DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 8,1-12,16):
Unser Lehrmeister, Rabbiner Zwi Jehuda Hakohen Kuk sel., pflegte das 4. Buch Moscheh (Bemidbar, in der Wüste) das "Buch des Weges" zu nennen. Der Wechsel von Ägypten nach Jerusalem fand nicht plötzlich statt. Auf dem Wege mußte die Wüste überwunden werden. Zu Beginn des Weges machte sie einen recht idyllischen Eindruck. Das Lager Israels war nach Stämmen gegliedert, jeder bei seiner Fahne, zur optischen Hervorhebung, und begleitet von Posaunenschall, dem akustischen Erkennungszeichen. Über ihnen schwebten die "Wolken der Ehre", und vor ihnen zog tags die Wolkensäule, nachts die Feuersäule. Alle waren sich zwar der Problematik unseres Weges bewußt, denn der Weg bringt Probleme mit sich, und alle Wege sind prinzipiell als gefährlich anzusehen. Doch das schienen nur Kleinigkeiten für uns zu sein. Wir hatten Pharao überstanden, so würden wir auch dies überstehen, mit G~ttes Hilfe von oben, und von unten durch Selbsthilfe. Falls wir die Problematik des Weges unterschätzt haben sollten, kommt das "Buch des Weges" und konfrontiert uns mit der Realität und ihren Komplikationen. Auf einmal wird klar, daß der Auszug nicht nur auf erhabenen Motiven der Bestrebung beruhte, ein Heiligtum von Priestern und ein heiliges Volk zu gründen um den Tempelberg herum, der alle anderen Berge überragen wird, sondern auf vollkommen anderen, gegenteiligen Motiven, nämlich wie ein Kind, das von der Schule fortläuft. Da kommen schnell die für einen Wechsel charakteristischen Probleme zum Vorschein. Zuerst beschweren sich diejenigen, denen der Weg zu schwer ist, dann melden sich jene, die eine proteinreichere Diät fordern und sich nach den "Fleischtöpfen Ägyptens" zurück sehnen und nach den Fischen, die sie angeblich umsonst aßen. Der Weg scheint nicht nur schwer zu sein, sondern auch Opfer zu fordern. Und dann ein Monat unfreiwilliger Aufenthalt bei den "Gräbern des Gelüstes", und eine Woche in Chazerot, und dann die Führungskrise... Und dann geraten wir in die größte Krise von allen: die Sünde der Kundschafter. Alle Schwächen und Mängel, die bei den vorherigen Krisen schon kurz aufblitzten, brechen nun wie aus einer großen Eiterbeule hervor: die Verabscheuung des begehrenswerten Landes. Von nun an geht die Entwicklung rückwärts. Die Reisenden, die schon an der Grenze zum versprochenen Lande standen, müssen kehrt machen und sich wieder in die Wüste begeben, und dazu noch über das Schilfmeer. Und nun, da die Wirrungen des Weges die schwärzesten Prognosen übertreffen und das Ende in eine 38 Jahre ferne Zukunft rückt - da macht sich Verzweiflung breit. Ausgerechnet in diesem Moment meldet sich G~tt bei Moscheh und weist ihm aufs Neue die Gebote für den Eintritt ins gelobte Land. "Wenn ihr in das Land eurer Wohnsitze kommt, das ich euch gebe" (Num. 15,2). Der Weg ist zwar beschwerlich, vielleicht zu beschwerlich, doch hat er eine Zielrichtung, und am Ende werden wir ankommen, früher oder später. So ein Prozeß ist nicht nur typisch für den Auszug aus Ägypten. Auch unsere heutige Erlösung ist von ähnlichen Entwicklungen gekennzeichnet. Schon die talmudischen Weisen machten darauf aufmerksam, daß "Maschiach ben Josef getötet werden wird" (Sukka 52a), und daß der Prozeß der Erlösung in der Mitte eine schwere Krise durchlaufen wird. Allerdings verfügen wir durch den "Gaon" (Rabbiner Elijahu) von Wilna über eine Überlieferung, daß "Josef immer noch lebt" ("Kol Hator" S.466/7) und am Ende nicht