DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Ex. 13,17 - 17,16):
Schabbat TuBeSchwat!
"Damals sang Moscheh (Ex. 15,1) - von dem Tage, an dem der Heilige, gelobt sei er, die Welt schuf, bis die Israeliten am Meer standen, fanden wir keinen Menschen, der G~tt ein Loblied angestimmt hätte, außer Israel. Er schuf den ersten Menschen, und der stimmte kein Loblied an, er rettete Awraham aus dem Feuerofen und vor den Königen, und der stimmte kein Loblied an, ebenso Jizchak vor dem Schlachtmesser, und der stimmte kein Loblied an, ebenso Jakov vor dem Engel und vor Eßaw und vor den Leuten von Schechem, und der stimmte kein Loblied an. Als die Israeliten ans Meer kamen und es sich ihnen teilte - sofort stimmten sie vor G~tt ein Loblied an" (Midrasch Schemot raba 23,4). Was ist so besonders an einem Loblied? Warum überhaupt erwartete G~tt ein Loblied von den Israeliten am Meer? Warum ist es so schwer, den Rang des Lobgesanges zu erreichen, bis daß der Midrasch erklärt: "Welche Mühen mühte sich der Sohn Amrams [=Moscheh] ab, bis er den Leviten den Gesang beibrachte!" (Bereschit raba 54,4). Sicher sind damit keine Probleme mit der Musikalität der Beteiligten gemeint, sondern wesentliche Probleme! Das Loblied erhält ganz überraschende Dimensionen angesichts des Midrasch, der sich mit König Chiskijahu beschäftigt: "Rabbi Jehoschua ben Levi sagte: Hätte Chiskijahu ein Loblied über den Untergang Sancherivs angestimmt, wäre er zum König Maschiach gemacht worden und Sancheriv zu Gog und Magog, aber er tat es nicht..." (Schir Haschirim raba 4, Sanhedrin 94a). Ist es denn die Möglichkeit?! Weil er keinen Lobgesang anstimmte, wurde er nicht zum Maschiach! Was hat das Loblied an sich, daß durch sein Verdienst der König zum Welterlöser werden kann, und ohne es diese wunderbare Gelegenheit verpaßt? Der Dienst an G~tt mit dem Herzen kommt auf drei Weisen zum Ausdruck: Einmal das normale Gebet, bei dem der Mensch wie üblich sein Herz vor G~tt ausschüttet, dann das mittelmäßige Gebet, von dem es heißt: "Rabbi Elasar sagte: Seit dem Tage, an dem der Tempel zerstört worden ist, sind die Tore des Gebetes verschlossen" (Baba mezia 59a). Irgendetwas fehlt diesem Gebet, wenn es nicht die Tore des Himmels zu durchdringen vermag. Drittens gibt es zwei besondere Gebete, jedes auf seine Weise, die beide unter Tränen gesprochen werden, Tränen des Leides und Tränen der Freude. Inhaltsmäßig gegensätzliche Gebete, aber wesentlich ähnliche, von denen es heißt: "Aber sind auch die Tore des Gebetes verschlossen, nicht verschlossen sind die Tore der Tränen" (ebda.). Warum fällt es uns schwer, beim Gebet zu weinen? Warum öffnen gerade Tränen die Tore des Himmels nach der Tempelzerstörung? Manchmal dringt der Schmerz nicht in den Abgrund, in die Tiefen der Seele vor, der Mangel stört uns nicht zu sehr. Wir fühlen zwar gewisse Nöte, aber nicht genug, um die Grundfesten zu erschüttern und den Speicher der Tränen aufzubrechen. Mancher Mensch weint grundsätzlich nicht, aus Stolz, denn das Weinen würde ihm als Schwäche ausgelegt werden, und ein Gebet unter Tränen demonstriert eine große Abhängigkeit vom Herrn der Welt. Mit seinen Tränen verkündet er, daß er die Schwierigkeiten nicht mit eigenen Kräften beseitigen kann und vielmehr der himmlischen Gnade