ist der Ewige, und warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen?" (Num. 16,3). In Wahrheit rührte sich in ihm ein kleiner Funke Ehrgeiz, so klein und verborgen, dass er ihm nicht bewusst war, und daraufhin geriet er durcheinander und hielt das Böse für gut. Unser Lehrer Moscheh erkannte das Problem sofort und erwiderte Korach: "Höret doch, ihr Söhne Levi! Ist es euch zu wenig, dass der G~tt Israels euch abgesondert hat von der Gemeinde Israels, euch ihm nahe zu bringen... Hat er dich und all deine Brüder, die Söhne Levis mit dir, sich nahe gebracht, dass ihr auch nach dem Priestertum trachtet?" (Num. 16,8-10). Was hat diese Antwort mit der Behauptung Korachs zu tun, die göttliche Heiligkeit umfasse das ganze Volk Israel? Vielmehr sagte ihm Moscheh: Wenn du dich wirklich um die Besonderheit der israelitischen Allgemeinheit sorgst, über die man sich nicht aufschwingen dürfe - warum hast du das nicht gleich gesagt, als du und dein Stamm ausgewählt wurdet? Erkenne also, dass sich hinter deiner großartigen Ideologie persönliche Motive verbergen. Korachs Herz war aber schon verleitet, und so hörte er nicht hin. Darum stürzte er in sein Unglück. Und die Moral von der Geschichte: Wenn sich jemand für etwas begeistert und dafür in den Streit sozusagen um Himmels Willen zieht, sollte er sich vorher hundertmal selbst prüfen, ob da nicht noch andere Dinge mitspielen. Über einen Knessetabgeordneten wird erzählt, dass er sich mit aller Macht an seinen Sitz klammerte und behauptete, das sei "um des Himmels Willen". Sicher, sagte man ihm, wie geschrieben steht: "Der Himmel ist mein Sitz" (Jeschajahu 66,1)... Damit bleibt nur noch die Frage zu klären, wie unsere talmudischen Weisen den Streit zwischen Hillel und Schammai als "Streit um des Himmels Willen" deklarieren konnten? Ganz einfach, erklärte "Jad haktana": "Sie waren Freunde und Vertraute, ein Herz und eine Seele, darum sind wir sicher, dass es keinem darum ging, seinen Nächsten zu besiegen, vielmehr ging es ihnen ausschließlich um die Klärung der Wahrheit". Auch Rabbiner Jonathan Eybeschütz in seinem Buch "Ja'arot Dwasch" erklärte als Maßstab für einen "Streit um des Himmels Willen": Wenn die Streitgegner Freunde sind. Fassen wir zusammen: Getrennte
Ansichten - ja, getrennte Herzen - nein. Jeder Einzelne von uns fliehe
zweitausend Meilen vor allem, was wie ein Streit aussieht, und laufe geschwind
wie eine Gazelle zu allem, was mit Freundschaft und Gemeinschaftlichkeit
zu tun hat.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Neu! Wir freuen uns,
zusätzlich zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines
spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
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Lichterzünden/Schabbatausgang
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