getötet werden wird, vielmehr verwirklicht sich das (Todes-)Dekret in der Weise, daß sein Erscheinen über viele kurze Perioden verteilt erfolgt, die nicht leicht zu ertragen sein werden. Warum informierten uns die Weisen im voraus, wie schwer und deprimierend der Weg sein wird, bis daß "der Sohn Davids erst kommt, wenn man an der Erlösung verzweifelte"? Darauf antwortete Rabbiner Sa'adja Gaon, nach Schilderung der Geschehnisse um Maschiach ben Josef: "...und daß jene Ereignisse die Glaubensschwachen zum Verlassen der Religion bewegen werden, indem sie sagen: Das soll das sein was wir erhofften?! Und das ist es, was uns ereilt?!...", und schließt mit der Erkenntnis: "Gepriesen sei jener Wohltäter, der uns im voraus diese Leiden verkündete, damit sie uns nicht unerwartet überkämen und zu Verzweiflung führten" ("Emunot veDeot", 8,5). Trotz aller Komplikationen
und aller Rückschläge im "Buche des Weges" sind unsere Blicke
immer noch vorwärts gerichtet, und "das Auge blickt nach Zion" (aus
der Hatikwa). "Unsere Hoffnung ging nicht verloren". Unsere Bestimmung
am Ende des Weges beschränkt sich nicht auf den ärmlichen Traum,
"ein freies Volk im Lande" zu sein. Vielmehr sind unsere Erwartungen darauf
gerichtet: "Wir brechen nun auf nach dem Orte hin, von dem der Ewige gesprochen:
ihn will ich euch geben... denn der Ewige hat Israel Gutes zugesagt" (Num.
10,29), während "die Bundeslade des Ewigen vor ihnen herzog" (V.33).
Frage: Viele Male nehme ich mir gute Dinge vor, die ich dann nicht einzuhalten schaffe. Anscheinend übersteigen sie meine Fähigkeiten. Darum dachte ich mir, vielleicht sollte ich einen ganz anderen Weg einschlagen und mich so nehmen, wie ich bin, und nicht versuchen, mich zu ändern, denn es gelingt mir ja sowieso nicht. Ich fühle mich gut mit mir selbst, ich werde meinen Neigungen folgen, auch wenn sie sich nicht mit der Halacha vereinbaren lassen, und ebenso werde ich jeden bitten: Nimm mich so wie ich bin. Antwort: Das ist die alte Leier des Götzendienstes und der Vielgötterei: jede Neigung ist legitim und sogar heilig. Keine Neigung der Seele darf unterdrückt werden. Wenn es dir Spaß macht zu stehlen, stiehl, wenn es dir Spaß macht zu morden, morde, du kannst sogar deinen Sohn dem Moloch opfern. Wenn dich die Zügellosigkeit interessiert - in unserem Götzentempel kannst du alles haben, und der Name jener Damen spricht für sich: Kedeschot ("Geheiligte"). Laß dir freien Lauf! Sei ein freier Läufer! Die Götter sind ja genau so, Mörder, Diebe und Ehebrecher. "Folge in seinen Wegen" - wenn der Gott sich so verhält, sei du genau so. Es gibt nichts Absolutes, alles ist relativ, alles ist auf den Menschen zugeschnitten, alles subjektiv. Du willst eine Frau heiraten - kein Problem, du willst einen Mann heiraten, kein Problem. Eigentlich ist doch alles wunderbar, tu was du willst, alles ist legitim, alles ist heilig. Laß dir freien Lauf - doch hat die Sache einen Haken: Nach einiger Zeit wirst du dich wie ein Stück Dreck fühlen. Und das, weil du dann wirklich ein Stück Dreck bist. Auch deine Götter sind ein Dreck. Besitzt du doch eine göttliche Seele, und sie wird von allen diesen Dingen nicht befriedigt. "Gleichwohl wird die Seele nicht erfüllt" (Kohelet 6,7) von all diesen Dingen. Man kann sie nicht betrügen. Manche versuchen, sie mit allen möglichen Zeitvertreiben, Freizeitvergnügen und stürmischen Erlebnissen einzuschläfern, doch es ist unmöglich, sie ist stärker als all das. Stärker als Perversitäten, Rauchen und