bedarf. Manchmal zeigen sich keine Tränen, weil der kühle Verstand das heiße Gefühl dämpft, indem er behauptet: Was nützen dir deine Tränen, lösen sich so etwa deine Probleme?! Deine Tränen sind nutzlos! Wenn der Mensch in große Not gerät, öffnet sich der Quell der Tränen. Der kühle Verstand kommt nicht mehr gegen das überwältigende Gefühl an, das Leid schlug so hart zu, daß ihm der Mensch nicht mehr gleichgültig gegenüberstehen kann. Er weint nicht, um irgendein Ziel zu erreichen, er fühlt absolute Abhängigkeit von G~tt, so daß auch sein Stolz keinen Einfluß mehr ausübt mit der Frage, ob er sich denn bei seinem Alter und seinem Status nicht zu weinen schäme. Die Tore des Himmels öffnen sich vor dem tränenreichen Gebet, bei dem der Mensch auf die Herrschaft verzichtet. Er weint, weil er sich jetzt dort befindet, in den Tiefen des Kummers, er weiß nun mit Sicherheit, daß er nur auf G~tt hoffen kann. Indem er sein Weinen zum Himmel richtet, wird sein Gebet nicht leer ausgehen! Und so verhält es sich auch beim Loblied! Loblied bedeutet überwältigende Dankbarkeit, Anerkennung der Gnade G~ttes, die sich klar in der Wirklichkeit offenbart, ohne Einschränkungen, ohne Zweifel, eine Gnade, die so sehr Freude macht und bis ins Innerste der Seele vordringt. Manchmal singt der Mensch nicht, weil er das Gute nicht erkennt, manchmal erlaubt ihm sein Stolz nicht, das Gute G~tt zuzuschreiben, vielmehr führt er es auf seine Begabungen und seine Errungenschaften zurück. Manchmal sieht er zwar das Gute, aber unter gewisser Distanzierung; seiner Ansicht nach hätte man die Dinge besser machen können. Darum kann er sich nicht zu einem uneingeschränkten Lobe hinreißen, sondern begnügt sich mit einem zurückhaltenden Dankgebet. Und manchmal ist dem Menschen eben das wahre Lied vergönnt, aus vollem Herzen zu danken, zu sehen, wie die Hand G~ttes, die es gerade gut mit ihm meinte, nichts anderes ist als eine örtliche Offenbarung des allgemeinen Lobgesanges der ganzen Schöpfung. Der Midrasch erzählt von der Absicht der Kinder Israels, über die Versorgung mit dem Man ("Manna") ein Loblied anzustimmen, was G~tt jedoch verhinderte, weil er vor sich die zukünftigen Beschwerden des Volkes über das Man sah: "Ich möchte weder eure Beschwerden noch eure Belobigungen" (Schemot raba 25,7). Wer die Gnade G~ttes nicht ohne eine gewisse Distanzierung zu sehen vermag, gelangt nicht zum wahren Loblied! Chiskijahu war des messianischen Königtums würdig, hätte er ein Loblied angestimmt. Der Maschiach bringt die Welt zu ihrer guten Endbestimmung. Nur ein absolutes Sehen des Guten, seines Erkennens und die bedingungslose Hingabe daran befähigen zur Beschleunigung der messianischen Vorgänge. Chiskijahu jedoch begegnete diesem Guten auf der Ebene des Verstandes und nicht des Gefühles, indem er sagte, seine Beschäftigung mit der Tora entsühne ihn vom Loblied (Schir Haschirim raba, Kommentare). Er sah im Loblied nur ein Mittel und nicht Selbstzweck. Der Midrasch erzählt weiter, wie der Prophet Jeschajahu zu ihm kam und ihn zum Lobgesang aufforderte, aber Chiskijahu weigerte sich mit der Begründung, das Wunder sei bereits im ganzen Lande bekannt. Er verstand das Loblied also als Mittel zur Bekanntmachung des Wunders und nicht als einen Wert an sich (ebda.). Im Wochenabschnitt Beschallach sieht das Volk Israel zum ersten Mal, wie die Hand G~ttes in den Gang der Natur eingreift und das Meer zur Erlösung Israels aus Ägypten teilt. Das Volk erlebt diese große Gnade. Dieses Gute berührt das Innerste ihrer Seelen, aus unbändiger Dankbarkeit stimmen sie einen gewaltigen Lobgesang an. Das Loblied gibt der Sicherheit über die Fortsetzung dieser Gnade Ausdruck, und daß es sich nicht um ein einmaliges Aufblitzen handelt. Wenn wir so sehr die eigene
Erlösung herbeisehnen, dann müssen wir uns für den Rang
des Lobliedes vorbereiten, den Blick auf das Gute ausrichten, dankbar sein
für alles, was dieser Generation der beginnenden Erlösung geschieht,
ohne Distanzierung vom Stachel, der mit dem Honig kommt, nur in Bewunderung
der guten Hand G~ttes über uns nach so langem Exil. Wenn es uns gelingen
wird, ein Loblied zustande zu bringen, wird uns vielleicht auch dessen
Ende vergönnt sein: "An selbigem Tage wird jener Gesang im Lande Jehuda
gesungen" (Jeschajahu 26,1)!
Wenn du auf dem Wege wandelst und plötzlich ein Baum vor dir steht, was siehst du da? Wohl einen Baum, und das ist sicher richtig. Doch noch viel mehr, sehr viel mehr. Der amerikanische Autor Mark
Twain schrieb nämlich vor etwa 140 Jahren über seine Reisen im
Lande Israel:
Habt ihr das gehört? Kaum Baum und Strauch, nicht mal ein Olivenbaum! Wenn ich also einen Baum sehe, sehe ich die Wiedererstehung des Volkes Israel in seinem Lande. Während einer Dauer von fast zweitausend Jahren war dieses Land böse mit uns und zeigte uns kein freundliches Gesicht. Das war natürlich kein Zufall. "Ob unserer Sünden wurden wir aus unserem Lande vertrieben und von unserem Boden entfernt" (Mussafgebet an Feiertagen). So schrieb auch vor etwa 170 Jahren der französische Schriftsteller Alphonse de Lamartine: "(Außen vor den Mauern Jerusalems) sahen wir nicht ein Lebewesen, hörten wir keine lebendige Stimme, fanden wir die gleiche Leere, die gleiche Öde, die wir bei den vergrabenen Toren von Pompeji oder Herkulaneum zu finden erwartet hätten. Absolute Grabesstille herrscht in der Stadt, auf den Landstraßen, in den Dörfern... das Grab eines ganzen Volkes" ("Voyage en Orient"). Bekanntlich distanzierten sich unsere Weisen von messianischen Kalkulationen. Sie sagten sogar: "Es schwinde der Geist derjenigen, die das Ende berechnen wollen" (Sanhedrin 97b). Wie wissen wir also, daß die Endzeit angebrochen ist? Dazu antworteten sie: "Du hast kein deutlicheres [Kennzeichen für das] Ende als das folgende: ihr aber, ihr Berge Israels, laßt euer Laub sprossen und tragt eure Frucht für mein Volk Israel, denn sie kommen bald" (Jecheskel 36,8; Sanhedrin 98a). Der Raschikommentar erklärt zur Stelle: Wenn du siehst, daß das Land Israel seine Früchte in Fülle gibt, wisse, daß das Ende des Exils gekommen ist. So fing das Land vor etwa
120 Jahren aufzublühen an, und seitdem hat uns dieses Zeichen nicht
im Stich gelassen. Unser Land wird immer mehr ausgebaut, und trotz aller
schwerwiegenden Mißstände in unserem öffentlichen Leben
sind wir verpflichtet, zuzugeben, daß wir zu neuem Leben erstehen.
Darüber müssen wir uns freuen und uns auf die Zukunft konzentrieren.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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