Drogen. Sie ruft aus den tiefsten Tiefen: Du-bist-ein-Stück-Dreck! Und dann bist du arm dran. Wenn du weißt, warum, bist du bedauernswert, und wenn du nicht weißt, warum, noch bedauernswerter. Da kam das Licht unseres Vorvaters Awraham in die Welt, das gleiche Licht wie das unseres Lehrers Moscheh. Er war der große Kämpfer gegen den Götzendienst, und sein Motto lautete: Du hast Pflichten! Du bist zu allem Möglichen verpflichtet, zwischen Mensch und G~tt, und zwischen dir und deinem Mitmenschen, und vieles mehr. Der Mensch wurde geschaffen, um "seine Pflicht in seiner Welt" zu erfüllen. Du bist verpflichtet, in Reinheit zu heiraten, in Reinheit zu essen und in Reinheit zu leben. Du hast Pflichten, Pflichten; verboten, verboten! Die Seele ist glücklich, die Seele freut sich, die Seele überschlägt sich vor Freude. Der Körper weniger. Die barbarische Seele kann sich schon nicht mehr grenzenlos ausleben. Jawohl, der Mensch wurde zur Mühe geboren. Jawohl, dies ist die Welt der Arbeit. Heute sie zu tun, und morgen den Lohn zu erhalten. Und wir dienen G~tt, auch wenn es schwer fällt. Wir freuen uns und freuen uns. Wer aber seinen finstersten Neigungen freien Lauf lassen will, ist gar nicht freudig. Vor diesem Hintergrund entstand das Christentum, und es machte Schluß mit den Pflichten. Weil sie schwer fallen, sind sie abgeschafft. Man braucht keine Pflichten zu erfüllen, um der zukünftigen Welt teilhaftig zu werden. Man braucht bloß ans Christentum zu glauben. Wer Pflichten erfüllen will, bekommt einen Bonus in der zukünftigen Welt. Es gab auch legitime Wege, sich an Unschuldigen zu vergreifen, wie Inquisition und Hexenjagd. Auf jeden Fall aber sind die Pflichten abgeschafft, weil es unmöglich ist, sie zu erfüllen. Und wir als Schüler unseres Vorvaters Awraham sagen: Es ist sehr wohl möglich. Es stimmt, es gibt den bösen Trieb, es gibt aber auch den guten Trieb, und zwar in gleicher Stärke. Wer einen stärkeren bösen Trieb hat als sein Nächster, hat auch in gleichem Maße einen stärkeren guten Trieb. Und wenn so ein Mensch seinen bösen Trieb bezwingt, verbleibt er ein wahrhaft großer Mensch. G~tt überträgt uns keine unerfüllbaren Pflichten. Er wird keinem seiner Geschöpfe vorhalten, eine Aufgabe, die dessen Kräfte übersteigt, nicht erfüllt zu haben, und es dafür bestrafen. Sehr richtig sagte einst ein Philosoph: Wenn du die Pflicht hast, so ist das ein Zeichen, daß du sie erfüllen kannst (Kant). Doch wir leben heute in einer neo-paganistischen Periode, d.h. einer modernen Vielgötterei: Alles ist erlaubt. Beenge keine Triebe. Die Welt ist zum Genusse da. Greif zu, soviel du kannst. Natürlich nur im Rahmen der Möglichkeiten, denn man muß realistisch bleiben: das ist das Prinzip der Realität. Aber außer den Beschränkungen der Realität - wühle dich nach Herzenslust durch den Müll der Existenz. Du mußt das Leben genießen. "Das bist du dir schuldig" - eine Pervertierung des Pflichtbegriffes, eine Moral der Schwerenöter. Sicher muß man die Nöte des Nächsten (und seiner selbst) anhören, darf sie aber nicht zum Ideal erheben. Das wahre Ideal: Mut und Stärke. "Der Israel mit Macht gürtet", mit spiritueller Macht. Zu recht erklärte ein Philosoph, das Christentum wäre die Moral der Schwächlinge, Moral der Schwachen (Nietzsche, "Der Antichrist"). Und wir sind die Schüler
unseres Lehrers Moscheh, ein Volk der Helden, ein Volk der freien Menschen.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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